transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
VW-Metropole im Jahr 2015: Für die Serie „Wolfsburg Diary“ kehrte der Fotograf Bialobrzeski an Orte seiner Jugend wie die Kultkneipe „Tunnel-Schänke“ zurück. Foto © Peter Bialobrzeski
Durch den Wolf gedreht
von Thomas Edelmann
5. Juli 2016
Wer an einen neuen Ort kommt und eine gewisse Zeit zu bleiben beabsichtigt, möchte wissen, was dort gespielt wird. Man kann, um das herauszufinden, offenen Auges durch die Straßen gehen, mit Leuten reden, die hier schon länger leben, die weggegangen oder zurückgekehrt sind. Man kann sich mit einflussreichen Unternehmen beschäftigen, die diesen Platz prägen, die Lokalzeitung lesen, Theater, Sport- und Vergnügungsstätten aufsuchen oder historische Recherchen anstellen. Ralf Beil, seit 2015 Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat das eigene Institut zum begehbaren Ausstellungsobjekt gemacht, zu einer Wunderkammer, die allerlei Fundstücke aus der vergleichsweise jungen Geschichte der Planstadt präsentiert.

Mit „Wolfsburg Unlimited – eine Stadt als Weltlabor“, der ersten Ausstellung, die er an seiner neuen Wirkungsstätte konzipiert hat, lässt Beil die Besucher teilhaben an seinem persönlichen Erkenntnisprozess. Der Tradition des Hauses folgend, hat er dazu Kunst und Künstler einbezogen, neue Werke in Auftrag gegeben und passend erscheinende ausgeliehen. Dabei lautet Beils zentrale These: In „Wolfsburg, der Hauptstadt von Volkswagen“, bündele sich Deutschland „wie im Brennglas.“ In diesem Sonderfall einer Stadt fänden sich zahlreiche Elemente, die Deutschland kenntlich machten. Dies gelte, gerade weil Wolfsburg „keine Kathedralen hat, keine Fassaden von Bürgerhäusern“. Stattdessen würden dort „Kapitalflüsse, die globalen Finanz- und Warenströme deutlicher sichtbar“ als an anderen Orten.

Ruhm und Rumoren

Der erste Teil, eine „Hall of Fame“, präsentiert im herkömmlichen Sinne museale Gegenstände, effektvoll ausgeleuchtet vor satt roten Wänden: Die Vorgeschichte der Stadt, beginnend mit archäologischen Funden von Horn und Knochen eines Auerochsen über Fragmente eines Einbaums aus dem Jahr 1000 v. Chr., Baudekoration des Schlosses Wolfsburg, bis zu Gemälden von Antoine Pense, der im 18. Jahrhundert Mitglieder der Familie von der Schulenburg porträtierte, die einflussreiche Gräfinnen und Grafen stellte und der Region verbunden war. Auch ein kunsthistorisch weniger relevantes Bild aus dem 19. Jahrhundert darf hier nicht fehlen. Es zeigt einen Wolf, angeblich das letzte gesichtete Tier auf dem für den historischen Ort namensgeben „Wolfswechsel“.

Verlässt man das rote Eingangskabinett und betritt den Folgeraum, so breitet sich ein Panoptikum der Volkswagen-Welt aus, zunächst als Schreckenskammer: „Adolf Hitler war von jeher mit einem hartnäckigen Autofimmel behaftet“, schrieb 1950 der „Spiegel“ in plauderhaftem Ton über die Erfindung des Volkswagens. Dass aus den fürstlichen Ländereien der Schulenburgs die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ wurde, hängt mit dem Automobil-Projekt des nationalsozialistischen Staats zusammen. Während der 1920er Jahre konnten sich in Deutschland nur Wohlhabende Autos leisten, erst recht nach der Weltwirtschaftskrise. Es sei denn, es wäre möglich, ein erschwingliches Auto auf den Markt zu bringen. Über dieses Massenmobil, seit den 1920er Jahren in der Diskussion oft „Volkswagen“ genannte Fahrzeug dachten viele nach, erprobten diverse Konzepte, Motoren und Formen: Unter ihnen die Konstrukteure Béla Barényi, Josef Ganz, Paul Jaray, Hans Ledwinka und Ferdinand Porsche sowie Edmund Rumpler. Weil die Lobbyisten vom Reichsverband der Automobilindustrie erkennbar kein Interesse hatten, einem neuen preiswerten Typus von Automobil zum Durchbruch zu verhelfen, übernahm ab 1936 der Staat selbst den Plan, ein solches Fahrzeug zur Serienreife und auf den Markt zu bringen. Längst hatte sich das NSDAP-Mitglied Ferdinand Porsche mit seinem Konzept durchgesetzt. Aus dem Konzept „eines" Volkswagens wird „der" Volkswagen. Organisatorisch wird die NS-Arbeitsorganisation „Deutsche Arbeitsfront“ mit dem Projekt betraut, genauer ihr Unterhaltungs- und Urlaubssektor „Kraft durch Freude“.

