transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Die Zukunft ruft nach ihrer Göttin
von Paolo Tumminelli | 15. September 2009
Citroen DS-19 Präsentation im Oktober 1955 in Paris; Foto: Keystone/Getty images

Im Automobildeutschland lässt Weihnachten zwei Jahre auf sich warten. Dann aber, pünktlich wie immer, öffnet die Internationale Automobil Ausstellung in Frankfurt am Main ihre Tore. Für kleine und große Automobilkinder bedeutet die Verkündigung ein paar schlaflose Nächte, bis der Tag kommt. Wovon man genau träumt, ist ungewiss. Vorgestern waren es der rote Flitzer und der silberne Pfeil, gestern dann die rollende Burg und der Stadtpanzer. Und wovon heute? Ich träume von einem alten Bild. Paris 1955, die Premiere der Citroen DS 19. Das schwarzweiße Bild des Grand Palais zeigt eine runde Kunstwiese, von einem weißen Zaun umrandet, in dessen Mitte eine weiße Kreisfläche, darauf endlich die Göttin. Eine schwebende Madonna im weißschwarzen Kleid, die Reifen ebenfalls von einem weißen Band umrandet. Die Assoziation mit dem Heiligenschein ist offensichtlich. Die Masse steht. In mehreren Reihen dicht um den Zaun. Starr vor dem Automobilwunder. Eine Automobil-Ausstellung ist es nicht. Es ist eine Anbetung.

Wie man Lotto spielt in der Hoffnung, Millionär zu werden, geht das Automobilkind auf die Messe in der Hoffnung, eine ähnliche Erscheinung zu erleben. Denn die Zeiten der Wunder scheinen vorbei zu sein. Die unangekündigte Erscheinung der DS war mehr als eine Überraschung, es war ein Schock. Und nichts wird heute mehr befürchtet, als dass der gedopte Konsument derart aus der Kontrolle gerät. Mit clever gestreuten Presseinformationen und viel zu naiver Guerilla-Kommunikation wird man auf sämtliche Neuigkeiten sanft vorbereitet. Der Besucher, der schon alles im Vorfeld gesehen hat, darf sich ruhig darauf konzentrieren, Lenkräder anzufassen, Probe zu sitzen und dann Prospekte, Aufkleber und Werbegeschenke anzuhäufen. Mal sehen, ob es in diesem Krisenjahr überhaupt etwas gibt. Und trotzdem, tief im Inneren, der Traum des Automobils der Zukunft, der neuen DS, lässt nicht los. Und wenn trotzdem, wenn überhaupt jemand, wenn doch noch irgendwo...? Nachrichten zufolge wird dies einmal wieder nicht passieren, auch nicht bei Citroen.

Und selbst wenn Madonna ausbleiben soll, werde ich nach Frankfurt pilgern und mich auf der Suche machen - so wie ein Kind zu Ostern auf der Wiese nach bunten Eiern sucht, unter anderem nach einem Nachfolge-Modell, der - ganz gleich ob schöner oder hässlicher - außen kleiner, innen größer und überall leichter als sein Vorgänger ist. Sonst ist es immer umgekehrt, was konstruktiv ja keine große Leistung ist, die man trotzdem Fortschritt nennt. Fortschritt? Nur aus dem Respekt für Raum, Materie und Energie entsteht nachhaltiges Design. Auch wünsche ich mir endlich Innenräume die hinsichtlich Raum, Proportionen, Luft und Licht architektonische Qualitäten aufweisen, Räume mit Möbeln, die zum Leben einladen. Mit Fenstern, die ihren Namen gerecht sind. Wahre, große, helle Fenster. Wie zuhause. Und ich wünsche mir Sympathie. Denn mit dem aggressiv-progressiv-trasgressiven Gesicht des jetzigen Automobils, dem unerträglich coolen Gesicht des Menschen besten Feindes, kann man sich wirklich nicht länger anfreunden. Lieber ehrlich und ungeschminkt, ob seriös oder lächelnd. Das hat nichts mit persönliches Geschmack zu tun: um die Gunst der Öffentlichkeit nicht zu verlieren, muss das Automobil dringend ein positives, menschennahes Bild von sich geben.


Paolo Tumminelli studierte Architektur und Design Direction in Mailand. Er ist Direktor des Goodbrands Institute for Automotive Culture, Professor an der Köln International School of Design, Publizist und Buchautor.

