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Erst das Modell aus Pappe offenbart die Präsenz des Objekts
7. Januar 2011
Jörg Boner

Langenthal im November 2010: Mit einer Carte blanche hat sich Jörg Boner beim diesjährigen Designers' Saturday in der alten Mühle eingerichtet. Der Zürcher Designer und sein Team haben eine Miniaturfabrik aus Pappe errichtet, um darin aktuelle Entwürfe zu präsentieren. Die Scheddächer der begehbaren Modellfabrik stoßen bis an die Decke des niedrigen Raumes. Innen öffnet sich ein kleiner, reduzierter Bereich - rundherum mit Pappe verkleidet. Frisch aus der Produktion und wie auf einem Laufsteg stehen auf einem zentralen Tisch zwei Stühle: Der neue „Wogg 50" in strahlendem Orange und in dunkelgrauer Lasur. Nach drei Jahren Entwurfs- und Entwicklungszeit soll der Formholzstuhl im Januar kommenden Jahres auf der „imm Cologne" als serienproduziertes Möbel vorgestellt werden. Sandra Hofmeister sprach mit Jörg Boner über die Entwicklung und den Entwurf des neuen Möbels.

Sandra Hofmeister: Im Zentrum Ihrer Miniaturfabrik in Langenthal steht der „Wogg 50". Ist der Formsperrholzstuhl ein „Fabrikmöbel"?

Jörg Boner: Das glaube ich nicht. Aber mich interessieren prinzipiell Fabrikationsbedingungen. Die Mittel, Möglichkeiten und Methoden der Herstellung sind extrem wichtig im Design. Ich glaube nicht an Entwürfe, die losgelöst von all dem entstehen und irgendwo von irgendjemandem produziert werden. Lieber gehe ich in die Firmen, studiere die Produktionswege und Herstellungsmethoden und versuche, meine Entwürfe aus diesem Kontext heraus zu entwickeln. Unsere Hommage an die Fabrik hat eher diesen Hintergrund.

Sie sind gelernter Schreiner und Ihr neuer Stuhl ist ein Holzstuhl. War der handwerkliche Hintergrund wichtig für den Entwurf? Oder waren es eher die Methoden der maschinellen Serienproduktion?

Jörg Boner: Als ehemaliger Möbelschreiner dachte ich natürlich, dass ich mich bestens auskenne mit Holz und auch mit Formsperrholz. Beim Entwerfen haben wir dann schon in einem frühen Stadium Kontakte zu Becker geknüpft - das ist ein deutsches Unternehmen, das sich auf Sperrholzformteile spezialisiert hat und die Einzelteile des Stuhls heute auch produziert. Mir wurde schnell bewusst, dass ich in Sachen Formsperrholz überhaupt nichts verstanden hatte. Die industrielle Holzverarbeitung ist sehr komplex, gerade wenn es um Details geht. Meine Erfahrungen als Schreiner haben mir jedenfalls nicht viel gebracht bei diesem Projekt.

Anders als Kunststoff steht Holz auch in der Möbelbranche für den engen Bezug zum Handwerk. Ist das ein Trugschluss?

Jörg Boner: Der Mythos Kunststoff besagt, dass das Material viel industrieller ist als Holz. Das stimmt aber in vielen Fällen nicht. Mit Kunststoff haben Designer relativ freie Hand bei der Formgebung, bei Formsperrholz ist das viel komplizierter. Der „Wogg 50" besteht aus zwei Teilen - der Sitzfläche und der Rückenlehne. Hinzu kommen die Beine. Für die Formsperrholzteile haben wir zwei Werkzeuge entwickelt. Die Buchenfurnierlagen werden wie dünne Papierschichten aufeinander geleimt und in den Werkzeugen in Form gepresst. Der Produktionsvorgang funktioniert rein maschinell - nur das Einspannen in die Werkzeuge ist zu Teilen Handarbeit. Zusammengesetzt werden die einzelnen Teile dann bei Wogg in der Schweiz.

Inwiefern war die Wahl von Formsperrholz eine bewusste Materialentscheidung?

Jörg Boner: Zum einen hatte Wogg von Anfang an den Wunsch, einen Holzstuhl zu entwickeln. Der zweite Punkt, der die Materialwahl interessant macht, betrifft die Herstellungsbedingungen: Die Firma Becker liegt inmitten eines Buchenwaldes. Die Bäume werden dort geschnitten und verarbeitet. Ich finde es sinnvoll und spannend, das Material direkt vor Ort zu verarbeiten. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, der eine gewisse Natürlichkeit hat und mit wenig Leim intelligent verarbeitet werden kann. Das hat mich gereizt.

