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Für manche wird es offenbar zu kompliziert
von Georg-Christof Bertsch | 6. März 2012
Georg-Christof Bertsch, Foto © Anja Conrad

Haben wir überhaupt die Freiheit darüber zu befinden, ob Produktdesign als Disziplin in Frage gestellt wird und sich der Kunst unterordnet? Klare Antwort: Nein. Und wir dürfen es uns nicht leisten. Die Produktgestaltung des 21. Jahrhunderts hat große Aufgaben: Praktisch die gesamte Produktwelt muss unter der Maßgabe von Ressourceneffizienz und Life-Cycle-Konzepten attraktiv neu gestaltet werden. Diejenigen Unternehmen, die in dieser Richtung unterwegs sind, haben überall die Nase vorn.

Erstklassig ausgebildete Produktgestalter werden also in immer größerer Zahl benötigt. Das Wissen bei den Themen „analog-digitale Gestaltung", „Mensch-Maschine-Schnittstellen", „Material", „Designmanagement" wächst rasant. Die Einbindung in dynamische soziale Strukturen und urbane Lebensumwelten verlangt neue Arbeitsfelder und -strukturen. Interkulturelle Teams, Software-Sprachen und multidisziplinäre Ansätze sind aus dem künftigen Industriedesign nicht mehr wegzudenken.

Das Aufgabengebiet für Produktgestaltung wird also umfangreicher und komplexer. Die ökonomische und zivilisatorische Bedeutung exzellent gestalteter nachhaltiger Produkte wird von immer breiteren Kreisen anerkannt. Es wird deutlich mehr verlangt. Auch die Verantwortung der Lehre wird größer. Kein Wunder also, dass sich zahlreiche Professoren, Dekane, Präsidenten an Hochschulen überfordert fühlen und Design lieber in Richtung „Kunst" entwickeln möchten. Die Perspektive für Design wäre dabei, sich von der angewandten, dienenden Funktion abzuwenden und sich hin zu den vorrangig selbstbezüglichen Ausdrucksformen bildender Kunst zu entwickeln – ohne jemals Kunst im eigentlichen Sinne zu werden.

Man könnte das einfach so hinnehmen. Aber wir dürfen diesen schalen Eskapismus nicht akzeptieren. Thomas Edelmann hat mit seinem Artikel gezeigt: Es lohnt sich, zu diskutieren (siehe auch „Design wird zur Hilfsdisziplin der Kunst"). Als langjähriges Vorstands- und Kuratoriumsmitglied des „städelschule portikus e.V. Frankfurt" an einer weltweit beachteten Kunsthochschule, erlaube ich mir daher zu warnen: Designer, macht euch nicht lächerlich, indem ihr Hilfskünstler werden wollt!

Im Neuen Deutschen Design der 80er Jahre hatten wir eine erste Welle von Designentwürfen mit künstlerischem Entwurfsgestus. Diese waren jedoch zumeist in die dezidierte Kritik des – Ende der 1970er Jahre noch ideologischen – Funktionalismus eingebettet. Sie hatten also eine designimmanente Funktion und Stoßrichtung. Wenn heute so manches Designprojekt nicht nur aussehen möchte wie Salonkunst, sondern auch unbeholfen in Kunstdiskursen herumalbert, dann ist das regelrecht abstoßend und ein Elend.

Gleichzeitig läuft die Zeit bei der Lösung neuer Designfragen davon. Gute Designer werden zuhauf benötigt. Hochschulen haben den öffentlichen Auftrag, diesen Bedarf auf höchstem Niveau zu decken. Sie müssen jungen Designerinnen und Designern eine faire Chance bieten, mit ihrem Studienabschluss eine Rolle bei der Gestaltung der Zukunft spielen zu können.

Thomas Edelmann hat mit seinem Brandartikel eine Diskussion angestoßen, die den Finger in eine tiefe Wunde der aktuellen Designausbildung legt: An manchen Fakultäten droht – auch durch fragwürdige Neubesetzungen – die Selbstaufgabe der Designdisziplin zugunsten einer Nebenrolle als Hilfskunst. Eine Hilfskunst, welche aus Sicht der Kunst jedoch nur müde belächelt wird. Studenten auf diese Art und Weise eine seriöse Ausbildung zum ernsthaften Produktgestalter vorzuenthalten, ist regelrecht zynisch.

