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Höhere Spiele
von Paul Andreas | 18. Juli 2016
Leben über dem Boden der Tatsachen: Constants „Blick auf New Babylons Sektoren“ von 1971, eine mehr als zwei Meter lange mit Wasserfarben und Bleistift übermalte Fotomontage.
Foto Tom Haartsen © Fondation Constant, Pictoright Amsterdam 2016
Im Jahr 1974 räumte der niederländische Künstler Constant Nieuwenhuys sein Atelier leer, um alles, was sich dort befand, dem Gemeentemuseum von Den Haag zu vermachen. Der frühere CoBrA-Artist, der sich von nun an ganz der Malerei widmen wollte, zog einen demonstrativen Schlussstrich unter seine Recherchen zur Utopie eines “New Babylon”, das er fast zwanzig Jahre lang entwickelt hatte: Seit 1956 hatte ihn nichts so sehr umgetrieben wie diese Vision einer neuartigen Stadt, deren Gesetze nicht durch Produktion und Arbeit diktiert werden, sondern sich flexibel selbst generieren durch die kollektive Kreativität und Spiellust ihrer grenzenlos umher nomadisierenden Bewohner. Die Neubabylonier sollten ein postkapitalistischer homo ludens sein, also nichts weniger als eine neue Art Mensch. Diese Gesellschaft hätte dank technischer Automatisierung ein so hohes Maß an Freizeit und Selbstbestimmung erreicht, dass sie die frei gewordene Zeit in die kollektive Gestaltung ihre urbanen Räume und deren ständige Fortentwicklung stecken würde.

Diese Bestände aus Contstants Atelier hat das Gemeentemuseum jetzt aus den Depots geholt. Nicht zum ersten Mal. Constants Modelle, Zeichnungen, Malereien und Texte waren in der Zwischenzeit bei fast jeder größeren Ausstellung zum Thema Zukunftsgestaltung zu sehen. Aber in Den Haag wird jetzt zum vielleicht ersten Mal seit der „Bilanzausstellung“ von 1974 die Entwicklung von Constants Ideen in Gänze und in ihrer facettenreichen Vielfalt nachvollziehbar.
Constant hatte ja schon ehe er den Namen und das Projekt „New Babylon“ erfunden hatte, den Sprung in den Raum vollzogen: Anfang der 1950er Jahre initiierte er gemeinsam mit Aldo van Eyck und Gerrit Rietveld Projekte, die monochrome Farbräume für architektonische Raumkompositionen nutzten.
Systeme für ein Leben in der Zukunft: Das Modell „Kleines Labyrinth“ von 1959 vor dem Ölgemälde „Tribute to the Odeon“ von 1969. Foto © Gemeentemuseum Den HaaD
Von Alba in den Weltraum

Dieser Vorstoß führte ihn 1956 nach Italien in die Kleinstadt Alba im Piemont: Anlässlich einer Künstlerkonferenz, an der neben den französischen Situationisten und einigen ehemaligen CoBrA-Aktivisten auch der junge Ettore Sottsass teilnahm, entwirft er für eine lokal ansässige Gruppe der Sinti eine „mobile Piazza“: Die flach aufgespannte Dachkonstruktion, die im Modell wie aus mehreren großen Speichenrädern zusammengesetzt erscheint, als eine etwas zu romantische Umarmung des nomadischen Lebens, ist der Beginn einer ganzen Serie von dynamischen, nichteuklidischen Raumplastiken, die Constant – ganz von der Weltraumbegeisterung jener Zeit ergriffen – wie für das Weltall zu schaffen scheint.
Erst ab 1959 landen Constants Ideen wieder auf der Erde, wenn auch nicht mehr auf dem Erdboden: Sein aus einzelnen Stadtsegmenten amorph zusammen komponiertes, sich netzartig über alle Stadt- und Landesgrenzen hin ausbreitendes “New Babylon” – der Name zieht absichtliche Verbindungslinien zu Guy Debord – schwebt über der Landschaft, unter ihm fließen weiter die Infrastrukturen der vorhandenen Städte und Regionen. Darüber liegen nun freilich die riesigen XXL-Geschossebenen, atmosphärisch in bestimmte Zonen geteilt durch das variierte, aber immer monochrome Licht, das wie ein Farbnebel durch die manchmal perforierten, manchmal mit Rasterlinien überzogenen Plexiglas-Ebene fällt. Wie diese Räume allerdings genau strukturiert oder genutzt werden, lässt Constant vollkommen offen. Im Gegensatz zu den Situationisten illustriert er nur ein räumliches Rahmenwerk und weigert sich auch in den folgenden Jahren vehement, dessen Inhalt zu konkretisieren. Seine ästhetisch äußerst kunstvollen Modelle schenken dem Informellen und dem Unbekannten der Zukunft viel Raum. Mit mobilen Leitern, weitverzweigten Split-Level-Ebenen, wahren Labyrinthen aus Wänden und Türen wirken sie tatsächlich wie großzügige Raumspielplätze, die von ihren Bewohnern erst noch aktiviert werden müssen.
Constants „Large Yellow Sector“ von 1967. Foto Tom Haartsen © Fondation Constant, Pictoright Amsterdam 2016
Fun people im Silicon Valley