Die Musterstadt des Nationalsozialismus

Die Ausstellung zeigt die ersten Pläne der Stadt, die der damals junge Stadtplaner Peter Koller konzipierte. Der Österreicher, seit 1931 Parteimitglied, entwirft die Stadt zum Volkswagenwerk. Sein Förderer Albert Speer gab ihm den Wink, seine Pläne etwas monumentaler zu fassen: Auf eine Anhöhe im Süden möchte er eine „Stadtkrone“ setzen – nach Ideen, wie sie die Architekten der Moderne in ihrer expressionistischen Phase konzipierten. Koller plante Partei- und Kulturbauten für seine Auto-Akropolis, wie die ost-westliche Aufmarschstraße wurden diese allerdings nie gebaut. 1942 enden die Bauaktivitäten in der Stadt des KdF-Wagens. Nur wenige Wohnsiedlungen wurden bis dahin realisiert. Bis in die Nachkriegszeit bleiben Baracken die prägende Architektur. Sie dienten in der NS-Zeit als Behausung für die Zwangsarbeiter, die in der Fabrik Waffen und Militärfahrzeuge herstellen mussten.

Die Ausstellung zeigt Koller in einem frühen, expressionistischen Selbstporträt von 1938 breitbeinig in Reithosen „bei der Erkundung des Geländes“. Er gehört zu jener nationalsozialistischen Führungscrew, der man von 1955 an erlaubte, sich unter demokratischen Verhältnissen selbst zu entnazifizieren: Für fünf Jahre blieb er Stadtbaudirektor von Wolfsburg, durfte nun Kirchen bauen, die man der Stadt während der NS-Zeit vorenthielt. Die Ausstellung nutzt einzelne Bilder und Dokumente als Schlüsselelemente historischer Entwicklungen. Im Falle der Zwangsarbeit, reichen den Ausstellungsmachern dafür ein Führererlass von 1942, der Himmler und „Arbeitskräfte aus den Konzentrationslagern“ erwähnt, ein düsteres Himmler-Porträt von Luc Tuymans von 1997 sowie eine geschnitzte Schutzmantel-Madonna im Miniaturformat eines niederländischen Zwangsarbeiters von 1943.

Augenkontakt mit dem Vorstandschef

Beim Stichwort „Volkswagen“ interessiert die Öffentlichkeit allerdings derzeit eigentlich nur ein einziges Thema: Der VW-Diesel-Skandal um manipulierte Motoren und die Zukunft der Firma. Hier funktioniert die assoziative Methode der Schau, weil die Erinnerung noch höchst präsent ist: Titelbilder von Focus („Das Drama“) und Spiegel („Der Selbstmord“) mit den ersten Enthüllungen, das Plakat „We’re sorry that wie got caught“ von „Brandalism“ zur Pariser Klimakonferenz im Dezember 2015, das die bekannte VW-Werbung mit dem aktuellen Passat mit leicht verändertem Text unterläuft: „Jetzt, da wir erwischt wurden, versuchen wir dir einzureden, dass wir uns um die Umwelt kümmern.“ Daneben läuft auf einem Flachbildschirm das Video-Statement von Martin Winterkorn. Das Endlos-Loop zeigt den Topmanager im Zweireiher, bei VW stilbildend seit der Epoche Nordhoff. Einen Tag nach seinem Auftritt wird Winterkorn als Vorstandsvorsitzender zurücktreten. Noch nicht im Museum angekommen ist: Heute verwendet der Konzern für das peinliche, kostenintensive Desaster die unverfängliche Bezeichnung: „Dieselthematik“. Die neue Ausrichtung, die in den nächsten Jahren bis zu 30 Elektroautomodelle bringen soll, wird „Together-Strategie“ genannt.

