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Immer die Nerven behalten
von Kathrin Luz | 11. Oktober 2010
Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Das Buch „Design is a nervous thing" stellt die Projekte des „Satellite" vor, einem der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart angedocktem „Office for Cooperation in Higher Education Research and Industry". Als maßgeblicher Herausgeber fungiert Uwe Fischer, seines Zeichens Designer, Ex-Ginbande-Mitglied, Professor an eben dieser Hochschule und Begründer des „Satellite". Die Publikation „beschreibt ausschnitthaft die Aktivitäten, Prozesse und Positionen des Satelliten, der 2007 als interdisziplinäre Forschungsstation gegründet und an der Stuttgarter Akademie als Arbeitsplattform und zusätzliches akademisches Ausbildungsinstrument installiert wurde. Ziel dabei war es, ein Laboratorium zu etablieren, in dem junge Gestalter mit Vertretern aus Wirtschaft, Industrie und Kultur konkrete und visionäre Projekte konzipieren und realisieren" - so jedenfalls deklariert der Buchdeckel den vielversprechenden Inhalt.

Der Verdacht liegt nahe, dass es hier um so etwas wie Praxisnähe, um Prozesserforschung und Pilotprojekte der zeitgenössischen Designproduktion geht. Eine Art „Laufstall" also für angehende Gestaltexperten, nicht von ungefähr im traditionsreich-innovationsfreundlichen Schwabenländle eingerichtet. Der Verdacht erhärtet sich bei der Lektüre des - zweifellos substantiellen - Beitrags von Petra Schmidt, spätestens seit ihrer Tätigkeit bei der Zeitschrift form in den Jahren von 1999 bis 2007 als Designkoryphäe bekannt. Wissens- und ideenreich blättert sie noch einmal das Spektrum auf, das sich mit der Aneignung des Prozessbegriffs in eben diesen Jahren so vielversprechend für das Nachdenken über Design aufgetan hat. Und folgt dabei, nicht ganz ohne Wehmut, der Spezies des Designers bei ihrer „regressiven" Entwicklung vom kreativen Gestalter zum technokratischen Problemlöser. Gerne zitiert sie dabei die Kunst, wobei sie leider übersieht, dass diese mit der zeitweisen „Rehbergerisierung" einer Vielzahl ihrer Erscheinungsformen längst mit dem Design wieder gebrochen hat. Aber sei's drum.

Der Text legitimiert das Buch, das Buch inszeniert seine Bilder, und die Bilder ersetzen den Text. Oder eben doch nicht? Die vorliegende Publikation liefert ein Paradebeispiel dafür, wie Bild und Text im Buch als Bühne um die Hauptrolle streiten - und dabei den Leser verprellen. „Gelb ist das neue Pink" - so stellte im vergangenen Jahr die Trendforscherin Lee Edelkoort fest, und wer kennt die massen-psychologischen Mächte aktueller Farbmoden besser als sie? In grellem Gelb ist auch die aktuelle Publikation der Stuttgarter Hochschule ummantelt - oder besser: eingedeckelt. Wie ein grelles Warnsignal blinkt es einem entgegen, aber warnt leider nicht wirklich vor den Unzulänglichkeiten in seinem Innern - seien es die vielen kleinen Bilder, die erst auf den hinteren Seiten aufgeschlüsselt werden oder die großen, platzraubenden Typo-Inszenierungen voller sich wiederholender Floskelübungen, seien es die Mikrotexte und -textchen, die, gerade wenn es um interessante Details geht, zu wenig aufklären, oder sei es das zum Teil dicke, starre, unterschiedlich zugeschnittene Papier, das sich dem gefügig-gefälligen Blättern komplett verweigert. All das erschwert den Gebrauch des Buches zur geneigten Lektüre. Eine Wohltat dagegen die relativ vielen, großzügig-beruhigenden Weißflächen.

Richtig Spaß macht das Buch hingegen da, wo es wirklich dem einen oder anderen Projekt nachspürt. Da erfährt man dann, wie man köstliche Steaks auf 500-Watt-Baumarkt-Lampen braten kann, wie die alte Schwarzwalduhr auf Vordermann gebracht werden könnte oder wie neue industrielle Einsatzszenarien für Espressomaschinen aussehen würden. Eines vermittelt sich so auf jeden Fall: „Satellite" an sich ist ein überaus löbliches Vorhaben, vor allem um junge Designer, in denen im besten Fall echte Talente schlummern, für die Idee des Prozesses zu sensibilisieren, mithin, dass alles nur im Fluss entsteht und aufgeht, immer nur Teil eines Ganzen ist und bleibt. Schade nur, dass der Prozess der Entstehung des Buches selbst offenbar reichlich nervös verlaufen ist. Aber auch das Büchermachen will gelernt sein, auch es ist Teil eines Prozesses mit unendlich vielen Möglichkeiten, in denen es sich nicht zu verlieren gilt.