Schon vor 1974 hatte Constant die Hoffnung aufgegeben, dass sich seine Vision, die für ihn stets weniger Technik- als Sozialutopie war, zu Lebzeiten je würde realisieren lassen. Immer stärker waren Szenen alltäglicher und weltweiter Kriegsgewalt in seine Malerei eingezogen, die Atmosphäre seiner Kunst hatte sich immer stärker von den fröhlich-optimistischen Lebenswelten seines homo ludens entfernt.

Und heute? Ist inzwischen die Stunde von New Babylon gekommen, wie Kuratorin Laura Stamps die Besucher am Ende der Ausstellung glauben machen möchte, indem sie optimistisch beschwörend wiederholt: “Wir könnten diese Anderen sein. Für uns, Freiheit” ? Tatsächlich sind viele Aspekte von Constants Utopie längst von der Geschichte absorbiert worden, darauf weist der späte New Babylon-Sympathisant Rem Koolhaas hin, der mit einem ausführlichen Interview im Ausstellungskatalog präsent ist. Paradoxerweise findet diese Neuinterpretation von Constants Visionen aber unter grundsätzlich veränderten sozio-ökonomischen Vorzeichen statt: Ausgerechnet “das Chaos, das der letzte Bestimmungsort der freien Markwirtschaft ist, wird in einigen von Constants Projekten ganz wundervoll ausgedrückt”, gibt Koolhaas da zu bedenken. Und so, wie die globale neoliberale Ökonomie mittlerweile das Informelle, das Unplanbar-Chaotische in der Stadtplanung nährte, so weile auch der homo ludens längst unter uns: Die Phobie vor der Arbeit habe die Bürowelt vollkommen umgekrempelt und dazu geführt, dass nicht nur die Großunternehmen im Silicon Valley heute “Fun people” rekrutierten.
Fast 20 Jahre lang beschäftigte sich Constant in Zeichnungen, Malereien, Texten und Modellen mit seinem „New Babylon“, dann gab er 1974 alles Material ins Museum.
Foto © Gemeentemuseum Den Haag
Die visuelle Kraft von Constants Stadtmodellen schmälern diese Hinweise nicht. Ein Seitenblick etwa auf Sou Fujimotos Architekturvisionen genügt, um sich den Einfluss von Constants architektonischer Sprache zu vergegenwärtigen. Seine Sozialutopie und sein planerisches Totalitätsdenken mögen inzwischen vollkommen überholt sein, seine verästelte Netzwerk-Ästhetik ist es keineswegs: In Zeiten des überall grassierenden Retrofuturismus scheinen auch die Modelle von New Babylon zur zeitlosen Chiffre für Zukunft geworden zu sein.

Ausstellung
Constant – New Babylon
Gemeentemuseum Den Haag
Bis 25. September 2016
www.gemeentemuseum.nl

