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Bücher, vom Tisch geräumt
von Thomas Wagner | 5. Oktober 2010
„Das Viele zwischen Himmel und Hölle lohnt mitunter eines zweiten Blicks", notiert Meinhard Rauchensteiner lapidar in der Einleitung zu seinem schmalen Bändchen mit dem schönen Titel „Wie man einen Picasso zersägt", das sich im Untertitel als eine Sammlung „kulturhistorischer Schüttbilder" zu erkennen gibt. Womit der Leser nicht wirklich schlauer ist als zuvor. Bemerkenswert an Mag. Rauchensteiners Miniaturen ist freilich nicht allein, dass der Autor in Wien geboren wurde, in Wien aufwuchs, in Wien studierte und eben dort auch lebt und arbeitet, wie es so schön heißt, sondern dass er - naturgemäß - recht eigenwillig, selbstverliebt und manieriert operiert und tatsächlich - das Organigramm der Österreichischen Präsidentschaftskanzlei schafft Klarheit - als Berater des Präsidenten für „Wissenschaft, Kultur und Kunst" sein Brot und seinen Pernot verdient. Ach, diese Wiener!

Nicht nur wegen der Überzuckerung des intellektuellen Stoffwechsels, die einem diese Lektüre zwangsläufig beschert, kommt es schlicht einem Akt der Selbstverteidigung gleich, vor der nun anstehenden Frankfurter Buchmesse all jene übers Jahr - oder länger - liegengebliebenen Bücher aus dem schlechten Gewissen zu tilgen, sie also einzuräumen ins definitive Scheitern und darauf zu hoffen, dereinst, bei entsprechen Gelegenheit, käme man gründlicher wieder auf das eine oder andere zurück. Nun denn, frisch ans Werk, damit Platz geschaffen werde für das Neue, das unglücklicherweise selten besser zu sein verspricht als das, was wir vor uns liegen haben.

Revolution
Da wäre zunächst ein noch aus dem vergangenen Jahr stammendes Büchlein, in dem ich schon des Öfteren staunend und bewundernd geblättert habe, zu dessen eingehender Lektüre die Zeit jedoch nie gereicht hat. Der anregend gestaltete Band heißt: „Alexander Rodchenko - Design" und stammt von John Milner, einem Tutor, Maler, Schreiber, Kurator und Visiting Professor am Londoner Courtauld Institute, der auf französische und russische Kunst des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts spezialisiert ist. In einem klugen Text und mittels zahlreicher farbiger Abbildungen lässt sich das weite Terrain eines Künstlers bestaunen, der, was man so gern vergisst, eben nicht nur gemalt und fotografiert, sondern auch Möbel und Stoffe entworfen, fürs Theater, den Film und als Ausstellungsgestalter gearbeitet, Geschirr, Bücher, Plakate, Lesezeichen und Propagandamaterial gestaltet hat. Ach, denkt man, folgt man den Spuren dieses Konstruktivisten und Aktivisten, wie viele Ecken und Kanten der Neue Mensch doch früher hatte, und wie umfassend ästhetisch die Revolution doch hätte sein können. Tempi passati.

Behälter
Die Ernüchterung indes lässt selbst beim nomadisierenden Lesen nicht lange auf sich warten. So kann man in Alexander Kloses fundierter Studie „Das Container-Prinzip" auf Seite 313 im Abschnitt „Behälterrevolution" - „zugespitzt" - lesen: „Der seriellen Belebung von Dingen in der industriellen Montage geht historisch und systematisch die serielle Tötung von Lebewesen in der industriellen Lebensmittelverarbeitung voraus. Containerisierung ist aus dieser Perspektive die konsequente Weiterführung eines wesentlichen Strangs der Mechanisierung." Das Serielle, ach, es entstammt dem Schlachthof. So genau hatte man die Wahrheit gar nicht wissen wollen.

Nachhaltigkeit
Auf Kloses Buch und seine Thesen lohnt es ebenso zurückzukommen wie auf Ulrich Grobers Versuch, die archäologischen Schichten des inzwischen überall auftauchenden Begriffs „Nachhaltigkeit" freizulegen. Seit jede Werbebroschüre glaubt, sie müsse sich mit ihm schmücken, ist eine genauere Analyse seiner Genese überfällig. Und Grobers „Kulturgeschichte eines Begriffs" erlaubt es in der Tat, der Werbewelt und ihren instrumentalisierten Begriffen den Rücken zu kehren, um aus der Distanz Maßstäbe zu gewinnen und das vielfach nebulöse „Wortfeld Nachhaltigkeit für sich selbst neu zu vermessen" - bis hin zu der bereits 1440 von Nikolaus von Kues (Cusanus) imaginierten Astronautenperspektive auf die Erde oder den Beginn der „Epoche der Erdpolitik" im Jahr 1968.

