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Frische Brisen aus dem Norden
von Thomas Wagner | 14. Februar 2013
Eine erfolgversprechende Passage durch das gefrorene Fortschrittsmeer verläuft heutzutage nicht mehr durch karge nördliche Landschaften. Längst wird keine Nordwestpassage mehr durchs ewige Eis gesucht. Mittlerweile sind es die erstarrten Regionen der Kommunikation und ihrer ökonomischen Logik, die nach neuen Ideen und Wegen verlangen. Dabei spielt die eigene Geschichte mitsamt ihren verschiedenen Traditionslinien eine wesentliche Rolle. Um im 21. Jahrhundert nicht zurückzufallen und unter veränderten Bedingungen erfolgreich in die Zukunft starten zu können, beginnt man auch in der skandinavischen Möbelindustrie, sich behutsam vom Überkommenen zu lösen und eine gangbare Route zu erkunden, für die mehr als die Alternative Kontinuität oder Bruch existiert.

Auf der diesjährigen „Stockholm Furniture Fair“, die 730 Aussteller aus 30 Ländern präsentierte – wobei 80 Prozent der Aussteller aus Skandinavien stammten, konnte man an vielen Ständen die einzelnen Bestandteile wiedererkennen, die in den unterschiedlichen Ausprägungen des „skandinavischen Designs“ nach wie vor im Spiel sind. Vor allem angestammte „skandinavische Werte“ wie Einfachheit, Beständigkeit und handwerkliche Qualität sind nach wie vor präsent. Neben deren Bekräftigung war aber durchaus auch das Bemühen zu spüren, diese Werte nicht erstarren zu lassen. Dementsprechend war man allerorten dabei, aus ihrem Geiste etwas entstehen zu lassen, mit dem man die eigenen Ansprüche aufrecht erhalten und der Billigkonkurrenz aus Fernost, die auch am skandinavischen Markt nicht spurlos vorübergeht, etwas qualitativ Hochwertiges entgegensetzen kann.

Ein Frühling der Farben

So lassen sich – etwa bei Swedese oder dem finnischen Hersteller Muuto, der ausdrücklich unter dem Motto „New Nordic“ auftritt – nicht nur Kombinationen aus weiß lackierten Flächen und hellem Holz finden, sondern eben auch der Mut zu einer frischen Farbigkeit, ganz gleich, ob in reinbunten Farben oder in abgestuften Pastelltönen. Die schwedische Möbelmanufaktur Johanson lässt den „Rib“ von Alexander Lervik in kräftigen Farben paradieren, Montana zeigt eine ganze Wand seiner Systemmöbel in warmem Sonnenblumengelb, und am Stand von Fredericia kann man Nanna Ditzels Stuhl „Trinidad“ sogar im wahrhaft karibischen Farbton „Flamingo“ bestaunen.
Auch Stolab setzt, neben naturbelassenen Hölzern und weiß oder schwarz lackierten Varianten, auf frisch wirkende Pastellfarben. Artek hat zum Achtzigjährigen von Alvar Altos dreibeinigem „Stool 60“ eigens eine von Mike Meiré gestaltete Version mit farbigen Sitzen vorgestellt. Wir erinnern uns: Meiré hatte dem Klassiker schon im vergangenen Jahr im Geiste des „Customizing“ mit handbemalten Versionen seine Reverenz erwiesen. Und bei Skafab will es einem scheinen, als entdecke man gerade die bunten Blumen der Hippies wieder.

Bei so vielen freundlichen und leuchtenden Farben muss man einfach an einen skandinavischen Möbelfrühling glauben. Was in der Tat nicht allzu weit hergeholt erscheint, weil sich auf Dauer die Zukunft wohl nur mit materiell langlebigen Produkten gewinnen lässt, die ästhetisch zugleich an die kurzen Zyklen eines wetterwendischen Geschmacks angepasst werden, der nach wie vor nach immer neuen Trends verlangt. So etwas ist nicht leicht zu realisieren. Wo die Mischung misslingt, wird aus moderner nordischer Einfachheit deren Gegenteil: Biederkeit.

Holz, solide verarbeitet

Farbe ist aber nur ein Ingrediens des nordischen Frühlings, versteht man sich im Norden doch nach wie vor besonders gut darauf, Holz – aber auch andere Materialien – in allen möglichen Varianten exakt und solide zu verarbeiten. Beim „Nerd Chair“ etwa, einem Esszimmerstuhl aus laminiertem Schichtholz, den David Geckeler im vergangenen Jahr für Muuto entworfen hat (und der nichts mit der Geschmacksferne sogenannter Nerds zu tun hat), ist die Rückenlehne konkav gebogen und steckt in der sich konvex wölbenden Sitzfläche, mit der sie ohne Schrauben oder Klammern verbunden ist. Ähnlich, wenn auch in der Konstruktion weniger aufwendig, verfährt Oki Sato von Nendo bei seinen Stuhl „Cape“ (für Offect).