Katalog
Constant: New Babylon. To us, Liberty
hrsg. v. Laura Stamps
mit Texten von Constant, Willemijn Stokvis, Mark Wigley, Pascal Gielen und Trudy van der Horst sowie einem Interview mit Rem Koolhaas
Englisch
Hatje Cantz, Ostfildern, 2016
ISBN 978-3-7757-4134-7
39,80 Euro
Links: Das Drahtmodell „Space Circus” von 1958. Foto Tom Haartsen © Fondation Constant, Pictoright Amsterdam 2016.
Rechts: Constant in seiner Werkstatt, 1967. Foto „ohne Titel” aus der Sammlung des Museums © Leonard Freed / Magnum / Hollandse Hoogte
In der Fülle des ausgestellten Materials wird in Den Haag zum ersten Mal seit Constants „Bilanzausstellung“ von 1974 die Genese und die komplexe Vielfalt seiner Ideen sichtbar.
Foto © Gemeentemuseum Den Haag
Wie eine Raumkapsel über der Erde: „Spatiovore“ aus dem Jahr 1960. Foto © Gemeentemuseum Den Haag
Der „Hängende Sektor“ von New Babylon aus dem Jahr 1960. Foto © Gemeentemuseum Den Haag
Zwei von Constants Skizzen zum „Hängenden Sektor“ aus dem Jahr 1964. Foto © Gemeentemuseum Den Haag
„Grundriss New Babylon über The Hague” von 1964. Foto: Tom Haartsen © Fondation Constant, Pictoright Amsterdam 2016
News & Stories › 2016 › Juli
Höhere Spiele
von Paul Andreas | 18. Juli 2016
In Den Haag wird nicht nur Constants Archiv ausgebreitet. Die Schau im Gemeentemuseum fragt auch nach der Zukunft eines „New Babylon“.
Im Jahr 1974 räumte der niederländische Künstler Constant Nieuwenhuys sein Atelier leer, um alles, was sich dort befand, dem Gemeentemuseum von Den Haag zu vermachen. Der frühere CoBrA-Artist, der sich von nun an ganz der Malerei widmen wollte, zog einen demonstrativen Schlussstrich unter seine Recherchen zur Utopie eines “New Babylon”, das er fast zwanzig Jahre lang entwickelt hatte: Seit 1956 hatte ihn nichts so sehr umgetrieben wie diese Vision einer neuartigen Stadt, deren Gesetze nicht durch Produktion und Arbeit diktiert werden, sondern sich flexibel selbst generieren durch die kollektive Kreativität und Spiellust ihrer grenzenlos umher nomadisierenden Bewohner. Die Neubabylonier sollten ein postkapitalistischer homo ludens sein, also nichts weniger als eine neue Art Mensch. Diese Gesellschaft hätte dank technischer Automatisierung ein so hohes Maß an Freizeit und Selbstbestimmung erreicht, dass sie die frei gewordene Zeit in die kollektive Gestaltung ihre urbanen Räume und deren ständige Fortentwicklung stecken würde.

Diese Bestände aus Contstants Atelier hat das Gemeentemuseum jetzt aus den Depots geholt. Nicht zum ersten Mal. Constants Modelle, Zeichnungen, Malereien und Texte waren in der Zwischenzeit bei fast jeder größeren Ausstellung zum Thema Zukunftsgestaltung zu sehen. Aber in Den Haag wird jetzt zum vielleicht ersten Mal seit der „Bilanzausstellung“ von 1974 die Entwicklung von Constants Ideen in Gänze und in ihrer facettenreichen Vielfalt nachvollziehbar.
Constant hatte ja schon ehe er den Namen und das Projekt „New Babylon“ erfunden hatte, den Sprung in den Raum vollzogen: Anfang der 1950er Jahre initiierte er gemeinsam mit Aldo van Eyck und Gerrit Rietveld Projekte, die monochrome Farbräume für architektonische Raumkompositionen nutzten.
Von Alba in den Weltraum

