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Asphaltwüsten
von Nora Sobich | 1. August 2012
Zuerst kam die Massenmobilisierung und dann kam auch schon die Not, die vielen Autos irgendwo abstellen zu müssen. Mit 500 Millionen „surface parking spaces“ gibt es in den Vereinigten Staaten, wo auf 1.000 Einwohner über 800 Autos kommen, heute weit mehr Parkplätze als Amerikaner. Die raumfressenden Bedürfnisse des Individualverkehrs sind fester Bestandteil einer komplett aufs Auto ausgerichteten Infrastruktur, in der man ohne das vierräderige Hilfsmittel oft nicht mal mehr zum Einkaufen oder zur Arbeit gelangt. Zum Alltag des „American way of life“ gehören von Highways und gigantischen Parkplatzmeeren umlagerte Shopping-, Büro- und Freizeitwelten. „They paved Paradise to put up a parking lot“, wie Joni Mitchell das Disaster mit Hippie-Pop in den Seventies besang.

Doch, was tun? Das Auto abschaffen? Den grauen Großparkplatz aufhübschen? Vielleicht also neue Initiativen auflegen im Stil des legendären, allerdings nur sehr rudimentär umgesetzten „Highway Beautification Act“ von 1965, den damals Lady Bird, die Gattin des Demokraten und amerikanischen „Great Society“-Präsidenten Lyndon B. Johnson, trotz lautstarkem Protest der Reklametafelindustrie initiiert hatte? Also Blech in glänzendes Gold verwandeln? In Amerika ist die Debatte jedenfalls wieder lauter geworden.

Es gibt inzwischen sogar einen internationalen PARK(ing)Day, 2005 initiiert von dem in San Francisco ansässigen Kunst- und Designbüro „Rebar“. Die Initiative will mit kreativen Parkplatz-Happenings und alternativen Design-Projekten zum Nachdenken über urbane Infrastrukturen anregen. Dass die Zeit kommen wird, in der Parkplätze Designpreise gewinnen können, hatte der amerikanische Landschaftsarchitekt Peter Walker schon 1991 vorhergesagt. Vielleicht ist es tatsächlich soweit. Im Kontext neuer, nun verstärkt um Gemeinschaft und Nachhaltigkeit bemühter stadtplanerischer Ansätze wie sie sich bei der „High Line“ in New York oder bei urbanen Wiederentdeckungen von Flussläufen und Grünflächen zeigen, scheint ein Funke in Richtung Neuorientierung beim Parkplatz-Umbau überzuspringen.

Bisher war die Frage, was eigentlich einen guten Parkplatz ausmacht, wenn es denn so etwas überhaupt gibt, vor allem in Richtung Kostenreduktion und Logistik formuliert: Besonders viel Stellraum auf eine begrenzte Fläche kriegen, und die Wege vom geparkten Auto zur jeweils angesteuerten Einrichtung möglichst kurz und übersichtlich zu halten, damit das abgestellte Gefährt später auch problemlos wiederzufinden ist. Für Amerikaner, die mittlerweile schon mit „Walking“-Initiativen zu mehr Bewegung auf den eigenen Beinen zurückgebracht werden sollen, sind die Parkplatz-Wegstrecken oft der einzige Spaziergang, den sie unter freiem Himmel machen. „In America, a pedestrian is someone who has just parked their car.“ Und das ist nicht bloß ein Kalauer.

Im Gegensatz zur Bauaufgabe Parkhaus sind „parking lots“, Parkplätze, im Grunde die scheinbar anspruchsloseste Aufgabe geblieben. Ein Blumentopf für besondere Gestaltung ließ sich hier für Designer und Architekten jedenfalls nicht gewinnen: ein paar weiße Striche als Stellplatzmarkierung, einige Baumreihen, diverse Betonpoller und dazu besonders grelle Straßenlaternen. Als wäre am Schandfleck-Charakter ohnehin nichts zu verändern. Oder wie der angloamerikanische Architekturkritiker Reyner Banham über diese so radikal auf Zweckmäßigkeit beschränkten Transitorte schrieb: Parkplätze werden für das geschätzt, was sie sind, dafür dass sie ihr „parking lot thing“ machen.

