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von 2143 Forward End
Ideen sind Revolutionen
16. April 2011
Junya Ishigami Foto: Kensyu Shintsubo

Der junge japanische Architekt Junya Ishigami gehört zweifellos zu den vielversprechenden Architekten seiner Generation. Im vergangenen Jahr gewann er einen Goldenen Löwen bei der 12. Architekturbiennale in Venedig. Seine „Architecture as Air" bestand aus extrem dünnen Kohlenstofffasern, die für das menschliche Auge so gut wie unsichtbar sind. Die Konstruktion war von einer eigenen Schönheit und beschrieb eine scheinbar unsichtbare Architektur in der Luft. Ishigamis Arbeiten eilt mittlerweile der Ruf von großer Sensibilität und Poesie voraus. Ein unendlich langer und schmaler Tisch, der 2007 auf der Art Basel ausgestellt wurde, überraschte die Besucher durch seine Stabilität und Schönheit. Ein schwebender, eckiger Ballon aus Aluminium mit einer Höhe von etwa vierzehn Metern und dem Gewicht von einer Tonne sorgte im gleichen Jahr bei den Besuchern des Atriums im Museum of Contemporary Art in Tokio für große Verblüffung. Ishigamis Objekte haben zwar vor allem als Kunstobjekte Popularität erlangt, sie sind aber eigentlich das Ergebnis experimenteller Forschung im Bereich der Architektur. Diese hat bereits Früchte getragen. Denn obgleich Ishigami erst zwei Architekturprojekte abgeschlossen hat, seit er SANAA 2004 verlassen und sich selbstständig gemacht hat, gewann er 2009 den begehrten Preis des Architectural Institute of Japan für sein Studiogebäude am Kanagawa Institute of Technology. Ayako Kamozawa sprach mit Junya Ishigami über Inspiration, seine experimentellen Forschungen im Bereich der Architektur.

Ayako Kamozawa: Für Ihre Einzelausstellung im Toyota Municipal Museum of Art letztes Jahr wählten Sie Schlüsselbegriffe aus der Natur aus wie „Wolken", „Wald", „Horizont" und „Regen". Was inspiriert Sie, wenn Sie Architektur gestalten?

Junya Ishigami: Ich nähere mich gern jedem neuen Projekt von einem eigenen Ausgangspunkt aus. Das kann das Budget sein oder die Gegebenheiten und die Atmosphäre des Geländes – eher als irgendeine andere Inspirationsquelle. Ideen hat eigentlich jeder. Für mich liegt die Schwierigkeit nicht darin, Ideen zu entwickeln. Je stärker eine Idee ist, desto einfacher ist es, sie umzusetzen. Ideen allein haben noch keinen Ausdruck. Viele Leute lehnen starke Ideen ab, aber es ist unmöglich, dass eine Idee, die von den meisten Menschen begeisterte Zustimmung erfährt, nicht umgesetzt wird, nur weil die Werte der Menschen zu unterschiedlich sind, als dass alle berücksichtigt werden könnten.

Zum Beispiel die Idee „rot" kann von der einen Person befürwortet und von einer anderen Person abgelehnt werden. Bevor die Idee „rot" umgesetzt werden kann, muss es spezifische Bedingungen geben, die „rot" begünstigen. Ich glaube, es ist wichtig, Ideen zu verfeinern und zu verbreiten, um bestimmte Gegebenheiten möglichst gut ausdrücken zu können. Wenn „rot" verbreitet wird und quasi zu einer festen Größe wird, werden sogar Menschen, die wegen der Farbe normalerweise zögern würden, ein „rotes" Gebäude zu betreten, sich veranlasst fühlen, ihren Fuß in das Gebäude zu setzen. Mit anderen Worten: Starke Ideen rühren an die Substanz der menschlichen Denkweise.

Ich dachte, Sie gehören zu der Sorte Architekten, die sich in eine außergewöhnliche Idee wirklich versenken können.

Ishigami: Ja, das stimmt, ich gehe meinen Ideen auf den Grund. Aber einige Leute lehnen eine Idee ab, weil sie sie nicht verstehen. Deshalb ist es so wichtig, die Idee zu verfeinern und zu verbreiten, um die Leute zu motivieren, sich auf meinen Blickwinkel einzulassen. Früher war eine Revolution ein adäquates Mittel, um unser Weltbild zu verändern. Heute passieren Revolutionen und kleine Veränderungen immer gleichzeitig. Es kann sein, dass die Leute nicht mitkriegen, was gerade passiert ist, aber eines Tages merken sie, dass sie in einer ganz neuen Welt leben. Mit anderen Worten: Die Ideen, von denen ich sprach, sind Revolutionen, die einige Leute nicht akzeptieren können. Ich glaube, eine Idee sollte in ein Konzept münden, das allgemeingültig, universell und lebensnah ist.

