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von 2140 Forward End
Ein Jules Verne der Architektur
von Amelie Znidaric | 10. Februar 2011
Fast wäre das Haus abgerissen worden. Downtown Brooklyn war in den achtziger Jahren fast genauso übel wie die Bronx. Die beste Lösung, dachte man damals: alles abreißen und von Grund auf neu aufbauen. Doch während in der Bronx ein Ziegelbau nach dem anderen fiel, leistete Brooklyn Widerstand. Nur vereinzelt musste alte Substanz neuem Stahlbeton Platz machen. Das Metropolitan Exchange Building jedenfalls steht noch. Sieben Geschosse hoch, vollgestopft mit Möbeln, Kram und kreativen Menschen. Gerade mal vier Jahre ist es her, da waren alle sieben Loftgeschosse Lager. Als erster wurde der fünfte Stock freigeräumt, und eingezogen ist damals ein junges Büro für Architektur und Städtebau. Schon bald folgten den drei Harvard-Absolventen ehemalige Kommilitonen, unter anderem Maria Aiolova und Mitchell Joachim, die gemeinsam Terreform ONE - die Abkürzung steht für „Open Network Ecology" - gegründet hatten: eine Nonprofitkooperative für, wie sie es nennen, „philanthropische Architektur, Städtebau und ökologisches Design." Schrittweise wurde ein Stockwerk nach dem anderen an junge Kreative vermietet. Das sechste an Terreform ONE, als man sich eine Werkstatt einrichten wollte und später, gemeinsam mit einem Biologen aus Harvard, ein Labor. Das Erdgeschoss und den ersten Stock nutzt der Hausherr nach wie vor als Lager. Friedlich stehen da Karussellpferde neben einem kompletten Bühnenbild der nahe gelegenen Brooklyn Academy of Music. „Aber im Sommer räumen wir einen Teil frei und nützen ihn als Galerie und für Vorträge", erzählt Maria Aiolova. Letzteren lauschten dieses Jahr die Teilnehmer von „Terrefarm", einem Workshop für Studenten, Architekten, Wissenschafter und Künstler, der zum ersten Mal über die Bühne ging. Er widmete sich der urbanen Landwirtschaft, und gepaukt wird dabei nicht nur Theorie. Stattdessen experimentierten die Terrefarmer auf dem Dach des Metropolitan Exchange Building mit verschiedenen Böden und Bepflanzungsmethoden. Freitagabends auch mit Grillwurst und Bier. Es ist kein Zufall, dass sich Maria Aiolova und ihr Partner Mitchell Joachim mit dem Thema beschäftigen. In ihren Studien spielt der urbane Acker-, Obst- und Gemüseanbau eine wichtige Rolle. Mit ihren Kooperativen Terreform ONE und Terrefuge entwickeln die beiden Visionen für die Stadt von übermorgen. Ironischerweise folgen sie dabei weitgehend dem Motto der New Yorker Stadtväter der Achtziger: alles abreißen und von Grund auf neu aufbauen - unter völlig anderen Vorzeichen freilich. Ein großes Modell zeigt, wie sich Maria Aiolova und Mitchell Joachim das Brooklyn des Jahres 2110 vorstellen. Wo sich heute neue luxuriöse Appartementtürme drängeln - an den Ufern des East River mit Blick auf Manhattan - ist alles flach. Es sind keine Parks, sondern Feuchtgebiete, die Ebbe und Flut abfangen sollen. „Wir müssen davon ausgehen, dass New York in etwa fünfzig Jahren massiv vom ansteigenden Meeresspiegel betroffen sein wird", sagt Mitchell Joachim. Daneben - und auf den Dächern der Wohnhäuser weiter im Landesinneren - sieht man Felder und Nutzgärten. Die Stadt der Zukunft ist autark. „Wir liefern Nahrung nicht an, wir produzieren sie vor Ort", sagt Joachim. „Und was wir wegwerfen, wird aufbereitet und geht zurück in dieselbe Permakultur." Mitchell Joachim hat lange Dreadlocks, entspricht aber keinem Klischee. Er ist Absolvent ehrwürdiger Universitäten wie Columbia, Harvard und dem MIT sowie Professor an der New York University. Er verwendet gerne Ausdrücke, die nicht jedermann bekannt sind. Permakultur, das ist Nahrungsproduktion, Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Infrastruktur auf Basis ethischer Prinzipien. „Form follows anything", erklärt Mitchell Joachim, „solange wir dabei für Licht, Luft, freie Sicht und eine gute Orientierung sorgen und Kenntnis im Umgang mit Energie, Nahrung, Abfall und so weiter beweisen." Der Kontext, so Joachim, sei eine Grundsäule der Architektur. Diesem Prinzip folgend wird die Stadt erst hinter den Nutzflächen zu einem verdichteten Areal. Dort stehen hohe, schlanke Türme, alle mit einem Durchmesser von höchstens zehn Metern, um innen maximales Tageslicht zu gewährleisten. Das Zentrum von Brooklyn im Jahr 2110 bildet eine gigantische Zitadelle, in der Abfall und Abwasser in Energie umgewandelt werden. Wird, so fragt man sich unwillkürlich, das nicht stinken? Dass ihm das völlig egal ist, beweist Joachim mit einem anderen Projekt. „Das ist der Abfall, den die Stadt New York in exakt einer Stunde produziert", sagt er und zeigt dabei auf ein Model, in dem komprimierte Müllwürfel den Umriss der Freiheitsstatue samt Sockel nachbilden. „Das ist WALL-E auf Crack", sagt Joachim. Mit dem Abfall eines ganzen Tages könnte der kleine Roboter WALL-E aus dem gleichnamigen Film sogar einen dreiundfünfzig