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In der Designwelt haben wir uns alle lieb
3. Juni 2010
Alessandro Mendini, Foto: Michela Morosini, www.michelamorosini.com

Alessandro Mendini hat heute schon eine Pressekonferenz, viele Fotoshootings und etliche Einzelgespräche mit Journalisten hinter sich. Doch am Ende des langen Tages wirkt der 79 Jahre alte Designer, Kritiker, Kurator und Chefredakteur der Zeitschrift Domus keineswegs müde, sondern konzentriert sich mit Elan und Humor auf das nächste Interview. Sandra Hofmeister sprach mit ihm über seinen Blick auf die Designwelt, deren historisches Potenzial er als Kurator der Ausstellung „Alessi. Objekte und Projekte" in der Münchner Pinakothek der Moderne auslotet, dabei Geschichten erzählt und ihr Zukunftspotenzial sichtbar macht.

Sie haben sich dazu entschlossen, nicht nur die historische Dimension der Designwerkstatt Alessi zu zeigen, sondern auch einen Ausblick auf die Zukunft zu wagen. Wie kommt es zu diesem Ausstellungskonzept?

Alessandro Mendini: Ich habe schon viele Ausstellungen für Alessi gemacht und wollte dabei stets neue Entwicklungen des Unternehmens sichtbar machen. Diese Formel ist als Konzept wiederholbar und dementsprechend zeigen wir in den Nischen der Ausstellungswand von Hans Hollein zehn neue Entwürfe in Form von Prototypen. Doch die Münchner Ausstellung ist komplexer, da ich auch die Unternehmensgeschichte berücksichtigen wollte. Sie besteht nicht nur aus einzelnen Objekten, in ihr zeichnen sich auch maßgebliche Richtungsänderungen und Entwicklungen der Designtheorie ab.

Welche Strömungen werden in der Ausstellung sichtbar?

Mendini: Der historische Bogen, den wir spannen, reicht von der Vorkriegs- bis zur Nachkriegszeit, von den siebziger Jahren, als Alessi erstmals mit dem „Design Italiano" in Berührung kam und ich vor genau 33 Jahren Alberto Alessi kennengelernt habe, bis zur Postmoderne - jener großen ideologischen Transformation, die zu einer starken anthropologischen Orientierung führte. In der Ausstellung sind all diese Phasen dokumentiert. Gleichzeitig ging es mir um das Selbstverständnis und die Ideenwelt des Familienunternehmens Alessi, die sich letztlich nicht nur in Produkten und Objekten abzeichnen, sondern ebenso in Büchern, im Museum Alessi, im Aufbau eines Shop-Systems und letztlich auch in der Werbung. In die beiden Paternoster im Ausstellungsraum der Neuen Sammlung in München habe ich zwei wichtige Projekte platziert, zum einen die „Tee and Coffee Piazzas" sowie die „Tee and Coffee Towers" und im zweiten Paternoster die „100 Vasen". Das ist kurz gesagt die Organisation der Ausstellung.

Sie haben einzelne Elemente wie Podeste aus früheren Ausstellungen übernommen. Was hat dies für einen Hintergrund?

Mendini: Diese Elemente sind ebenfalls Ausstellungsgegenstände und Teil der Geschichten über Alessi. Die Nischenwand zum Beispiel hatte Hans Hollein für die Ausstellung „Paesaggio Casalingo" - „Haushaltslandschaft" in den siebziger Jahren entworfen. Dazu hatte ich damals auch ein Buch herausgegeben, das von Bruno Munari gestaltet wurde. Außerdem gibt es Podeste, die Philipp Starck und Italo Rota für frühere Ausstellungen entwickelten. Mit diesen Elementen habe ich in München einzelne Bereiche der Ausstellung voneinander getrennt. Gleichzeitig sind diese Einheiten aber durch die übergreifende Idee des Eklektizismus miteinander verbunden. Der Eklektizismus hat das Selbstverständnis von Alessi maßgeblich geprägt: Das Unternehmen ist ein Patchwork an Design, das verschiedene Designer und Typologien unter einem Dach vereint, bis hin zu Projekten mit größeren Maßstäben wie den Bäder- und Küchenentwürfen. Diese wiederum sind aber nur als Miniaturen in der Ausstellung präsent. Das Spiel zwischen groß und klein sowie der Maßstabswechsel waren mir wichtig. Man sieht es auch bei den Miniaturen der Objekte, die wir ebenfalls in die Ausstellung integriert haben.

In Deutschland ist der Eklektizismus im Design kaum diskutiert und eher verpönt. Was genau ist die Substanz dieser Idee?

