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Ein Verwirrspiel, ein flirrendes Kaleidoskop –wir stehen mittendrin und staunen wie Kinder im Spiegelkabinett. Was Tobias Rehberger mit Lust und Schalk zelebriert, ist eine Kunst, die einhüllt, verwirrt, irritiert. Im ersten Raum seiner Ausstellung „Home and Away and Outside“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle – die retrospektiv zu nennen man sich scheut, da Rehberger eine Art Reinszenierung oder „upcycling“ seiner Werke zum Prinzip erhoben hat –, sind Boden und Wände lückenlos mit Fragmenten schwarzweißer Tarnmuster überzogen.

Dazzle Painting als Tarnung für U-Boote

Ersonnen wurden derartige optische Effekte während des Ersten Weltkriegs, um deutsche U-Boot-Kapitäne zu täuschen. So hat etwa die britische Marine Künstler damit beauftragt, auf der Grundlage des Kubismus flirrende Muster zu entwerfen, die, auf den Rumpf von Schiffen gemalt, es einem feindlichen U-Boot-Kommandanten erschweren sollten, Position, Kurs und Geschwindigkeit des Schiffs exakt zu bestimmen. Dieser musste nämlich exakt den Ort vorausberechnen, wollte er ein Torpedo auf ein fahrendes Schiff abfeuern, . Kam das Torpedo zu früh oder zu spät, verfehlte es das Schiff. Aufgabe der Tarnbemalung war es also nicht, das Schiff unsichtbar zu machen, sondern seine Position zu verschleiern. Wie zeitgenössische Fotografien solcher Schiffe zeigen, war es in der Tat schwer auszumachen, in welche Richtung der Bug eines entsprechend bemalten Schiffs zeigte. Die Engländer nannten das Camouflage-Verfahren „Dazzle Painting“, die Amerikaner „Razzle Dazzle“. In jüngster Zeit sind ähnliche Muster in der Automobilindustrie wieder in Mode gekommen, wenn es darum geht, Erlkönige zu tarnen.

Tobias Rehberger hat schon mehrfach mit solchen Mustern, wie man sie auch aus der Op-Art kennt, gearbeitet, um die Position des Betrachters zu irritieren und infrage zu stellen. Mit Gesamtkunstwerkerei hat Rehbergers Manier also wenig zu tun. Eher mit der veredelten Variante einer Geisterbahn und der barocken Frage, was Grund und was Motiv sei. Oder ganz konkret damit, ob und auf welche Weise unser Auge in der Lage ist, eine im selben schwarzweißen Muster gestaltete dreidimensionale Form von ihrem gleich gemusterten Hintergrund unterscheiden zu können.

Eine Welt unergründlicher Muster

So oder so, herausgekommen ist ein heiteres Wahrnehmungsspiel mit Farbe und Muster, Bild und Spiegelbild, Identität und Differenz. Wobei auffällt, dass Rehberger die irritierenden Muster auf Boden und Wand im Vergleich zu der Cafeteria, die er zur Kunstbiennale 2010 im Padiglione Centrale in den venezianischen Giardini gestaltete, wofür er mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, mittlerweile verfeinert hat. Statt einfacher, flächiger Blockstreifenmuster verwendet Rehberger nun

am Computer generierte, die in sich gefaltet, gestaucht, gedreht, geknickt und schattiert auftreten. Wodurch das abgründig-ungreifbare Raumganze tektonischer, modulierter, eleganter, aber eben auch weniger schroff erscheint. Nähe und Distanz, Figur und Grund, Fläche und Raum – sowie sämtliche im Raum präsentierten Werke, alles scheint eingebunden in ein nicht enden wollendes Spiel des Täuschens und Tarnens: Die Welt als Camouflage und unergründliches Muster. Und dann und wann hängt auf den gemusterten Wänden ein Tondo, das sich als hybride Version einer Kuckucksuhr enttarnt.

