transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369373_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Die Reise zu den Dingen
12. Juli 2010
Insgesamt 166 Einsendungen aus dreizehn Ländern hatten sich um den Designpreis Halle 2010 beworben. Eine Ausstellung stellte neunzehn der eingesandten und von der Jury nominierten Arbeiten in einem historischen Straßenbahndepot vor, das einzig mit UV-Licht beleuchtet wurde. Jurymitglied Thomas Edelmann sprach mit dem Kurator Vincenz Warnke.

Die Burg Giebichenstein in Halle an der Saale gehört zu den traditionsreichsten künstlerischen Ausbildungsstätten in Deutschland. Wie kam es zu der Idee, in Halle einen internationalen Designpreis ins Leben zu rufen?

Vincenz Warnke: Der Designpreis Halle bietet den Ideen junger Gestalter ein Forum und initiiert gleichzeitig einen Dialog zwischen Universität und Wirtschaft, der die Bildung von Netzwerken fördert und darüber hinaus die gestalterische Auseinandersetzung mit Fragestellungen der Zukunft befruchtet.

Der Designpreis Halle fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Nach „Strom" 2007 haben Sie sich diesmal für „Reisen" entschieden. Wie kommen diese Themen zustande?

Warnke: Die Beweggründe sind naheliegend: Da jeder gern reist, wird das gewählte Thema viele Menschen gleichermaßen inhaltlich wie emotional ansprechen; das schließt sowohl die Bewerber für den Wettbewerb als auch die Ausstellungsbesucher ein. Das Reisen vermag in seiner unterschiedlichen Ausprägung - als Urlaubs-, Bildungs-, Geschäfts- oder Pilgerreise, als Forschungsexpedition oder gar als virtuelle Reise - vielfältige gestalterische Herangehensweisen und Fragestellungen aufzuwerfen. Neunzehn mögliche Antworten auf einige dieser Fragen wurden von der Jury ausgewählt, haben Gestalt in Form von Modellen und Prototypen angenommen und wurden ausgestellt. Die Vielfalt der eingereichten Entwürfe bezeugt, dass das diesmalige Thema für junge Gestalter von hoher Relevanz ist.

Nach einem ehemaligen Umspannwerk, haben Sie diesmal ein altes Straßenbahndepot ausgewählt, in dem historische Straßenbahnen restauriert und ausgestellt werden. Ist die Fahrt mit der Straßenbahn für Sie eine Reise besonderer Art?

Warnke: Eigentlich nicht, ich habe zugegebenermaßen sogar ein wenig Angst vor ihnen, zumindest wenn ich zu Fuß oder mit dem Rad hier in Halle unterwegs bin. Ich komme aus Hamburg, da gibt's die Straßenbahn schon lange nicht mehr. Allerdings großartig war die Fahrt durch die ganze Stadt mit allen Ausstellern zur Preisverleihung in einem alten Triebwagen. Da sind wir alle so richtig durchgerüttelt worden. Bei jeder Abbiegung wurden für uns sogar die Weichen per Hand umgestellt. Das hat mir schon sehr gefallen! Die historischen Straßenbahnen haben viele gestalterische Details, die sich in den zeitgenössischen Bahnen kaum noch finden.

Diesmal ist es nicht ganz einfach, die ausgestellten Arbeiten der Preisträger zu ergründen, den Besuchern der Ausstellung wurde einiges abverlangt. Denn das Straßenbahndepot wurde nur mit UV-Licht beleuchtet. Zusammen mit Ihrem Team haben Sie mehrere Kilometer Leuchtklebeband und leuchtenden Draht gespannt. Die einzelnen Objekte sind entweder an Computer-Bildschirmen oder in kleinen Vitrinen in den historischen Straßenbahnen zu sehen, beleuchtet von LED-Taschenlampen. Weshalb gehört das für Sie zum Konzept?

