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Gib mir Honig, Mr. Bee!
von Thomas Wagner | 11. September 2008
Die Biene ist zweifellos ein besonderes Tier. In der Geschichte diente die Organisation des Bienenvolkes auf verschiedene Weise als Metapher oder Allegorie für die Struktur des menschlichen Zusammenlebens, für den Staat, die Monarchie, die Erlangung kollektiven Reichtums durch die Ausbeutung ganzer Herscharen armer Arbeiter, für eine kulturelle Ordnung und als Indikator für zivilisatorische Störungen. Und nicht zufällig fließen im Schlaraffenland Milch und Honig. Und überdies scheinen, glauben wir Lars Gustafssons Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“, Bienenvölker so unterschiedlich zu sein wie soziale Organismen: „Es gibt enorm persönliche Völker. Es gibt faule und fleißige, aggressive und sanfte Bienenvölker. Es gibt leichtsinnige und unsolide, und weiß der Teufel, ob es nicht Völker gibt, die Sinn für Humor haben, und andere, denen er fehlt.“

Schön und gut. Aber was machen Bienen auf dem Dach eines Museums? Tatsache ist: Sie sind da. Seit Mai dieses Jahres hat die 1998 von Andreas Wolf und Florian Haas gegründete Künstlergruppe „finger“ auf dem Dach des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) einen „Produktionsstandort“ ihrer „Stadtimkerei“ eingerichtet. 650 000 Bienen sind dort stationiert, und sie schwärmen aus, um Pollen zu sammeln für den ersten Frankfurter Museumshonig. Am kommenden Sonntag, dem 14. September, um 11 Uhr kann der Honig nun erstmals im Foyer des MMK probiert und gekauft werden. Darüber hinaus begleiten wöchentliche Führungen aufs Dach des Museums, wo „finger“ einen Lehrpfad zur Stadtimkerei eingerichtet hat, sowie Workshops für Kinder das auf drei Jahre angelegte Projekt.

Auf dem Dach des MMK sammeln die Bienen nun aber nicht nur Honig, sie senden auch jede Menge bedenkenswerte Botschaften aus. Nicht nur die ihres eigenen Bedrohtseins und die, dass ohne Honigbienen, die für die Bestäubung der meisten Pflanzenblüten unverzichtbar sind, die menschliche Nahrungsversorgung massiv gefährdet wäre. Zerbricht die Symbiose von Mensch und Biene, so scheint der Untergang nah. Doch nicht um solch apokalyptische Visionen ist es „finger“ zu tun. Wolf und Haas fragen vielmehr danach, wie unter veränderten Rahmenbedingungen sozialökologische Nischen hergestellt werden können. Die Bienen liefern dafür ein mögliches Modell.

Denn inzwischen ist das weite Land für Bienen eher feindlich geworden. Wie Wanderarbeiter ziehen sie in die Stadt, weil die Artenvielfalt der Pflanzen, die sie dort finden können, größer und der Einsatz von Pestiziden geringer ist. Allein schon diese Tatsache taugt dazu, prinzipiell über das Modell der Stadt nachzudenken, ist diese doch auch in sozialer und kultureller Hinsicht ein Terrain, auf dem sich viele Arten tummeln, deren urbanes Zusammenwirken die Grundlage für die Kultivierung eines veränderten Gesellschaftsmodells darstellen könnte. Die neue Ökonomie kennt eben viele Varianten. Und es ist allemal anregend genug, die menschliche Zivilisation, ihre Veränderung und ihre Störungen nicht allein aus der beschränkten Perspektive von Politikern, Stadt- oder Verkehrsplanern zu betrachten. Und so helfen Bienen auch hier.

Dies und vieles mehr – das Projekt produziert auch jede Menge geistigen Honig – ist nachzulesen in einem wunderbar gestalteten „Bee Journal Vol. 1“, dessen Herausgeber, der Sache angemessen, Andreas Bee heißt, und in dem die seltsamsten, zum Nachdenken anregenden Aspekte der Beziehung von Mensch und Biene ebenso lehrreich wie unterhaltsam ausgebreitet werden. Das Spektrum reicht von Gedichten, Märchen, Songtexten und biblischen Geschichten bis zu den Eintragungen zu „Biene“ im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“. Gekrönt wird es von Marcel Beyers „Mein Bienenjahr lesen“, einer bezaubernden Reflexion über Bienen, Schriftsteller und das Schreiben, über aromatische Wörter wie „Vorschwarm“ und „Nachschwarm“, „Weiselprobe“ und „Drohnenschlacht“, und darüber, wie sich Beobachtung und Imagination durchdringen.

Ist die Kunst auch kein Honigschlecken, so gilt doch auch hier Joseph Beuys’ Satz: Gib mir Honig! In kulturellen Angelegenheiten empfiehlt es sich aber auch, die Ankündigung von Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß, zu beherzigen, die er 1974, vor dem Kampf gegen George Foreman in Kinshasa, der als „Rumble in the Jungle“ in die Annalen eingegangen ist, seinem Gegner entgegenschleuderte: „Float like a butterfly, sting like a bee.“

www.mmk-frankfurt.de
www.fingerweb.org