Design is a nervous thing
Herausgegeben von Uwe Fischer
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Satellit / Institut für Buchgestaltung und Medienentwicklung
Paperback, 190 Seiten, ISBN: 978-3-942144-05-6

www.abk-stuttgart.de

News & Stories › 2010 › Oktober
Immer die Nerven behalten
von Kathrin Luz | 11. Oktober 2010
Gestaltung als Prozess lässt sich schwer darstellen. Das Buch "Design is an nervous thing", das die Projekte des "Satellite" der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste zusammenfasst, versucht es in einer Mischung aus Text und Bild. Leider geht dabei die nötige Balance verloren.
Das Buch „Design is a nervous thing" stellt die Projekte des „Satellite" vor, einem der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart angedocktem „Office for Cooperation in Higher Education Research and Industry". Als maßgeblicher Herausgeber fungiert Uwe Fischer, seines Zeichens Designer, Ex-Ginbande-Mitglied, Professor an eben dieser Hochschule und Begründer des „Satellite". Die Publikation „beschreibt ausschnitthaft die Aktivitäten, Prozesse und Positionen des Satelliten, der 2007 als interdisziplinäre Forschungsstation gegründet und an der Stuttgarter Akademie als Arbeitsplattform und zusätzliches akademisches Ausbildungsinstrument installiert wurde. Ziel dabei war es, ein Laboratorium zu etablieren, in dem junge Gestalter mit Vertretern aus Wirtschaft, Industrie und Kultur konkrete und visionäre Projekte konzipieren und realisieren" - so jedenfalls deklariert der Buchdeckel den vielversprechenden Inhalt.

Der Verdacht liegt nahe, dass es hier um so etwas wie Praxisnähe, um Prozesserforschung und Pilotprojekte der zeitgenössischen Designproduktion geht. Eine Art „Laufstall" also für angehende Gestaltexperten, nicht von ungefähr im traditionsreich-innovationsfreundlichen Schwabenländle eingerichtet. Der Verdacht erhärtet sich bei der Lektüre des - zweifellos substantiellen - Beitrags von Petra Schmidt, spätestens seit ihrer Tätigkeit bei der Zeitschrift form in den Jahren von 1999 bis 2007 als Designkoryphäe bekannt. Wissens- und ideenreich blättert sie noch einmal das Spektrum auf, das sich mit der Aneignung des Prozessbegriffs in eben diesen Jahren so vielversprechend für das Nachdenken über Design aufgetan hat. Und folgt dabei, nicht ganz ohne Wehmut, der Spezies des Designers bei ihrer „regressiven" Entwicklung vom kreativen Gestalter zum technokratischen Problemlöser. Gerne zitiert sie dabei die Kunst, wobei sie leider übersieht, dass diese mit der zeitweisen „Rehbergerisierung" einer Vielzahl ihrer Erscheinungsformen längst mit dem Design wieder gebrochen hat. Aber sei's drum.

Der Text legitimiert das Buch, das Buch inszeniert seine Bilder, und die Bilder ersetzen den Text. Oder eben doch nicht? Die vorliegende Publikation liefert ein Paradebeispiel dafür, wie Bild und Text im Buch als Bühne um die Hauptrolle streiten - und dabei den Leser verprellen. „Gelb ist das neue Pink" - so stellte im vergangenen Jahr die Trendforscherin Lee Edelkoort fest, und wer kennt die massen-psychologischen Mächte aktueller Farbmoden besser als sie? In grellem Gelb ist auch die aktuelle Publikation der Stuttgarter Hochschule ummantelt - oder besser: eingedeckelt. Wie ein grelles Warnsignal blinkt es einem entgegen, aber warnt leider nicht wirklich vor den Unzulänglichkeiten in seinem Innern - seien es die vielen kleinen Bilder, die erst auf den hinteren Seiten aufgeschlüsselt werden oder die großen, platzraubenden Typo-Inszenierungen voller sich wiederholender Floskelübungen, seien es die Mikrotexte und -textchen, die, gerade wenn es um interessante Details geht, zu wenig aufklären, oder sei es das zum Teil dicke, starre, unterschiedlich zugeschnittene Papier, das sich dem gefügig-gefälligen Blättern komplett verweigert. All das erschwert den Gebrauch des Buches zur geneigten Lektüre. Eine Wohltat dagegen die relativ vielen, großzügig-beruhigenden Weißflächen.

Richtig Spaß macht das Buch hingegen da, wo es wirklich dem einen oder anderen Projekt nachspürt. Da erfährt man dann, wie man köstliche Steaks auf 500-Watt-Baumarkt-Lampen braten kann, wie die alte Schwarzwalduhr auf Vordermann gebracht werden könnte oder wie neue industrielle Einsatzszenarien für Espressomaschinen aussehen würden. Eines vermittelt sich so auf jeden Fall: „Satellite" an sich ist ein überaus löbliches Vorhaben, vor allem um junge Designer, in denen im besten Fall echte Talente schlummern, für die Idee des Prozesses zu sensibilisieren, mithin, dass alles nur im Fluss entsteht und aufgeht, immer nur Teil eines Ganzen ist und bleibt. Schade nur, dass der Prozess der Entstehung des Buches selbst offenbar reichlich nervös verlaufen ist. Aber auch das Büchermachen will gelernt sein, auch es ist Teil eines Prozesses mit unendlich vielen Möglichkeiten, in denen es sich nicht zu verlieren gilt.

Design is a nervous thing
Herausgegeben von Uwe Fischer
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Satellit / Institut für Buchgestaltung und Medienentwicklung
Paperback, 190 Seiten, ISBN: 978-3-942144-05-6

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