www.hfg-offenbach.de
www.bertsch-bertsch.de

News & Stories › 2012 › März
Für manche wird es offenbar zu kompliziert
von Georg-Christof Bertsch | 6. März 2012
Designer sollten sich nicht lächerlich machen, indem sie Hilfskünstler werden wollen, meint Georg-Christof Bertsch, Honorarprofessor für Interkulturelles Design an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Vielmehr lägen die fachlichen Herausforderungen in der zunehmenden Komplexität des Berufes Industriedesign selbst.
Haben wir überhaupt die Freiheit darüber zu befinden, ob Produktdesign als Disziplin in Frage gestellt wird und sich der Kunst unterordnet? Klare Antwort: Nein. Und wir dürfen es uns nicht leisten. Die Produktgestaltung des 21. Jahrhunderts hat große Aufgaben: Praktisch die gesamte Produktwelt muss unter der Maßgabe von Ressourceneffizienz und Life-Cycle-Konzepten attraktiv neu gestaltet werden. Diejenigen Unternehmen, die in dieser Richtung unterwegs sind, haben überall die Nase vorn.

Erstklassig ausgebildete Produktgestalter werden also in immer größerer Zahl benötigt. Das Wissen bei den Themen „analog-digitale Gestaltung", „Mensch-Maschine-Schnittstellen", „Material", „Designmanagement" wächst rasant. Die Einbindung in dynamische soziale Strukturen und urbane Lebensumwelten verlangt neue Arbeitsfelder und -strukturen. Interkulturelle Teams, Software-Sprachen und multidisziplinäre Ansätze sind aus dem künftigen Industriedesign nicht mehr wegzudenken.

Das Aufgabengebiet für Produktgestaltung wird also umfangreicher und komplexer. Die ökonomische und zivilisatorische Bedeutung exzellent gestalteter nachhaltiger Produkte wird von immer breiteren Kreisen anerkannt. Es wird deutlich mehr verlangt. Auch die Verantwortung der Lehre wird größer. Kein Wunder also, dass sich zahlreiche Professoren, Dekane, Präsidenten an Hochschulen überfordert fühlen und Design lieber in Richtung „Kunst" entwickeln möchten. Die Perspektive für Design wäre dabei, sich von der angewandten, dienenden Funktion abzuwenden und sich hin zu den vorrangig selbstbezüglichen Ausdrucksformen bildender Kunst zu entwickeln – ohne jemals Kunst im eigentlichen Sinne zu werden.

Man könnte das einfach so hinnehmen. Aber wir dürfen diesen schalen Eskapismus nicht akzeptieren. Thomas Edelmann hat mit seinem Artikel gezeigt: Es lohnt sich, zu diskutieren (siehe auch „Design wird zur Hilfsdisziplin der Kunst"). Als langjähriges Vorstands- und Kuratoriumsmitglied des „städelschule portikus e.V. Frankfurt" an einer weltweit beachteten Kunsthochschule, erlaube ich mir daher zu warnen: Designer, macht euch nicht lächerlich, indem ihr Hilfskünstler werden wollt!

Im Neuen Deutschen Design der 80er Jahre hatten wir eine erste Welle von Designentwürfen mit künstlerischem Entwurfsgestus. Diese waren jedoch zumeist in die dezidierte Kritik des – Ende der 1970er Jahre noch ideologischen – Funktionalismus eingebettet. Sie hatten also eine designimmanente Funktion und Stoßrichtung. Wenn heute so manches Designprojekt nicht nur aussehen möchte wie Salonkunst, sondern auch unbeholfen in Kunstdiskursen herumalbert, dann ist das regelrecht abstoßend und ein Elend.

Gleichzeitig läuft die Zeit bei der Lösung neuer Designfragen davon. Gute Designer werden zuhauf benötigt. Hochschulen haben den öffentlichen Auftrag, diesen Bedarf auf höchstem Niveau zu decken. Sie müssen jungen Designerinnen und Designern eine faire Chance bieten, mit ihrem Studienabschluss eine Rolle bei der Gestaltung der Zukunft spielen zu können.

Thomas Edelmann hat mit seinem Brandartikel eine Diskussion angestoßen, die den Finger in eine tiefe Wunde der aktuellen Designausbildung legt: An manchen Fakultäten droht – auch durch fragwürdige Neubesetzungen – die Selbstaufgabe der Designdisziplin zugunsten einer Nebenrolle als Hilfskunst. Eine Hilfskunst, welche aus Sicht der Kunst jedoch nur müde belächelt wird. Studenten auf diese Art und Weise eine seriöse Ausbildung zum ernsthaften Produktgestalter vorzuenthalten, ist regelrecht zynisch.

www.hfg-offenbach.de
www.bertsch-bertsch.de