News & Stories › 2009 › September
Die Zukunft ruft nach ihrer Göttin
von Paolo Tumminelli | 15. September 2009
Es ist ein bisschen wie Weihnachten, nur eben alle zwei Jahre: Unzählige staunende und begeisterte Autoliebhaber werden auch dieses Jahr wieder zur großen Autoschau nach Frankfurt pilgern, in der Hoffnung, dort das wundersame, ja revolutionäre Automobil der Zukunft zu finden. Aber wovon träumen wir eigentlich?
Im Automobildeutschland lässt Weihnachten zwei Jahre auf sich warten. Dann aber, pünktlich wie immer, öffnet die Internationale Automobil Ausstellung in Frankfurt am Main ihre Tore. Für kleine und große Automobilkinder bedeutet die Verkündigung ein paar schlaflose Nächte, bis der Tag kommt. Wovon man genau träumt, ist ungewiss. Vorgestern waren es der rote Flitzer und der silberne Pfeil, gestern dann die rollende Burg und der Stadtpanzer. Und wovon heute? Ich träume von einem alten Bild. Paris 1955, die Premiere der Citroen DS 19. Das schwarzweiße Bild des Grand Palais zeigt eine runde Kunstwiese, von einem weißen Zaun umrandet, in dessen Mitte eine weiße Kreisfläche, darauf endlich die Göttin. Eine schwebende Madonna im weißschwarzen Kleid, die Reifen ebenfalls von einem weißen Band umrandet. Die Assoziation mit dem Heiligenschein ist offensichtlich. Die Masse steht. In mehreren Reihen dicht um den Zaun. Starr vor dem Automobilwunder. Eine Automobil-Ausstellung ist es nicht. Es ist eine Anbetung.

Wie man Lotto spielt in der Hoffnung, Millionär zu werden, geht das Automobilkind auf die Messe in der Hoffnung, eine ähnliche Erscheinung zu erleben. Denn die Zeiten der Wunder scheinen vorbei zu sein. Die unangekündigte Erscheinung der DS war mehr als eine Überraschung, es war ein Schock. Und nichts wird heute mehr befürchtet, als dass der gedopte Konsument derart aus der Kontrolle gerät. Mit clever gestreuten Presseinformationen und viel zu naiver Guerilla-Kommunikation wird man auf sämtliche Neuigkeiten sanft vorbereitet. Der Besucher, der schon alles im Vorfeld gesehen hat, darf sich ruhig darauf konzentrieren, Lenkräder anzufassen, Probe zu sitzen und dann Prospekte, Aufkleber und Werbegeschenke anzuhäufen. Mal sehen, ob es in diesem Krisenjahr überhaupt etwas gibt. Und trotzdem, tief im Inneren, der Traum des Automobils der Zukunft, der neuen DS, lässt nicht los. Und wenn trotzdem, wenn überhaupt jemand, wenn doch noch irgendwo...? Nachrichten zufolge wird dies einmal wieder nicht passieren, auch nicht bei Citroen.

Und selbst wenn Madonna ausbleiben soll, werde ich nach Frankfurt pilgern und mich auf der Suche machen - so wie ein Kind zu Ostern auf der Wiese nach bunten Eiern sucht, unter anderem nach einem Nachfolge-Modell, der - ganz gleich ob schöner oder hässlicher - außen kleiner, innen größer und überall leichter als sein Vorgänger ist. Sonst ist es immer umgekehrt, was konstruktiv ja keine große Leistung ist, die man trotzdem Fortschritt nennt. Fortschritt? Nur aus dem Respekt für Raum, Materie und Energie entsteht nachhaltiges Design. Auch wünsche ich mir endlich Innenräume die hinsichtlich Raum, Proportionen, Luft und Licht architektonische Qualitäten aufweisen, Räume mit Möbeln, die zum Leben einladen. Mit Fenstern, die ihren Namen gerecht sind. Wahre, große, helle Fenster. Wie zuhause. Und ich wünsche mir Sympathie. Denn mit dem aggressiv-progressiv-trasgressiven Gesicht des jetzigen Automobils, dem unerträglich coolen Gesicht des Menschen besten Feindes, kann man sich wirklich nicht länger anfreunden. Lieber ehrlich und ungeschminkt, ob seriös oder lächelnd. Das hat nichts mit persönliches Geschmack zu tun: um die Gunst der Öffentlichkeit nicht zu verlieren, muss das Automobil dringend ein positives, menschennahes Bild von sich geben.


Paolo Tumminelli studierte Architektur und Design Direction in Mailand. Er ist Direktor des Goodbrands Institute for Automotive Culture, Professor an der Köln International School of Design, Publizist und Buchautor.