Allerlei Versteckspiele

Nur optisch lässt man im Fortgang der Schau die Tarnmuster hinter sich. Spiegelflechtereien und Versteckspiele setzen sich fort, auch ohne Dazzle-Muster. Erweist sich der erste Raum auch als ein mögliches Muster des Ausstellens, bei dem Zeigen und Gezeigtes in einer Gesamtinszenierung miteinander verschmelzen, so bedient sich Rehberger im zweiten Raum einer anderen Art von Display. Arbeiten wie die Porträts von befreundeten Künstlern in Form von Blumenvasen (1995 – 1998), auf soziale Prozesse verweisende wie „Cutting, Preparing, without missing anything an being happy about what comes next“ (1999) und die nachhaltig irritierenden „Prothesen“ (2000), die, auf Rehbergers eigenen Körper zugeschnitten, keine fehlenden Körperteile ergänzen, sondern gegen andere ausgetauscht, werden nun auf weißen, nur scheinbar neutralen Podesten, Rampen und Flächen präsentiert. Da die weiße Sockellandschaft nicht vorgegeben, sondern ebenfalls von Rehberger entworfen wurde, erscheint sie selbst als funktionales Display, als mehrfach kodierte Installation, die den Betrachter mit der Kunst auf eine Ebene stellt. Auf die Überfülle der Dazzle-Inszenierung antwortet mithin eine sparsam-minimalistisch angelegte Neutralität, die einzelne Werke hervorhebt, statt sie, wie im ersten Raum, in einer Fülle von Reizen zu verbergen.

Nimmt man die inmitten der Rotunde vor der Schirn in luftiger Höhe schwebende, eigens für den Ort geschaffene Skulptur „Regret“ hinzu, so erklärt sich der Titel der Schau. „Home“ vereint eher persönlich grundierte und auf ein Interieur bezogene Arbeiten, „Away“ bezeichnet das Dazzle-Ensemble mit Arbeiten wie „Untitled (Stay)“, „Remember me“ oder „Unerfreuliches aus Diskobay“, und „Outside“ verweist auf die Außenarbeit „Regret“. Sein und Schein oszillieren somit auf immer andere Weise. In „Skulptur und getrennte Schlafzimmer für 1-Zimmer-Wohnung“ (1995) etwa tarnt sich ein Klappbett schon mal als Skulptur oder eine Skulptur eben als Klappbett.

Das Wichtigste verbirgt sich

In Ludwig Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“ ist zu lesen, die „wichtigsten Aspekte der Dinge“ seien „durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, – weil man es immer vor Augen hat.)“ Und Wittgenstein fügt erläuternd hinzu: „Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, dass ihm dies einmal aufgefallen ist.“

Auch Tobias Rehberger liebt das Einfache und Alltägliche – Möbel, Räume, Lampen und Erinnerungen, die ihn mit diesen Dingen verbinden. Und er spielt gern Versteck. Da ihm aber aufgefallen ist, wie das Versteckspiel funktioniert, das die Dinge mit uns spielen, deckt er auf, wie es gespielt wird. Dazu verschiebt er die Dinge in einen anderen als den gewohnten Kontext und impft sie mit einer gewissen Fremdheit, in der Verbergen und Offenbaren abwechseln.

Man hat Rehbergers Arbeiten oft eine Nähe zum Design angedichtet. Wahr daran ist, dass sich einige seiner Arbeiten Elementen des Möbeldesigns bedienen, um standardisierte Produkte in individuelle zurück zu verwandeln. In dieser Arbeit am Gebrauchswert zerbricht die Illusion individueller Massenproduktion, was an Arbeiten wie „Ohne Titel (Breuer)“ oder „Ohne Titel (Rietveld)“ deutlich wird, Designklassikern, die Rehberger – ursprünglich für eine Ausstellung in Kamerun – aus dem Gedächtnis zeichnete und nach diesen Skizzen von Schreinern vor Ort bauen ließ. Nun stehen die auf den ersten Blick wiederzuerkennenden Stühle, Sessel und Tische inmitten eines minimalistischen Ausstellungsdesigns, das seinerseits das Motiv des Designs überhöht. Die Schraube derart immer weiterzudrehen, macht dem Künstler sichtlich Spaß.

Nichts ist ganz heil

Bei Rehberger sind die Dinge eben nie, was sie zu sein scheinen. Ob sich ein mit einem Schwarzweiß-Muster versehener Körper – wird er vor einer im selben Muster gestalteten Fläche aufgestellt – in der Wahrnehmung auflöst, oder ob eine Art dreidimensionaler Explosionszeichnung, die in Teilen und Farbe an eine amerikanische Flagge erinnert, auf ein kreisrundes, weißes Podest einen Schatten in Gestalt des Wortes „Regret“ wirft. Nichts ist ganz oder gar heil in Rehbergers Welt, vieles, nicht nur einige so genannte Skulpturen, hat ein „Handicap“ ­– weshalb der Künstler sein Bedauern darüber gleich mitliefert, dass nichts von dem, was er uns zeigt, eindeutig ist.