Aus der Welt der Fama gelangt man über eine Schwingtür in den abgedunkelten Hauptsaal des Museums. Der Künstler Julian Rosefeldt hat ihn in ein Autokino verwandelt, einschließlich einer Container-Landschaft, die seit langem irgendwo im städtebaulichen Nirvana verwurzelt scheint. Oder doch mitten in Wolfsburg? In seiner Installation „Midwest“ sind Autos aus den 1980ern aufgebaut; sie wirken ein bisschen schäbig und künden doch von einer besseren Zeit. Groß auf die Wände projiziert, läuft ein weiterer Endlosfilm, ebenfalls von Rosefeldt: „The Swap“, irgendetwas mit Autos, Koffern, großkalibrigen Waffen und böse dreinblickenden Kerlen. Das alles ist eindrucksvoll. Nur sollte man nicht auf den Künstler hören, der behauptet, sein Werk passe perfekt zur VW-Diesel-Affäre und den Panama-Papers. Damit wird das synästhetisch stärkste Bild der Schau nur unnötig banalisiert. Viel eher handelt es sich um ein künstlerisches Vexierspiel aus Nostalgie und gescheiterten Zukunftserwartungen, wie sie nicht nur hier, sondern überall auf der Welt zu finden sind.

Bilder vom Alltag

Man verlässt das klaustrophobisch wirkende Großkino durch eine Seitentür mit rotem Neonherz. Käufliche Liebe, Hartz, Brasilien? War da nicht etwas, das so in Wolfsburg und in der Welt von Volkswagen nie wieder vorkommen sollte? – Die VW-Korruptionsaffäre von 2005 ist nun wirklich zu lange her, um hier ausführlicher erinnert zu werden. Aus dem Dunkel des Kinos geht es in seitliche Kabinette, in die „Fotogalerie Wolfsburg“. Besonders eindrucksvoll ist der doppelte Blick des Hamburger Fotografen Peter Bialobrzeski, der in den 1980er Jahren in der Volkswagen-Stadt aufwuchs und für sein „Wolfsburg Diary“ im Herbst 2015 dorthin zurückkehrte. 1988 beobachtete er das Alltagsleben der italienischen Einwohner, zuvor Modenschauen, Frauen-Catchen und andere Alltäglichkeiten. Nun streift er durch die Stadt der Gegenwart. Deren Urbanität findet er in Hinterhöfen, die öffentliche Durchgänge sind und in Ansichten von Häusern, die, mehrfach verändert, mehr in der Stadt herumstehen als genutzt werden. Es ist der Blick auf eine gespenstische Gegenwart.

Schwebend und gebietend

Nur vorübergehend für eine gewisse Entspannung sorgt die raumgreifende Material-Assemblage mit Filmeinschlüssen „Labskaus oder der alte Scharoun in seinem Elend“ von John Bock. Dabei würfelt Bock beserkerhaft Versatzstücke real existierender Wohnkultur von vorgeschriebener Modellhaftigkeit durcheinander. Denn mit dem benachbarten „Museum König Nordhoff“ beginnt ein Rücksturz in die heimeligen 1950er Jahre. Unerwähnt bleibt, wie sich das Produkt veränderte: Wie der KdF-Wagen der Nazis zum VW Käfer mutierte, wie Porsches Designer Erwin Komenda (der beide entworfen hat) selbst amerikanische Einflüsse des Styling aufnahm, bevor der Käfer zum Million-Seller werden konnte. Am Beispiel VW wurde auch die Werbung revolutioniert. Die Anzeigen der New Yorker Werbeagentur Doyle Dane Bernbach (DDB), die von 1959 an für Volkswagen tätig ist, sind Teil des „Museum König Nordhoff“. Die Werber stellten ihre Kampagne „Think small“ bekanntlich unter das interne Motto: „How to sell a Nazi-Car in Jewish Manhattan?“ – Bild, Text, das Verhältnis von Freiraum und Abbildung, alles machte das Team um Julian Koenig, George Lois, Helmut Krone erfrischend anders. Die Werber räumten die biederen 1950er Jahre ab – auf beiden Seiten des Atlantiks. Und der Käfer wurde zum Spielmaterial für Künstler der Popart wie des Fotorealismus.

