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Florale Formationen
7. März 2013
Blumen arrangieren ist seit jeher eine Kunst. Eine höfische, versteht sich. Ein fürstliches Festbankett ohne ein farbensprühendes Blumenmeer, das wäre in der Frühen Neuzeit undenkbar gewesen. Angesehene Künstler stellten sorgfältig komponierte Bouquets zusammen und hielten die vergängliche florale Schönheit im Medium der Malerei fest. Als man im 19. Jahrhundert in Europa damit begann, die Kunst um ihrer Autonomie willen schätzen zu lernen und die „Blumen des Bösen“ als Inbegriff der Entfremdung des Großstadtmenschen zu besingen, sank das Ansehen von Blumenarrangements. Blumen werden seither zwar weiterhin zum Geburtstag verschenkt, als Hochzeitsstrauß unter die Gäste geworfen oder aufs Grab gelegt, die Floristik aber teilt das Schicksal der „angewandten Künste“ und wird als niedriges „weibliches“ Handwerk eingestuft, das sich im Gebrauch verschwendet und die Sinneslust weckt, statt den Verstand anzusprechen.

Sinn und Sinnlichkeit als Gegensätze zu denken, leuchtet Makoto Azuma beim besten Willen nicht ein. Das mag daran liegen, dass er in der Tradition des Ikebana agiert, einer in Japan seit Jahrhunderten geschätzten Kunstfertigkeit. Zudem fühlt er sich in der Modebranche zu Hause, die ihre Faszination weniger der Beschwörung des Ewigkeitswerts als dem Zelebrieren des unwiederbringlichen Augenblicks verdankt. Nachdem sich Azuma, 1976 in Fukuoka geboren, als Rockmusiker versucht hatte, eröffnete er 2002 im Tokioter Ginza-Viertel einen Haute-Couture-Blumenladen namens „Jardins de Fleurs“. Dort machte er sich mit gefrorenen Bonsaibäumen, geflochtenen Gräsern und collagierten Kakteen einen Namen. Haute Couture, das heißt in diesem Fall: nur auf Bestellung tätig werden und nicht, wie in der Floristik üblich, auf gut Glück Überfluss produzieren und das Verblühte wegwerfen. Bald arbeitete Azuma mit Colette in Paris, stellte seine Arrangements unter dem Titel Nomadic Naights in der Fondation Cartier in Paris aus, kleidete den Aeron Chair von Herman Miller in ein grasgrünes Gewand und entfachte mit Werbeanzeigen von Shiseido und Isetan einen Farbrausch nach dem anderen.

Nun hat er bei Lars Müller Publishers einen Band vorgelegt, der die Farbenpracht, die Fragilität und Formenvielfalt seiner zwischen Sprießen und Welken, zwischen Leben und Tod changierenden ‚botanical sculptures’ in Bilderfolgen überführt. Nichts Geringeres als eine „Encyclopedia of Flowers“, ein umfassendes Nachschlagewerk der natura naturata, stellen Azuma und der Fotograf Shunsuke Shiinoki, der für die Bildwerdung verantwortlich ist, auf dem Cover in Aussicht. Und sie versprechen nicht zu viel.

Im Kapitel „Whole“ werden in Nahsicht die gerollten und gefiederten Blätter des Farns, die gelackten Oberflächen der Lilie und die Zungenblüten des Löwenzahns vor Augen geführt. Nichts lenkt von den Kontrasten in Farbe und Form ab, denn die Fotografien sind derart angeschnitten, dass sie keinen Millimeter vom Umraum preisgeben. Ganz anders sehen die floralen Formationen im Kapitel „Flock“ aus. In unterschiedlichen Höhen arrangiert, heben sich die Blüten strahlend schön von einem tiefschwarzen Hintergrund ab. Das Kapitel „Coexistence“ schwelgt in Harmonien der Monochromie, während „Hybrid“ frei gestellten singulären Zwitterwesen in Blossfeldt’scher Manier eine ornamentale Struktur entlockt.