Dieser Vorstoß führte ihn 1956 nach Italien in die Kleinstadt Alba im Piemont: Anlässlich einer Künstlerkonferenz, an der neben den französischen Situationisten und einigen ehemaligen CoBrA-Aktivisten auch der junge Ettore Sottsass teilnahm, entwirft er für eine lokal ansässige Gruppe der Sinti eine „mobile Piazza“: Die flach aufgespannte Dachkonstruktion, die im Modell wie aus mehreren großen Speichenrädern zusammengesetzt erscheint, als eine etwas zu romantische Umarmung des nomadischen Lebens, ist der Beginn einer ganzen Serie von dynamischen, nichteuklidischen Raumplastiken, die Constant – ganz von der Weltraumbegeisterung jener Zeit ergriffen – wie für das Weltall zu schaffen scheint.
Erst ab 1959 landen Constants Ideen wieder auf der Erde, wenn auch nicht mehr auf dem Erdboden: Sein aus einzelnen Stadtsegmenten amorph zusammen komponiertes, sich netzartig über alle Stadt- und Landesgrenzen hin ausbreitendes “New Babylon” – der Name zieht absichtliche Verbindungslinien zu Guy Debord – schwebt über der Landschaft, unter ihm fließen weiter die Infrastrukturen der vorhandenen Städte und Regionen. Darüber liegen nun freilich die riesigen XXL-Geschossebenen, atmosphärisch in bestimmte Zonen geteilt durch das variierte, aber immer monochrome Licht, das wie ein Farbnebel durch die manchmal perforierten, manchmal mit Rasterlinien überzogenen Plexiglas-Ebene fällt. Wie diese Räume allerdings genau strukturiert oder genutzt werden, lässt Constant vollkommen offen. Im Gegensatz zu den Situationisten illustriert er nur ein räumliches Rahmenwerk und weigert sich auch in den folgenden Jahren vehement, dessen Inhalt zu konkretisieren. Seine ästhetisch äußerst kunstvollen Modelle schenken dem Informellen und dem Unbekannten der Zukunft viel Raum. Mit mobilen Leitern, weitverzweigten Split-Level-Ebenen, wahren Labyrinthen aus Wänden und Türen wirken sie tatsächlich wie großzügige Raumspielplätze, die von ihren Bewohnern erst noch aktiviert werden müssen.
Fun people im Silicon Valley

Schon vor 1974 hatte Constant die Hoffnung aufgegeben, dass sich seine Vision, die für ihn stets weniger Technik- als Sozialutopie war, zu Lebzeiten je würde realisieren lassen. Immer stärker waren Szenen alltäglicher und weltweiter Kriegsgewalt in seine Malerei eingezogen, die Atmosphäre seiner Kunst hatte sich immer stärker von den fröhlich-optimistischen Lebenswelten seines homo ludens entfernt.

Und heute? Ist inzwischen die Stunde von New Babylon gekommen, wie Kuratorin Laura Stamps die Besucher am Ende der Ausstellung glauben machen möchte, indem sie optimistisch beschwörend wiederholt: “Wir könnten diese Anderen sein. Für uns, Freiheit” ? Tatsächlich sind viele Aspekte von Constants Utopie längst von der Geschichte absorbiert worden, darauf weist der späte New Babylon-Sympathisant Rem Koolhaas hin, der mit einem ausführlichen Interview im Ausstellungskatalog präsent ist. Paradoxerweise findet diese Neuinterpretation von Constants Visionen aber unter grundsätzlich veränderten sozio-ökonomischen Vorzeichen statt: Ausgerechnet “das Chaos, das der letzte Bestimmungsort der freien Markwirtschaft ist, wird in einigen von Constants Projekten ganz wundervoll ausgedrückt”, gibt Koolhaas da zu bedenken. Und so, wie die globale neoliberale Ökonomie mittlerweile das Informelle, das Unplanbar-Chaotische in der Stadtplanung nährte, so weile auch der homo ludens längst unter uns: Die Phobie vor der Arbeit habe die Bürowelt vollkommen umgekrempelt und dazu geführt, dass nicht nur die Großunternehmen im Silicon Valley heute “Fun people” rekrutierten.
Die visuelle Kraft von Constants Stadtmodellen schmälern diese Hinweise nicht. Ein Seitenblick etwa auf Sou Fujimotos Architekturvisionen genügt, um sich den Einfluss von Constants architektonischer Sprache zu vergegenwärtigen. Seine Sozialutopie und sein planerisches Totalitätsdenken mögen inzwischen vollkommen überholt sein, seine verästelte Netzwerk-Ästhetik ist es keineswegs: In Zeiten des überall grassierenden Retrofuturismus scheinen auch die Modelle von New Babylon zur zeitlosen Chiffre für Zukunft geworden zu sein.

Ausstellung
Constant – New Babylon
Gemeentemuseum Den Haag
Bis 25. September 2016
www.gemeentemuseum.nl

Katalog
Constant: New Babylon. To us, Liberty
hrsg. v. Laura Stamps
mit Texten von Constant, Willemijn Stokvis, Mark Wigley, Pascal Gielen und Trudy van der Horst sowie einem Interview mit Rem Koolhaas
Englisch
Hatje Cantz, Ostfildern, 2016
ISBN 978-3-7757-4134-7
39,80 Euro