Im Grunde noch grausiger als die „carscape“-Flächen, Autolandschaften, im zersiedelten amerikanischen Umland, wo mit „Laissez faire“-Attitüde ein oft noch subventioniertes Nullachtfünfzehn-Developement stattfindet, sind die Parkplatzwüsten in den zahlreichen, gerade wegen der gepushten Grüne-Wiese-Entwicklungen strauchelnden amerikanischen Städte. Das Phänomen nennt sich „The Pensacola Parking Syndrome“ und meint den Irrsinn, dass in schrumpfenden Städten leichtfertig ungenutzter Leerstand abgerissen wird, um auf dem billigen Grund und Boden einen Parkplatz zu errichten. Manche amerikanischen Geisterstädte bestehen heute ‒ kaum zu glauben ‒ zu einem Drittel aus Parkplatzfläche. Diese toten Asphaltorte, die in ihrer Trostlosigkeit wie Mahnmale einer verlorenen Urbanität wirken, sind im Erhalt eben günstiger als die Konservierung historischen Baubestands und die Pflege von Grünflächen und Parks.

Höchste Zeit also die „Rethinking“-Floskel, mit der in Amerika derzeit verschärft altbekannte Sünden der Moderne wie Suburbia und Megamalls betrachtet werden, ohne dass sich am favorisierten Lebensmodell mit SUV und Einfamilienhaus etwas ändert, auch auf die Parkplatz-Misere zu übertragen. Der amerikanische Stadtplaner und Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology, Eran Ben-Joseph, will mit seinem Buch „Rethinking a Lot – The Design and Culture of Parking“ jedenfalls zu mehr Fantasie bei der Gestaltung der Parkplätze anregen. Wie er meint, sei seit Beginn der Mobilisierung in den 1920er Jahren nicht mehr über diese so allgegenwärtigen Stellflächen nachgedacht worden. Was aus seiner Sicht fehlt, ist unter anderem eine Verortung von Parkplätzen, sie nicht bloß verdrängend als notwendiges Übel hinzunehmen, sondern bewusst als Eingangsbereiche von Unternehmen und Institutionen zu gestalten, die heute ohne kostengünstige „Open-Air“-Parkplätze undenkbar geworden sind. Einen Versuch in diese Richtung hat das renommierte amerikanische Architekturbüro Michael Van Valkenburgh mit der Neugestaltung des Firmengeländes der Möbelschmiede Herman Miller in Cherokee County, Georgia, bereits 2001 unternommen. Dieser 550 Autos fassende Parkplatzentwurf wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Aber selbst so ein Haute-Couture-Parkplatz bleibt am Ende eben ein Parkplatz, ob nun die Leuchten etwas einfallsreicher positioniert sind oder nicht. Ähnliches lässt sich über einen von Zaha Hadid im französischen Hoenheim gestalteten Parkplatz sagen. Die Kraft der Stararchitekten scheint auf grauen Asphaltwüsten irgendwie zu verpuffen.

Eine andere, aktueller werdende Entwicklung beim Redesign von Parkplätzen ist eine stärkere Begrünung der zuvor versiegelten Flächen, was einen umweltfreundlicheren Wasserablauf zur Folge hätte und auch verhindern würde, dass sich der Asphalt im Sommer auf Wüstentemperaturen aufheizt. Reizvoll scheint vor allem die Symbiose mit Solartechnik. Solarmarkisen spenden den Stellplätzen Schatten und dienen gleichzeitig als Tankstellen für Elektroautos. Noch Prototyp ist der organisch-märchenhafte „Solar Forest“ des niederländischen Architekten Neville Mars, wo unter gigantischen, Schatten spendenden Solarbäumen geparkt werden soll. Beim Kreativwettbewerb „Think outside the Parking Box“ wurde 2009 die spacige Solar-Parkplatz-Vision „Solasis Light Tower“ präsentiert, dessen gigantischer Solar-Tower allerdings geradezu furchterregend auffällig wirkt. Dagegen erscheint der untechnische Wettbewerbsentwurf „Parking in Rainbows“ nicht nur bescheidener, sondern auch heiterer. Der Entwurf zeigt, wie Parken ohne kantige Parkreihen funktioniert, es auf Parkplätzen auch fröhlicher und bunter zugehen kann.

