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High Noon im Roten Salon
von Dirk Meyhöfer | 2. September 2010
Nach Venedig kommen sie alle; auch die Lichtgestalten, die meistens über den Wolken schweben, um die globale Eroberung durch ihre Architektur nicht von Zuhause, sondern vom Flugzeug aus zu erledigen. Nur ein klitzekleiner Moment - doch von höchster Symbolkraft, wie dieser Mann präzise und elegant gut einen Meter von einem Riva-Boot, dem Roll Royce der Schiffsbauer, hinauf auf den Vaporetto-Anleger an den Giardini springt. Weit über sechzig Jahre, kahl geschoren, schwarz gewandet - selbst aus zehn Metern entfernt sieht man dessen Kraft und Optimismus. Kein Wunder - Rem Koolhaas eilte zu Beginn der „12. Mostra Internationale di Architettura" einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk entgegen - und auch seinem gelungenen Beitrag in der Hauptausstellung „People meet in architecture", den er subversiv „Preservation" nannte.

Ganz anders die deutschen Architekten, die unter dem Neonschriftzug „Sehnsucht" im deutschen Pavillon keine Architektur präsentieren, sondern Berichte über ihren Seelenzustand aushängen. Das Kuratorenteam des deutschen Beitrages, die „Walverwandtschaften" (Cordula Rau, Eberhardt Tröger, Ole W. Fischer), hatte jenseits deutscher Oberlehrertugenden dazu aufgefordert, endlich einmal locker, flockig und künstlerisch zu sein. Doch das deutsche Feuilleton ließ das Team gnadenlos in ihren Zeitungen durchfallen, als die deutsche Architekten Community noch in Venedig feierte. Zwischen „unverschämt schnell hingeworfenen Buntstiftskizzen", „dem DIN-A4-Blatt als zu dünner Basis für Sehnsucht" und anderen Schmähungen wurde klar: Lieber Architekt, lässt du die Sehnsucht nach dem Künstler in dir walten, dann liefere auch Entsprechendes ab!

Angang - laut und leise, böse und gut

Zur Ehrenrettung hilft jedoch die Überlegung, ob all die Kritiker, den richtigen Zugang gewählt haben? Vielleicht hätten sie über die Pavillons von Österreich, Polen, Australien oder Frankreich ihren Weg gehen sollen. Österreich präsentiert sich in maßloser Selbstüberschätzung als der architektonische Nabel der Welt und lässt seinen von großen Paneelen eingepackten Pavillon zur bedrohlichen Werbemaschine mutieren. Polen sucht in einem Darkroom den Emergency Exit aus den bösen Agglomerationsproblemen der Welt. Australien mit „Now+When" oder Frankreich mit „Metropolis?" überlassen die Pavillons einem multimedialen Overkill (auf australischem Terrain mit 3D-Brillen). Hier fühlt und glaubt man, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Gottseidank sind es von Frankreich nur wenige Schritte hinauf zum Germania-Tempel, dem bordeauxroten Salon und in die bourgeoise Gemütlichkeit eines vergessenen Fin de Siècle, um in einladenden Fauteuils zu versinken.

Gut 180 übersichtliche, meist schwarzweiße Strichzeichnungen berichten von der Sehnsucht der Architekten in fließender Hängung auf dunkelroten Wänden; keine Architekturmesse, keine Renderings, keine Modelle, keine indirektes Verkaufsge-spräche (wie sonst fast immer) einer Nation, die auch gern Exportweltmeister in der Architektur werden will. Nur übersichtliche, naive, sich nicht selbst erklärende Strichkompositionen, von denen man annehmen kann, dass sie auf der legendären Papierservierte von In-Lokalen weit erotischer herüber kämen. Die deutschen haben den Besuchern den Ruheraum, die VIP-Lounge geliefert, keine Ausstellung - vielleicht ist das gut so. Die Nebenräume, vier Kabinette, hat man kurzerhand zu Sehnsuchtsräumen erklärt, in einem hängen Originaldeckenleuchten aus Erichs ehemaligen Lampenladen, dem bereits entsorgten Palast der Republik in Berlin Mitte, der dem neuen alten Schloss Platz machen musste, aber den immer mehr Menschen sehnsüchtig zurück haben wollen. In einem andern Kabinett hat man den vorhandenen Notausgang geöffnet. Man sieht nun von dort die Lagune. Das ist eine charmant inszenierte Umsetzung des ewigen Traums vom Haus am Meer.

Sehnsüchte - die Würde des Pavillons und die Hoffnung, geliebt zu werden

Zum ersten Male seit vielen Jahren wird der immer wieder einmal als obszön oder obsolet verschriene deutsche Pavillon aus dem Jahre 1909 innerhalb einer Architekturbiennale nicht malträtiert und verhängt (wie eben gerade bei Österreich). Seine Raumsignale können wieder verstanden werden, seine ordentlichen Proportionen stillen die Sehnsucht nach Ruhe im hektischen Ausstellungsbetrieb und damit erfüllt sich auch unsere Sehnsucht nach Würdigung dieses Bauwerks. Die unsäglichen Diskussionen um Abriss und Neubau sollten nach diesem Auftritt vom Tisch sein. Leise oder minimale Installationen bekommen diesem Ort gut.