Ein missbrauchter Kronzeuge

Am Ende der Schau erfolgt abermals ein Perspektivwechsel. In der umfangreichen Installation „Nudnik“ des Künstlers Rémy Markowitsch wird an den Konstrukteur und Schriftsteller Josef Ganz erinnert. Er gehörte zu den Wegbereitern nicht des einen Volkswagens, sondern vieler Konzepte, die auf ein Einfachstmobil abzielten. Er war seit Ende der 1920er Jahre Redakteur der in Frankfurt erscheinenden Zeitschrift „Motor-Kritik“. Und er arbeitete mit kleinen, heute vergessenen Herstellern ebenso zusammen wie mit Daimler-Benz oder BMW. Sein Ziel war es, die Industrie zur Abkehr von großen, schweren und teuren Luxusmobilen zu bewegen. Wie viele andere Ideengeber des Volkswagens blieb er auf der Strecke, wurde ausgebootet. Als Jude erhielt er zudem Publikationsverbot, sah sich von einem früheren Mitstreiter, der Ingenieur, Science Fiction-Autor und mittlerweile Nazi war, persönlich bedroht. Dem in Budapest geborenen Ganz wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt; er konnte in die Schweiz fliehen, später nach Australien. Seine Patente durfte er nicht mehr verwerten. Sicher war das Werk von Josef Ganz ein maßgeblicher Baustein für die Geschichte der Massenmotorisierung in Deutschland, ebenso sicher waren seine Konstruktionen keine unmittelbaren Vorläufer des Käfers.

So entgrenzt die Wolfsburger Schau über Wolfsburg auf der Objekt- und Bildebene, was früher säuberlich getrennt wurde. Zugleich bleibt sie in ihrem Wunsch, alles in Wolfsburg sehen und alles aus der Stadt herauszulesen zu wollen, oftmals am Einzelgegenstand hängen. Strukturelle Aspekte, die der Vertiefung bedürften, bleiben verschwommen. Das ist nicht weiter schlimm, denn kaum eine Stadt wird von Soziologen, Künstlern, Planern und Ökonomen so oft und intensiv durch den Wolf gedreht wie Wolfsburg.

Wolfsburg Unlimited - Eine Stadt als Weltlabor
Kunstmuseum Wolfsburg
bis 11. September 2016

Katalog
hrsg. v. Ralf Beil
350 Seiten
Hatje Cantz, Ostfildern 2016.
kostet in der Ausstellung 35 Euro

