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Gesamtkunstwerk mit Großwild
von Anneke Bokern | 24. Februar 2009
1953 flatterte Gio Ponti ein seltsamer Brief auf seinen Mailänder Schreibtisch. Anala und Armando Planchart, ein Ehepaar aus Caracas, baten den italienischen Architekten und Designer, ein Haus für sie zu entwerfen. Ponti war zunächst irritiert. Die Plancharts kannten seinen Namen nur aus der Zeitschrift Domus, die sie vor einigen Jahren gelesen hatten, und Ponti, der gerade schlechte Erfahrungen mit einem argentinischen Kunden gemacht hatte, war herzlich wenig an einem neuen Auftrag aus Südamerika gelegen. Er wusste nicht einmal, in welchem Land Caracas genau lag. Über fünfzig Jahre später thront die Villa Planchart weithin sichtbar auf einem Hügel über Caracas wie die Kirsche auf einer Sahnetorte. Wobei man den tropischen Moloch, der sich in das Hochtal zu Füßen der Villa ergießt, eigentlich kaum als Sahnetorte bezeichnen kann. Caracas ist eine explosive Mischung aus Turbokapitalismus und Protosozialismus und hat eine der weltweit höchsten Kriminalitätsraten. Auf dem Hügel, der der Villa ihren ursprünglichen Namen „El Cerrito" gab, merkt man davon jedoch nichts. Wie Spielzeughäuschen stapeln sich Slums und Hochhäuser in der Ferne pittoresk vor der grünen Kulisse des Ávila-Massivs. Caracas „tiene un buen lejos", wie man auf Spanisch sagt: Es sieht vor allem von weitem gut aus. Ohnehin scheint auf dem Hügel die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Zeiger hängt noch immer in den goldenen fünfziger Jahren, als Caracas dank in den zwanziger Jahren entdeckter Ölvorkommen eine der reichsten und modernsten Städte Südamerikas war. Eingebettet in einen üppig wuchernden Garten mit alten Bäumen, sieht Pontis Villa aus, als wäre sie gestern erst fertiggestellt worden, denn die Plancharts haben sie noch zu Lebzeiten in eine Stiftung überführt, die für den Erhalt dieses Gesamtkunstwerks der dekorativen Moderne sorgt. Schon von außen ist der Bau, der in Pontis Worten „sanft wie ein großer Schmetterling auf dem Hügel sitzt", so schön, dass einem bei seinem Anblick kalte Schauer über den Rücken laufen. Die Fassaden legen sich als zweite Haut um das Volumen und sind mit weißen Mosaikkacheln verkleidet, das Dach scheint ein wenig über dem Gebäude zu schweben, und dem elegant geknickten Vordach entwächst ein Stengel, der in einem kleinen Seerosenbecken endet. Aber erst im Inneren merkt man, dass „Gesamtkunstwerk" ein viel zu kleines Wort für diese Villa ist. Sie ist Ponti durch und durch - und das obwohl der Architekt in der gesamten Bauzeit nur vier Mal in Caracas war. Nach einem anfänglichen Treffen besprachen die Plancharts und Ponti alle Details in Briefen, in denen er die beiden mitunter gemeinsam mit „Liebe Armanala" anredete. Das Paar stellte sich schnell als Traumauftraggeber heraus. Als einen ihrer Wünsche äußerten sie, dass sie ein „Haus ohne Wände" haben wollten - und sie bekamen es. Hinter dem Eingang liegt eine fließende Raumlandschaft, strukturiert durch unterschiedliche Deckenhöhen und Faltwände, in der ein riesiges Mobilé von Alexander Calder sanft im Wind schwingt. Vor lauter Kunst- und Designperlen weiß man gar nicht, was man sich zuerst ansehen soll: Die Skulpturen von Harry Bertoia und Jesús Soto? Das Marmormosaik auf dem Boden? Das orchideenbewachsene Treppengeländer? Oder einfach all die Ponti-Möbel? Denn von den Kuchengabeln über die Sessel bis zur Toilettenschüssel ist die gesamte Einrichtung von Ponti entworfen. Überall sind seine geliebten Diamantformen, und kaum eine Fläche blieb undekoriert. Perfektionistisch wie er war, bestimmte Ponti sogar, wo welche Bilder aufgehängt wurden, damit sie eine harmonische Ergänzung zu den Fenstern bildeten. Nur mit dem Hobby des Hausherrn, der ein begeisterter Großwildjäger war, konnte Ponti gar nichts anfangen. Als dieser die Wände in seinem Arbeitszimmer mit seiner Sammlung ausgestopfter Büffel- und Gazellenköpfe schmücken wollte, war der Architekt entsetzt. Dann fiel ihm eine Lösung ein, die auch Jahrzehnte später noch die Kinnladen der Besucher herunterfallen lässt: Das Arbeitszimmer ist auf den ersten Blick einfach von „organisierten Wänden" mit Regalen und dekorativen Panelen umgeben, wie Ponti sie häufig entwarf. Aber auf Knopfdruck setzen die Panele sich plötzlich in Bewegung, verschwinden in den Wänden und geben den Blick auf hinterleuchtete Nischen frei, in denen die Tierköpfe hängen. Auf einmal fühlt man sich ein bisschen wie in der Villa eines James-Bond-Schurken.

Kann ein Haus zu schön sein? Pontis unbändiger Gestaltungswille und der unwirklich perfekte Erhaltungszustand der Villa lassen sie, gerade im Zusammenhang mit der rotzigen, vor sich hin modernden Metropole Caracas, beinahe etwas süßlich schmecken. Viel bedauerlicher ist aber, dass es noch immer keine ordentliche Publikation über Pontis tropisches Meisterwerk gibt. Daran hat auch ein jüngst bei Edizioni Kappa erschienenes Buch mit mittelmäßigen Fotos, die den Raumeindruck überhaupt nicht wiedergeben können, nichts geändert. In diesem Sinne hat Ponti wohl recht behalten, als er einmal schrieb: „Architektur ist ein Spektakel, das sich erst beim Begehen entfaltet."

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Big Dining Room´s Tables
Living Room
The Big Dining Room´s Ceiling
Southeastern corner
The Tropical Dining Room; All photos © Ana Luisa Figueredo, Fundación Anala y Armando Planchart
The Studio-Library
The Studio-Library
Entrance Marquee
Northwestern corner