Leider folgt der guten Nachricht die schlechte. Was sich durch die Feuilletonistenschelte ankündigte, ist einem Urproblem der Architekten geschuldet. Gerade der deutschen. Gemeint ist eine brisante Gefühlsmischung aus mangelndem Selbstwertgefühl und fehlender Anerkennung durch die anderen und einer Selbstüberschätzung künstlerischer Fähigkeiten durch sie selbst. Ein Hin und Her im Rollenverständnis. Und weil man draußen beim Besteller und Bauherren immer noch als schwarz gewandetes Künstlergenie gilt, aber eben nicht jeder über die Erfindungsgabe, den Geist und Scharfsinn eines Rem Koolhaas verfügt, fallen bunte Rush-prints der Berliner Architektenstars Sauerbruch + Hutton durch, weil die Herstellzeit knapp eine Minute betragen haben muss, von einem Aperçu aber nichts zu spüren ist. Wenn in vielen anderen Beispielen hier nicht handwerklich überzeugend gezeichnete Sehnsuchtswelten, sondern nur arme abstrakte Statements entstehen, die man ohne Tipps zur Erklärung nicht dechiffrieren kann; wenn Briefmarkendesigner und Karikaturisten einen höheren Informations- und Unterhaltungswert haben - dann fällt man bei der Kritik durch.

Es existiert noch eine andere - unerfüllte - Sehnsucht der Architekten, eben nicht nur künstlerisch wertvoll zu sein, sondern auch als Wissenschaft für voll genommen zu werden. Deswegen gibt es neben dem kleinen Skizzenbuch „What Architects desire", das gut in der Hand liegt und durch die Verdichtung zwischen zwei kleinen Buchdeckeln sogar eindrucksvoll wirkt, den obligatorischen Textband, dessen bunte Bilderwelten hervorragend Sehnsüchte erzählen und schwelgerisch inszenieren, statt sie nur zu skizzieren. Die Texte sind lesenswert, aber manchmal nur mit genau dem Vorwissen zu verstehen, das man für ein Bauwerk, das sich selbst erklären und leben kann, nicht braucht.

Der Grandseigneur der europäischen Bauhistoriker, Werner Oechslin schreibt hier über „Des Architekten (unerfüllte und unerfüllbare) Sehnsucht" und trifft durchaus dessen Seele: „Offenlassen und auch Innenhalten ist der hohe Preis der Sehnsucht." Ullrich Schwarz, Geisteswissenschaftler und Architekturtheoretiker aus Hamburg, droht schon mit dem Titel („Architektur nach ihrem Ende oder: die Überwindung der Verdinglichung") an, dass Schönreden nichts nutzen wird. Nach dem schon zum Gassenhauer verkommenen Goetheschen Zitat von der Sehnsucht, die man zu kennen hat, wenn man irgendjemanden auch wirklich verstehen will, stellt er kurz einmal die Phalanx der Philosophen der letzten Jahrhunderte und einige wenige Architekten (wie Peter Eisenman) die sie verstanden haben wollen, sehr dicht und pointiert auf. Am Ende ist vieles unklar, weil der gewöhnliche Architekt die Sprache nur verstehen kann, wenn er noch einmal ein Studium der Philosophie, der Soziologie oder anderen Stoffen dranhängt. Da er nix versteht, leidet er ersatzweise gern für die Sehnsucht, geliebt zu werden. Ein Seminar im Pavillon zu diesem Thema gibt es am 14. Oktober.

Abgang - unheimlich stark

Nun gilt aber auch auf Biennalen immer noch der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Und weil kaum ein anderer Pavillon zu lautem Beifall animiert - der belgische, der noch trivialer durch einen Reigen von alten Holzplatten und -böden mit schlichten Gebrauchspuren trotzdem sexy ist, lautet der Urteilsspruch: Experiment nicht gelungen, der Patient lebt. Und wir hoffen, dass „Sehnsucht" das Ende der Oberlehrersehnsucht im deutschen Kurator von Architekturausstellungen bedeutet. Und wer das nicht glaubt - der verlasse einfach den Pavillon durch den Seitenausgang und lande sodann am Meer. Der vergesse alle Bedrohlichkeiten in den Pavillons dieser Biennale und glaube an das Gute im architektonischen Raum, in einer Architektur, in der die Menschen sich gerne treffen, zweifeln, freuen und die Seele baumeln lassen können. Vielleicht liegt dort, hinter dem Pavillon, ja auch irgendwo ein Riva-Boot...

In unserer Serie zur Architekturbiennale sind bislang erschienen:
Oliver Elser über die zentrale Ausstellung der Biennale-Leiterin Kazuyo Sejima
Deutscher Pavillon "Sehnsucht" von Walverwandtschaften, Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Ida-Marie Corell mit ihrem Musikprojekt IMCakaLLEROC