Der Stuhl sollte nicht mehr als 400 Euro im Laden kosten. Wie geht man als Designer beim Entwerfen mit solchen Vorgaben um?

Jörg Boner: Man diskutiert letztlich über den reinen Produktionspreis und das Herstellungsbudget für den Stuhl. Ich kenne Wogg mittlerweile so gut, dass wir offen über Kalkulationen sprechen können. Es ist doch spannend, wenn sich Design in Kostenstrukturen entwickeln muss! Jedenfalls möchte ich nicht irgendetwas entwerfen und am Ende einen Fantasiepreis erheben. Das ist mir zu unprofessionell.

Es gibt aber einige Designschulen, die genau so arbeiten und den Entwurf als einen losgelösten künstlerischen Akt sehen, der zu hochpreisigen limitierten Editionen führt. Sehen Sie sich eher als Industriedesigner denn als Künstler?

Jörg Boner: Auf jeden Fall. Mich reizt die Herausforderung, technische Komponenten mit dem formalen Anspruch zu verbinden, etwas Zeitgenössisches zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund war ein Holzstuhl sogar besonders schwierig: Wir wollten alle Bedingungen der industriellen Produktion berücksichtigen und gleichzeitig einen Stuhl entwerfen, dem man ansieht, dass er im Jahr 2010 entworfen wurde, der nicht nur die zeitgenössische Formensprache spricht, sondern auch auf heutigem Wissensstand basiert.

Woran kann man Zeitgenossenschaft und Wissensstand erkennen, wenn man das Ergebnis betrachtet?

Jörg Boner: Es ist zum einen der sparsame Umgang mit dem Material. Zum anderen sind mir aber auch formale Entscheidungen wichtig: Es geht um eine Ästhetik, die dem entspricht, was uns heute interessiert. Das klingt vielleicht vage, doch ich meine damit eine Art der Eigenständigkeit, die den Inhalten, die uns heute wichtig sind, eine charakteristische Form gibt. Wie eine Skulptur, die etwas mit dem Hier-und-Jetzt zu tun hat. Außerdem sind die beiden Knoten an den Seiten der Sitzfläche, an denen alles zusammengeführt wird, in dieser Ausformulierung nur mit der neusten Presstechnik möglich. Sie kommen so wie sie sind aus dem Werkzeug und werden nicht - wie früher - nachträglich eingeleimt.

Ihre eigene Handschrift,aber auch die von Wogg, sind jedenfalls gut erkennbar. Wie sind Sie zu den einzelnen Kurven und Krümmungen der Lehne und der Sitzfläche gekommen?

Jörg Boner: Am Anfang entwickeln wir immer Ideen und skizzieren sie. Sehr schnell sind wir dann auch beim „Wogg 50" zu 3D-Zeichnungen übergegangen, weil wir so eine bessere Vorstellung von dem Stuhl erhalten haben. Sobald diese Vorstellung mit der ursprünglichen Idee zur Deckung gebracht war, haben wir ein 1:1-Modell aus Pappe gebaut. Wir nutzten das Schnittmuster der Computerzeichnung, um einzelne Flächen auszudrucken und den Stuhl damit als Modell zu bauen. Es mag vielleicht etwas anachronistisch sein, von der digitalisierten 3D-Zeichnung wieder zurück zu manuellen Arbeitsschritten zu gehen. Doch im Moment des Modellbauens passiert sehr viel: Es entsteht ein Gebilde, das eine eigene Sprache und einen spezifischen Charakter hat. Erst das Modell aus Pappe zeigt die Präsenz des Objekts. Natürlich ist die Form programmiert und mit dem Computer kann man auch sämtliche Linien und Krümmungen kontrollieren, doch die Präsenz stellt sich erst mit dem Modell ein. Ausgehend vom Pappmodell haben wir dann die Computerzeichnung überarbeitet. Diesen Vorgang haben wir so oft wiederholt, bis alles stimmig war. Linien und Kurven erhielten also in vielen Schritten ihre endgültige Form.

Wie bei einer Anprobe beim Schneider - da wird auch an verschiedenen Stellen noch Stoff weggenommen oder dazu dazugegeben?

