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Das Tor nach Osten
von Daniel von Bernstorff | 13. Mai 2009
„Ganze zwei Tage haben wir uns von der Illusion von ihr (Belgrad) befreit, und das so endgültig und gründlich, da die Stadt tausendmal weniger definiert ist als Budapest. Wir hatten uns das Tor nach Osten vielfach ausgemalt, eine von bunter Lebhaftigkeit vibrierende Stadt und sie uns mit geschmückter und mit Federschmuck und lackierten Stiefeln ausstaffierter Kavallerie vorgestellt. Dies ist eine lächerliche Hauptstadt; sogar noch schlimmer, eine anrüchige Stadt, schmutzig und desorganisiert. Seine Lage aber ist umwerfend."

Das schrieb Le Corbusier im Jahr 1910 wenig schmeichelhaft über Belgrad, das wegen seiner Lage noch heute häufig als „Tor nach Osten" bezeichnet wird. Seitdem hat sich viel verändert, aber auch heute macht es die Stadt dem Besucher nicht leicht. Hier wird er nicht wie etwa in Prag oder Budapest mit einer klaren Stadtstruktur und einer Vielzahl von Sehenswürdigkeiten zum Flanieren eingeladen, hier erwarten ihn keine Kaffeehäuser, eleganten Hotels, renommierten Museen oder gepflegten Gärten - und Parkanlagen. Nein, Belgrad ist rau und unwirtlich, in seiner Mitte dominieren noch immer Kriegsruinen aus der Zeit der Nato-Bombardierung von 1999, die bisher weder abgetragen noch saniert wurden, die Stadt ist zerklüftet und verbaut, noch dazu bisher ohne funktionierendes Nahverkehrssystem. Kein Wunder, dass sie, anders als ihre osteuropäischen Partner-Metropolen, im internationalen Tourismus bisher nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Und dennoch: Es lohnt sich, Belgrad zu besuchen. Wer den oberflächlichen Widrigkeiten trotzt und sich ohne Vorurteile auf Entdeckungsreise macht, der wird reich belohnt. Aus fast allen Epochen der Stadtgeschichte, von den mittelalterlichen Herrscherdynastien bis hin zu den heutigen baulichen Bemühungen, aus der Hauptstadt der Republik Serbiens eine moderne Metropole zu machen, finden sich spannende architektonische Zeugnisse. Bauhausstil, Neoklassizismus, sozialistische Architektursprache und moderner Brutalismus finden sich hier dicht nebeneinander. Die Seite www.ostarchitektur.com des Architekten und Fotografen Peter Sägesser gibt einen hervorragenden Überblick moderner Architektur in Osteuropa und besonders auch in Belgrad.

Auch das kulturelle Belgrad hat einiges zu bieten. Internationale Festivals für Film, Theater, Tanz und Musik sowie der Oktobersalon, eine Buchmesse und die aufstrebende „Belgrade Fashion Week" haben längst internationales Format erreicht. Viele junge Künstler und Designer leben in Belgrad und machen die Stadt zu einem vibrierenden kreativen Zentrum. Die ganze Stimmung hat dabei etwas vom Berlin der Nachwendejahre.

Mit der „Belgrade Design Week" gibt es seit drei Jahren zudem eine der führenden internationalen Foren für Design und Architektur. Protagonisten dieser Branchen, von Zaha Hadid, Ben van Berkel, Jürgen Mayer H. bis zu Konstantin Grcic, Patrizia Moroso, Erwan Bouroullec und Arne Quinze, diskutieren hier mit Vertretern von Presse, Design- und Architekturplattformen und Herstellerfirmen sowie jungen Nachwuchstalenten.

Neben dem hochkarätigen Teilnehmerfeld ist es sicher auch das spannende und inspirierende Umfeld - hier finden Konferenzen auch mal im ehemaligen Arbeitszimmer von Milosevic, im Parlamentsgebäude oder in leerstehenden Kaufhäusern statt -, was die serbische Designwoche so reizvoll macht.

So steht die „Belgrade Design Week" stellvertretend und besonders schillernd für das Streben dieser etwas anderen Metropole, ins internationale Bewusstsein vorzudringen. Ein Streben, das Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient.

www.belgradedesignweek.com
www.ostarchitektur.com
Foto: Isabel von Klitzing
Foto: Isabel von Klitzing
ehem. Lagerhallen, heute Galerie Superspace Karađorđeva, Foto: Peter Sägesser
Politika Haus, Makedonska 29, Belgrad 1969; Foto: Peter Sägesser
Foto: Isabel von Klitzing
Foto: Isabel von Klitzing
Foto: Isabel von Klitzing
Foto: Isabel von Klitzing
Wohnhäuser Osttor, Belgrad; Foto: Peter Sägesser
Postamt Bahnhof, Foto: Peter Sägesser
Foto: Isabel von Klitzing
Foto: Isabel von Klitzing
Foto: Isabel von Klitzing