Mendini: In der Geschichte der Firma Alessi gab es Phasen, die von berühmten Ikonen des Designs geprägt waren, zum Beispiel Aldo Rossi, Philippe Starck, Ettore Sottsas oder Richard Sapper. Dann gab es aber auch spielerische Phasen, die affektiv, emotional und eher anthropologisch geprägt waren. Dazu zählen die Entwürfe von Stefano Giovannoni und vielleicht auch meine eigenen. Im Vergleich zu den Design-Ikonen war diese Phase ironischer, sie hatte weniger mit Status zu tun. Von 2000 bis heute ist die Quantität der Objekte und der involvierten Designer rasant gestiegen. Das hat konsequenter Weise zu sehr unterschiedlichen Projekten geführt, die allerdings alle stark durch die Alessi-DNA geprägt sind. Die Tatsache, dass es gleichzeitig Projekte mit Enzo Mari, mit den Bouroullec-Brüdern und mit Anna Gili geben kann und die daraus resultierende Vielfalt der Objekte nenne ich Eklektizismus. In den letzten Jahren war dieser Eklektizismus prägend. In der Zukunft hingegen muss in meinen Augen regulierter gehandelt werden und einigen wenigen, klug ausgewählten und präzise definierten Wegen folgen. Es geht vor allem darum, ökologische Aspekte zu berücksichtigen und die Produktionsunterschiede zwischen West und Ost zu verinnerlichen. Letztlich brauchen wir eine Vereinfachung unserer Methoden, damit wir die Produktion wieder nach Italien und Europa zurückbringen können. Insgesamt müssen wir im Zuge der Weltwirtschaftskrise darüber nachdenken, weniger zu produzieren. Ich persönlich hingegen bleibe Eklektiker. Das hat mit einer persönlichen Grundhaltung und psychischen Veranlagung zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kommerz und Marketing stehen heute oft im Vordergrund des Designs. Sie hingegen haben den Begriff der „oggetti con anima" - „Objekte mit Seele" geprägt und plädieren für eine humanistische Perspektive. In welchem Winkel hat sich der Humanismus in der heutigen Designwelt versteckt?

Mendini: Es ist sehr schwer, diesen Ort heutzutage zu finden, weil Design und Marketing koinzidieren. Designer sind oft oberflächliche Stylisten, die sich von den Bedürfnissen der Menschen verabschiedet haben. Doch der Bezug zum Menschen ist essenziell, weil Design etwas sehr Realistisches ist. Das wird heute gerne vergessen. Als Chefredakteur von Domus versuche ich, möglichst einfache, praktikable und nahe liegende Alltagslösungen zu favorisieren. Dabei geht es auch um Visionen, um Utopien und um Romantizismus.

Nicht nur das Design selbst, sondern auch der Diskurs über Design hat sich sehr verändert. Was sind Ihre Erfahrungen mit Domus?

Mendini: Design hat kaum Kritiker. Die Architektur und die Literatur hingegen haben viele Kritiker, manche von ihnen können sogar mit Worten töten. In der Designwelt haben wir uns alle lieb. Besonders die Chefredakteure von Zeitschriften müssen alle lieb haben, sonst würden sie keine Anzeigen bekommen. Das ist eine wirklich tragikomische Angelegenheit.

Welche theoretischen Ansätze sind in Ihren Augen für die nächsten Jahre maßgeblich?

Mendini: Nach meiner Ansicht geht es grundsätzlich um eine humanistische und nicht um eine technologische Perspektive. Beides sind ideologisch zwei unterschiedliche Dinge. Viele Entwürfe von heute brauchen viel Technologie und Materialforschung, die völlig unnütz sind. Wenn man sich hingegen auf archaische und einfache Ansätze beschränken würde, wäre das schon ein Anfang.

Welches sind die wichtigsten Anliegen des „oggetti con anima"?

Mendini: Die wirtschaftliche Spekulation zu kontrollieren. Das gilt auch für die Architektur: die Gebäude von Architektenstars sind als Skulpturen wunderbar, doch sie bleiben Spekulationsobjekte. Dasselbe passiert auch im Design. Alessi und einige andere italienische Unternehmen haben in meinen Augen, auch wenn sie kein unmittelbares soziales Engagement zeigen, eine sehr positive Wirkung, die viel mit Unternehmenskultur zu tun hat. Alle wichtigen, nicht italienischen Designer, von Newson über Wanders bis zu Bouroullec und Starck, würden gar nicht existieren ohne die italienische Industrie und deren Designkultur, deren spezielle Energie Funken versprühen kann. In gewissem Sinne zählen diese Designer nun zum Bild des italienischen Designs, sie prägen es und werden von ihm geprägt.

Es gibt viele holländische, englische und deutsche Nachwuchsdesigner. Wohingegen ist der junge italienische Nachwuchs geblieben?