Wie die unvergleichlichen Geschöpfe heißen, die ihr Leben lassen mussten, um zu einem Bild zu werden, erfährt man im Abspann. Azuma schreckt vor Entzauberung nicht zurück und listet im Index fein säuberlich ­– Foto für Foto – die lateinischen Namen jener Gewächse auf, die für den Fotografen posierten. Dass Azuma dem Gezüchteten und Sortierten Blumen vorzieht, die frei in der Natur gewachsen sind, verrät er dem Leser im Vorwort. Nur wilde Blumen seien schön genug, um zur Kunst zur werden, lautet sein Credo. Die Idee, Blüten in Szene zu setzen, sei ihm gekommen, als er vor vielen Jahren die massenhaft für den wechselnden Geschmack des Publikums gezüchteten Pflanzen auf dem Ota Blumenmarkt in Tokio gesehen habe. Keine dieser zum Konsum bestimmten Sorten habe so viel Anmut besessen wie jene Blumen, die in den Gärten seiner Kindheit unberührt im Verborgenen wuchsen: „For me, flowers were something, that bloomed in the wild unbeknowst to anyone or were raised by mothers in their backyard gardens.“ Blüht die Freiheit der Kunst also nur noch im Hinterhof? Da sage noch einer, das Arrangieren von Blumen entspringe nicht einer höfischen Form der Kultur.

Makato Azuma, Shunsuke Shiinoke
Encyclopedia of Flowers
512 Seiten, 203 Farbabbildungen
Softcover in transparentem Schuber
Lars Müller Publishers 2012,
ISBN 978-3-03778-313-9, Englisch
EUR 58.– CHF 75.–
www.lars-mueller-publishers.com
Die Blüten heben sich strahlend schön von einem tiefschwarzen Hintergrund ab, Foto © Shunsuke Shiinoki
Azumas Kunstwerke zeigen sich in ganzer Farbenpracht, Foto © Shunsuke Shiinoki
Makoto Azuma bevorzugt frei gewachsene Blumen, Foto © Shunsuke Shiinoki
Die ganze Formenvielfalt und Fragilität von Blüten und Blättern ist in dem Buch „Encyclopedia of Flowers“ zu sehen, Foto © Shunsuke Shiinoki
Azuma agiert in der Tradition des Ikebana, Foto © Shunsuke Shiinoki
News & Stories › 2013 › März
Florale Formationen
von Annette Tietenberg | 7. März 2013
Mit Makoto Azuma hält die Haute Couture Einzug in die Floristik. Der Anpassung an Standardisierung und Marktkonformität zieht der Künstler das Staunen über die Vielfalt der Farben und Formen in der Natur vor.

Blumen arrangieren ist seit jeher eine Kunst. Eine höfische, versteht sich. Ein fürstliches Festbankett ohne ein farbensprühendes Blumenmeer, das wäre in der Frühen Neuzeit undenkbar gewesen. Angesehene Künstler stellten sorgfältig komponierte Bouquets zusammen und hielten die vergängliche florale Schönheit im Medium der Malerei fest. Als man im 19. Jahrhundert in Europa damit begann, die Kunst um ihrer Autonomie willen schätzen zu lernen und die „Blumen des Bösen“ als Inbegriff der Entfremdung des Großstadtmenschen zu besingen, sank das Ansehen von Blumenarrangements. Blumen werden seither zwar weiterhin zum Geburtstag verschenkt, als Hochzeitsstrauß unter die Gäste geworfen oder aufs Grab gelegt, die Floristik aber teilt das Schicksal der „angewandten Künste“ und wird als niedriges „weibliches“ Handwerk eingestuft, das sich im Gebrauch verschwendet und die Sinneslust weckt, statt den Verstand anzusprechen.

Sinn und Sinnlichkeit als Gegensätze zu denken, leuchtet Makoto Azuma beim besten Willen nicht ein. Das mag daran liegen, dass er in der Tradition des Ikebana agiert, einer in Japan seit Jahrhunderten geschätzten Kunstfertigkeit. Zudem fühlt er sich in der Modebranche zu Hause, die ihre Faszination weniger der Beschwörung des Ewigkeitswerts als dem Zelebrieren des unwiederbringlichen Augenblicks verdankt. Nachdem sich Azuma, 1976 in Fukuoka geboren, als Rockmusiker versucht hatte, eröffnete er 2002 im Tokioter Ginza-Viertel einen Haute-Couture-Blumenladen namens „Jardins de Fleurs“. Dort machte er sich mit gefrorenen Bonsaibäumen, geflochtenen Gräsern und collagierten Kakteen einen Namen. Haute Couture, das heißt in diesem Fall: nur auf Bestellung tätig werden und nicht, wie in der Floristik üblich, auf gut Glück Überfluss produzieren und das Verblühte wegwerfen. Bald arbeitete Azuma mit Colette in Paris, stellte seine Arrangements unter dem Titel Nomadic Naights in der Fondation Cartier in Paris aus, kleidete den Aeron Chair von Herman Miller in ein grasgrünes Gewand und entfachte mit Werbeanzeigen von Shiseido und Isetan einen Farbrausch nach dem anderen.

Nun hat er bei Lars Müller Publishers einen Band vorgelegt, der die Farbenpracht, die Fragilität und Formenvielfalt seiner zwischen Sprießen und Welken, zwischen Leben und Tod changierenden ‚botanical sculptures’ in Bilderfolgen überführt. Nichts Geringeres als eine „Encyclopedia of Flowers“, ein umfassendes Nachschlagewerk der natura naturata, stellen Azuma und der Fotograf Shunsuke Shiinoki, der für die Bildwerdung verantwortlich ist, auf dem Cover in Aussicht. Und sie versprechen nicht zu viel.

Im Kapitel „Whole“ werden in Nahsicht die gerollten und gefiederten Blätter des Farns, die gelackten Oberflächen der Lilie und die Zungenblüten des Löwenzahns vor Augen geführt. Nichts lenkt von den Kontrasten in Farbe und Form ab, denn die Fotografien sind derart angeschnitten, dass sie keinen Millimeter vom Umraum preisgeben. Ganz anders sehen die floralen Formationen im Kapitel „Flock“ aus. In unterschiedlichen Höhen arrangiert, heben sich die Blüten strahlend schön von einem tiefschwarzen Hintergrund ab. Das Kapitel „Coexistence“ schwelgt in Harmonien der Monochromie, während „Hybrid“ frei gestellten singulären Zwitterwesen in Blossfeldt’scher Manier eine ornamentale Struktur entlockt.

Wie die unvergleichlichen Geschöpfe heißen, die ihr Leben lassen mussten, um zu einem Bild zu werden, erfährt man im Abspann. Azuma schreckt vor Entzauberung nicht zurück und listet im Index fein säuberlich ­– Foto für Foto – die lateinischen Namen jener Gewächse auf, die für den Fotografen posierten. Dass Azuma dem Gezüchteten und Sortierten Blumen vorzieht, die frei in der Natur gewachsen sind, verrät er dem Leser im Vorwort. Nur wilde Blumen seien schön genug, um zur Kunst zur werden, lautet sein Credo. Die Idee, Blüten in Szene zu setzen, sei ihm gekommen, als er vor vielen Jahren die massenhaft für den wechselnden Geschmack des Publikums gezüchteten Pflanzen auf dem Ota Blumenmarkt in Tokio gesehen habe. Keine dieser zum Konsum bestimmten Sorten habe so viel Anmut besessen wie jene Blumen, die in den Gärten seiner Kindheit unberührt im Verborgenen wuchsen: „For me, flowers were something, that bloomed in the wild unbeknowst to anyone or were raised by mothers in their backyard gardens.“ Blüht die Freiheit der Kunst also nur noch im Hinterhof? Da sage noch einer, das Arrangieren von Blumen entspringe nicht einer höfischen Form der Kultur.

Makato Azuma, Shunsuke Shiinoke
Encyclopedia of Flowers
512 Seiten, 203 Farbabbildungen
Softcover in transparentem Schuber
Lars Müller Publishers 2012,
ISBN 978-3-03778-313-9, Englisch
EUR 58.– CHF 75.–
www.lars-mueller-publishers.com