Jörg Boner: Genau so. Gerade bei einem Stuhl sind manche Kurven, betrachtet man sie aus einem bestimmten Winkel, in Ordnung, dreht man das Ganze aber nur leicht, so stimmt etwas nicht. Dann korrigieren wir die Linien und übertragen die Korrekturen in die Computerzeichnung.

Die geschwungene Rückenlehne ist von außen an die Sitzfläche geführt und an deren Unterseite mit ihr verschraubt. Woher kommt dieser Konstruktionsgedanke?

Jörg Boner: Wir wollten die Rückenlehne von vornherein von Außen an die Sitzfläche anfügen - wie die Zöpfe von Pipi Langstrumpf. Das finde ich formal sehr schön - technisch war das jedoch ein Problem. Mit den Möglichkeiten bei Becker sind wir auf die Idee gekommen, die Lehne von unten mit vier versenkten Schrauben an der Sitzfläche zu befestigen. Das ist einerseits stabil und bringt zusätzlich auch eine gewisse Flexibilität mit sich, so dass die Rückenlehne leicht federt. Konstruktiv kommt dem Ganzen der gepolsterte „Visitor Armless Chair" von Eero Saarinen recht nahe - er hat eine ähnliche Rückenlehne, sieht aber ganz anders aus. Wenn man diese Konstruktion formal anders löst, kann der Stuhl schnell auch recht historisch aussehen.

Wogg ist - über die eigene Möbelkollektion hinaus - bekannt als ein kleines und experimentierfreudiges Unternehmen, das innovative Materialien und Konstruktionen entwickelt. Ging das Briefing ursprünglich davon aus, dass der Stuhl bei Wogg produziert wird?

Jörg Boner: Das haben wir eigentlich von vornherein ausgeschlossen. Wir wollten einen Holzstuhl - ich habe dann Formsperrholz als Material vorgeschlagen. Und mit dieser Wahl war klar, dass der Stuhl nicht bei Wogg produziert werden kann. Es ist unmöglich für eine kleine Firma, diese spezialisierte Technologie anzuwenden.

War es enttäuschend, so lange an einem Möbel zu arbeiten und dem Ergebnis dann eine Nummer als Namen zu geben? Diesmal die 50 statt der 42?

Jörg Boner: (Lacht....) Das ist etwas unpersönlich und insofern vielleicht schade. Aber wir sind dem Hersteller so nahe und diskutieren so viel gemeinsam, dass ich den Namen problemlos in Kauf nehmen kann. Unsere Zusammenarbeit trifft genau meine Vorstellung von der Tätigkeit eines Designers. Es ist eine Partnerschaft mit allen Hochs und Tiefs, an der ständig gearbeitet wird. Wenn der Stuhl eine Nummer hat, dann ist mir das letztlich lieber, als wenn der Designer für den Hersteller nur irgendeine eine Nummer bleibt.

Gibt es Pläne, aus dem „Wogg 50" eine Stuhl-Familie zu entwickeln - mit Lounge-Stuhl, Barhocker und möglichen anderen Erweiterungen?

Jörg Boner: Ich hoffe und glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Formverwandtschaften kann man nicht einfach adaptieren, auch die „Ameise" von Arne Jacobsen ist nicht Teil einer Familie. Ich kenne viele Stuhlbeispiele, deren Ausgangsmodell gelungen ist, die Erweiterung zu einem ganzen Stuhlprogramm jedoch nur als Abklatsch des Urentwurfs funktioniert. Ein guter Stuhl hat eine Stimmigkeit was die Größe, die Dimensionen und seine Nutzung anbetrifft. Ich glaube nicht, dass man diese Prinzipien einfach weiter drehen und übertragen kann.

In letzter Zeit ist das aber oft der Fall. Auch der „Tivoli-Chair" von Verner Panton bildet jetzt eine Familie aus Lounge Chair, Barhocker und Stuhl.

Jörg Boner: Ich weiß, dass das oft gemacht wird. Trotzdem habe ich noch keine gute Familie gesehen. Vielleicht kann man Verwandtschaften herstellen. Doch dann geht es um einen neuen Entwurf. Der „Wogg 50" passt zum Beispiel gut zum Tisch „Wogg 43". Als kleiner Bruder kann ein Stuhl anders aussehen als seine große Schwester. Trotzdem gehört er zur großen Familie.

Oft werden die Farben am Ende der Entwurfsphase eher vernachlässigt. Wie war das beim „Wogg 50"?

