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Es werde Sicht!
von Thomas Wagner | 24. April 2012
Flaniert man durch die Hallen der Light+Building in Frankfurt am Main, so wird man den Eindruck nicht los: Wir sind auf dem Weg in ein neues Lichtzeitalter. Oder soll man eher sagen, in ein „solares" Zeitalter? Unabhängig davon, ob die Perspektive des Beobachters eher technisch, ästhetisch oder esoterisch geprägt ist, er findet Lichtsysteme und Leuchten zuhauf, die mit neuester Technik samt entsprechender Steuerungselektronik ausgestattet sind. Überhaupt lässt sich der Siegeszug der Kybernetik nun ganz praktisch im eigenen Heim erfahren. Solarpanels auf dem Dach und dem Carport, Kameras, Fingerabdruckscanner und andere elektronische Sicherheitsdienste an der Haustür, vernetzte Haustechnik, in ihrer Farbtemperatur veränderbare LEDs oder großflächige OLEDs – der Gott, der verehrt wird, ist ein Demiurg, eine Art Über-Techniker. Er holt, wo es um Licht geht, freilich weniger die Sonne selbst ins Haus, sondern nutzt die mit ihrer Hilfe gewonnene elektrische Energie dazu, dessen Inneres sonnengleich zu erhellen. Vielleicht sehen viele Leuchten heutzutage ja deshalb häufig aus wie Lichtduschen oder Wände, die Licht ausgießen.

Willkommen im Zeitalter der LED!

Ganz gleich, ob man den ägyptischen Sonnengott Ra wiederauferstehen lassen will oder sich von technischen Möglichkeiten verführen lässt, eines ist nicht zu übersehen: Die LED-Technik wird mehr und mehr zum Standard. Man muss nicht mehr nach einzelnen LED-Leuchten suchen, die kleinen lichtemittierenden und stromsparenden Dioden sind vielmehr überall zu finden. Kaum ein Hersteller, der sich nicht der noch relativ neuen Technologie verschrieben hat. So innovativ und vergleichsweise umweltfreundlich die Entwicklung für die Branche auch sein mag, für das Design ist sie nicht unproblematisch. Denn mit der Etablierung der LED auf breiter Front wird das Licht hauptsächlich technisch bestimmt. Die Folge ist: Der Rahmen der Möglichkeiten, in dem sich die Gestaltung bewegt, wird enger. In der Praxis bedeutet das: Man sieht – von wenigen Ausnahmen abgesehen – fast überall dieselben Grundformen und Ansätze. Entweder die kleinen Lichtquellen bilden ein Raster aus neun, zwölf oder vierundzwanzig Dioden oder sie sind linear in einer Reihe angeordnet. Als Alternativen finden sich an vielen Messeständen gerade noch kugelförmige oder quadratische Leuchten. Das bedeutet: Fast alle LED-Leuchten wirken in ihrer Form reduziert und technoid. Und entgegen der landläufigen Annahme, Design sei technikgetrieben, beflügelt die Innovation in diesem Fall die Designer einstweilen nicht, sondern unterwirft sie einem Diktat der Techniker. Die Folge ist: Aus Design wird Styling. Was besonders bei Herstellern, die per se nicht sonderlich design-affin sind, zur Verwechselbarkeit führt.

Um dem entgegenzuwirken, wird einer LED schon mal ein Konus spendiert, der wie die eine Raketendüse aussieht, wird eine Stehleuchte zum Bäumchen oder streckt sich eine andere als stilisierte Silhouette eines weiblichen Körpers. Dass selbst erfahrene Designer mal ins Esoterische abgleiten können, lässt sich an Ross Lovegroves „Biomotive" ablesen. Ob Slogans wie „Stilvoll sparen", „Konzentration auf das Wesentliche" oder „Better Light for a better Life" das auffangen können, wird sich zeigen. Wer sehen will, dass Licht und Leuchte auch kulturelle Aspekte haben, muss beispielweise einen Blick auf „Santa Maria della Luce" werfen, deren glimmenden Faltenwurf Frans van Niewenborg schon 2006 für Ingo Maurer entworfen hat. Ausnahmen wie die perfekt von Michel Charlot für Belux entwickelte Leuchte „U-Turn" oder Issey Miyakes „In-Ei", einer Interpretation der traditionellen „Akari"-Leuchten für Artemide bestätigen auch hier die Regel.