Spätestens seit Rehbergers Ausstellung „the chicken-and-egg-no-problem wall-painting” im Amsterdamer Stedelijk Museum (bei der er aus Projektionen, dem Schattenwurf eigener Werke und bemalten Flächen ein Wandgemälde der besonderen Art realisiert hat), konnte jeder wissen, mit welcher Lust Rehberger agiert, wie geschickt er Sehen und Denken in Widersprüche verstrickt. Ist ein aus dem Gedächtnis gezeichneter und nachgebauter Designklassiker noch ein Designklassiker? Wann ist Ausstellungsarchitektur Kunst? Was ist Muster, was Wand, was Kunstwerk? Die Haut der Dinge ist nur scheinbar straff gespannt. Alles sieht ordentlich aus und präsentiert sich wohlgeordnet – und doch gerät unser Urteilsvermögen ins Taumeln, je näher man die Dinge betrachtet. Wie bei dem Schiff am Ende der Schau. Ist es ein Schiff oder das Bild eines Schiffs? Oder eine zwischen Tarnung und Panzerung, Bild und Objekt schwankende Phantasmagorie eines Flüchtlingsschiffs, nachgebaut von Danh Vo, einem anderen Künstler, anhand von Plänen, die sein Vater aus dem Gedächtnis gezeichnet hat, der es einst entworfen und gebaut hatte, um Vietnam zu entfliehen.

Tobias Rehberger - Home and Away and Outside
21. Februar bis 11. Mai 2014
Schirn Kunsthalle Frankfurt
Katalog zur Ausstellung: 27 Euro (in der Ausstellung), 39,80 Euro (im Buchhandel)
www.schirn.de

MEHR auf Stylepark:

Die trunkene Bar: Venezianischer Streifzug durch Tobias Rehbergers Bar
(28. Juli 2009)

Vier Tage schauen und staunen: Eine wundersame Installation von Tobias Rehberger und Claus Richter in der Frankfurter Festhalle anlässlich des „Design Annual"
(10. Juli 2008)
News & Stories › 2014 › Februar
Camouflage mit Kuckucksuhr
von Thomas Wagner | 24. Februar 2014
Schwarzweiße Tarnmuster irritieren das Auge. Dinge und Möbel erscheinen vertraut, bleiben aber fremd. Und draußen in der Rotunde ist eine amerikanische Flagge explodiert. Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt Tobias Rehberger – ein gelungenes Heimspiel.
Ein Verwirrspiel, ein flirrendes Kaleidoskop –wir stehen mittendrin und staunen wie Kinder im Spiegelkabinett. Was Tobias Rehberger mit Lust und Schalk zelebriert, ist eine Kunst, die einhüllt, verwirrt, irritiert. Im ersten Raum seiner Ausstellung „Home and Away and Outside“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle – die retrospektiv zu nennen man sich scheut, da Rehberger eine Art Reinszenierung oder „upcycling“ seiner Werke zum Prinzip erhoben hat –, sind Boden und Wände lückenlos mit Fragmenten schwarzweißer Tarnmuster überzogen.

Dazzle Painting als Tarnung für U-Boote

Ersonnen wurden derartige optische Effekte während des Ersten Weltkriegs, um deutsche U-Boot-Kapitäne zu täuschen. So hat etwa die britische Marine Künstler damit beauftragt, auf der Grundlage des Kubismus flirrende Muster zu entwerfen, die, auf den Rumpf von Schiffen gemalt, es einem feindlichen U-Boot-Kommandanten erschweren sollten, Position, Kurs und Geschwindigkeit des Schiffs exakt zu bestimmen. Dieser musste nämlich exakt den Ort vorausberechnen, wollte er ein Torpedo auf ein fahrendes Schiff abfeuern, . Kam das Torpedo zu früh oder zu spät, verfehlte es das Schiff. Aufgabe der Tarnbemalung war es also nicht, das Schiff unsichtbar zu machen, sondern seine Position zu verschleiern. Wie zeitgenössische Fotografien solcher Schiffe zeigen, war es in der Tat schwer auszumachen, in welche Richtung der Bug eines entsprechend bemalten Schiffs zeigte. Die Engländer nannten das Camouflage-Verfahren „Dazzle Painting“, die Amerikaner „Razzle Dazzle“. In jüngster Zeit sind ähnliche Muster in der Automobilindustrie wieder in Mode gekommen, wenn es darum geht, Erlkönige zu tarnen.

