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Das Buch „Wir bauen Deutschland“ wagt einen Blick hinter die Kulissen: Wer sind die Entscheidungsträger, die Entwickler und Förderer von Deutschlands Städten? Foto © Julian Zatloukal, Stylepark
Deutschland, deine Stadtverbesserer
von Martina Metzner
18. Oktober 2013
Ob U-Bahnhöfe oder Brücken, Spielplätze oder Straßenkreuzungen, Neubausiedlungen oder Naherholungsgebiete, allzu oft nehmen die Bewohner einer Stadt als selbstverständlich hin, was in ihrer Umgebung gebaut wird. Erst wenn der Schuh drückt, beteiligen sich Bürger aktiv, gehen gegen hohe Mietpreise auf die Straße oder richten, wie bei „Stuttgart 21“ gar Protestcamps ein, um ein Bauvorhaben zu verhindern. Dann fühlt sich so mancher „falsch“ vertreten und mutiert zum „Wutbürger“. Die Schelte an Planern und Beamten beginnt, nicht selten angeheizt durch die Presse. Dass in Gemeinderäten, Baudezernaten und anderen Abteilungen der Stadtverwaltung engagierte Menschen gibt, die sich professionell für eine bessere Zukunft ihrer Stadt einsetzen und unter den jeweiligen Bedingungen den bestmöglichen Konsens suchen, wird eher selten wahrgenommen und dargestellt.

„Wir bauen Deutschland“ wagt einen Blick hinter die Kulissen: Der Herausgeber Daniel Arnold, Vorstand der Deutschen Reihenhaus AG, will mit der Publikation aufzeigen, wer die Entscheidungsträger, die Entwickler und Förderer der Städte sind, die Tag für Tag lautlos und von der Öffentlichkeit unbeachtet in ihren Amtsstuben über Plänen brüten, Bauaufträge erteilen und dabei den manchmal schwierigen Spagat zwischen Politik und Bürgerwillen schaffen.

Bunt und pluralistisch – ein Abbild der Republik

Herausgekommen ist ein 270 Seiten starkes Kompendium, das 40 Experten in Sachen Stadtentwicklung in Interviews porträtiert. Quer durchs ganze Land sind Werner Durth und Jeremy Gaines gefahren, um mittels eines standardisierten Fragebogens die unterschiedlichsten Amtsträger zu Wort kommen zu lassen: Bürgermeister kleiner Kommunen, Stadträte und Senatoren größerer Städte, Beamte in Bauämtern aus Ost und West, Süd und Nord. Die Zusammenstellung ist pluralistisch, zuweilen bunt und schafft ein damit ein Abbild der Republik.

Alle Porträts lassen erkennen: Sie alle sind mit Leidenschaft in ihrem Job tätig. Die meisten sind nach ihrem Studium der Architektur, des Bauingenieurwesens oder der Wirtschaftswissenschaften direkt in die Verwaltung oder in die Politik gegangen, die wenigsten über den Umweg „Privatwirtschaft“ in ihr jetziges Amt gelangt. Die Besonderheit ihrer Aufgabe liegt wohl darin, Projekte zu entwickeln, die erst in ein paar Jahren realisiert werden, womöglich erst nach Beendigung ihrer Amtszeit. Andererseits führen sie Projekte aus, die andere schon vor Jahren beschlossen haben.

Es sind drängende Fragen unserer Gesellschaft, die bei den Urbanitätsexperten ganz oben auf den Aktenstapeln liegen. Die Themen sind vielfältig: Neben der Nachverdichtung durch einen immer stärkeren Zuzug in die Städte und einen sozial geförderten Wohnungsbau, der auf die Zunahme in prekären Verhältnissen lebender Menschen reagiert, sind es die energetische Sanierung von Bestandsbauten zur Schonung der Energieressourcen, barrierefreies Wohnen für eine alterne Gesellschaft und, last but not least, die Neuorganisation der Verkehrsnetze. Und, und, und ...

Höchst individuelle Praxis

Letzten Endes sind es die unterschiedlichen Ansätze und individuellen Problemlösungsverfahren, die ein Stadtplaner für seine Kommune entwickelt – und die in diesem Buch vorgestellt werden. Gleichwohl lassen sich Vergleiche ziehen.