Warten auf die OLED

Der Gegenspieler der LED, die sogenannte OLED, führt dagegen noch immer ein Dasein am Rande. Was für LED-Leuchten gilt, das gilt, was das Design angeht, erst recht für die OLED-Technik: Sie ist noch nicht wirklich bei den Designern angekommen. Fast möchte man sagen, es wird bislang nach der Maxime gestaltet: Hauptsache, die Platte leuchtet. Der Rest ist oft Non-Design, Bastelei, Chichi oder Kitsch. Denn eines muss einem klar sein: Auch vermeintlich puristische Technik kann kitschig wirken. Wer es nicht glaubt, der schaue sich all die billigen LED-Klone an.

Licht als Ereignis

Die Dominanz des Technischen hat freilich noch einen anderen Aspekt. Sind die Möglichkeiten zur Gestaltung einerseits begrenzt, so erscheint das Licht gleichzeitig abstrakter. Es löst sich zunehmend von seiner Quelle oder seinem Träger ab und wird selbst zum Ereignis. Mit der Folge, dass der Einsatz von künstlichem Licht mehr und mehr zu einer Gestaltungsaufgabe für Architekten wird. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass demnächst ganze Wände, Decken und Böden leuchten und allerlei Bilder über Medienfassaden und Medienwände huschen werden, um nicht nur in Lobbys und Lounges, sondern auch in Küche, Bad und Wohnzimmer wechselnde Stimmungen zu erzeugen. Zumal Firmen, die OLEDs produzieren, nach neuen Einsatzbereichen für ihre Hardware suchen. So ist es am Ende kein Wunder, wenn eine Firma ihre auf der Messe präsentierten Produkte in die folgenden Rubriken eingeteilt hat: Technology, Outdoor, Retail, Underwater, Parking, Office – und schließlich auch noch Design.

light-building.messefrankfurt.com
LED Wallpaper von Ingo Maurer, Foto © Ingo Maurer
News & Stories › 2012 › April
Es werde Sicht!
von Thomas Wagner | 24. April 2012
LEDs allüberall! Die noch recht neue Technik ist angekommen. Was aber bedeutet das für das Design? Ein Kommentar zur Light+Building.
Flaniert man durch die Hallen der Light+Building in Frankfurt am Main, so wird man den Eindruck nicht los: Wir sind auf dem Weg in ein neues Lichtzeitalter. Oder soll man eher sagen, in ein „solares" Zeitalter? Unabhängig davon, ob die Perspektive des Beobachters eher technisch, ästhetisch oder esoterisch geprägt ist, er findet Lichtsysteme und Leuchten zuhauf, die mit neuester Technik samt entsprechender Steuerungselektronik ausgestattet sind. Überhaupt lässt sich der Siegeszug der Kybernetik nun ganz praktisch im eigenen Heim erfahren. Solarpanels auf dem Dach und dem Carport, Kameras, Fingerabdruckscanner und andere elektronische Sicherheitsdienste an der Haustür, vernetzte Haustechnik, in ihrer Farbtemperatur veränderbare LEDs oder großflächige OLEDs – der Gott, der verehrt wird, ist ein Demiurg, eine Art Über-Techniker. Er holt, wo es um Licht geht, freilich weniger die Sonne selbst ins Haus, sondern nutzt die mit ihrer Hilfe gewonnene elektrische Energie dazu, dessen Inneres sonnengleich zu erhellen. Vielleicht sehen viele Leuchten heutzutage ja deshalb häufig aus wie Lichtduschen oder Wände, die Licht ausgießen.

Willkommen im Zeitalter der LED!