stöckigen Wolkenkratzer bauen. Das Baugerüst besteht - im Unterschied zu den Würfeln, die rein anorganisch sind - aus organischem Müll, der langsam vor sich hinfault. „In unseren Städten stinkt es so oder so", sagt Joachim. Ein ähnlich radikales Modell wie das von Brooklyn gibt es auch für Manhattan. Es entstand anlässlich eines Wettbewerbs im Jahr 2006 - und hat sogar einen Preis gewonnen. Damals hatte Mitchell Joachim zusammen mit seinem langjährigen Mentor, dem Architekturkritiker Michael Sorkin, die Kooperative Terreform gegründet. Nach einem Jahr jedoch ging man im Unfrieden auseinander, die Kooperative gründete sich unter den Namen Terreform ONE und Terrefuge neu, Sorkin betreibt das ursprüngliche Terreform nun mit seiner Frau. Allerdings gibt es seitdem Zwist um die Copyrights, unter anderem für das Manhattan-Projekt. Die Ideen darin verwenden freilich beide, Sorkin zuletzt in seinem Beitrag für den amerikanischen Pavillon anlässlich der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. Mitchell Joachim allerdings wird nicht müde zu betonen, dass die Ideen allesamt nicht grundsätzlich neu sind. „Die Technologien sind längst da, wir könnten gestern anfangen", sagt er. Konkrete Fragen zur Umsetzung lässt er freilich offen. Kosten, Emissionswerte, Sicherheitsbestimmungen, Interessenkonflikte zwischen den verschiedenen Nutzern der Stadt, all das wischt Joachim vom Tisch. Darum geht es ihm nicht. „Wir wollen einen polemischen Beitrag leisten und Entwürfe präsentieren, die schockieren", sagt er fast trotzig, „wir wollen Diskussion auslösen und einen intelligenten Dialog darüber, wo es mit der Stadt in Zukunft hingehen soll." Sperrig sind die Ideen allemal, etwa die mit den Häusern auf Rädern. Sie sind Terreform ONEs Antwort auf die amerikanische Vorstadt. Statt im Grünen sollen sich Joachims Landsleute in Zukunft entlang der Autobahnen niederlassen. Diese sind dann natürlich nicht mehr, was sie heute sind. Der Schnellverkehr braust unter die Erde durch, auf Straßenniveau ziehen langsam Supermärkte und andere Teile der Infrastruktur vorbei. Wem es da, wo er ist, nicht mehr gefällt, der lädt sein Haus einfach auf große Räder und zieht weiter - immer entlang der Autobahn anstatt das Land zu zersiedeln. „Diese Leute lieben ihre Geländewagen und ihre SUVs", sagt Joachim, „aber wir geben ihnen etwas Besseres; wir stellen ihr ganzes Haus auf Räder. Das passt eins a in ihr Wertesystem!" In der Stadt gibt es dann nur gemeinschaftlich genutzte Autos, die aussehen wie Schäfchen und auch genauso weich sind. Elektromotor, Steuerung, Software und alles, was ein Auto sonst zum Fahren braucht, ist in den Rädern untergebracht. „Wir wollen Autos, die keine Menschen verletzen", sagt Joachim. Deshalb die weiche Karosserie. Aber noch lieber will Terreform ONE Autos, die mitdenken und deshalb erst gar keinen Unfall bauen. So wie Pferde zum Beispiel. „Kutschpferde kennen ihren Weg genau. Sie haben Sinne, sie hören und riechen. Sie wissen, wo Kinder spielen und in welchem Haus Miss Cramtree wohnt, die immer mit dem Kutscher schimpft, weil er spät dran ist. Das ist die Art von Intelligenz, die wir auch für Autos brauchen", sagt Joachim. Alternativ zum Schäfchenauto kann der Städter auch seinen „Jet-Pack" nehmen - einen Raketenrucksack - oder den nächsten „Blimp" - eine Art Luftschiff-Ballon, an dem - ähnlich wie beim Sessellift - Sitze hängen. Seine Ideen haben Mitchell Joachim viel Lob, aber auch Spott eingebracht. Cameron Sinclair etwa, Gründer von Architecture for Humanity, nennt ihn scherzhaft den „Mister Spock der Ökobewegung". Für ihre Vorschläge haben Terreform ONE und Terrefuge jedenfalls den Zumtobel Group Award for Sustainability and Humanity in der Kategorie „Forschung und Initiative" bekommen. Und das Wired Magazine hat Joachim in die Liste der fünfzehn smartesten Menschen gewählt, auf die der amerikanische Präsident hören sollte. Er selbst hört auf eine ganz andere Stimme: „Für mich ist Jules Verne der größte Architekturtheoretiker der letzten dreihundert Jahre", sagt er, „er hat nie etwas versprochen, sondern einfach Geschichten erzählt. Und das ist es, was alle großen Architekten tun: Sie geben keine Versprechen, sondern erzählen von möglichen neuen Welten. Und wenn die Geschichte richtig gut ist, dann folgen wir ihr mit unserem Geist und unserem Herzen." www.terreform.org
Fab tree hab, Living Graft Prefab Structure
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Homeway, The Great Suburban Exodus
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Mitchell Joachim
Smart DOTS + Soft MOBS: NY 2028 Environmental Mobility von Terreform ONE
Green brain: a smart Park for a new city, Central Open Space in MAC, Korea
Rapid Ref(f)use: Waste to resource City 2120
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Homeway, The Great Suburban Exodus
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Urbaneering Brooklyn 2110 City of the Future