www.kunstmuseum-wolfsburg.de
Wolfsburg – Hauptstadt von Volkswagen: Detail mit Heizkraftwerk Nord/Süd aus dem Gesamtmodell „Innenstadt Wolfsburg“ des Baudezernats. Foto © Marek Kruszewski
Gestern Rummel, heute Reflexion: Auf dem Gelände des einstigen „Schützenfestes an der Porschestraße“ (Bild vor 1979) steht heute das Kunstmuseum. Foto © David Taylor
Arnold Odermatt hat vor allem eines fotografiert, Autounfälle: „Buochs“ aus dem Jahr 1966. Foto © Urs Odermatt, Windisch
Transformierter Rummel: Eines der ersten Objekte der Schau ist die Installation „The Carnie“ der kanadischen Künstler Janet Cardiff und George Bures Miller, Foto © Janet Cardiff und George Bures Miller, Courtesy der Künstler und Galerie Luhring Augustine
Im städtebaulichen Nirvana: Die Installation „Midwest“ von Julian Rosefeldt.
Foto Marek Kruzewski, © Julian Rosefeldt, © VG Bild-Kunst, 2016
Wohl dem, der eine große Museumshalle besitzt: Julian Rosefelds Installation „Midwest“ ist tatsächlich ein Autokino. Foto Marek Kruzewski, © Julian Rosefeldt, © VG Bild-Kunst
Gestern modern, heute vernachlässigt: Bild aus der Serie „Wolfsburg Diary“ von Peter Bialobrzeski, 2015. Foto © Peter Bialobrzeski
Reportagebild mit Käfer-Kotflüglen im VW Presswerk Halle 2 aus der Serie „Volkswagenwerk“ von Peter Keetman aus dem Jahr 1953. Foto © Peter Keetman bei F.C. Gundlach
„Evasion XVII (Two Piplines Delivering a City – Build me up Knock me Down), Gemälde von Franz Ackermann.
Foto Helge Mundt © Franz Ackermann, Sammlung Kunstmuseum Wolfsburg
„Labskaus oder der alte Scharoun in seinem Elend“: In-situ-Installation von John Bock. Foto Martin Sommer, © John Bock, Courtesy Galerie Sprüth Magers
Vorkämpfer für preiswerte Massenmobilität: Josef Ganz in seinem zweiten, 1931 für Adler konstruierten Prototyp, dem offenen Zweitakter „Maikäfer“. Foto © Josef Ganz Archiv/Paul Schilperoord, Den Haag
PR-Inszenierung: „Heinrich Nordhoff und sein Werk“ im Jahr 1955.
Foto © Reinhold Lessmann
Dokumentation der PR-Inszenierung mit liegendem Fotografen und stehendem Nordhoff. Foto © Reinhold Lessmann
„Nudnik. Forgetting Josef Ganz“, Rauminstallation von Rémy Markowitsch mit dreidimensionaler Inszenierung der „Motor-Kritik“ und dem Entwurf für ein Josef Ganz-Denkmal. Foto Marek Kruzewski, © Rémy Markowitsch, Courtesy Galerie Eigen+Art
„Untitled (Volkswagen)": hyperrealistisches Gemälde von Don Eddy aus dem Jahr 1971.
Foto © Don Eddy, 2016, Museum moderner Kunst – Stiftung Ludwig Wien,
News & Stories › 2016 › Juli
Durch den Wolf gedreht
von Thomas Edelmann | 5. Juli 2016
Erkundungen eines zugezogenen Museumsdirektors: Die Ausstellung „Wolfsburg Unlimited“ inszeniert eine Reise durch Geschichte und Gegenwart der exemplarischen Planstadt.
Wer an einen neuen Ort kommt und eine gewisse Zeit zu bleiben beabsichtigt, möchte wissen, was dort gespielt wird. Man kann, um das herauszufinden, offenen Auges durch die Straßen gehen, mit Leuten reden, die hier schon länger leben, die weggegangen oder zurückgekehrt sind. Man kann sich mit einflussreichen Unternehmen beschäftigen, die diesen Platz prägen, die Lokalzeitung lesen, Theater, Sport- und Vergnügungsstätten aufsuchen oder historische Recherchen anstellen. Ralf Beil, seit 2015 Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat das eigene Institut zum begehbaren Ausstellungsobjekt gemacht, zu einer Wunderkammer, die allerlei Fundstücke aus der vergleichsweise jungen Geschichte der Planstadt präsentiert.

Mit „Wolfsburg Unlimited – eine Stadt als Weltlabor“, der ersten Ausstellung, die er an seiner neuen Wirkungsstätte konzipiert hat, lässt Beil die Besucher teilhaben an seinem persönlichen Erkenntnisprozess. Der Tradition des Hauses folgend, hat er dazu Kunst und Künstler einbezogen, neue Werke in Auftrag gegeben und passend erscheinende ausgeliehen. Dabei lautet Beils zentrale These: In „Wolfsburg, der Hauptstadt von Volkswagen“, bündele sich Deutschland „wie im Brennglas.“ In diesem Sonderfall einer Stadt fänden sich zahlreiche Elemente, die Deutschland kenntlich machten. Dies gelte, gerade weil Wolfsburg „keine Kathedralen hat, keine Fassaden von Bürgerhäusern“. Stattdessen würden dort „Kapitalflüsse, die globalen Finanz- und Warenströme deutlicher sichtbar“ als an anderen Orten.

Ruhm und Rumoren

Der erste Teil, eine „Hall of Fame“, präsentiert im herkömmlichen Sinne museale Gegenstände, effektvoll ausgeleuchtet vor satt roten Wänden: Die Vorgeschichte der Stadt, beginnend mit archäologischen Funden von Horn und Knochen eines Auerochsen über Fragmente eines Einbaums aus dem Jahr 1000 v. Chr., Baudekoration des Schlosses Wolfsburg, bis zu Gemälden von Antoine Pense, der im 18. Jahrhundert Mitglieder der Familie von der Schulenburg porträtierte, die einflussreiche Gräfinnen und Grafen stellte und der Region verbunden war. Auch ein kunsthistorisch weniger relevantes Bild aus dem 19. Jahrhundert darf hier nicht fehlen. Es zeigt einen Wolf, angeblich das letzte gesichtete Tier auf dem für den historischen Ort namensgeben „Wolfswechsel“.