Beispiel kommunale Liegenschaften. In Hanau haben die städtischen Planer – Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Martin Bieberle, der Leiter Stadtentwicklung und des Bürgerservice, durch den Verkauf des Marktplatzes neue Finanzquellen erschlossen und erhoffen sich damit eine Revitalisierung des Platzes durch ein neues Einkaufszentrum. Wenige Kilometer weiter, in Kelsterbach nahe des Frankfurter Flughafens, geht Bürgermeister Manfred Ockel ganz andere Wege: Er hat die Bundesstraße, die mitten durch die Ortschaft geht, einfach gekauft und sie zu einer Dreißiger-Zone umgestaltet, damit sie bei Stau auf der nahegelegenen Autobahn nicht mehr als Umleitung genutzt wird. Ob nun Privatisierung oder Verstaatlichung das Heil bringen werden, das Interessante bei diesen Ansätzen ist, dass sie von einer höchst individuellen Praxis zeugen. Auch Bielefeld ist dafür ein gutes Beispiel. Entgegen der üblichen stadtplanerischen Methode, die Dinge von „oben“ zu verordnen, also „top-down“ zu agieren, entschieden sich der örtliche Baudezernent Gregor Moss und seine Kollegen für ein „bottom-up“-Verfahren und fragten die Einwohner: „Wie wünscht ihr euch euren Marktplatz?“ Ergebnis ist ein multifunktionaler Platz mit Wochenmarkt und der größten Inlineskateanlage Deutschlands. „Ein bisschen Luxus in der Stadt“, so Moss, „für Bielefelder wie auch für unsere Besucher“.

Behörden sind nun mal nicht sexy

Es sind solche Beispiele, die es wert sind, das Buch aufzuschlagen, weil sie die Frage „Wer baut Deutschland?“ auf je eigene und konkrete Weise beantworten. Wie bei einem Mosaik bildet sich aus lauter einzelnen Steinchen eine Momentaufnahme der Stadtentwicklung in Deutschland, abseits der öffentlichen Bühne und der grellen Scheinwerfer der Medien, die meist nur auf die großen Namen gerichtet sind. Womit das Buch gegen alle Stereotype zeigt, wie verbeamtete Stadtplaner engagiert und ideenreich für ihre Gemeinde handeln und wirtschaften. Das Einzige, das man vermisst, ist das „Drumherum“, das, um das es hier geht: die Stadt. Auch hätte man sich einleitende Worte zum aktuellen Stand der Dinge und mehr Hintergrundinformationen gewünscht. Man muss mit der aktuellen Diskussion um die Stadtentwicklungspolitik vor Ort bereits vertraut sein oder zusätzlich recherchieren, will man die Tragweite einzelner Entscheidungen nachvollziehen und verstehen. Auch hätte die eine oder andere Stadtansicht oder das eine oder andere Foto der Plätze, von denen in den Interviews die Rede ist, gut getan und die Aufnahmen von Albrecht Fuchs ergänzt, die für sich genommen großartig, in der Zusammenstellung aber etwas zu sachlich wirken. Behörden sind aber nun mal nicht sexy. Weshalb sich „Wir bauen Deutschland“ weniger als Schmöker für Laien, denn als lehrreiche Lektüre für Experten in Sachen Stadtplanung empfiehlt.