Mendini: Den ein oder anderen jungen italienischen Designer gibt es schon, doch es kommt mir fast so vor, als ob italienische Unternehmen den Nachwuchs im eigenen Land schneiden, vielleicht auch aus Snobismus. Wir brauchen dringend Unternehmen, die jungen Designern eine Chance geben. Ähnliches versuche ich auch bei Domus. Schließlich gibt es viele junge Talente, die nur eine Gelegenheit brauchen. Vielleicht gibt es auch einen italienischen Bouroullec? Aber ich will jetzt nicht patriotisch werden. Der Grund für den mangelnden Nachwuchs kann auch darin liegen, dass wir zu viele Meister im italienischen Design hatten.

Das ist ein Argument, das ich schon oft gehört habe. Es muss der jüngeren Generation schwer fallen, sich von den Großmeistern abzusetzen.

Mendini: Damals in der Zeit der großen Meister - das ist auch meine Zeit - haben wir uns als Gegenentwurf zur Vorgängergeneration verstanden. Wir brauchen heute wieder eine ähnlich radikale Kraft, auch im politischen Sinn, die gegen die Industrie, vielleicht auch gegen mich (lacht) oder gegen sonst was gerichtet ist. Irgendwo muss sich die Energie entladen, wenn auch Ron Arad oder Philippe Starck schon als traditionell gelten und der alten Schule angehören.

Vielleicht dreht sich das Designkarussell zu schnell? Wir sprechen schon von Klassikern aus den achtziger Jahren. Wer weiß schon, ob das Design von heute nächstes Jahr noch Bestand hat?

Mendini: Das stimmt nicht. In meinen Augen gibt eine Generation an hervorragenden italienischen Designern, die heute vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt ist. Aufgrund der Präsenz all der alten Meister hatten sie nie Raum, sich stärker in der Öffentlichkeit zu zeigen. Hinzu kommt noch, dass internationale Designer, die in Italien arbeiten, sie etwas verdängt haben. Ich versuche mit diesen Designern zusammenzuarbeiten, wir bereiten gerade verschiedene Ausstellungen vor. Ich glaube, dass sie sehr wichtig sind, weil sie nicht der Welt der Trends verpflichtet sind, sondern einen sehr persönlichen und zurückgezogenen Werdegang hatten, der weniger an die Industrie gebunden war und mehr auf Eigenproduktionen gesetzt hat. Die Ergebnisse mögen heute zwar weniger sichtbar sein, trotzdem liegen hier deutliche Qualitäten, die es zu entdecken gilt. Außerdem ist noch lange nicht gesagt, dass nur der gut ist, der auf dem Titel von Zeitschriften publiziert wird.

Oggetti e Progetti - Alessi
Pinakothek der Moderne München
22.05. - 19.09.2010

die-neue-sammlung.de

Juan Navarro Baldeweg | Skizze für ein Service, Serie: Tea and Coffee Towers, 2003 Foto: Archivio Alessi
Aldo Rossi | Skizze, Espressomaschine La Cupola, 1985, Foto: Archivio Alessi
Richard Sapper | Skizze, Espressomaschine, 1978, Foto: Archivio Alessi
Kazuyo Sejima und Rue Nishizawa SANAA | Entwurf für ein Service | Serie: Tea and Coffee Towers, 2003 Foto: Archivio Alessi
News & Stories › 2010 › Juni
In der Designwelt haben wir uns alle lieb
3. Juni 2010
Alessandro Mendini kuratiert für die Münchner Pinakothek einen Rückblick auf die letzten dreißig Jahre italienisches Design. Sandra Hofmeister führte mit ihm ein Gespräch über „Objekte mit Seele" und Eklektizismus im Design.
Alessandro Mendini hat heute schon eine Pressekonferenz, viele Fotoshootings und etliche Einzelgespräche mit Journalisten hinter sich. Doch am Ende des langen Tages wirkt der 79 Jahre alte Designer, Kritiker, Kurator und Chefredakteur der Zeitschrift Domus keineswegs müde, sondern konzentriert sich mit Elan und Humor auf das nächste Interview. Sandra Hofmeister sprach mit ihm über seinen Blick auf die Designwelt, deren historisches Potenzial er als Kurator der Ausstellung „Alessi. Objekte und Projekte" in der Münchner Pinakothek der Moderne auslotet, dabei Geschichten erzählt und ihr Zukunftspotenzial sichtbar macht.

Sie haben sich dazu entschlossen, nicht nur die historische Dimension der Designwerkstatt Alessi zu zeigen, sondern auch einen Ausblick auf die Zukunft zu wagen. Wie kommt es zu diesem Ausstellungskonzept?