Hat diese Herangehensweise auch zu der Flexibilität in der Planung des Studiogebäudes am Kanagawa Institute of Technology Workshop geführt?

Ishigami: Ursprünglich war das Programm für dieses Projekt relativ willkürlich. Die Hauptanforderung war, dass dieser Raum mal für eine einzige Person und mal für hundert Personen gleichzeitig nutzbar sein sollte. Deshalb plante ich einen einzigen großen Raum mit einer Reihe von Stützen, ohne Trennwände. Wenn ich die Tatsache hätte betonen wollen, dass Stützen für Platz sorgen, hätte ich mich für viel mehr Stützen entschieden. Aber das wäre kein großer Unterschied zum Platzieren von Wänden im Raum gewesen. Das war meine Maxime beim Ermitteln einer angemessenen Anzahl von Stützen für den Entwurf und bei meinem Bemühen darum, dass die Stützen ihre ursprüngliche Rolle beibehielten. Diese Ausgewogenheit erlaubt es den Leuten, den Raum zu betreten – ob sie dabei feststellen, dass der Raum durch die Platzierung der Stützen sorgfältig durchdacht ist oder nicht. In jedem meiner Projekte versuche ich eine feine Balance zu finden, die niemand zuvor gesehen hat.

Ich glaube, Funktionalismus beruht im Wesentlichen auf dem Prinzip eindeutiger Zuordnung. In unserer Gegenwart ist er allerdings fehl am Platz. Was stattdessen heute gefragt ist, ist nicht das Wiedergeben von Bildern, sondern ein schwarzes Loch, das alles absorbieren kann. Funktionen können auf diese Weise von Fall zu Fall erfüllt werden, in Abhängigkeit von allen möglichen Zusammenhängen.

Als Architekturschaffender haben Sie Ihre Arbeiten oft in Museen ausgestellt. Was ist für Sie der Unterschied zwischen Architektur und Kunst?

Ishigami: Für gewöhnlich präsentieren Architekten ihre Architekturmodelle in Ausstellungen. Ich hingegen möchte, dass in meinen Ausstellungen auch die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit enthalten sind. Natürlich ist das nicht das Gleiche wie das Bauen eines realen Hauses, aber ich kann auf diese Weise einige Teilgebiete der Architektur erforschen. Für mich ist beides dasselbe, auch wenn die Präsentation unterschiedlich ausfallen kann, weil die jeweilige Umgebung eine andere ist.

In letzter Zeit haben viele japanische Architekten – Sie eingeschlossen – die Gelegenheit genutzt, ihre Arbeiten in Museen oder im Rahmen anderer Events in Europa auszustellen. Warum bekommt japanische Architektur Ihrer Ansicht nach heute weltweit so große Aufmerksamkeit? Einige Stimmen sagen, das liege allein daran, dass japanische Architekten einfach größere Chancen haben, ihre Architektur auch zu bauen.

Ishigami: Das ist in der Tat einer der Gründe, wenngleich das natürlich nicht heißt, dass alles gut ist an der Planung von Architektur in Japan. Aber eine völlig neue Herangehensweise wird in Japan vielleicht leichter akzeptiert, denn neue Ideen werden in unseren Städten Tag für Tag umgesetzt. Im Vergleich dazu sind Städte in Europa wie Fossilien – im positiven wie im negativen Sinne. In den schönen alten Städten ist jede neue Architektur wie ein Fremdkörper. Wir müssen uns der Herausforderung stellen, wie wir Fremdkörper positiv ausdrücken können, und das ist in der Tat nicht leicht. Frank O. Gehry nutzte dafür Monumentalität und Le Corbusier wollte ganz Paris zerstören, um eine neue Welt zu schaffen. Mit anderen Worten: Europäische Städte sind zu starr, um neue Ansätze zu akzeptieren, obwohl die neue Idee, wenn sie einmal angenommen wurde, gute Chancen hat zu überdauern.

Bei Ihrer letzten Einzelausstellung zeigten Sie viele Arten von hochhausartigen Objekten. Haben Sie den Ehrgeiz, eines Tages ein Hochhaus zu bauen?