Wir bauen Deutschland
Herausgeber: Daniel Arnold
Autoren: Peter Conradi, Werner Durth, Jeremy Gaines und Peter Götz
Hardcover mit Schutzumschlag, 272 Seiten, mit ca. 140 Abbildungen
Jovis Verlag, Berlin 2013
42 Euro
www.jovis.de
Kelsterbachs Bürgermeister Manfred Ockel, Foto © Albrecht Fuchs
Stefan Szuggat, Amtsleiter des Stadtplanungsamts in der Stadt Dresden, Foto © Albrecht Fuchs
Der örtliche Baudezernent Gregor Moss bindet in Bielefeld die Bevölkerung in stadtplanerische Angelegenheit ein. Foto © Albrecht Fuchs
Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Foto © Albrecht Fuchs
Bürgermeister, Planungs- und Baudezernent Olaf Cunitz, Foto © Albrecht Fuchs
Das Buch bietet in 40 Porträts Einblicke in die Arbeit der wirklichen Entscheider der Stadtentwicklung. Foto © jovis Verlag
Autor Dr. Jeremy Gaines führte zusammen mit Stefan Jäger die im Buch veröffentlichten Interviews. Foto © Marco Urban
News & Stories › 2013 › Oktober
Deutschland, deine Stadtverbesserer
von Martina Metzner | 18. Oktober 2013
Der Band „Wir bauen Deutschland“ porträtiert 40 Stadtentwickler, die in Behörden und politischen Ämtern tätig sind. Ein ungewöhnlicher und längst überfälliger Blick hinter die Kulissen institutioneller Stadtplanung.
Ob U-Bahnhöfe oder Brücken, Spielplätze oder Straßenkreuzungen, Neubausiedlungen oder Naherholungsgebiete, allzu oft nehmen die Bewohner einer Stadt als selbstverständlich hin, was in ihrer Umgebung gebaut wird. Erst wenn der Schuh drückt, beteiligen sich Bürger aktiv, gehen gegen hohe Mietpreise auf die Straße oder richten, wie bei „Stuttgart 21“ gar Protestcamps ein, um ein Bauvorhaben zu verhindern. Dann fühlt sich so mancher „falsch“ vertreten und mutiert zum „Wutbürger“. Die Schelte an Planern und Beamten beginnt, nicht selten angeheizt durch die Presse. Dass in Gemeinderäten, Baudezernaten und anderen Abteilungen der Stadtverwaltung engagierte Menschen gibt, die sich professionell für eine bessere Zukunft ihrer Stadt einsetzen und unter den jeweiligen Bedingungen den bestmöglichen Konsens suchen, wird eher selten wahrgenommen und dargestellt.

„Wir bauen Deutschland“ wagt einen Blick hinter die Kulissen: Der Herausgeber Daniel Arnold, Vorstand der Deutschen Reihenhaus AG, will mit der Publikation aufzeigen, wer die Entscheidungsträger, die Entwickler und Förderer der Städte sind, die Tag für Tag lautlos und von der Öffentlichkeit unbeachtet in ihren Amtsstuben über Plänen brüten, Bauaufträge erteilen und dabei den manchmal schwierigen Spagat zwischen Politik und Bürgerwillen schaffen.

Bunt und pluralistisch – ein Abbild der Republik

Herausgekommen ist ein 270 Seiten starkes Kompendium, das 40 Experten in Sachen Stadtentwicklung in Interviews porträtiert. Quer durchs ganze Land sind Werner Durth und Jeremy Gaines gefahren, um mittels eines standardisierten Fragebogens die unterschiedlichsten Amtsträger zu Wort kommen zu lassen: Bürgermeister kleiner Kommunen, Stadträte und Senatoren größerer Städte, Beamte in Bauämtern aus Ost und West, Süd und Nord. Die Zusammenstellung ist pluralistisch, zuweilen bunt und schafft ein damit ein Abbild der Republik.

Alle Porträts lassen erkennen: Sie alle sind mit Leidenschaft in ihrem Job tätig. Die meisten sind nach ihrem Studium der Architektur, des Bauingenieurwesens oder der Wirtschaftswissenschaften direkt in die Verwaltung oder in die Politik gegangen, die wenigsten über den Umweg „Privatwirtschaft“ in ihr jetziges Amt gelangt. Die Besonderheit ihrer Aufgabe liegt wohl darin, Projekte zu entwickeln, die erst in ein paar Jahren realisiert werden, womöglich erst nach Beendigung ihrer Amtszeit. Andererseits führen sie Projekte aus, die andere schon vor Jahren beschlossen haben.

Es sind drängende Fragen unserer Gesellschaft, die bei den Urbanitätsexperten ganz oben auf den Aktenstapeln liegen. Die Themen sind vielfältig: Neben der Nachverdichtung durch einen immer stärkeren Zuzug in die Städte und einen sozial geförderten Wohnungsbau, der auf die Zunahme in prekären Verhältnissen lebender Menschen reagiert, sind es die energetische Sanierung von Bestandsbauten zur Schonung der Energieressourcen, barrierefreies Wohnen für eine alterne Gesellschaft und, last but not least, die Neuorganisation der Verkehrsnetze. Und, und, und ...