Tobias Rehberger hat schon mehrfach mit solchen Mustern, wie man sie auch aus der Op-Art kennt, gearbeitet, um die Position des Betrachters zu irritieren und infrage zu stellen. Mit Gesamtkunstwerkerei hat Rehbergers Manier also wenig zu tun. Eher mit der veredelten Variante einer Geisterbahn und der barocken Frage, was Grund und was Motiv sei. Oder ganz konkret damit, ob und auf welche Weise unser Auge in der Lage ist, eine im selben schwarzweißen Muster gestaltete dreidimensionale Form von ihrem gleich gemusterten Hintergrund unterscheiden zu können.

Eine Welt unergründlicher Muster

So oder so, herausgekommen ist ein heiteres Wahrnehmungsspiel mit Farbe und Muster, Bild und Spiegelbild, Identität und Differenz. Wobei auffällt, dass Rehberger die irritierenden Muster auf Boden und Wand im Vergleich zu der Cafeteria, die er zur Kunstbiennale 2010 im Padiglione Centrale in den venezianischen Giardini gestaltete, wofür er mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, mittlerweile verfeinert hat. Statt einfacher, flächiger Blockstreifenmuster verwendet Rehberger nun

am Computer generierte, die in sich gefaltet, gestaucht, gedreht, geknickt und schattiert auftreten. Wodurch das abgründig-ungreifbare Raumganze tektonischer, modulierter, eleganter, aber eben auch weniger schroff erscheint. Nähe und Distanz, Figur und Grund, Fläche und Raum – sowie sämtliche im Raum präsentierten Werke, alles scheint eingebunden in ein nicht enden wollendes Spiel des Täuschens und Tarnens: Die Welt als Camouflage und unergründliches Muster. Und dann und wann hängt auf den gemusterten Wänden ein Tondo, das sich als hybride Version einer Kuckucksuhr enttarnt.

Allerlei Versteckspiele

Nur optisch lässt man im Fortgang der Schau die Tarnmuster hinter sich. Spiegelflechtereien und Versteckspiele setzen sich fort, auch ohne Dazzle-Muster. Erweist sich der erste Raum auch als ein mögliches Muster des Ausstellens, bei dem Zeigen und Gezeigtes in einer Gesamtinszenierung miteinander verschmelzen, so bedient sich Rehberger im zweiten Raum einer anderen Art von Display. Arbeiten wie die Porträts von befreundeten Künstlern in Form von Blumenvasen (1995 – 1998), auf soziale Prozesse verweisende wie „Cutting, Preparing, without missing anything an being happy about what comes next“ (1999) und die nachhaltig irritierenden „Prothesen“ (2000), die, auf Rehbergers eigenen Körper zugeschnitten, keine fehlenden Körperteile ergänzen, sondern gegen andere ausgetauscht, werden nun auf weißen, nur scheinbar neutralen Podesten, Rampen und Flächen präsentiert. Da die weiße Sockellandschaft nicht vorgegeben, sondern ebenfalls von Rehberger entworfen wurde, erscheint sie selbst als funktionales Display, als mehrfach kodierte Installation, die den Betrachter mit der Kunst auf eine Ebene stellt. Auf die Überfülle der Dazzle-Inszenierung antwortet mithin eine sparsam-minimalistisch angelegte Neutralität, die einzelne Werke hervorhebt, statt sie, wie im ersten Raum, in einer Fülle von Reizen zu verbergen.

Nimmt man die inmitten der Rotunde vor der Schirn in luftiger Höhe schwebende, eigens für den Ort geschaffene Skulptur „Regret“ hinzu, so erklärt sich der Titel der Schau. „Home“ vereint eher persönlich grundierte und auf ein Interieur bezogene Arbeiten, „Away“ bezeichnet das Dazzle-Ensemble mit Arbeiten wie „Untitled (Stay)“, „Remember me“ oder „Unerfreuliches aus Diskobay“, und „Outside“ verweist auf die Außenarbeit „Regret“. Sein und Schein oszillieren somit auf immer andere Weise. In „Skulptur und getrennte Schlafzimmer für 1-Zimmer-Wohnung“ (1995) etwa tarnt sich ein Klappbett schon mal als Skulptur oder eine Skulptur eben als Klappbett.