Verlässt man das rote Eingangskabinett und betritt den Folgeraum, so breitet sich ein Panoptikum der Volkswagen-Welt aus, zunächst als Schreckenskammer: „Adolf Hitler war von jeher mit einem hartnäckigen Autofimmel behaftet“, schrieb 1950 der „Spiegel“ in plauderhaftem Ton über die Erfindung des Volkswagens. Dass aus den fürstlichen Ländereien der Schulenburgs die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ wurde, hängt mit dem Automobil-Projekt des nationalsozialistischen Staats zusammen. Während der 1920er Jahre konnten sich in Deutschland nur Wohlhabende Autos leisten, erst recht nach der Weltwirtschaftskrise. Es sei denn, es wäre möglich, ein erschwingliches Auto auf den Markt zu bringen. Über dieses Massenmobil, seit den 1920er Jahren in der Diskussion oft „Volkswagen“ genannte Fahrzeug dachten viele nach, erprobten diverse Konzepte, Motoren und Formen: Unter ihnen die Konstrukteure Béla Barényi, Josef Ganz, Paul Jaray, Hans Ledwinka und Ferdinand Porsche sowie Edmund Rumpler. Weil die Lobbyisten vom Reichsverband der Automobilindustrie erkennbar kein Interesse hatten, einem neuen preiswerten Typus von Automobil zum Durchbruch zu verhelfen, übernahm ab 1936 der Staat selbst den Plan, ein solches Fahrzeug zur Serienreife und auf den Markt zu bringen. Längst hatte sich das NSDAP-Mitglied Ferdinand Porsche mit seinem Konzept durchgesetzt. Aus dem Konzept „eines" Volkswagens wird „der" Volkswagen. Organisatorisch wird die NS-Arbeitsorganisation „Deutsche Arbeitsfront“ mit dem Projekt betraut, genauer ihr Unterhaltungs- und Urlaubssektor „Kraft durch Freude“.

Die Musterstadt des Nationalsozialismus

Die Ausstellung zeigt die ersten Pläne der Stadt, die der damals junge Stadtplaner Peter Koller konzipierte. Der Österreicher, seit 1931 Parteimitglied, entwirft die Stadt zum Volkswagenwerk. Sein Förderer Albert Speer gab ihm den Wink, seine Pläne etwas monumentaler zu fassen: Auf eine Anhöhe im Süden möchte er eine „Stadtkrone“ setzen – nach Ideen, wie sie die Architekten der Moderne in ihrer expressionistischen Phase konzipierten. Koller plante Partei- und Kulturbauten für seine Auto-Akropolis, wie die ost-westliche Aufmarschstraße wurden diese allerdings nie gebaut. 1942 enden die Bauaktivitäten in der Stadt des KdF-Wagens. Nur wenige Wohnsiedlungen wurden bis dahin realisiert. Bis in die Nachkriegszeit bleiben Baracken die prägende Architektur. Sie dienten in der NS-Zeit als Behausung für die Zwangsarbeiter, die in der Fabrik Waffen und Militärfahrzeuge herstellen mussten.

Die Ausstellung zeigt Koller in einem frühen, expressionistischen Selbstporträt von 1938 breitbeinig in Reithosen „bei der Erkundung des Geländes“. Er gehört zu jener nationalsozialistischen Führungscrew, der man von 1955 an erlaubte, sich unter demokratischen Verhältnissen selbst zu entnazifizieren: Für fünf Jahre blieb er Stadtbaudirektor von Wolfsburg, durfte nun Kirchen bauen, die man der Stadt während der NS-Zeit vorenthielt. Die Ausstellung nutzt einzelne Bilder und Dokumente als Schlüsselelemente historischer Entwicklungen. Im Falle der Zwangsarbeit, reichen den Ausstellungsmachern dafür ein Führererlass von 1942, der Himmler und „Arbeitskräfte aus den Konzentrationslagern“ erwähnt, ein düsteres Himmler-Porträt von Luc Tuymans von 1997 sowie eine geschnitzte Schutzmantel-Madonna im Miniaturformat eines niederländischen Zwangsarbeiters von 1943.

Augenkontakt mit dem Vorstandschef

Beim Stichwort „Volkswagen“ interessiert die Öffentlichkeit allerdings derzeit eigentlich nur ein einziges Thema: Der VW-Diesel-Skandal um manipulierte Motoren und die Zukunft der Firma. Hier funktioniert die assoziative Methode der Schau, weil die Erinnerung noch höchst präsent ist: Titelbilder von Focus („Das Drama“) und Spiegel („Der Selbstmord“) mit den ersten Enthüllungen, das Plakat „We’re sorry that wie got caught“ von „Brandalism“ zur Pariser Klimakonferenz im Dezember 2015, das die bekannte VW-Werbung mit dem aktuellen Passat mit leicht verändertem Text unterläuft: „Jetzt, da wir erwischt wurden, versuchen wir dir einzureden, dass wir uns um die Umwelt kümmern.“ Daneben läuft auf einem Flachbildschirm das Video-Statement von Martin Winterkorn. Das Endlos-Loop zeigt den Topmanager im Zweireiher, bei VW stilbildend seit der Epoche Nordhoff. Einen Tag nach seinem Auftritt wird Winterkorn als Vorstandsvorsitzender zurücktreten. Noch nicht im Museum angekommen ist: Heute verwendet der Konzern für das peinliche, kostenintensive Desaster die unverfängliche Bezeichnung: „Dieselthematik“. Die neue Ausrichtung, die in den nächsten Jahren bis zu 30 Elektroautomodelle bringen soll, wird „Together-Strategie“ genannt.

Aus der Welt der Fama gelangt man über eine Schwingtür in den abgedunkelten Hauptsaal des Museums. Der Künstler Julian Rosefeldt hat ihn in ein Autokino verwandelt, einschließlich einer Container-Landschaft, die seit langem irgendwo im städtebaulichen Nirvana verwurzelt scheint. Oder doch mitten in Wolfsburg? In seiner Installation „Midwest“ sind Autos aus den 1980ern aufgebaut; sie wirken ein bisschen schäbig und künden doch von einer besseren Zeit. Groß auf die Wände projiziert, läuft ein weiterer Endlosfilm, ebenfalls von Rosefeldt: „The Swap“, irgendetwas mit Autos, Koffern, großkalibrigen Waffen und böse dreinblickenden Kerlen. Das alles ist eindrucksvoll. Nur sollte man nicht auf den Künstler hören, der behauptet, sein Werk passe perfekt zur VW-Diesel-Affäre und den Panama-Papers. Damit wird das synästhetisch stärkste Bild der Schau nur unnötig banalisiert. Viel eher handelt es sich um ein künstlerisches Vexierspiel aus Nostalgie und gescheiterten Zukunftserwartungen, wie sie nicht nur hier, sondern überall auf der Welt zu finden sind.

Bilder vom Alltag

Man verlässt das klaustrophobisch wirkende Großkino durch eine Seitentür mit rotem Neonherz. Käufliche Liebe, Hartz, Brasilien? War da nicht etwas, das so in Wolfsburg und in der Welt von Volkswagen nie wieder vorkommen sollte? – Die VW-Korruptionsaffäre von 2005 ist nun wirklich zu lange her, um hier ausführlicher erinnert zu werden. Aus dem Dunkel des Kinos geht es in seitliche Kabinette, in die „Fotogalerie Wolfsburg“. Besonders eindrucksvoll ist der doppelte Blick des Hamburger Fotografen Peter Bialobrzeski, der in den 1980er Jahren in der Volkswagen-Stadt aufwuchs und für sein „Wolfsburg Diary“ im Herbst 2015 dorthin zurückkehrte. 1988 beobachtete er das Alltagsleben der italienischen Einwohner, zuvor Modenschauen, Frauen-Catchen und andere Alltäglichkeiten. Nun streift er durch die Stadt der Gegenwart. Deren Urbanität findet er in Hinterhöfen, die öffentliche Durchgänge sind und in Ansichten von Häusern, die, mehrfach verändert, mehr in der Stadt herumstehen als genutzt werden. Es ist der Blick auf eine gespenstische Gegenwart.