Ishigami: Ich würde die bestehenden Hochhäuser nicht wirklich als Architektur bezeichnen, aber ich mag sie trotzdem. Architekten haben sich bisher um Teile solcher Gebäude gekümmert, aber ich habe noch nie einen konkreten Ansatz gesehen, sich in dieser Größenordnung um die Gesamtheit des Raumes zu kümmern. In dieser Hinsicht haben wir es hier mit einem Grenzbereich zu tun. Hochhäuser ziehen mich aber noch aus einem ganz anderen Grund an. Das japanische Bauvorschriftengesetz gilt nicht für Hochhäuser. Für alles braucht man eine Genehmigung von den Behörden. Aber hier ist alles möglich, solange das Experiment gelingt.

Le Corbusier entwarf Hochhausarchitektur im großen Maßstab. Wenn dieser Maßstab sich der Größenordnung einer Stadt nähert, welchem Ansatz kann ich dann noch folgen? Diese Fragestellung ist für mich in der Tat eine lohnende und interessante Herausforderung. Was ich problematisch finde und was mich gleichzeitig reizt, ist der Umstand, dass Hochhäuser heutzutage unabhängig sind. Schon diese Unabhängigkeit an sich fasziniert mich. Rührt sie von dem Umstand her, dass das Hochhaus das Ausmaß einer Stadt hat oder dass Höhe einfach bedeutet, losgelöst von terra firma zu sein? Hochhausarchitektur eröffnet uns die Chance, eine ganze Stadt in einem einzigen Gebäude zu planen.

http://jnyi.jp

Kürzlich erschienene Monografie:
Junya Ishigami – Another Scale of Architecture
296 Seiten, japanisch/englisch
Idea, Amsterdam
Euro 32
www.ideabooks.nl

"Architecture as air: Study for château la coste" (2010) Architekturbiennale in Venedig. Foto:Joseph Grima
"Architecture as air: Study for château la coste" (2010) Architekturbiennale in Venedig
Plan der Gewächshäuser in den Giardini im Rahmen der Installation „Extreme Nature: Landscape of Ambiguous Spaces” an der Architekturbiennale 2008 in Venedig
Architekturbiennale 2008 in Venedig
Gewächshäuser im Aussenbereich des japanischen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig 2008 gestaltet vonIshigami
Hochhausmodell aus Junya Ishigami’s Einzelausstellung "Another scale of architecture" im Toyota Municipal Museum of Art in Nagoya. Foto: Yasushi Ichikawa
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Junya Ishigami
Architektur › 2011 › April
Ideen sind Revolutionen
16. April 2011
Junya Ishigamis Architektur ist zuweilen so fein, dass sie kaum sichtbar wird. Seine „Architecture as Air" ist Ausdruck seiner architektonischen Forschungen. Ayako Kamozawa sprach mit Junya Ishigami über starke Ideen, die Geschwindigkeit gesellschaftlicher Veränderungen und Hochhausarchitektur im großen Maßstab.
Der junge japanische Architekt Junya Ishigami gehört zweifellos zu den vielversprechenden Architekten seiner Generation. Im vergangenen Jahr gewann er einen Goldenen Löwen bei der 12. Architekturbiennale in Venedig. Seine „Architecture as Air" bestand aus extrem dünnen Kohlenstofffasern, die für das menschliche Auge so gut wie unsichtbar sind. Die Konstruktion war von einer eigenen Schönheit und beschrieb eine scheinbar unsichtbare Architektur in der Luft. Ishigamis Arbeiten eilt mittlerweile der Ruf von großer Sensibilität und Poesie voraus. Ein unendlich langer und schmaler Tisch, der 2007 auf der Art Basel ausgestellt wurde, überraschte die Besucher durch seine Stabilität und Schönheit. Ein schwebender, eckiger Ballon aus Aluminium mit einer Höhe von etwa vierzehn Metern und dem Gewicht von einer Tonne sorgte im gleichen Jahr bei den Besuchern des Atriums im Museum of Contemporary Art in Tokio für große Verblüffung. Ishigamis Objekte haben zwar vor allem als Kunstobjekte Popularität erlangt, sie sind aber eigentlich das Ergebnis experimenteller Forschung im Bereich der Architektur. Diese hat bereits Früchte getragen. Denn obgleich Ishigami erst zwei Architekturprojekte abgeschlossen hat, seit er SANAA 2004 verlassen und sich selbstständig gemacht hat, gewann er 2009 den begehrten Preis des Architectural Institute of Japan für sein Studiogebäude am Kanagawa Institute of Technology. Ayako Kamozawa sprach mit Junya Ishigami über Inspiration, seine experimentellen Forschungen im Bereich der Architektur.