Jörg Boner: Ich finde die Farbe extrem wichtig. Als Mark Werder von Wogg und ich einmal von Becker zurück in die Schweiz fuhren, sind wir im Verlauf einer längeren Diskussion auf die Farbgebung bei Modellschiffen gekommen. Ich habe dann sämtliche Tamiya-Farben aus einer Modellbauhandlung aufgekauft - das ist eine japanische Firma, die Farben für Modelle von Militärflugzeugen und Schlachtschiffen herstellt. Ausgehend von dieser Basis haben wir dann eine eigene Farbpalette aus insgesamt acht Farben entwickelt. Da gibt es zum Beispiel Farbtöne, die sich „dark seagrey" nennen - die Namen der Farben sind viel schöner als die schlichte Bezeichnung des Stuhls selbst. Ich persönlich habe noch nicht viel Erfahrung mit Farben, halte sie aber trotzdem für wichtig, und für einen Teil des Entwurfs. Farben haben viel mehr Kraft als wir glauben. Auch beim Designers' Saturday sind wir mit den Besuchern sofort über die Farben ins Gespräch gekommen.

Farben sind auch eine Modeerscheinungen. Manche Farbtöne sind nächstes Jahr vielleicht schon nicht mehr angesagt. Wofür haben Sie sich entschieden?

Jörg Boner: Es gibt auch schöne Kleider, deren Stoff die Farbigkeit einer bestimmten Zeit hat und die ihre Qualität trotzdem über ihre Zeit hinaus behalten. Natürlich ist es möglich, dass einige unserer Farbtöne in einigen Jahren nicht mehr gut sind. Doch letztlich ist die Farbe - anders als das Design und die Konstruktion des Stuhls - leicht veränderbar. Gleichwohl müssen Farben zum Entwurf passen und ihm Rechnung tragen.

www.joergboner.ch

Stuhl Wogg 50 von Jörg Boner
Installation von Jörg Boner productdesign zum Designers' Saturday in Langenthal
Produkte
Wogg: WOGG ROYA  Stapelstuhl @ Stylepark
Wogg
WOGG ROYA Stapelstuhl
Jörg Boner
News & Stories › 2011 › Januar
Erst das Modell aus Pappe offenbart die Präsenz des Objekts
7. Januar 2011
Nach drei Jahren Entwicklungszeit soll der Formholzstuhl „Wogg 50" auf der kommenden imm in Köln als serienproduziertes Möbel vorgestellt werden. Sandra Hofmeister sprach mit Jörg Boner über seine Entwurfsmethoden, die Besonderheiten von Formsperrholz sowie den Sinn und Zweck von Möbelfamilien.
Langenthal im November 2010: Mit einer Carte blanche hat sich Jörg Boner beim diesjährigen Designers' Saturday in der alten Mühle eingerichtet. Der Zürcher Designer und sein Team haben eine Miniaturfabrik aus Pappe errichtet, um darin aktuelle Entwürfe zu präsentieren. Die Scheddächer der begehbaren Modellfabrik stoßen bis an die Decke des niedrigen Raumes. Innen öffnet sich ein kleiner, reduzierter Bereich - rundherum mit Pappe verkleidet. Frisch aus der Produktion und wie auf einem Laufsteg stehen auf einem zentralen Tisch zwei Stühle: Der neue „Wogg 50" in strahlendem Orange und in dunkelgrauer Lasur. Nach drei Jahren Entwurfs- und Entwicklungszeit soll der Formholzstuhl im Januar kommenden Jahres auf der „imm Cologne" als serienproduziertes Möbel vorgestellt werden. Sandra Hofmeister sprach mit Jörg Boner über die Entwicklung und den Entwurf des neuen Möbels.

Sandra Hofmeister: Im Zentrum Ihrer Miniaturfabrik in Langenthal steht der „Wogg 50". Ist der Formsperrholzstuhl ein „Fabrikmöbel"?

Jörg Boner: Das glaube ich nicht. Aber mich interessieren prinzipiell Fabrikationsbedingungen. Die Mittel, Möglichkeiten und Methoden der Herstellung sind extrem wichtig im Design. Ich glaube nicht an Entwürfe, die losgelöst von all dem entstehen und irgendwo von irgendjemandem produziert werden. Lieber gehe ich in die Firmen, studiere die Produktionswege und Herstellungsmethoden und versuche, meine Entwürfe aus diesem Kontext heraus zu entwickeln. Unsere Hommage an die Fabrik hat eher diesen Hintergrund.