Schieflage
Wer sich nach so viel Ernsthaftigkeit nach einer ganz anderen Haltung sehnt, der schaue sich den Band „Stefan Wewerka" an, den Wulf Herzogenrath zusammen mit Alexander Wewerka herausgegeben hat. Bei Wewerka, den Bazon Brock einmal als den „Großmeister des Antifundamentalismus" bezeichnet hat, laufen sämtliche Aktivitäten zwischen Kunst, Design, Architektur und Mode auf eine gewisse Schieflage der Dinge hinaus. Eine Trennung von freier und angewandter Kunst kennt der Künstler jedenfalls nicht, was heutzutage ja noch immer nicht selbstverständlich ist. Der informative Band basiert auf biografischen Interviews, die Alexander Wewerka Anfang der neunziger Jahre mit seinem Vater geführt hat. Diese wurden um Originaltexte von Stefan Wewerka sowie zahlreiche Abbildungen und eine DVD ergänzt, die den 1987 entstandenen Dokumentarfilm von Lothar Spee, ein Gespräch mit Wewerka von 2009 und vier Kurzfilme enthält.

Weniger und mehr
Wer es im Gegenteil gerade nicht schräg mag, die entsprechende Ausstellung in Osaka, Tokio, London und Frankfurt verpasst hat und das Auge trotzdem gern an den ebenso strengen wie praktisch-funktionalen Entwürfen von Dieter Rams beruhigen möchte, der sollte sich den zugehörigen Katalog „Less and More" vornehmen, der über das Schaffen und das „Design Ethos" von Rams aufklärt. Hier sind nicht nur sämtliche Ikonen des „Braun Designs" in Gestalt wunderbar nüchterner Fotografien versammelt - vom Piccolo 50 von 1949 oder dem SK 2 von 1955 über den Taschentransitorempfänger T3 bis zu so legendären Entwürfen wie dem Weltempfänger T 1000 oder den Möbeln für Vitsoe. Nachlesen kann man in dem mit zahlreichen Aufsätzen zu allen Facetten des Braun-Designs auch das „Tokio-Manifest" von Rams, in dem es unter anderem heißt: „Unsere prekäre Umwelt- und Klimalage und eine durchaus labile globale Ökonomie erfordern eine neue Einstellung zu den Dingen. Wir sollten genauer überlegen, was wir produzieren wollen. Weniger ist aber nur dann ein Mehr, wenn es auch ein Besseres als das Mehr ist." Wie immer man nachhaltiges Produzieren heute auch zu bestimmen sucht, das Credo von Rams kann dabei nicht ignoriert werden.

Leider muss, um es in österreichischer Diktion zu sagen, auch heuer die Frage unbeantwortet bleiben, die Rauchensteiner erwähnt: Können Sachertorten tödlich sein? Wir stimmen mit dem Autor darüber überein, die Antwort einer seiner kommenden Publikationen oder späteren Generationen zu überlassen. Denn auch im Reich der Bücher, das so oft von kurzlebigen Aufgeregtheiten erschüttert wird, gilt: Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse und die nächsten Bücher kommen bestimmt.


Meinhard Rauchensteiner, Wie man einen Picasso zersägt, Kulturhistorische Schüttbilder, Metroverlag Wien, 16,90 Euro.
www.metroverlag.at

John Milner, Alexander Rodchenko, Design, Antique Collectors' Club ACC London, 15,99 Euro.
www.antique-acc.com

Alexander Klose, Das Container-Prinzip, Wie eine Box unser Denken verändert, Mare Verlag Hamburg, 24 Euro.
www.mare.de

Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit, Kulturgeschichte eines Begriffs, Verlag Antje Kunstmann München, 19,90 Euro.
www.kunstmann.de

Nahaufnahme Stefan Wewerka, herausgegeben von Wulf Herzogenrath und Alexander Wewerka, Alexander Verlag Berlin, 34,90 Euro.
www.alexander-verlag.com

Less and More, The Design Ethos of Dieter Rams, herausgegeben von Keiko Ueki-Polet und Klaus Klemp, Verlag Die Gestalten Berlin, 49,90 Euro.
shop.gestalten.com
„Stefan Wewerka", „Alexander Rodchenko - Design"
„Wie man einen Picasso zersägt", „Less and More"
„Less and More"
Stefan Wewerka und Wulf Herzogenrath bei einer Vernissage in Datteln 1971/72
„Das Container-Prinzip"
Alle Fotos © Thomas Wagner, Stylepark
„Stefan Wewerka"