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Design mit Gefühl
von Nina Müller | 24. Januar 2012
Köln ist nicht schön. Köln ist ein Gefühl, so will es zumindest der Slogan der rheinischen Metropole. Wer glaubt, die Stadt hätte neben dem Dom architektonisch nicht viel mehr zu bieten, der irrt. Man muss nur genau hinschauen. Zum Beispiel während der „Passagen", die jährlich parallel zur Möbelmesse „imm cologne" stattfinden. Vor allem das noch weitgehend unbeachtete ehemalige Arbeiter- und Handwerkerviertel Ehrenfeld wartet mit zahlreichen Fabrikgebäuden auf, die zu dieser Zeit eine ideale Kulisse vor allem für die junge Designszene bietet.

Auch 2012 sind die orange und schwarz gehaltenen Fahnen der „Passagen" über die ganze Stadt verteilt und machen auf zahlreiche Design-Events aufmerksam. Darunter sind viele Geschäfte, die zu dieser Zeit ihre Schaufenster mit Sonderausstellungen bespielen, aber auch Hochschulen und ein Museum nutzen den Besucheransturm der imm cologne, um sich zu präsentieren. Sogar einige Hotels präsentieren sich ganz im Zeichen des Designs. Rund zweihundert Veranstaltungen zählen die Passagen in diesem Jahr, die meisten davon im Stadtkern. Doch vor allem etwas außerhalb, im ehemaligen Industriegebiet Ehrenfeld, traf man auf eine quicklebendige Designszene. In unkonventionellem Rahmen und historischen Kontexten kamen die Besucher in den Genuss spannungsreicher Inszenierungen von neuem Design.

Auf den ersten Blick wirkt Ehrenfeld etwas verlassen. Die Gegend ist geprägt von Industriegebäuden, Graffitis, Parkplätzen und Supermärkten. Kurz wird man sogar misstrauisch, ob die angekündigten Designevents tatsächlich hier stattfinden oder ob sich Besucher möglichweise von den kalten und regnerischen Wettervorhersagen haben abschrecken lassen. Hinter parkenden Autos und Lastwagen tut sich dann plötzlich eines dieser kleinen hippen Cafés auf, die man sonst eher aus Berlin-Kreuzberg kennt und weniger inmitten eines Industriegebiets erwarten würde. Bei genauerem Hinsehen stellen sich auch die Hinterhöfe als gepflegte Grünanlagen mit frisch renovierten Bürogebäuden heraus, die nicht nur der Designer Mike Meiré und das britische Technologieunternehmen Dyson für sich entdeckt zu haben scheinen. Auch der Badausstatter Ultramarin wählte kürzlich die Alte Gasfabrik, eine denkmalgeschützte Maschinenhalle, als neuen Schauraum, dessen 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche ein effektvolles Wechselspiel für Formen und Oberflächen der Badobjekte bieten.

In benachbarter Lage etabliert das Projekt „Design Quartier Ehrenfeld", kurz DQE, seit einigen Jahren einen Kreativstandort für junge Designer. Schon zum fünften Mal fand in diesem Jahr der „Design Parcours Ehrenfeld" rund um das Heliosgelände statt, wobei die jungen Designer wieder einmal mehr ein Gespür für gelungene Inszenierungen bewiesen haben. Die ehemaligen Fabriken mit ihren rohen Betonböden, abbröckelnden Backsteinwänden, Maschinen, Metallgerüsten und Farbspritzern boten dabei eine kontrastreiche Kulisse. Gruppenausstellungen, ein Shop mit ausgewählten Designobjekten und das Café Horst bildeten so einen unkonventionellen Gegenpol zur Möbelmesse.

Dabei brauchten die Designer nicht viel, um die kargen Hallen in ein stimmiges Bild für ihre Produktpräsentationen zu verwandeln. Holzlatten aus dem Baumarkt dienten als Trennwände und Teekisten, Paletten oder auch mal ein Betonmischer als Podeste. Recycelte Möbel bildeten das gemütliche „Café Horst" – und auch das ansprechend gestaltete Programm aus Zeitungspapier verlieh dem Parcours ein konsequent gedachtes Erscheinungsbild.

Besonders spannend zu beobachten war, dass viele dieser einfachen Konstruktionen und Materialien auch in den Designobjekten wiederkehrten. So entwarf beispielsweise der Industriedesigner Thomas Schnur, Initiator des Designer-Kollektivs „Frankfurt trifft Köln", für die Herstellung seines „Fragment Tables" ein einfaches Stecksystem aus Holz, Metall und Kunststoff, mit dessen Hilfe sich im Nu ein Tisch auf die Beine stellen lässt. Während der Tisch das „Thema" Stecken aufgreift, geht es bei Schnurs multifunktionalem Möbelstück „Hook up" um das Drehen: ein Holzstab dreht sich in den Sockel und in den Holzstab wiederum drehen sich in spiralförmiger Anordnung metallene Haken. Das Ergebnis ist ein materialreduziertes und wandlungsfähiges Möbel, das sowohl zur Aufbewahrung von Küchenutensilien, als auch für Schmuck oder Kleidung genutzt werden kann.

Florian Kallus and Sebastian Schneider vom Studio „Kaschkasch Cologne" präsentierten ein Objekt, das aus drei ineinander gelegten Metallstäben besteht und sich, lehnt man es an die Wand, als Garderobe entpuppt. Mühelos integriert sich auch das Konzept des Kölner Designladens „Utensil" in die Ausstellung in der DQE-Halle. Seine Produktlinie umfasst Objekte aus der Arbeitswelt und Industrie, neu interpretiert für den Wohnbedarf. So orientiert sich die Form der Leuchte „Socket" von Joachim Lindenbeck an alten Werkstattleuchten: Das Ergebnis besteht aus einem Sockel aus Porzellan, einem farbigen Textilkabel und – je nach Geschmack – einem Leuchtmittel. Mehr nicht!

Der Geheimtipp für ein Sandwich zwischendurch während des Parcours war der italienische Feinschmeckerladen zwischen den Ehrenfelder Ausstellungsstätten: eine dunkle Lagerhalle, kitschig vollgestopft mit glitzernden Girlanden und Nippes, aber voller Delikatessen. Es sind diese kleinen Besonderheiten, die Ehrenfeld zu einem inspirierenden Ort für Künstler und Designer machen. So fand man auch diesmal zahlreiche neue Produkte von hoher gestalterischer Qualität. Noch deutlicher als dieser oder jener überraschende Fund aber bleibt die Kombination aus Orten mit Charakter und gutem Design in Erinnerung. Ehrenfeld während der „Passagen", das bedeutet eben: eine stimmungsvolle Atmosphäre und ein gutes Gefühl.

www.voggenreiter.com/passagen2012/
Modulares Geschirr „Cylindres“ von Adónde im Laden Tondel, Foto © Nina Müller
Köln Ehrenfeld, Foto © Nina Müller
Köln Ehrenfeld, Foto © Nina Müller
Industriegebäude, Foto © Nina Müller
Pendeluhr „Zwilling“ von Co-Laborat, Foto © Nina Müller
Italienischer Delikatessenladen in Ehrenfeld, Foto © Nina Müller
Garderobe „Beaugars“ von Meike Langer, Foto © Nina Müller
Sessel aus der „Woonling Collection“ von Karoline Fesser, Foto © Nina Müller
Regal „Union der guten Dinge“ von Sebastian Dürr, Foto © Nina Müller
Improvisiertes Ausstellungsdesign, Foto © Nina Müller
Gipsformen für die Produktion der Kollektion „Superimposed Vases“ von Francois Dumas, Foto © Nina Müller
Schuhe „Lace Shoes“ von Francois Dumas, Foto © Nina Müller
Stuhl „Sealed Chair“ von Francois Dumas, Foto © Nina Müller
Showroom von Ultramarin im Alten Gaswerk, Foto © Nina Müller
Gegensätze im Alten Gaswerk, Foto © Nina Müller
Waschbecken im Schauraum von Ultramarin, Foto © Nina Müller
Ausstellung in der Halle des Design Parcour Ehrenfeld, Foto © Nina Müller
Leuchte „Pilu“ von Co-Laborat, Foto © Nina Müller
Kollektionen „Perfect Imperfect“, „Traces“ und „Dockerbags” von Content & Container, Foto © Nina Müller
Glasobjekte von Louise Lang, Foto © Nina Müller
Tisch „Fragment Table“ von Thomas Schnur, Foto © Nina Müller
Leuchte „Socket“ von Joachim Lindenbeck für Utensil, Foto © Nina Müller
Tischböcke „Mü“ von Hallo Essen, Foto © Nina Müller
Kollektion „Horst“ von Fremdform, Foto © Nina Müller
Kollektion „Superimposed Vases“ von Francois Dumas, Foto © Nina Müller
Elemente des Stuhls „Sealed Chair“ von Francois Dumas, Foto © Nina Müller