Das Wichtigste verbirgt sich

In Ludwig Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“ ist zu lesen, die „wichtigsten Aspekte der Dinge“ seien „durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, – weil man es immer vor Augen hat.)“ Und Wittgenstein fügt erläuternd hinzu: „Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, dass ihm dies einmal aufgefallen ist.“

Auch Tobias Rehberger liebt das Einfache und Alltägliche – Möbel, Räume, Lampen und Erinnerungen, die ihn mit diesen Dingen verbinden. Und er spielt gern Versteck. Da ihm aber aufgefallen ist, wie das Versteckspiel funktioniert, das die Dinge mit uns spielen, deckt er auf, wie es gespielt wird. Dazu verschiebt er die Dinge in einen anderen als den gewohnten Kontext und impft sie mit einer gewissen Fremdheit, in der Verbergen und Offenbaren abwechseln.

Man hat Rehbergers Arbeiten oft eine Nähe zum Design angedichtet. Wahr daran ist, dass sich einige seiner Arbeiten Elementen des Möbeldesigns bedienen, um standardisierte Produkte in individuelle zurück zu verwandeln. In dieser Arbeit am Gebrauchswert zerbricht die Illusion individueller Massenproduktion, was an Arbeiten wie „Ohne Titel (Breuer)“ oder „Ohne Titel (Rietveld)“ deutlich wird, Designklassikern, die Rehberger – ursprünglich für eine Ausstellung in Kamerun – aus dem Gedächtnis zeichnete und nach diesen Skizzen von Schreinern vor Ort bauen ließ. Nun stehen die auf den ersten Blick wiederzuerkennenden Stühle, Sessel und Tische inmitten eines minimalistischen Ausstellungsdesigns, das seinerseits das Motiv des Designs überhöht. Die Schraube derart immer weiterzudrehen, macht dem Künstler sichtlich Spaß.

Nichts ist ganz heil

Bei Rehberger sind die Dinge eben nie, was sie zu sein scheinen. Ob sich ein mit einem Schwarzweiß-Muster versehener Körper – wird er vor einer im selben Muster gestalteten Fläche aufgestellt – in der Wahrnehmung auflöst, oder ob eine Art dreidimensionaler Explosionszeichnung, die in Teilen und Farbe an eine amerikanische Flagge erinnert, auf ein kreisrundes, weißes Podest einen Schatten in Gestalt des Wortes „Regret“ wirft. Nichts ist ganz oder gar heil in Rehbergers Welt, vieles, nicht nur einige so genannte Skulpturen, hat ein „Handicap“ ­– weshalb der Künstler sein Bedauern darüber gleich mitliefert, dass nichts von dem, was er uns zeigt, eindeutig ist.

Spätestens seit Rehbergers Ausstellung „the chicken-and-egg-no-problem wall-painting” im Amsterdamer Stedelijk Museum (bei der er aus Projektionen, dem Schattenwurf eigener Werke und bemalten Flächen ein Wandgemälde der besonderen Art realisiert hat), konnte jeder wissen, mit welcher Lust Rehberger agiert, wie geschickt er Sehen und Denken in Widersprüche verstrickt. Ist ein aus dem Gedächtnis gezeichneter und nachgebauter Designklassiker noch ein Designklassiker? Wann ist Ausstellungsarchitektur Kunst? Was ist Muster, was Wand, was Kunstwerk? Die Haut der Dinge ist nur scheinbar straff gespannt. Alles sieht ordentlich aus und präsentiert sich wohlgeordnet – und doch gerät unser Urteilsvermögen ins Taumeln, je näher man die Dinge betrachtet. Wie bei dem Schiff am Ende der Schau. Ist es ein Schiff oder das Bild eines Schiffs? Oder eine zwischen Tarnung und Panzerung, Bild und Objekt schwankende Phantasmagorie eines Flüchtlingsschiffs, nachgebaut von Danh Vo, einem anderen Künstler, anhand von Plänen, die sein Vater aus dem Gedächtnis gezeichnet hat, der es einst entworfen und gebaut hatte, um Vietnam zu entfliehen.

Tobias Rehberger - Home and Away and Outside
21. Februar bis 11. Mai 2014
Schirn Kunsthalle Frankfurt
Katalog zur Ausstellung: 27 Euro (in der Ausstellung), 39,80 Euro (im Buchhandel)
www.schirn.de

MEHR auf Stylepark:

Die trunkene Bar: Venezianischer Streifzug durch Tobias Rehbergers Bar
(28. Juli 2009)

Vier Tage schauen und staunen: Eine wundersame Installation von Tobias Rehberger und Claus Richter in der Frankfurter Festhalle anlässlich des „Design Annual"
(10. Juli 2008)