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Beobachtungen auf dem Weg zum Bad - Teil 2
von Thomas Wagner
14. Januar 2015
Es kann hier leider nicht der gesamte, recht verschlungene Weg zum modernen, standardisierten Badezimmer des zwanzigsten Jahrhunderts nachgezeichnet werden, wie Sigfried Giedion ihn beschrieben hat. Eines jedoch, und das weist auf unsere Gegenwart voraus, tritt deutlich hervor: Die Entwicklung des Badezimmers „mit fließendem Wasser und seiner Standardeinrichtung von Wanne, Waschbecken und Klosett ist das Resultat eines langen unentschiedenen Schwankens“. Bis in die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts stand keineswegs fest, welcher Typ des Bades sich in den westlichen Industrienationen durchsetzen würde. Lange wurde versucht, „anstelle des primitiven Bades, das mit der Wohnung verbunden ist, Heißluft- oder Dampfbäder in Verbindung mit Massage und Gymnastik in öffentlichen Anstalten zu konzentrieren“.

Und noch zu Beginn der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts sollte die „Dusche in Volksbädern wie im Privathaus an die Stelle des Wannenbades treten.“Giedion konnte, als er Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts seine kulturhistorische Studie zur Mechanisierung als einer anonymen Geschichte schrieb, nicht ahnen, dass sich erst ein halbes Jahrhundert später mit dem Aufkommen von Wellness und Spaßbad die Chance ergeben sollte, das Bad als standardisiertes privates Reinigungskabinett abermals zu verändern und in seinen Funktionen zu erweitern. Ebenso wenig ließ sich vorhersehen, dass dem privaten Bad in öffentlichen Thermen und Wellness-Zentren – wie beispielsweise der von Peter Zumthor gebauten Therme in Vals – jenseits medizinischer Kurbäder abermals eine Kultur der Regeneration an die Seite treten würde, die, wie ursprünglich im Islam, den Körper total erfasst.

Bis zur geistigen Erholung wie bei den Griechen, reichen die Bestrebungen zwar noch nicht, doch scheint mit dem Gedanken einer totalen Regeneration auch das schon erloschene Interesse an anderen kulturellen Typen des Badens wiederbelebt zu werden – vom Dampfbad bis zur Ayurvedischen Massage. Dabei hatte die fortschreitende Standardisierung des Bades im zwanzigsten Jahrhundert zunächst nicht nur die Integration unterschiedlicher historischer und kultureller Typen des Bades ein Ende gesetzt, sondern auch den Weg „zurück zur Natur“ – und damit verbunden den zu luxuriösen Raumfolgen statt nur einem Ort der Reinigung. „Die Badzelle“, so Giedion, „findet rasch ihre Standardform, vor allem in dem Land, das am meisten auf die Demokratisierung des Komforts bedacht war, in Amerika.

Es war die Zeit der Vollmechanisierung. Mit einem Male beherrschten die beiden Schwerpunkte der Mechanisierung, Bad und Küche, geradezu tyrannisch den Grundriss des Hauses. Ökonomische Gründe – Senkung der Installationskosten durch die möglichst enge Zusammenlegung von Küche, Bad und Toilette – legen die Architekten, mehr als ihnen manchmal lieb ist, in der freien Gestaltung des Hauses fest.“ So wird aus einem nomadischen, ein stabiles Bad in einem eigenen Raum. Und vor allem in England erreicht nun auch der herrschende Geschmack, der in alle Gebiete eindrang, das Badezimmer, mit, so Giedion, „gelegentlich grotesken Resultaten“: „Badewanne, Waschbecken und Toilette wurden als Möbel betrachtet, die den persönlichen Geschmack des Bewohners ausdrücken sollten.“ Der amerikanische Typ des Bades hingegen hat seinen Ursprung im Hotel, wo es als Anhang zum Schlafzimmer betrachtet wird.