Höchst individuelle Praxis

Letzten Endes sind es die unterschiedlichen Ansätze und individuellen Problemlösungsverfahren, die ein Stadtplaner für seine Kommune entwickelt – und die in diesem Buch vorgestellt werden. Gleichwohl lassen sich Vergleiche ziehen.

Beispiel kommunale Liegenschaften. In Hanau haben die städtischen Planer – Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Martin Bieberle, der Leiter Stadtentwicklung und des Bürgerservice, durch den Verkauf des Marktplatzes neue Finanzquellen erschlossen und erhoffen sich damit eine Revitalisierung des Platzes durch ein neues Einkaufszentrum. Wenige Kilometer weiter, in Kelsterbach nahe des Frankfurter Flughafens, geht Bürgermeister Manfred Ockel ganz andere Wege: Er hat die Bundesstraße, die mitten durch die Ortschaft geht, einfach gekauft und sie zu einer Dreißiger-Zone umgestaltet, damit sie bei Stau auf der nahegelegenen Autobahn nicht mehr als Umleitung genutzt wird. Ob nun Privatisierung oder Verstaatlichung das Heil bringen werden, das Interessante bei diesen Ansätzen ist, dass sie von einer höchst individuellen Praxis zeugen. Auch Bielefeld ist dafür ein gutes Beispiel. Entgegen der üblichen stadtplanerischen Methode, die Dinge von „oben“ zu verordnen, also „top-down“ zu agieren, entschieden sich der örtliche Baudezernent Gregor Moss und seine Kollegen für ein „bottom-up“-Verfahren und fragten die Einwohner: „Wie wünscht ihr euch euren Marktplatz?“ Ergebnis ist ein multifunktionaler Platz mit Wochenmarkt und der größten Inlineskateanlage Deutschlands. „Ein bisschen Luxus in der Stadt“, so Moss, „für Bielefelder wie auch für unsere Besucher“.

Behörden sind nun mal nicht sexy

Es sind solche Beispiele, die es wert sind, das Buch aufzuschlagen, weil sie die Frage „Wer baut Deutschland?“ auf je eigene und konkrete Weise beantworten. Wie bei einem Mosaik bildet sich aus lauter einzelnen Steinchen eine Momentaufnahme der Stadtentwicklung in Deutschland, abseits der öffentlichen Bühne und der grellen Scheinwerfer der Medien, die meist nur auf die großen Namen gerichtet sind. Womit das Buch gegen alle Stereotype zeigt, wie verbeamtete Stadtplaner engagiert und ideenreich für ihre Gemeinde handeln und wirtschaften. Das Einzige, das man vermisst, ist das „Drumherum“, das, um das es hier geht: die Stadt. Auch hätte man sich einleitende Worte zum aktuellen Stand der Dinge und mehr Hintergrundinformationen gewünscht. Man muss mit der aktuellen Diskussion um die Stadtentwicklungspolitik vor Ort bereits vertraut sein oder zusätzlich recherchieren, will man die Tragweite einzelner Entscheidungen nachvollziehen und verstehen. Auch hätte die eine oder andere Stadtansicht oder das eine oder andere Foto der Plätze, von denen in den Interviews die Rede ist, gut getan und die Aufnahmen von Albrecht Fuchs ergänzt, die für sich genommen großartig, in der Zusammenstellung aber etwas zu sachlich wirken. Behörden sind aber nun mal nicht sexy. Weshalb sich „Wir bauen Deutschland“ weniger als Schmöker für Laien, denn als lehrreiche Lektüre für Experten in Sachen Stadtplanung empfiehlt.


Wir bauen Deutschland
Herausgeber: Daniel Arnold
Autoren: Peter Conradi, Werner Durth, Jeremy Gaines und Peter Götz
Hardcover mit Schutzumschlag, 272 Seiten, mit ca. 140 Abbildungen
Jovis Verlag, Berlin 2013
42 Euro
www.jovis.de