Ein Park aus schneebedeckten Bergen

Oki Sato – der überdies Ehrengast der Messe war und die Eingangshalle in einen großen künstlichen Garten aus weißlackiertem Metall verwandelte, der an schneebedeckte Berge erinnern sollte – zeigte zudem einen Kleiderständer („Ski 1“ für Swedese), dessen Haken mit der Schneekristallform der Teller alter Skistöcken spielt sowie die Outdoor-Möbel „Curve“ (für Berga), die erheblich schöner anzusehen sind als sie zum langen Verweilen einladen würden. Für den Leuchtenhersteller „Wästberg“, der mit einem ansprechend gestalteten Stand samt Möbeln à la Donald Judd aufwartete, hat Nendo zudem eine komplette Leuchtenserie entworfen.

Überhaupt ließ sich abermals feststellen, wie erfolgreich skandinavisches und japanisches Design miteinander kommunizieren, wenn es um aktuelle Vorstellungen von „Einfachheit“ geht. Hier darf man in den kommenden Jahren noch auf so manche Überraschung gespannt sein.

Jedem Büro sein Gesprächshäuschen

Weniger elegant fallen die meisten der zahlreichen „Einhausungen“ für die zeitgenössische Bürolandschaft aus. Was mit dem „Alcove“-Highback begann, den die Bouroullecs für Vitra entworfen haben, ist inzwischen auch im Norden angekommen und hat sich zu einer ganzen Phalanx Gesprächshäuschen der Kommunikation entwickelt. Es gibt sie in allen Formen und Farben. Und: Sie werden immer größer, schwerfälliger, erinnern immer häufiger an große Kisten. Das Spektrum reicht dementsprechend von gut gestalteten Systemen wie „Area“ (Lammhults) über riesige, innen beleuchtete Kabinen, wie Buzzi Space sie zeigt, sowie abgesteppte Varianten in Leder (metalmobil) bis zu schrankartigen Möbeln wie „Mute“ von Horreds. Ob sich der Mensch, seit er zur Dauerkommunikation verurteilt ist, tatsächlich wieder nach einer Höhle sehnt, ist das eine, dass jeder Hersteller glaubt, er müsse etwas in diese Richtung anbieten, etwas anderes. Hier treibt die Bürokultur so manch seltsame Blüte.

Vergangenes erneuern

Es ist erstaunlich mitzuerleben, mit welcher Geschwindigkeit die Lebensweisen selbst der jüngsten Vergangenheit verschwinden. Einerseits wird sie von den Medien und ihren Effekten aufgesaugt wie Staub von einem Staubsauger. Andererseits ziehen sich immer mehr Menschen zurück aufs Vergangene, verweigern sich der verzweifelten Suche, sich in einem fiktiven Idealbild, wie es die Medien tagtäglich malen, zu entziehen. Die Folge ist: Die Suche nach tragfähigen Möglichkeiten, Bewährtes zu bewahren und zugleich im Wettlauf um das Allerneueste nicht auf der Strecke zu bleiben, intensiviert sich. Wollte die Zukunft tatsächlich alle lebendigen, von Traditionen getragenen Unterschiede abschaffen, so wäre dem die bunte Vielfalt unserer Gegenwart, über die wir oft genug klagen, allemal vorzuziehen. Besonders, wenn sie mit der freundlichen Gelassenheit der Skandinavier präsentiert wird.



www.stockholmdesignweek.com
Die Greenhouse Ausstellung unterstützt den Austausch zwischen jungen Designern, Besuchern und Herstellern. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
An vielen Ständen konnten die Besucher farbenfrohe Möbel bewundern. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Die „Dear Ingo“-Leuchte von Ron Gilad für Moooi, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Artek stellt zum Achtzigjährigen von Alvar Altos „Stool 60“ eine eigens von Mike Meiré gestaltete Version mit farbigen Sitzen vor. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Für den Leuchtenhersteller Wästberg hat Nendo eine komplette Leuchtenserie entworfen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Swedese produziert klassische und schlichte schwedische Möbel. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Die Firma Horreds präsentierte das schrankartige Sofasystem „Mute“. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Der Architekt Oki Sato, der Ehrengast der Messe, verwandelte die Eingangshalle in einen großen künstlichen Garten aus weißlackiertem Metall. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
An dem Stand von Fredericia konnten die Besucher Nanna Ditzels Stuhl „Trinidad“ bestaunen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Montana überraschte mit Möbeln in kräftigen Gelbtönen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Bei Skafab ließen sich bunte Blumen in freundlichen und leuchtenden Farben entdecken. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Auf dem Kvadrat Stand inszenierte das Raw Edges Design Studio die Textilien von Aggebo & Henriksen und Satu Montanari. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Der schwedische Architetkt Gert Wingårdh und der finnische Künstler Kustaa Saksi entwarfen eine Installation mit 11.000 gemusterten Blättern. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
David Geckeler hat den „Nerd Chair“, einem Esszimmerstuhl aus laminiertem Schichtholz, für Muuto entworfen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Dieses Jahr spielten kräftige, leuchtende Farben eine große Rolle auf der Stockholm Furniture Fair. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Die riesigen, innen beleuchteten Kabinen von Buzzi Space, Foto © Thomas Wagner, Stylepark