Ayako Kamozawa: Für Ihre Einzelausstellung im Toyota Municipal Museum of Art letztes Jahr wählten Sie Schlüsselbegriffe aus der Natur aus wie „Wolken", „Wald", „Horizont" und „Regen". Was inspiriert Sie, wenn Sie Architektur gestalten?

Junya Ishigami: Ich nähere mich gern jedem neuen Projekt von einem eigenen Ausgangspunkt aus. Das kann das Budget sein oder die Gegebenheiten und die Atmosphäre des Geländes – eher als irgendeine andere Inspirationsquelle. Ideen hat eigentlich jeder. Für mich liegt die Schwierigkeit nicht darin, Ideen zu entwickeln. Je stärker eine Idee ist, desto einfacher ist es, sie umzusetzen. Ideen allein haben noch keinen Ausdruck. Viele Leute lehnen starke Ideen ab, aber es ist unmöglich, dass eine Idee, die von den meisten Menschen begeisterte Zustimmung erfährt, nicht umgesetzt wird, nur weil die Werte der Menschen zu unterschiedlich sind, als dass alle berücksichtigt werden könnten.

Zum Beispiel die Idee „rot" kann von der einen Person befürwortet und von einer anderen Person abgelehnt werden. Bevor die Idee „rot" umgesetzt werden kann, muss es spezifische Bedingungen geben, die „rot" begünstigen. Ich glaube, es ist wichtig, Ideen zu verfeinern und zu verbreiten, um bestimmte Gegebenheiten möglichst gut ausdrücken zu können. Wenn „rot" verbreitet wird und quasi zu einer festen Größe wird, werden sogar Menschen, die wegen der Farbe normalerweise zögern würden, ein „rotes" Gebäude zu betreten, sich veranlasst fühlen, ihren Fuß in das Gebäude zu setzen. Mit anderen Worten: Starke Ideen rühren an die Substanz der menschlichen Denkweise.

Ich dachte, Sie gehören zu der Sorte Architekten, die sich in eine außergewöhnliche Idee wirklich versenken können.

Ishigami: Ja, das stimmt, ich gehe meinen Ideen auf den Grund. Aber einige Leute lehnen eine Idee ab, weil sie sie nicht verstehen. Deshalb ist es so wichtig, die Idee zu verfeinern und zu verbreiten, um die Leute zu motivieren, sich auf meinen Blickwinkel einzulassen. Früher war eine Revolution ein adäquates Mittel, um unser Weltbild zu verändern. Heute passieren Revolutionen und kleine Veränderungen immer gleichzeitig. Es kann sein, dass die Leute nicht mitkriegen, was gerade passiert ist, aber eines Tages merken sie, dass sie in einer ganz neuen Welt leben. Mit anderen Worten: Die Ideen, von denen ich sprach, sind Revolutionen, die einige Leute nicht akzeptieren können. Ich glaube, eine Idee sollte in ein Konzept münden, das allgemeingültig, universell und lebensnah ist.

Hat diese Herangehensweise auch zu der Flexibilität in der Planung des Studiogebäudes am Kanagawa Institute of Technology Workshop geführt?

Ishigami: Ursprünglich war das Programm für dieses Projekt relativ willkürlich. Die Hauptanforderung war, dass dieser Raum mal für eine einzige Person und mal für hundert Personen gleichzeitig nutzbar sein sollte. Deshalb plante ich einen einzigen großen Raum mit einer Reihe von Stützen, ohne Trennwände. Wenn ich die Tatsache hätte betonen wollen, dass Stützen für Platz sorgen, hätte ich mich für viel mehr Stützen entschieden. Aber das wäre kein großer Unterschied zum Platzieren von Wänden im Raum gewesen. Das war meine Maxime beim Ermitteln einer angemessenen Anzahl von Stützen für den Entwurf und bei meinem Bemühen darum, dass die Stützen ihre ursprüngliche Rolle beibehielten. Diese Ausgewogenheit erlaubt es den Leuten, den Raum zu betreten – ob sie dabei feststellen, dass der Raum durch die Platzierung der Stützen sorgfältig durchdacht ist oder nicht. In jedem meiner Projekte versuche ich eine feine Balance zu finden, die niemand zuvor gesehen hat.