Bei einer Kombination aus beidem ist es bis heute geblieben.Folgt auf die Auflösung traditioneller Bad-Typen und deren fortschreitende Mechanisierung, nun also eine abermalige „Renaturierung“? Und wird diese, betrachtet man die aktuellen, immer größer werdenden und immer aufwendiger möblierten Badetempel, begleitet von einer, wenn auch hybriden und multi-perspektivischen Rekulturalisierung? Wird das das Badezimmer des einundzwanzigsten Jahrhunderts also ein erweitertes Wohn-Schlaf-Areal sein, ein Ort der Regeneration, angefüllt mit Elementen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeiten?
Zusammenlegbare Dusche mit Wassertank, 1832 Vorgefertigtes Badezimmer in zwei Teilen, Buckminister Fuller, 1938
Vorgefertigtes Badezimmer, vertikale Wandelemente, 1931
Vorgefertigtes Badezimmer, zerlegt in horizontale Teile, 1934
Das zusammengebaute Badezimmer, 1934
News & Stories › 2015 › Januar
Beobachtungen auf dem Weg zum Bad - Teil 2
von Thomas Wagner | 14. Januar 2015
Wozu dient das Badezimmer oder die Therme? Zur Reinigung oder zur umfassenden Regeneration? Und wie wird es aussehen, das Bad des 21. Jahrhunderts? Im zweiten Teil unserer kleinen Kulturgeschichte des Badens eilen wir in schnellen Schritten bis in unsere Gegenwart.
Es kann hier leider nicht der gesamte, recht verschlungene Weg zum modernen, standardisierten Badezimmer des zwanzigsten Jahrhunderts nachgezeichnet werden, wie Sigfried Giedion ihn beschrieben hat. Eines jedoch, und das weist auf unsere Gegenwart voraus, tritt deutlich hervor: Die Entwicklung des Badezimmers „mit fließendem Wasser und seiner Standardeinrichtung von Wanne, Waschbecken und Klosett ist das Resultat eines langen unentschiedenen Schwankens“. Bis in die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts stand keineswegs fest, welcher Typ des Bades sich in den westlichen Industrienationen durchsetzen würde. Lange wurde versucht, „anstelle des primitiven Bades, das mit der Wohnung verbunden ist, Heißluft- oder Dampfbäder in Verbindung mit Massage und Gymnastik in öffentlichen Anstalten zu konzentrieren“.

Und noch zu Beginn der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts sollte die „Dusche in Volksbädern wie im Privathaus an die Stelle des Wannenbades treten.“Giedion konnte, als er Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts seine kulturhistorische Studie zur Mechanisierung als einer anonymen Geschichte schrieb, nicht ahnen, dass sich erst ein halbes Jahrhundert später mit dem Aufkommen von Wellness und Spaßbad die Chance ergeben sollte, das Bad als standardisiertes privates Reinigungskabinett abermals zu verändern und in seinen Funktionen zu erweitern. Ebenso wenig ließ sich vorhersehen, dass dem privaten Bad in öffentlichen Thermen und Wellness-Zentren – wie beispielsweise der von Peter Zumthor gebauten Therme in Vals – jenseits medizinischer Kurbäder abermals eine Kultur der Regeneration an die Seite treten würde, die, wie ursprünglich im Islam, den Körper total erfasst.

Bis zur geistigen Erholung wie bei den Griechen, reichen die Bestrebungen zwar noch nicht, doch scheint mit dem Gedanken einer totalen Regeneration auch das schon erloschene Interesse an anderen kulturellen Typen des Badens wiederbelebt zu werden – vom Dampfbad bis zur Ayurvedischen Massage. Dabei hatte die fortschreitende Standardisierung des Bades im zwanzigsten Jahrhundert zunächst nicht nur die Integration unterschiedlicher historischer und kultureller Typen des Bades ein Ende gesetzt, sondern auch den Weg „zurück zur Natur“ – und damit verbunden den zu luxuriösen Raumfolgen statt nur einem Ort der Reinigung. „Die Badzelle“, so Giedion, „findet rasch ihre Standardform, vor allem in dem Land, das am meisten auf die Demokratisierung des Komforts bedacht war, in Amerika.

Es war die Zeit der Vollmechanisierung. Mit einem Male beherrschten die beiden Schwerpunkte der Mechanisierung, Bad und Küche, geradezu tyrannisch den Grundriss des Hauses. Ökonomische Gründe – Senkung der Installationskosten durch die möglichst enge Zusammenlegung von Küche, Bad und Toilette – legen die Architekten, mehr als ihnen manchmal lieb ist, in der freien Gestaltung des Hauses fest.“ So wird aus einem nomadischen, ein stabiles Bad in einem eigenen Raum. Und vor allem in England erreicht nun auch der herrschende Geschmack, der in alle Gebiete eindrang, das Badezimmer, mit, so Giedion, „gelegentlich grotesken Resultaten“: „Badewanne, Waschbecken und Toilette wurden als Möbel betrachtet, die den persönlichen Geschmack des Bewohners ausdrücken sollten.“ Der amerikanische Typ des Bades hingegen hat seinen Ursprung im Hotel, wo es als Anhang zum Schlafzimmer betrachtet wird.

Bei einer Kombination aus beidem ist es bis heute geblieben.Folgt auf die Auflösung traditioneller Bad-Typen und deren fortschreitende Mechanisierung, nun also eine abermalige „Renaturierung“? Und wird diese, betrachtet man die aktuellen, immer größer werdenden und immer aufwendiger möblierten Badetempel, begleitet von einer, wenn auch hybriden und multi-perspektivischen Rekulturalisierung? Wird das das Badezimmer des einundzwanzigsten Jahrhunderts also ein erweitertes Wohn-Schlaf-Areal sein, ein Ort der Regeneration, angefüllt mit Elementen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeiten?