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Die Stadt als gebauter Wald
12. Mai 2011
Sou Fujimoto, Foto: David Vintiner

Im Jahr 2008 erregte das Buch „Primitive Future" des jungen japanischen Architekten Sou Fujimoto die Aufmerksamkeit von Designern und Architekten in Europa, denn eines der vorgestellten Projekte ähnelte dem „VitraHaus“ von Herzog & de Meuron. Das Projekt mit der Bezeichnung „Tokyo Apartment“ ist eine Art Mehrfamilienhaus. Fünf Wohneinheiten, jede von ihnen ein eigenständiges kleines Haus, sind aufeinandergestapelt und in unterschiedliche Richtungen ausgerichtet. „Primitive Future House“, ein weiterer Entwurf von Sou Fujimoto, wurde 2010 von der Kuratorin der 12. Architekturbiennale, Kazuyo Sejima, für die Ausstellung ausgewählt. Indem er unterschiedliche Geschosshöhen mit einer Differenz von 35 Zentimetern übereinander schichtete, sprengte er die konventionelle Syntax von Wand und Decke und gestaltete so unterschiedliche Räume mit vielfältigen Chiaroscuro-Effekten. Ayako Kamozawa hat mit Sou Fujimoto über seine Arbeit gesprochen.

Ayako Kamozawa: Was hat Sie veranlasst, Architekt zu werden?

Sou Fujimoto: Als ich in der Grundschule war, las ich ein Buch meines Vaters über Gaudí und stellte fest, dass es bei Architektur nicht nur um Bauen geht, sondern darum, kreativ zu werden. Ich mochte auch Physik und als ich an der Highschool war, las ich eine Biografie über Einstein. Ich fand ihn toll, weil er ein Erfinder war, der futuristische Ideen formuliert und bestehende Dinge infrage gestellt hat. Meine Helden, die Beatles, haben das Gleiche in der Welt der Musik getan. Leider konnte ich nicht Physiker oder Musiker werden. Deshalb habe ich beschlossen, Architektur zu studieren, obwohl ich zu dem Zeitpunkt weder Mies van der Rohe noch Le Corbusier und nicht mal Tadao Ando gekannt habe.

Nachdem Sie 1994 Ihren Abschluss an der Universität in Tokio gemacht hatten, gründeten Sie Ihr eigenes Büro. Dann haben Sie verschiedene Projekte in Angriff genommen, darunter ein Krankenhaus, Privathäuser und eine Bibliothek. Man sagt, dass man in Ihren Arbeiten unterschiedliche Stile oder Gestaltungsansätze erkennen kann. Worin liegt der gemeinsame Nenner?

Fujimoto: Bevor ich mein eigenes Büro gegründet habe, las ich viele Bücher über Naturwissenschaften, weil ich dachte, dass sich die Methode, wie man eine Ordnung herstellt, am Ende des 20. Jahrhunderts geändert hätte. Und dass sich, wenn sich diese grundlegende Methode geändert hätte, der Stil von Architektur zwangsweise auch ändern würde. An den unterschiedlichen Stilrichtungen an sich war ich nicht so stark interessiert. Viel wichtiger war für mich, die Beziehung zwischen Architektur und Mensch neu zu überdenken – im Hinblick darauf, eine neue architektonische Ordnung zu finden.

In welcher Weise hat sich die Architektur Ihrer Ansicht nach verändert?

Fujimoto: Vor knapp hundert Jahren gab es einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel, der von Modernisten wie Mies van der Rohe und Le Corbusier initiiert wurde. Sie propagierten den Funktionalismus, nach dem jedes Ding nur eine Bedeutung hat. Aller überflüssige Ballast, der in dem enormen Wohlstand des Menschen wurzelt, wurde über Bord geworfen. Aber wäre es nicht auch interessant, wenn ein Ding verschiedene Bedeutungen hätte? Diesen Faktor der Mehrdeutigkeit finden wir auch in der typisch japanischen Ambiguität wieder. Japanische Gärten sind ein gutes Beispiel für diese Vielschichtigkeit; sie sind aus zu vielen Ebenen komponiert, als dass man sie wirklich verstehen könnte. Aber es wäre schön, wenn man einige der komplexen Strukturen wahrnehmen könnte, während man durch den Garten spaziert.

Steigert diese Mehrdeutigkeit das Interesse der westlichen Welt an zeitgenössischer japanischer Architektur?

Fujimoto: Ich glaube, es sind verschiedene Umstände, die es japanischen Architekten erlauben, extreme Gebäude zu schaffen. Die Bauvorschriften sind weniger streng als in den meisten westlichen Ländern. Deshalb ziehen diese extremen Gebäude so viel Aufmerksamkeit auf sich, aber ich finde es langweilig, wenn Leute sich nur für etwas interessieren, weil es sonderbar ist, so wie beim Japonismus. Japanische Architektur sollte aus dieser Sackgasse herauskommen. Kazuyo Sejima ist anders. Wenn sie etwas entwirft, und sei es nur ein Wohnhaus, betrachtet sie die Dinge aus einem völlig anderen Blickwinkel, durch den die Dinge auf ihren Kern, ihre Substanz reduziert werden. Es ist eine Perspektive, die zuvor noch niemand eingenommen hat. Ihre Arbeit stellt uns nicht nur praktische Methoden des Bauens vor, sondern verändert auch unsere Denkweise. Ich muss zugeben, dass sie mich so stark beeinflusst hat wie niemand sonst. Ich war einfach nur überwältigt, als ich ihr Rolex Learning Center in Zeitschriften abgebildet sah.

Glauben Sie, dass junge japanische Architekten sich durch die Arbeiten von Sejima verändert haben?

Fujimoto: Auch wenn wir es nicht gerne zugeben, so werden wir doch alle als Anhänger ihrer „Schule“ betrachtet. Dessen ungeachtet versuche ich mich ihrem Einfluss zu entziehen. Für mich ist ihr Stil zu klar, zu organisiert, ein Ansatz, der sie noch immer zu einer Modernistin macht. Ich bevorzuge eine komplexere Architektur. Kürzlich habe ich mit der Idee gespielt, wie sich die Komplexität ausdrücken lassen könnte, die Städten und Wäldern auf natürliche Weise innewohnt. Ich konnte diese Komplexität mithilfe einer neuen Ordnung darstellen. Als ich den Entwurf für die New Library und das Museum der Musashino Art University anfertigte, versuchte ich diese als Bücherwald zu konzipieren, indem ich zum Beispiel die Bücherregale in einer deformierten Spiralform anordnete. Dann entdeckte ich, dass ich beim Flanieren durch die Bibliothek nicht aufhören konnte, das gesamte Gebäude in all seinen Details zu erforschen. Ein faszinierendes Gefühl.

Bei Ihrer Ausstellung in Tokio 2010 stellten Sie den Wald als eines von drei Elementen dar, mit denen sich die Zukunft der Architektur in Tokio ausdrücken lässt.

Fujimoto: Im Allgemeinen haben sich Städte über eine lange Zeit hinweg entwickelt, die Hunderte von Jahren dauerte. Immer dann, wenn Architekten einer Stadt etwas Neues hinzufügen, zerstört dies tendenziell das, was zuvor Schritt für Schritt akkumuliert wurde, zum Beispiel Schichten von Information, Spuren der Geschichte einer Stadt und des kollektiven Gedächtnisses der Menschen, die darin leben. Architekten können das nicht verhindern. Tokio ist in dieser Hinsicht allerdings duldsam. Die Stadt ist chaotisch und man kann sich in ihr wohlfühlen. In diesem Zusammenhang vergleiche ich Tokio mit einem Wald, der sich zwischen den Polen Ordnung und Chaos bewegt. Er kann Initiator für ein neues räumliches Informationsmodell sein. Ich zeigte Architekturmodelle und Entwürfe meiner Arbeit in einem kleinen Raum der Ausstellung. Sie wurden auf unterschiedlichen Ebenen gezeigt. Einige hingen von der Decke, andere an der Wand. Der ganze Raum war vollgestopft mit Objekten und man fühlte sich, als würde man im Wald unter Bäumen entlanggehen. Natürlich hatte ich die Objekte in einer logischen Reihenfolge angeordnet und auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Objekten hatten eine Bedeutung. Aber der Abstand zwischen den Objekten war so klein, dass die Besucher sich buchstäblich hindurchschlängeln mussten. Diese Erfahrung könnte den Besuchern vielleicht geholfen haben, den inneren Bereich meiner Architektur zu verstehen.

Sou Fujimoto und die Architekten des dänischen Büros Adept haben den Wettbewerb für die Gestaltung einer neuen Bibliothek für den Dalarna University Campus in Schweden gewonnen. Es ist das erste öffentliche Gebäude in Europa, das Fujimoto realisieren wird.

House N (2008) by Sou Fujimoto. Indem ein paar Wände hintereinander geschichtet werden, verschwimmen die Grenzen zwischen Innen und Außen. Foto: Iwan Baan
Tokyo Apartment (2006-2009), Foto: Daici Ano
Primitive Future House (2001). Das Modell wurde zur Architekturbiennale 2010 in Venedig gezeigt. Foto: Yasuhiro Takagi
New Library and Museum of Musashino Art University (2007-2010). Foto: Daici Ano
Architektur › 2011 › Mai
Die Stadt als gebauter Wald
12. Mai 2011
Durch die letzte Architekturbiennale wurde eine neue Generation von japanischen Architekten in Europa bekannt. Zu ihnen zählt Sou Fujimoto, der bisher mit dem „Tokyo Apartment“ und dem „Primitive Future House“ von sich reden machte. Ayako Kamozawa traf Sou Fujimoto in Tokio und sprach mit ihm über seine Vorstellung von Ordnung.
Im Jahr 2008 erregte das Buch „Primitive Future" des jungen japanischen Architekten Sou Fujimoto die Aufmerksamkeit von Designern und Architekten in Europa, denn eines der vorgestellten Projekte ähnelte dem „VitraHaus“ von Herzog & de Meuron. Das Projekt mit der Bezeichnung „Tokyo Apartment“ ist eine Art Mehrfamilienhaus. Fünf Wohneinheiten, jede von ihnen ein eigenständiges kleines Haus, sind aufeinandergestapelt und in unterschiedliche Richtungen ausgerichtet. „Primitive Future House“, ein weiterer Entwurf von Sou Fujimoto, wurde 2010 von der Kuratorin der 12. Architekturbiennale, Kazuyo Sejima, für die Ausstellung ausgewählt. Indem er unterschiedliche Geschosshöhen mit einer Differenz von 35 Zentimetern übereinander schichtete, sprengte er die konventionelle Syntax von Wand und Decke und gestaltete so unterschiedliche Räume mit vielfältigen Chiaroscuro-Effekten. Ayako Kamozawa hat mit Sou Fujimoto über seine Arbeit gesprochen.

Ayako Kamozawa: Was hat Sie veranlasst, Architekt zu werden?

Sou Fujimoto: Als ich in der Grundschule war, las ich ein Buch meines Vaters über Gaudí und stellte fest, dass es bei Architektur nicht nur um Bauen geht, sondern darum, kreativ zu werden. Ich mochte auch Physik und als ich an der Highschool war, las ich eine Biografie über Einstein. Ich fand ihn toll, weil er ein Erfinder war, der futuristische Ideen formuliert und bestehende Dinge infrage gestellt hat. Meine Helden, die Beatles, haben das Gleiche in der Welt der Musik getan. Leider konnte ich nicht Physiker oder Musiker werden. Deshalb habe ich beschlossen, Architektur zu studieren, obwohl ich zu dem Zeitpunkt weder Mies van der Rohe noch Le Corbusier und nicht mal Tadao Ando gekannt habe.

Nachdem Sie 1994 Ihren Abschluss an der Universität in Tokio gemacht hatten, gründeten Sie Ihr eigenes Büro. Dann haben Sie verschiedene Projekte in Angriff genommen, darunter ein Krankenhaus, Privathäuser und eine Bibliothek. Man sagt, dass man in Ihren Arbeiten unterschiedliche Stile oder Gestaltungsansätze erkennen kann. Worin liegt der gemeinsame Nenner?

Fujimoto: Bevor ich mein eigenes Büro gegründet habe, las ich viele Bücher über Naturwissenschaften, weil ich dachte, dass sich die Methode, wie man eine Ordnung herstellt, am Ende des 20. Jahrhunderts geändert hätte. Und dass sich, wenn sich diese grundlegende Methode geändert hätte, der Stil von Architektur zwangsweise auch ändern würde. An den unterschiedlichen Stilrichtungen an sich war ich nicht so stark interessiert. Viel wichtiger war für mich, die Beziehung zwischen Architektur und Mensch neu zu überdenken – im Hinblick darauf, eine neue architektonische Ordnung zu finden.

In welcher Weise hat sich die Architektur Ihrer Ansicht nach verändert?

Fujimoto: Vor knapp hundert Jahren gab es einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel, der von Modernisten wie Mies van der Rohe und Le Corbusier initiiert wurde. Sie propagierten den Funktionalismus, nach dem jedes Ding nur eine Bedeutung hat. Aller überflüssige Ballast, der in dem enormen Wohlstand des Menschen wurzelt, wurde über Bord geworfen. Aber wäre es nicht auch interessant, wenn ein Ding verschiedene Bedeutungen hätte? Diesen Faktor der Mehrdeutigkeit finden wir auch in der typisch japanischen Ambiguität wieder. Japanische Gärten sind ein gutes Beispiel für diese Vielschichtigkeit; sie sind aus zu vielen Ebenen komponiert, als dass man sie wirklich verstehen könnte. Aber es wäre schön, wenn man einige der komplexen Strukturen wahrnehmen könnte, während man durch den Garten spaziert.

