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Die Konstruktion des Fortschritts
von Peter Sägesser | 11. November 2009
Will man mit der Eisenbahn in die Ukraine einreisen, braucht man Geduld. Die Spurweite der Bahn ist hier eine andere als in den westlich benachbarten Ländern. An der Grenze werden die Drehgestelle von den Wagen gelöst, mit Hebeböcken angehoben und weggerollt. Der ganze Zug schwebt dabei zwei Meter über dem Boden. Sobald die ukrainischen Drehgestelle unter den Wagen platziert sind, werden diese wieder abgesenkt. Das Ganze dauert etwa eine Stunde.

Achtzig Kilometer hinter der polnischen Grenze liegt Lemberg (ukrainisch Lwiw) und gefühlsmäßig sind es tausend Kilometer bis Kiew. Während in der neureichen ukrainischen Hauptstadt Strassen und Plätze im Stadtzentrum mit großen, teuren Autos verstopft sind, riesige Werbeplakate an den Fassaden hängen und sozialistische Zuckerbäckerarchitektur dominiert, spürt man in Lemberg eine ganz andere Stimmung. Die Altstadt von Lemberg - ein Unesco-Weltkulturerbe - ist größtenteils verkehrsfrei, das Leben scheint um einiges ruhiger und die Menschen entspannter. Für Westukrainer ist Lemberg die eigentliche Hauptstadt der Ukraine. Sie ist das wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentrum der alten Region Galizien.

Ein großer Platz, der Rynok, bildet das Zentrum der Altstadt. Rund herum stehen stattliche Bürgerhäuser, die zum Teil aufwendig renoviert wurden. Kaum zweigt man aber vom Platz in die umgebenden Gassen ab, fühlt man sich Jahrzehnte zurückversetzt. Man spürt die Geschichte der Stadt, welche vor allem von Polen, Deutschen, Ukrainer, Armenier und Juden geprägt wurde. Heute leben in der Stadt vor allem Ukrainer. An einigen Hausfassaden alter Geschäftslokale findet man noch verblasste Inschriften in Deutsch und Jiddisch. Auf verschiedenen Plätzen in der Altstadt finden immer wieder Märkte statt. Neben sowjetischem Kitsch und ukrainischem Handwerk gibt es dort auch Schallplatten mit polnischem Jazz aus den siebziger Jahren.

Ein Kleinod aus vergangenen Zeiten ist das Hotel George am Swobody Prospekt. Beim Betreten des Foyers fühlt man sich in die österreichisch-ungarische kuk-Monarchie zurückversetzt. Eine breite Treppe führt in die Schlafgeschosse. Jugendstilelemente zieren das Treppengeländer. Die Zimmer sind riesig und haben zum Teil Balkon. Der große Kühlschrank rattert ziemlich laut, aber da er sowieso leer ist, kann man ihn getrost abschalten, außer man kauft sich auf dem Markt die ukrainische Spezialität „Salo". Angeblich würden die ukrainischen Männer eher auf Sex als auf Salo verzichten wollen. Salo ist in Kräutern und Salz eingelegter Speck und schmeckt wunderbar als dünne Scheiben auf frischem Brot. Das Hotel wurde angeblich verkauft, soll renoviert und zu einem Fünf-Sterne-Hotel ausgebaut werden. Hoffentlich geht dabei der Charme der Geschichte nicht verloren.

Von Lemberg fährt man mit dem Zug neunzehn Stunden, bis man am östlichen Ende der Ukraine Charkiw (russisch Charkow) erreicht. In der Bahnhofshalle wird man von einem riesigen Samowar empfangen. Tee trinkend betrachtet der Reisende die Deckenbilder, auf denen Szenen aus dem sowjetischen Arbeitsalltag dargestellt sind: Stahlarbeiter, Helden der Arbeit oder Mähdrescherfahrer.

Am unteren Ende des weiten Bahnhofsplatzes fällt sofort ein weißes Gebäude mit Turm und großen, fein unterteilten Fensterflächen auf. Das Haus der Post wurde 1928 von Arkadi Mordwinow entworfen. Das Gebäude erinnert in seiner funktionalistischen Gestaltung eher an eine Fabrik als an ein öffentliches Gebäude. Je nach Licht, scheint sich das Gebäude ganz in Decken und Stützen aufzulösen.

Am größten Platz Europas steht zwischen den Bauten im sozialistisch-realistischen Stil das Haus der staatlichen Industrie. Eigentlich besteht der von den Architekten Serafimow, Felger und Kawez von 1925 bis 1928 gebaute Komplex aus mehreren, mit Brücken verbunden Bürotürmen. Auch hier haben die Architekten das Volumen in seine Konstruktionsteile - Pfeiler, Decken, Unterzüge - aufgelöst. Das Gebäude wirkt um einiges moderner, als die 25 Jahre später entstandenen Nachbarbauten aus der Stalinzeit. Nach dem Tod Stalins 1953 wandte sich auch die Architektur vom sozialistisch-realistischen Stil ab. Die U-Bahn in Charkiw zeugt vom Fortschrittsglauben, der zu jener Zeit auch in dieser Stadt herrschte.

Weitere Informationen zur Architektur in Lemberg und Charkiw: www.ostarchitektur.com
Hotel George in Lemberg
Kaufhausruine in Lemberg
Lampen in der U-Bahn von Charkiv
Postamt von Charkiv
Haus der staatlichen Industrie in Charkiv
Lytschakiwski n Lemberg
Die Altstadt von Lemberg; Alle Fotos: Peter Sägesser
Salo Speck in einem Biergarten in Lemberg
Deckenbilder des Bahnhofs in Charkiv
Zirkus in Lemberg
Haus der staatlichen Industrie in Charkiv
Metschnikowa Strasse in Lemberg