Ich glaube, Funktionalismus beruht im Wesentlichen auf dem Prinzip eindeutiger Zuordnung. In unserer Gegenwart ist er allerdings fehl am Platz. Was stattdessen heute gefragt ist, ist nicht das Wiedergeben von Bildern, sondern ein schwarzes Loch, das alles absorbieren kann. Funktionen können auf diese Weise von Fall zu Fall erfüllt werden, in Abhängigkeit von allen möglichen Zusammenhängen.

Als Architekturschaffender haben Sie Ihre Arbeiten oft in Museen ausgestellt. Was ist für Sie der Unterschied zwischen Architektur und Kunst?

Ishigami: Für gewöhnlich präsentieren Architekten ihre Architekturmodelle in Ausstellungen. Ich hingegen möchte, dass in meinen Ausstellungen auch die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit enthalten sind. Natürlich ist das nicht das Gleiche wie das Bauen eines realen Hauses, aber ich kann auf diese Weise einige Teilgebiete der Architektur erforschen. Für mich ist beides dasselbe, auch wenn die Präsentation unterschiedlich ausfallen kann, weil die jeweilige Umgebung eine andere ist.

In letzter Zeit haben viele japanische Architekten – Sie eingeschlossen – die Gelegenheit genutzt, ihre Arbeiten in Museen oder im Rahmen anderer Events in Europa auszustellen. Warum bekommt japanische Architektur Ihrer Ansicht nach heute weltweit so große Aufmerksamkeit? Einige Stimmen sagen, das liege allein daran, dass japanische Architekten einfach größere Chancen haben, ihre Architektur auch zu bauen.

Ishigami: Das ist in der Tat einer der Gründe, wenngleich das natürlich nicht heißt, dass alles gut ist an der Planung von Architektur in Japan. Aber eine völlig neue Herangehensweise wird in Japan vielleicht leichter akzeptiert, denn neue Ideen werden in unseren Städten Tag für Tag umgesetzt. Im Vergleich dazu sind Städte in Europa wie Fossilien – im positiven wie im negativen Sinne. In den schönen alten Städten ist jede neue Architektur wie ein Fremdkörper. Wir müssen uns der Herausforderung stellen, wie wir Fremdkörper positiv ausdrücken können, und das ist in der Tat nicht leicht. Frank O. Gehry nutzte dafür Monumentalität und Le Corbusier wollte ganz Paris zerstören, um eine neue Welt zu schaffen. Mit anderen Worten: Europäische Städte sind zu starr, um neue Ansätze zu akzeptieren, obwohl die neue Idee, wenn sie einmal angenommen wurde, gute Chancen hat zu überdauern.

Bei Ihrer letzten Einzelausstellung zeigten Sie viele Arten von hochhausartigen Objekten. Haben Sie den Ehrgeiz, eines Tages ein Hochhaus zu bauen?

Ishigami: Ich würde die bestehenden Hochhäuser nicht wirklich als Architektur bezeichnen, aber ich mag sie trotzdem. Architekten haben sich bisher um Teile solcher Gebäude gekümmert, aber ich habe noch nie einen konkreten Ansatz gesehen, sich in dieser Größenordnung um die Gesamtheit des Raumes zu kümmern. In dieser Hinsicht haben wir es hier mit einem Grenzbereich zu tun. Hochhäuser ziehen mich aber noch aus einem ganz anderen Grund an. Das japanische Bauvorschriftengesetz gilt nicht für Hochhäuser. Für alles braucht man eine Genehmigung von den Behörden. Aber hier ist alles möglich, solange das Experiment gelingt.

Le Corbusier entwarf Hochhausarchitektur im großen Maßstab. Wenn dieser Maßstab sich der Größenordnung einer Stadt nähert, welchem Ansatz kann ich dann noch folgen? Diese Fragestellung ist für mich in der Tat eine lohnende und interessante Herausforderung. Was ich problematisch finde und was mich gleichzeitig reizt, ist der Umstand, dass Hochhäuser heutzutage unabhängig sind. Schon diese Unabhängigkeit an sich fasziniert mich. Rührt sie von dem Umstand her, dass das Hochhaus das Ausmaß einer Stadt hat oder dass Höhe einfach bedeutet, losgelöst von terra firma zu sein? Hochhausarchitektur eröffnet uns die Chance, eine ganze Stadt in einem einzigen Gebäude zu planen.

http://jnyi.jp

Kürzlich erschienene Monografie:
Junya Ishigami – Another Scale of Architecture
296 Seiten, japanisch/englisch
Idea, Amsterdam
Euro 32
www.ideabooks.nl