Ganz gleich, ob man den ägyptischen Sonnengott Ra wiederauferstehen lassen will oder sich von technischen Möglichkeiten verführen lässt, eines ist nicht zu übersehen: Die LED-Technik wird mehr und mehr zum Standard. Man muss nicht mehr nach einzelnen LED-Leuchten suchen, die kleinen lichtemittierenden und stromsparenden Dioden sind vielmehr überall zu finden. Kaum ein Hersteller, der sich nicht der noch relativ neuen Technologie verschrieben hat. So innovativ und vergleichsweise umweltfreundlich die Entwicklung für die Branche auch sein mag, für das Design ist sie nicht unproblematisch. Denn mit der Etablierung der LED auf breiter Front wird das Licht hauptsächlich technisch bestimmt. Die Folge ist: Der Rahmen der Möglichkeiten, in dem sich die Gestaltung bewegt, wird enger. In der Praxis bedeutet das: Man sieht – von wenigen Ausnahmen abgesehen – fast überall dieselben Grundformen und Ansätze. Entweder die kleinen Lichtquellen bilden ein Raster aus neun, zwölf oder vierundzwanzig Dioden oder sie sind linear in einer Reihe angeordnet. Als Alternativen finden sich an vielen Messeständen gerade noch kugelförmige oder quadratische Leuchten. Das bedeutet: Fast alle LED-Leuchten wirken in ihrer Form reduziert und technoid. Und entgegen der landläufigen Annahme, Design sei technikgetrieben, beflügelt die Innovation in diesem Fall die Designer einstweilen nicht, sondern unterwirft sie einem Diktat der Techniker. Die Folge ist: Aus Design wird Styling. Was besonders bei Herstellern, die per se nicht sonderlich design-affin sind, zur Verwechselbarkeit führt.

Um dem entgegenzuwirken, wird einer LED schon mal ein Konus spendiert, der wie die eine Raketendüse aussieht, wird eine Stehleuchte zum Bäumchen oder streckt sich eine andere als stilisierte Silhouette eines weiblichen Körpers. Dass selbst erfahrene Designer mal ins Esoterische abgleiten können, lässt sich an Ross Lovegroves „Biomotive" ablesen. Ob Slogans wie „Stilvoll sparen", „Konzentration auf das Wesentliche" oder „Better Light for a better Life" das auffangen können, wird sich zeigen. Wer sehen will, dass Licht und Leuchte auch kulturelle Aspekte haben, muss beispielweise einen Blick auf „Santa Maria della Luce" werfen, deren glimmenden Faltenwurf Frans van Niewenborg schon 2006 für Ingo Maurer entworfen hat. Ausnahmen wie die perfekt von Michel Charlot für Belux entwickelte Leuchte „U-Turn" oder Issey Miyakes „In-Ei", einer Interpretation der traditionellen „Akari"-Leuchten für Artemide bestätigen auch hier die Regel.

Warten auf die OLED

Der Gegenspieler der LED, die sogenannte OLED, führt dagegen noch immer ein Dasein am Rande. Was für LED-Leuchten gilt, das gilt, was das Design angeht, erst recht für die OLED-Technik: Sie ist noch nicht wirklich bei den Designern angekommen. Fast möchte man sagen, es wird bislang nach der Maxime gestaltet: Hauptsache, die Platte leuchtet. Der Rest ist oft Non-Design, Bastelei, Chichi oder Kitsch. Denn eines muss einem klar sein: Auch vermeintlich puristische Technik kann kitschig wirken. Wer es nicht glaubt, der schaue sich all die billigen LED-Klone an.

Licht als Ereignis

Die Dominanz des Technischen hat freilich noch einen anderen Aspekt. Sind die Möglichkeiten zur Gestaltung einerseits begrenzt, so erscheint das Licht gleichzeitig abstrakter. Es löst sich zunehmend von seiner Quelle oder seinem Träger ab und wird selbst zum Ereignis. Mit der Folge, dass der Einsatz von künstlichem Licht mehr und mehr zu einer Gestaltungsaufgabe für Architekten wird. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass demnächst ganze Wände, Decken und Böden leuchten und allerlei Bilder über Medienfassaden und Medienwände huschen werden, um nicht nur in Lobbys und Lounges, sondern auch in Küche, Bad und Wohnzimmer wechselnde Stimmungen zu erzeugen. Zumal Firmen, die OLEDs produzieren, nach neuen Einsatzbereichen für ihre Hardware suchen. So ist es am Ende kein Wunder, wenn eine Firma ihre auf der Messe präsentierten Produkte in die folgenden Rubriken eingeteilt hat: Technology, Outdoor, Retail, Underwater, Parking, Office – und schließlich auch noch Design.

light-building.messefrankfurt.com