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Die Spaß-Theorie
von Thomas Wagner | 5. Februar 2010
Bleiben wir zur Abwechslung einmal optimistisch und gehen wir davon aus, der Mensch sei lernfähig und lasse sich motivieren, seine Gewohnheiten, die wie ein Wackerstein an ihm hängen, zu ändern - selbst wenn spätestens TV-Soaps, Fastfood und Klimaerwärmung einen in dieser Hinsicht skeptisch stimmen mögen. Aber gut, vertrauen wir dem Potenzial unser Gattung. Dann bleibt zumindest noch die Frage, wie der Mensch am besten dazu gebracht werden kann, etwas Sinnvolles zu tun. Abgesehen davon, dass man, wenn es klappt, trotzdem nicht wirklich weiß, welche Folgen das neue Verhalten zeitigt. Aber Schluss mit dem Zweifeln. Schließlich beschreitet man in Schweden derzeit neue Wege.

Der Mensch, so unterstellt die so genannte „Spaß-Theorie", ändert sein Verhalten, wenn ihm sein neues mehr Spaß macht als sein altes. Klingt gut. Und wird sogleich demonstriert. Kann man Leute dazu bringen, statt der Rolltreppe die normale Treppe zu benutzen, sich also mehr zu bewegen? Man kann, jubelt der Optimist, und verwandelt die schnöden Treppenstufen in etwas Ähnliches wie die Tasten eines Klaviers. Fortan ist jeder Schritt ein Ton, jeder Gang eine Melodie. Endlich macht alles Spaß. Prima.

Aber, denkt sich der Pessimist, was für eine Treppe gilt, gilt noch lange nicht für alles andere, und wäre jede Treppe ein Instrument, der zusätzliche Lärm in den Städten wäre schon bald unerträglich. Und: Was ist am fünften oder am siebzehnten Tag? Eben. Auch an Spaß gewöhnt man sich. Und dann wird, was eben noch interessant schien, mit einem Mal langweilig. Also nimmt man wieder die Rolltreppe.

Auf der entsprechenden Website, die obendrein dazu auffordert, ähnliche Vorschläge einzureichen, lesen wir: „Diese Seite ist dem Gedanken gewidmet, das etwas so Schlichtes wie Spaß der einfachste Weg ist, um das Verhalten der Menschen zu Besseren hin zu verändern. Sei es für einen selbst, für die Umwelt oder für etwas ganz anderes - das einzige, was zählt, ist, dass eine Veränderung zum Besseren eintritt."
Auch finden sich noch zwei weitere Anwendungsbeispiele der Theorie, auch sie ebenso nett wie schnell vergänglich. Das eine Mal wird aus einem doofen Flaschencontainer eine Art Slotmaschine, das andere Mal simuliert ein banaler Papierkorb im Park, was man hineinwerfe, falle und falle und falle, bis es mit einem Knall in der Tiefe angekommen ist. Beides macht ganz offensichtlich Spaß, beides macht neugierig und bringt den unterstellten Erfolg - zumindest für den Moment. Und alles ist nichts als Werbung - für „Das Auto", sprich: für Volkswagen.

Was also, so fragt man sich, ist dran an der Möglichkeit der Veränderung des Menschen durch mehr Spaß, und weshalb wird daraus eine Werbekampagne? Gegen Spaß wird doch keiner etwas haben? Wenn in der Nachkriegszeit die Vertreter der „Guten Form" darauf hofften, durch den Gebrauch ansprechend und gut gestalteter Dinge ließe sich im Menschen ein ästhetisches Bewusstsein schaffen, so geschah das in moralischer Absicht. Es war ein Stück Erziehung mittels eines guten Beispiels. Heute indes darf auch Erziehung nur dann stattfinden, wenn sie Spaß macht. So nett und erfolgreich solch spielerische Aktionen auch sein mögen, das meiste, was sich ändern muss, macht keinen Spaß. Spaß ist eben nicht alles. Außerdem wird es auf Dauer wohl kaum darum gehen können, mit dem Argument, es mache Spaß, für eine Veränderung des Verhaltens zu werben, das Produkt, das Auto, aber außen vor zu lassen. „Spaß am Fahren" ist kein neuer, sondern ein überholter gesellschaftlicher Wert.

Und so haben die Verfechter der Spaß-Theorie am Ende nicht einmal Friedrich Schiller, den Urheber einer ästhetischen Erziehung des Menschen, auf ihrer Seite. Schiller glaubte zwar, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt", doch meinte er mit Spiel gerade nicht die Instrumentalisierung des Spielens durch Werbung und Marketing.
Aber klar, Spaß muss sein. Wenigstens in der Werbung. Womit die Nutzlosigkeit von Werbung ebenso bewiesen wäre wie die Unmöglichkeit, dass diese ihr Verhalten ändert. Oder, wie Kurt Tucholsky sagt: „Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören." Dabei wollten wir doch optimistisch bleiben. Vielleicht versuchen wir es mal mit der Vernunfttheorie. Auch das kann Spaß machen.

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