Für solch eine ästhetische wie soziale Belebung dieser „lost spaces“ tritt der Stadtplaner Ben-Joseph in seinem Plädoyer ein: Parkplätze seien besser in die Gesellschaft und Gemeinschaft einzubinden, diese als multifunktionale Orte zu verstehen, an denen am Wochenende Floh- und Bauernmärkte, Theateraufführungen oder Sportwettbewerbe stattfinden. Das mag gut klingen und geschieht in Amerika bereits auch vielfach, allerdings ohne dass sich an der grauen Überbauung viel geändert hätte. Es gibt keine Scheu vor Asphaltwüsten: In der Mittagspause vertreten sich Büroangestellte zwischen Blech und Asphalt die Beine oder betreiben Parkplatz-Jogging. An Wochenenden werden die Asphaltflächen zum Parkplatz-Windsurfing genutzt. „Tailgating“ nennt sich das populäre Vergnügen, auf Parkplätzen vor großen Sportevents gemeinsam Würstchen zu grillen. Und als „Boondocking“ gilt, auf den Kundenparkplätzen des Einzelhandelsgiganten Walmart über Nacht zu campen. Auch die umherziehenden Imbisse, die „Food-Trucks“, stoppen bevorzugt auf den Großparkplätzen. Mehr ist bei der schieren Masse an existierendem Parkraum im Grunde kaum denkbar.

Auch an Kunstprojekten hat es nie gefehlt. Die wunderbare Architektur- und Kunstgruppe „SITE“ errichtete 1977 im Rahmen ihrer berühmten „Best“-Shoppingmall-Designs in Hamden, Connecticut, eine (leider schon abgerissene) „Ghost Parking Lot“ – wo mit Asphalt überzogene Schrottautos wie Champignons aus dem Parkplatzboden wuchsen. Eine geradezu nostalgische Annäherung an den Parkplatz als Phänomen von Stadtkultur hat jüngst Meghan Eckman mit seinem Film „The Parking Lot Movie“ (2010) unternommen. Dokumentiert wird der Alltag auf einem City-Parkplatz in Charlottesville, Virginia. Seit zwanzig Jahren ist er im Besitz eines Mannes, der die Abstellfläche wie eine Art interaktives Programmkino führt, ausschließlich studentische und alternative Lebenskünstler als Parkplatzwächter einstellt, und mit diesem Zurwehrsetzen gegen die sterile Anonymität zersiedelter Lebenswelten erfolgreich soziales Miteinander schafft. So überzeugend der Ansatz urbaner Rückgewinnung ist – er ist nicht mehr als ein sympathisches Herumdoktern an Symptomen. Das amerikanische Parkplatzmeer muss wohl noch bedeutend hässlicher werden, bevor der Bevölkerung gänzlich klar wird, dass ein Revival an anderer Stelle überfällig ist ‒ die Förderung öffentlicher Verkehrsmittel!

Zum Weiterlesen:
Rethinking a Lot – The Design and Culture of Parking
Von Eran Ben-Joseph
Hardcover, 184 Seiten, englisch
MIT Press, Cambridge (USA), 2012
17,95 Euro
mitpress.mit.edu
Verkaufsstand in Virginia, Foto © Nora Sobich
Möglichst kurze Wege: vor einem Eingang des Warenhauses Macy’s, Foto © Nora Sobich
Viele Stellplätze auf engstem Raum in Crane Beach, Massachusetts, Foto © Nora Sobich
Zerstörte Parkfläche in Detroit, Foto © Nora Sobich
Zur Müllhalde verkommen, Foto © Nora Sobich
Vor dem Bostoner Fine Arts Museum, Foto © Nora Sobich
Automatisches Parksystem in New York, Foto © Nora Sobich
Zwischen Häuserschluchten, Foto © Nora Sobich
Viel Asphalt, wenig Gestaltung, Foto © Nora Sobich
Parkschild in Boston, Foto © Nora Sobich
Wächterhäuschen in Provincetown, Foto © Nora Sobich
Transitort in Richmond, Foto © Nora Sobich
Mahnmal einer verlorenen Urbanität im Bostoner Umland, Foto © Nora Sobich
Verlassene Asphaltwüste in Provincetown auf Cape Cod, Massachusetts, Foto © Nora Sobich
Herkömmliche Parkplatzgestaltung: Weiße Linien markieren die Stellflächen, Foto © Nora Sobich
Lafayette Park in Detroit gestaltet von Mies van der Rohe, Foto © Nora Sobich
Gartenshop in Youngstown, Foto © Nora Sobich
Anonyme Parkflächen werden in den Vereinigten Staaten auch „lost spaces“ genannt, Foto © Nora Sobich