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Atmosphären der Kreativität 2: Vom Klang der Räume
von Ulf Meyer | 18. März 2010
Wenn es in der klassischen Moderne noch mehrheitlich darum ging, Bedürfnisse rationell und rational zu befriedigen, ging die Architektur in der Postmoderne über das physische Gebäude hinaus und brachte die Themen Identität, Symbolik und Aura wieder in die baukünstlerische Diskussion. Heute scheinen beide Wertesysteme obsolet und eine dritte, eigenständige Kategorie prägt an ihrer Stelle die zeitgenössische Architektur: Sinnlichkeit, Haptik und gebaute Atmosphären sind wichtiger als Faktoren wie Technik, Wirtschaftlichkeit, Design oder gar „Ruhm", die sonst für gewöhnlich als Qualitätsmaßstäbe in der Baukunst herangezogen werden. Zwei internationale Beispiele zeigen, dass im Bestreben, eine sinnlich ansprechende, atmosphärische Architektur zu schaffen, Architekten ganz unterschiedliche Wege gehen.

Die Therme in Vals

Peter Zumthor war nur der erste Architekt, der für sich definierte, dass sich architektonische Qualität allein danach bemisst, ob ein Gebäude seine Betrachter „berührt" oder nicht. Seinen Gebäuden eine „selbstverständlich wirkende Präsenz" zu geben, ist dem alpinen Schweizer Baumeister dabei so meisterlich gelungen wie kaum einem zweiten Zeitgenossen - jährlich pilgern Tausende von Architekten und Gestaltern aus aller Welt, von Alaska bis Okinawa, in das kleine Bergstädtchen Vals in Graubünden, um etwas von der Aura zu spüren, die die Therme Zumthors dort verströmt, und sich von ihrer Poesie und Atmosphäre für Stunden oder Tage gefangen nehmen zu lassen.

„Rasend schnell und untrügbar" sei unsere Wahrnehmung, unser erster Eindruck, wenn wir einem Menschen zum ersten Mal begegnen oder einen Raum zum ersten Mal betreten, so Zumthor. Das wird ihm zum Maßstab. Form und Konstruktion interessieren Architekten wie Zumthor nicht als Selbstzweck. Er möchte, dass seine Gebäude unsere Gefühle ebenso ansprechen wie unseren Verstand. Im Zeitalter der Virtualität genießt die sinnliche Ansprache durch ein Gebäude, das eine kraftvolle Persönlichkeit hat und eine unmissverständliche Präsenz besitzt, wieder eine höhere Wertschätzung. Die „schöne Stille" kann aus der Haltbarkeit und Integrität herrühren, wenn Gebäude nur sie selbst sind und nichts repräsentieren. Für derartige „warme" Gebäude bedarf es eines sorgfältigen Eingehens auf Haptik, Klang, ja selbst Geruch der verwendeten Materialien, um unsere Sinne anzusprechen. Die Baustoffe reagieren stark miteinander und haben dennoch ihre eigene Ausstrahlung. Wie ein großes Musikinstrument sammeln und verstärken Räume den Klang. Die geschickte Führung des Tageslichts verleiht ihm eine „nahezu spirituelle Qualität", so Zumthor.

Für das Gelingen der sinnlich ansprechenden, atmosphärischen Architektur „liest" der Architekt seinen Bauort zunächst intensiv und studiert seine Form, seine Geschichte und seine Attribute. Hinzu kommt die Aktivierung der tiefenpsychologischen Bilder, die wir sehen, wenn wir unsere Augen schließen. Zumthor nennt sie die „inner visions". Diese Ur-Bilder können aus der Welt der Architektur stammen, müssen es aber nicht: Die Literatur oder Musik können ebenso die Komposition der Materialien oder ihre Proportionierung und Belichtung bestimmen. Für Zumthor wird architektonische Atmosphäre von „Dichte und Stimmung, Wohlbefinden, Harmonie und Schönheit bestimmt, die zusammen einen Zauber entfalten, der anders nicht existieren würde."

Das Dior-Gebäude in Tokio

Während Architekten wie Peter Zumthor ganz auf die Präsenz und Sinnlichkeit von Baustoff und Material setzen, gelingt anderen der Weg zur überwältigenden Sinnlichkeit über den gegenteiligen Pfad des Ephemeren. Das beste und prominenteste Beispiel für die Herangehensweise kommt aus Japan, wo die Architektur des Fast-Nichts eine jahrhundertealte Tradition hat, die Architekten unserer Zeit immer wieder dazu reizt, sie in moderne Architektur zu übersetzen. Das Christian-Dior-Gebäude im Tokioter Modeviertel von Shibuya, das nach einem Entwurf von Sanaa 2003 fertig gestellt wurde, ist ein neuer Höhepunkt beim Versuch, das Ephemere selbst für ein großes, metropolitanes Gebäude auf die Spitze zu treiben.

Das Gebäude am Omotesando Boulevard wirkt wie in mehrere feine Schichten Geschenkpapier eingewickelt. Seine magisch erscheinende, transluzente Fassade zeigt die edlen Interieurs nur ganz schemenhaft. Die zweischichtige Fassade besteht aus Klarglas außen und gewellten, weiß bedruckten Acrylplatten innen, die wie stilisierte Vorhänge wirken und das Haus verschleiern. Bei Bedarf können auf der inneren, milchigen Fassade sogar Muster oder Dekorationen angebracht werden, die die Interieurs völlig in einen geheimnisvollen Nebel tauchen. Die Fassade mit ihren unterschiedlich hohen Geschosskanten gibt nichts vom Tragwerk des Gebäudes preis.

Gestalterisch bewegt sich der Entwurf von Sanaa zwischen der zeitlosen Eleganz der Kollektionen des namensgebenden Modeschöpfers Christian Dior und den extravaganten und schillernden Entwürfen des aktuellen Coutiers John Galliano. Die Eleganz des Gebäudes verdankt sich zudem einer überzeugenden Neu-Interpretation der japanischen „Shoji" (Reispapierwand) und ihrer Übersetzung in zeitgenössische Mode-Architektur. Sie beweist, dass sich Atmosphäre mit den „leichtesten" ebenso wie mit den „schwersten" Zutaten erzeugen lässt.
Therme Vals von Peter Zumthor
Christian-Dior-Gebäude von Sanaa in Tokio; Foto: © Marco Kany, www.marcokany.de
Christian-Dior-Gebäude von Sanaa in Tokio; Foto: © Marco Kany, www.marcokany.de