Sie sind gelernter Schreiner und Ihr neuer Stuhl ist ein Holzstuhl. War der handwerkliche Hintergrund wichtig für den Entwurf? Oder waren es eher die Methoden der maschinellen Serienproduktion?

Jörg Boner: Als ehemaliger Möbelschreiner dachte ich natürlich, dass ich mich bestens auskenne mit Holz und auch mit Formsperrholz. Beim Entwerfen haben wir dann schon in einem frühen Stadium Kontakte zu Becker geknüpft - das ist ein deutsches Unternehmen, das sich auf Sperrholzformteile spezialisiert hat und die Einzelteile des Stuhls heute auch produziert. Mir wurde schnell bewusst, dass ich in Sachen Formsperrholz überhaupt nichts verstanden hatte. Die industrielle Holzverarbeitung ist sehr komplex, gerade wenn es um Details geht. Meine Erfahrungen als Schreiner haben mir jedenfalls nicht viel gebracht bei diesem Projekt.

Anders als Kunststoff steht Holz auch in der Möbelbranche für den engen Bezug zum Handwerk. Ist das ein Trugschluss?

Jörg Boner: Der Mythos Kunststoff besagt, dass das Material viel industrieller ist als Holz. Das stimmt aber in vielen Fällen nicht. Mit Kunststoff haben Designer relativ freie Hand bei der Formgebung, bei Formsperrholz ist das viel komplizierter. Der „Wogg 50" besteht aus zwei Teilen - der Sitzfläche und der Rückenlehne. Hinzu kommen die Beine. Für die Formsperrholzteile haben wir zwei Werkzeuge entwickelt. Die Buchenfurnierlagen werden wie dünne Papierschichten aufeinander geleimt und in den Werkzeugen in Form gepresst. Der Produktionsvorgang funktioniert rein maschinell - nur das Einspannen in die Werkzeuge ist zu Teilen Handarbeit. Zusammengesetzt werden die einzelnen Teile dann bei Wogg in der Schweiz.

Inwiefern war die Wahl von Formsperrholz eine bewusste Materialentscheidung?

Jörg Boner: Zum einen hatte Wogg von Anfang an den Wunsch, einen Holzstuhl zu entwickeln. Der zweite Punkt, der die Materialwahl interessant macht, betrifft die Herstellungsbedingungen: Die Firma Becker liegt inmitten eines Buchenwaldes. Die Bäume werden dort geschnitten und verarbeitet. Ich finde es sinnvoll und spannend, das Material direkt vor Ort zu verarbeiten. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, der eine gewisse Natürlichkeit hat und mit wenig Leim intelligent verarbeitet werden kann. Das hat mich gereizt.

Der Stuhl sollte nicht mehr als 400 Euro im Laden kosten. Wie geht man als Designer beim Entwerfen mit solchen Vorgaben um?

Jörg Boner: Man diskutiert letztlich über den reinen Produktionspreis und das Herstellungsbudget für den Stuhl. Ich kenne Wogg mittlerweile so gut, dass wir offen über Kalkulationen sprechen können. Es ist doch spannend, wenn sich Design in Kostenstrukturen entwickeln muss! Jedenfalls möchte ich nicht irgendetwas entwerfen und am Ende einen Fantasiepreis erheben. Das ist mir zu unprofessionell.

Es gibt aber einige Designschulen, die genau so arbeiten und den Entwurf als einen losgelösten künstlerischen Akt sehen, der zu hochpreisigen limitierten Editionen führt. Sehen Sie sich eher als Industriedesigner denn als Künstler?

Jörg Boner: Auf jeden Fall. Mich reizt die Herausforderung, technische Komponenten mit dem formalen Anspruch zu verbinden, etwas Zeitgenössisches zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund war ein Holzstuhl sogar besonders schwierig: Wir wollten alle Bedingungen der industriellen Produktion berücksichtigen und gleichzeitig einen Stuhl entwerfen, dem man ansieht, dass er im Jahr 2010 entworfen wurde, der nicht nur die zeitgenössische Formensprache spricht, sondern auch auf heutigem Wissensstand basiert.

Woran kann man Zeitgenossenschaft und Wissensstand erkennen, wenn man das Ergebnis betrachtet?