Schwebend und gebietend

Nur vorübergehend für eine gewisse Entspannung sorgt die raumgreifende Material-Assemblage mit Filmeinschlüssen „Labskaus oder der alte Scharoun in seinem Elend“ von John Bock. Dabei würfelt Bock beserkerhaft Versatzstücke real existierender Wohnkultur von vorgeschriebener Modellhaftigkeit durcheinander. Denn mit dem benachbarten „Museum König Nordhoff“ beginnt ein Rücksturz in die heimeligen 1950er Jahre. Unerwähnt bleibt, wie sich das Produkt veränderte: Wie der KdF-Wagen der Nazis zum VW Käfer mutierte, wie Porsches Designer Erwin Komenda (der beide entworfen hat) selbst amerikanische Einflüsse des Styling aufnahm, bevor der Käfer zum Million-Seller werden konnte. Am Beispiel VW wurde auch die Werbung revolutioniert. Die Anzeigen der New Yorker Werbeagentur Doyle Dane Bernbach (DDB), die von 1959 an für Volkswagen tätig ist, sind Teil des „Museum König Nordhoff“. Die Werber stellten ihre Kampagne „Think small“ bekanntlich unter das interne Motto: „How to sell a Nazi-Car in Jewish Manhattan?“ – Bild, Text, das Verhältnis von Freiraum und Abbildung, alles machte das Team um Julian Koenig, George Lois, Helmut Krone erfrischend anders. Die Werber räumten die biederen 1950er Jahre ab – auf beiden Seiten des Atlantiks. Und der Käfer wurde zum Spielmaterial für Künstler der Popart wie des Fotorealismus.

Ein missbrauchter Kronzeuge

Am Ende der Schau erfolgt abermals ein Perspektivwechsel. In der umfangreichen Installation „Nudnik“ des Künstlers Rémy Markowitsch wird an den Konstrukteur und Schriftsteller Josef Ganz erinnert. Er gehörte zu den Wegbereitern nicht des einen Volkswagens, sondern vieler Konzepte, die auf ein Einfachstmobil abzielten. Er war seit Ende der 1920er Jahre Redakteur der in Frankfurt erscheinenden Zeitschrift „Motor-Kritik“. Und er arbeitete mit kleinen, heute vergessenen Herstellern ebenso zusammen wie mit Daimler-Benz oder BMW. Sein Ziel war es, die Industrie zur Abkehr von großen, schweren und teuren Luxusmobilen zu bewegen. Wie viele andere Ideengeber des Volkswagens blieb er auf der Strecke, wurde ausgebootet. Als Jude erhielt er zudem Publikationsverbot, sah sich von einem früheren Mitstreiter, der Ingenieur, Science Fiction-Autor und mittlerweile Nazi war, persönlich bedroht. Dem in Budapest geborenen Ganz wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt; er konnte in die Schweiz fliehen, später nach Australien. Seine Patente durfte er nicht mehr verwerten. Sicher war das Werk von Josef Ganz ein maßgeblicher Baustein für die Geschichte der Massenmotorisierung in Deutschland, ebenso sicher waren seine Konstruktionen keine unmittelbaren Vorläufer des Käfers.

So entgrenzt die Wolfsburger Schau über Wolfsburg auf der Objekt- und Bildebene, was früher säuberlich getrennt wurde. Zugleich bleibt sie in ihrem Wunsch, alles in Wolfsburg sehen und alles aus der Stadt herauszulesen zu wollen, oftmals am Einzelgegenstand hängen. Strukturelle Aspekte, die der Vertiefung bedürften, bleiben verschwommen. Das ist nicht weiter schlimm, denn kaum eine Stadt wird von Soziologen, Künstlern, Planern und Ökonomen so oft und intensiv durch den Wolf gedreht wie Wolfsburg.

Wolfsburg Unlimited - Eine Stadt als Weltlabor
Kunstmuseum Wolfsburg
bis 11. September 2016

Katalog
hrsg. v. Ralf Beil
350 Seiten
Hatje Cantz, Ostfildern 2016.
kostet in der Ausstellung 35 Euro

www.kunstmuseum-wolfsburg.de