Steigert diese Mehrdeutigkeit das Interesse der westlichen Welt an zeitgenössischer japanischer Architektur?

Fujimoto: Ich glaube, es sind verschiedene Umstände, die es japanischen Architekten erlauben, extreme Gebäude zu schaffen. Die Bauvorschriften sind weniger streng als in den meisten westlichen Ländern. Deshalb ziehen diese extremen Gebäude so viel Aufmerksamkeit auf sich, aber ich finde es langweilig, wenn Leute sich nur für etwas interessieren, weil es sonderbar ist, so wie beim Japonismus. Japanische Architektur sollte aus dieser Sackgasse herauskommen. Kazuyo Sejima ist anders. Wenn sie etwas entwirft, und sei es nur ein Wohnhaus, betrachtet sie die Dinge aus einem völlig anderen Blickwinkel, durch den die Dinge auf ihren Kern, ihre Substanz reduziert werden. Es ist eine Perspektive, die zuvor noch niemand eingenommen hat. Ihre Arbeit stellt uns nicht nur praktische Methoden des Bauens vor, sondern verändert auch unsere Denkweise. Ich muss zugeben, dass sie mich so stark beeinflusst hat wie niemand sonst. Ich war einfach nur überwältigt, als ich ihr Rolex Learning Center in Zeitschriften abgebildet sah.

Glauben Sie, dass junge japanische Architekten sich durch die Arbeiten von Sejima verändert haben?

Fujimoto: Auch wenn wir es nicht gerne zugeben, so werden wir doch alle als Anhänger ihrer „Schule“ betrachtet. Dessen ungeachtet versuche ich mich ihrem Einfluss zu entziehen. Für mich ist ihr Stil zu klar, zu organisiert, ein Ansatz, der sie noch immer zu einer Modernistin macht. Ich bevorzuge eine komplexere Architektur. Kürzlich habe ich mit der Idee gespielt, wie sich die Komplexität ausdrücken lassen könnte, die Städten und Wäldern auf natürliche Weise innewohnt. Ich konnte diese Komplexität mithilfe einer neuen Ordnung darstellen. Als ich den Entwurf für die New Library und das Museum der Musashino Art University anfertigte, versuchte ich diese als Bücherwald zu konzipieren, indem ich zum Beispiel die Bücherregale in einer deformierten Spiralform anordnete. Dann entdeckte ich, dass ich beim Flanieren durch die Bibliothek nicht aufhören konnte, das gesamte Gebäude in all seinen Details zu erforschen. Ein faszinierendes Gefühl.

Bei Ihrer Ausstellung in Tokio 2010 stellten Sie den Wald als eines von drei Elementen dar, mit denen sich die Zukunft der Architektur in Tokio ausdrücken lässt.

Fujimoto: Im Allgemeinen haben sich Städte über eine lange Zeit hinweg entwickelt, die Hunderte von Jahren dauerte. Immer dann, wenn Architekten einer Stadt etwas Neues hinzufügen, zerstört dies tendenziell das, was zuvor Schritt für Schritt akkumuliert wurde, zum Beispiel Schichten von Information, Spuren der Geschichte einer Stadt und des kollektiven Gedächtnisses der Menschen, die darin leben. Architekten können das nicht verhindern. Tokio ist in dieser Hinsicht allerdings duldsam. Die Stadt ist chaotisch und man kann sich in ihr wohlfühlen. In diesem Zusammenhang vergleiche ich Tokio mit einem Wald, der sich zwischen den Polen Ordnung und Chaos bewegt. Er kann Initiator für ein neues räumliches Informationsmodell sein. Ich zeigte Architekturmodelle und Entwürfe meiner Arbeit in einem kleinen Raum der Ausstellung. Sie wurden auf unterschiedlichen Ebenen gezeigt. Einige hingen von der Decke, andere an der Wand. Der ganze Raum war vollgestopft mit Objekten und man fühlte sich, als würde man im Wald unter Bäumen entlanggehen. Natürlich hatte ich die Objekte in einer logischen Reihenfolge angeordnet und auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Objekten hatten eine Bedeutung. Aber der Abstand zwischen den Objekten war so klein, dass die Besucher sich buchstäblich hindurchschlängeln mussten. Diese Erfahrung könnte den Besuchern vielleicht geholfen haben, den inneren Bereich meiner Architektur zu verstehen.

Sou Fujimoto und die Architekten des dänischen Büros Adept haben den Wettbewerb für die Gestaltung einer neuen Bibliothek für den Dalarna University Campus in Schweden gewonnen. Es ist das erste öffentliche Gebäude in Europa, das Fujimoto realisieren wird.