Jörg Boner: Es ist zum einen der sparsame Umgang mit dem Material. Zum anderen sind mir aber auch formale Entscheidungen wichtig: Es geht um eine Ästhetik, die dem entspricht, was uns heute interessiert. Das klingt vielleicht vage, doch ich meine damit eine Art der Eigenständigkeit, die den Inhalten, die uns heute wichtig sind, eine charakteristische Form gibt. Wie eine Skulptur, die etwas mit dem Hier-und-Jetzt zu tun hat. Außerdem sind die beiden Knoten an den Seiten der Sitzfläche, an denen alles zusammengeführt wird, in dieser Ausformulierung nur mit der neusten Presstechnik möglich. Sie kommen so wie sie sind aus dem Werkzeug und werden nicht - wie früher - nachträglich eingeleimt.

Ihre eigene Handschrift,aber auch die von Wogg, sind jedenfalls gut erkennbar. Wie sind Sie zu den einzelnen Kurven und Krümmungen der Lehne und der Sitzfläche gekommen?

Jörg Boner: Am Anfang entwickeln wir immer Ideen und skizzieren sie. Sehr schnell sind wir dann auch beim „Wogg 50" zu 3D-Zeichnungen übergegangen, weil wir so eine bessere Vorstellung von dem Stuhl erhalten haben. Sobald diese Vorstellung mit der ursprünglichen Idee zur Deckung gebracht war, haben wir ein 1:1-Modell aus Pappe gebaut. Wir nutzten das Schnittmuster der Computerzeichnung, um einzelne Flächen auszudrucken und den Stuhl damit als Modell zu bauen. Es mag vielleicht etwas anachronistisch sein, von der digitalisierten 3D-Zeichnung wieder zurück zu manuellen Arbeitsschritten zu gehen. Doch im Moment des Modellbauens passiert sehr viel: Es entsteht ein Gebilde, das eine eigene Sprache und einen spezifischen Charakter hat. Erst das Modell aus Pappe zeigt die Präsenz des Objekts. Natürlich ist die Form programmiert und mit dem Computer kann man auch sämtliche Linien und Krümmungen kontrollieren, doch die Präsenz stellt sich erst mit dem Modell ein. Ausgehend vom Pappmodell haben wir dann die Computerzeichnung überarbeitet. Diesen Vorgang haben wir so oft wiederholt, bis alles stimmig war. Linien und Kurven erhielten also in vielen Schritten ihre endgültige Form.

Wie bei einer Anprobe beim Schneider - da wird auch an verschiedenen Stellen noch Stoff weggenommen oder dazu dazugegeben?

Jörg Boner: Genau so. Gerade bei einem Stuhl sind manche Kurven, betrachtet man sie aus einem bestimmten Winkel, in Ordnung, dreht man das Ganze aber nur leicht, so stimmt etwas nicht. Dann korrigieren wir die Linien und übertragen die Korrekturen in die Computerzeichnung.

Die geschwungene Rückenlehne ist von außen an die Sitzfläche geführt und an deren Unterseite mit ihr verschraubt. Woher kommt dieser Konstruktionsgedanke?

Jörg Boner: Wir wollten die Rückenlehne von vornherein von Außen an die Sitzfläche anfügen - wie die Zöpfe von Pipi Langstrumpf. Das finde ich formal sehr schön - technisch war das jedoch ein Problem. Mit den Möglichkeiten bei Becker sind wir auf die Idee gekommen, die Lehne von unten mit vier versenkten Schrauben an der Sitzfläche zu befestigen. Das ist einerseits stabil und bringt zusätzlich auch eine gewisse Flexibilität mit sich, so dass die Rückenlehne leicht federt. Konstruktiv kommt dem Ganzen der gepolsterte „Visitor Armless Chair" von Eero Saarinen recht nahe - er hat eine ähnliche Rückenlehne, sieht aber ganz anders aus. Wenn man diese Konstruktion formal anders löst, kann der Stuhl schnell auch recht historisch aussehen.

Wogg ist - über die eigene Möbelkollektion hinaus - bekannt als ein kleines und experimentierfreudiges Unternehmen, das innovative Materialien und Konstruktionen entwickelt. Ging das Briefing ursprünglich davon aus, dass der Stuhl bei Wogg produziert wird?

Jörg Boner: Das haben wir eigentlich von vornherein ausgeschlossen. Wir wollten einen Holzstuhl - ich habe dann Formsperrholz als Material vorgeschlagen. Und mit dieser Wahl war klar, dass der Stuhl nicht bei Wogg produziert werden kann. Es ist unmöglich für eine kleine Firma, diese spezialisierte Technologie anzuwenden.