Warnke: Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, sich mit Neugier in eine Ausstellung zu begeben. Ganz bewusst sind die Objekte des Wettbewerbs in die alten Wagen inszeniert und kontrastierend eingebettet in ein Interieur vergangener Tage. Denn so gegenübergestellt, ergeben sich immer wieder spannungsvolle und neue gestalterische Bezüge. Gerade weil die Besucher sich zunächst in einer „Black box" wiederfinden und nicht alles auf einen Blick sehen können, sind Aufmerksamkeit und Interesse gefordert. Ein Besucher schrieb, dass man „wie bei einer Reise" am Anfang erstmal desorientiert in dem fast lichtleeren Raum ist und sich letztlich aber ein „Raumgefühl" entwickelt. Diese „Reise in die Dunkelheit" verlangt, dass man sich Zeit lässt, um zu erkennen. Sie verlangt, dass man sich langsam vortastet, sich auf die Arbeiten einlässt und sie mit allen Sinnen erlebt.

Die Preisträgerarbeiten gehen mit dem gestellten Thema frei um. Der in Israel geborene und an der Design Academy Eindhoven ausgebildete Guy Königstein erzählt in dem Kurzfilm „Die Rückreise" die Geschichte seiner Familie. Der zweitplazierte Erik de Nijs aus Utrecht verbindet ungewöhnlich dekorierte Rollkoffer zu einer mobilen Sitzlandschaft. Eine konzeptuelle Arbeit aus Dortmund ironisiert vermeintlich deutsche Reisegewohnheiten im Ausland. Wenn man die Ergebnisse des Designpreis Halle betrachtet, könnte man meinen, die traditionellen Tugenden des Designs seien heute weniger gefragt. Gibt es bei jungen Designern eine Abwendung vom Objekt, vom realistischen Produktentwurf?

Warnke: Wenn wir schon von Tendenzen sprechen: Die Eigenheit, alle Objekte partout mit Verzierungen zu versehen, scheint in letzter Zeit abgeebbt. Dass beim Designpreis Halle weniger Entwürfe eines traditionellen technischen Designs eingehen, mag damit zu tun haben, dass die Ausschreibung absichtlich sehr offen und frei formuliert ist. Es kann aber eine durchdachte und gut ausgearbeitete konzeptuelle Arbeit, bei der nicht ein perfektes verkaufbares Produkt im Vordergrund steht, genauso relevant sein wie etwa eine qualitativ anspruchsvolle Bohrmaschine mit intelligenten neuen Ideen. Ich möchte so etwas gar nicht ausschließen. Dass es Strategien der Designer gibt, sich mit der fix und fertig gestalteten Welt ironisch und kritisch auseinanderzusetzen, finde ich gut. Vor allem aber zählt Qualität. Um die zu erkennen, braucht man eine aufgeschlossene Jury, die nicht mit vorgefertigten Urteilen operiert, sondern engagiert und offen diskutiert.

Der zweisprachige Katalog „Designpreis Halle 2010 - Reisen" kann für acht Euro bei folgender Adresse bestellt werden:
info@designpreis-halle.de

www.designpreis-halle.de
Ausstellungsansicht Designpreis Halle
Erster Preis, Video "Die Rückreise" von Guy Königstein
Nomad’s Wardrobe von Matthias Baumecker
Reisemobil „Francis Drake“ von Sven Haertel
Pappkoffer, mit dem die Studierende der Fachhochschule Dortmund ihre Entwürfe nach Halle schickten.
Reisetasche „Helene Kurágina“ von Susan Krieger, Lydia in Sankt Petersburg
Do Geography – Zwischenraumkarten von Julia Rommel
Historisches Straßenbahndepot in Halle/Saale
Ausstellungsansicht Designpreis Halle
Tragesystem „T1“ von Maria Boddin
Zweiter Preis, Suited Case von Erik De Nijs
Textile Flächen für die Transsibirische Eisenbahn von Katharina Jebsen
Der Stuhlschal von Johanna Richter