War es enttäuschend, so lange an einem Möbel zu arbeiten und dem Ergebnis dann eine Nummer als Namen zu geben? Diesmal die 50 statt der 42?

Jörg Boner: (Lacht....) Das ist etwas unpersönlich und insofern vielleicht schade. Aber wir sind dem Hersteller so nahe und diskutieren so viel gemeinsam, dass ich den Namen problemlos in Kauf nehmen kann. Unsere Zusammenarbeit trifft genau meine Vorstellung von der Tätigkeit eines Designers. Es ist eine Partnerschaft mit allen Hochs und Tiefs, an der ständig gearbeitet wird. Wenn der Stuhl eine Nummer hat, dann ist mir das letztlich lieber, als wenn der Designer für den Hersteller nur irgendeine eine Nummer bleibt.

Gibt es Pläne, aus dem „Wogg 50" eine Stuhl-Familie zu entwickeln - mit Lounge-Stuhl, Barhocker und möglichen anderen Erweiterungen?

Jörg Boner: Ich hoffe und glaube nicht, dass es dazu kommen wird. Formverwandtschaften kann man nicht einfach adaptieren, auch die „Ameise" von Arne Jacobsen ist nicht Teil einer Familie. Ich kenne viele Stuhlbeispiele, deren Ausgangsmodell gelungen ist, die Erweiterung zu einem ganzen Stuhlprogramm jedoch nur als Abklatsch des Urentwurfs funktioniert. Ein guter Stuhl hat eine Stimmigkeit was die Größe, die Dimensionen und seine Nutzung anbetrifft. Ich glaube nicht, dass man diese Prinzipien einfach weiter drehen und übertragen kann.

In letzter Zeit ist das aber oft der Fall. Auch der „Tivoli-Chair" von Verner Panton bildet jetzt eine Familie aus Lounge Chair, Barhocker und Stuhl.

Jörg Boner: Ich weiß, dass das oft gemacht wird. Trotzdem habe ich noch keine gute Familie gesehen. Vielleicht kann man Verwandtschaften herstellen. Doch dann geht es um einen neuen Entwurf. Der „Wogg 50" passt zum Beispiel gut zum Tisch „Wogg 43". Als kleiner Bruder kann ein Stuhl anders aussehen als seine große Schwester. Trotzdem gehört er zur großen Familie.

Oft werden die Farben am Ende der Entwurfsphase eher vernachlässigt. Wie war das beim „Wogg 50"?

Jörg Boner: Ich finde die Farbe extrem wichtig. Als Mark Werder von Wogg und ich einmal von Becker zurück in die Schweiz fuhren, sind wir im Verlauf einer längeren Diskussion auf die Farbgebung bei Modellschiffen gekommen. Ich habe dann sämtliche Tamiya-Farben aus einer Modellbauhandlung aufgekauft - das ist eine japanische Firma, die Farben für Modelle von Militärflugzeugen und Schlachtschiffen herstellt. Ausgehend von dieser Basis haben wir dann eine eigene Farbpalette aus insgesamt acht Farben entwickelt. Da gibt es zum Beispiel Farbtöne, die sich „dark seagrey" nennen - die Namen der Farben sind viel schöner als die schlichte Bezeichnung des Stuhls selbst. Ich persönlich habe noch nicht viel Erfahrung mit Farben, halte sie aber trotzdem für wichtig, und für einen Teil des Entwurfs. Farben haben viel mehr Kraft als wir glauben. Auch beim Designers' Saturday sind wir mit den Besuchern sofort über die Farben ins Gespräch gekommen.

Farben sind auch eine Modeerscheinungen. Manche Farbtöne sind nächstes Jahr vielleicht schon nicht mehr angesagt. Wofür haben Sie sich entschieden?

Jörg Boner: Es gibt auch schöne Kleider, deren Stoff die Farbigkeit einer bestimmten Zeit hat und die ihre Qualität trotzdem über ihre Zeit hinaus behalten. Natürlich ist es möglich, dass einige unserer Farbtöne in einigen Jahren nicht mehr gut sind. Doch letztlich ist die Farbe - anders als das Design und die Konstruktion des Stuhls - leicht veränderbar. Gleichwohl müssen Farben zum Entwurf passen und ihm Rechnung tragen.

www.joergboner.ch