Alessandro Mendini: Ich habe schon viele Ausstellungen für Alessi gemacht und wollte dabei stets neue Entwicklungen des Unternehmens sichtbar machen. Diese Formel ist als Konzept wiederholbar und dementsprechend zeigen wir in den Nischen der Ausstellungswand von Hans Hollein zehn neue Entwürfe in Form von Prototypen. Doch die Münchner Ausstellung ist komplexer, da ich auch die Unternehmensgeschichte berücksichtigen wollte. Sie besteht nicht nur aus einzelnen Objekten, in ihr zeichnen sich auch maßgebliche Richtungsänderungen und Entwicklungen der Designtheorie ab.

Welche Strömungen werden in der Ausstellung sichtbar?

Mendini: Der historische Bogen, den wir spannen, reicht von der Vorkriegs- bis zur Nachkriegszeit, von den siebziger Jahren, als Alessi erstmals mit dem „Design Italiano" in Berührung kam und ich vor genau 33 Jahren Alberto Alessi kennengelernt habe, bis zur Postmoderne - jener großen ideologischen Transformation, die zu einer starken anthropologischen Orientierung führte. In der Ausstellung sind all diese Phasen dokumentiert. Gleichzeitig ging es mir um das Selbstverständnis und die Ideenwelt des Familienunternehmens Alessi, die sich letztlich nicht nur in Produkten und Objekten abzeichnen, sondern ebenso in Büchern, im Museum Alessi, im Aufbau eines Shop-Systems und letztlich auch in der Werbung. In die beiden Paternoster im Ausstellungsraum der Neuen Sammlung in München habe ich zwei wichtige Projekte platziert, zum einen die „Tee and Coffee Piazzas" sowie die „Tee and Coffee Towers" und im zweiten Paternoster die „100 Vasen". Das ist kurz gesagt die Organisation der Ausstellung.

Sie haben einzelne Elemente wie Podeste aus früheren Ausstellungen übernommen. Was hat dies für einen Hintergrund?

Mendini: Diese Elemente sind ebenfalls Ausstellungsgegenstände und Teil der Geschichten über Alessi. Die Nischenwand zum Beispiel hatte Hans Hollein für die Ausstellung „Paesaggio Casalingo" - „Haushaltslandschaft" in den siebziger Jahren entworfen. Dazu hatte ich damals auch ein Buch herausgegeben, das von Bruno Munari gestaltet wurde. Außerdem gibt es Podeste, die Philipp Starck und Italo Rota für frühere Ausstellungen entwickelten. Mit diesen Elementen habe ich in München einzelne Bereiche der Ausstellung voneinander getrennt. Gleichzeitig sind diese Einheiten aber durch die übergreifende Idee des Eklektizismus miteinander verbunden. Der Eklektizismus hat das Selbstverständnis von Alessi maßgeblich geprägt: Das Unternehmen ist ein Patchwork an Design, das verschiedene Designer und Typologien unter einem Dach vereint, bis hin zu Projekten mit größeren Maßstäben wie den Bäder- und Küchenentwürfen. Diese wiederum sind aber nur als Miniaturen in der Ausstellung präsent. Das Spiel zwischen groß und klein sowie der Maßstabswechsel waren mir wichtig. Man sieht es auch bei den Miniaturen der Objekte, die wir ebenfalls in die Ausstellung integriert haben.

In Deutschland ist der Eklektizismus im Design kaum diskutiert und eher verpönt. Was genau ist die Substanz dieser Idee?

Mendini: In der Geschichte der Firma Alessi gab es Phasen, die von berühmten Ikonen des Designs geprägt waren, zum Beispiel Aldo Rossi, Philippe Starck, Ettore Sottsas oder Richard Sapper. Dann gab es aber auch spielerische Phasen, die affektiv, emotional und eher anthropologisch geprägt waren. Dazu zählen die Entwürfe von Stefano Giovannoni und vielleicht auch meine eigenen. Im Vergleich zu den Design-Ikonen war diese Phase ironischer, sie hatte weniger mit Status zu tun. Von 2000 bis heute ist die Quantität der Objekte und der involvierten Designer rasant gestiegen. Das hat konsequenter Weise zu sehr unterschiedlichen Projekten geführt, die allerdings alle stark durch die Alessi-DNA geprägt sind. Die Tatsache, dass es gleichzeitig Projekte mit Enzo Mari, mit den Bouroullec-Brüdern und mit Anna Gili geben kann und die daraus resultierende Vielfalt der Objekte nenne ich Eklektizismus. In den letzten Jahren war dieser Eklektizismus prägend. In der Zukunft hingegen muss in meinen Augen regulierter gehandelt werden und einigen wenigen, klug ausgewählten und präzise definierten Wegen folgen. Es geht vor allem darum, ökologische Aspekte zu berücksichtigen und die Produktionsunterschiede zwischen West und Ost zu verinnerlichen. Letztlich brauchen wir eine Vereinfachung unserer Methoden, damit wir die Produktion wieder nach Italien und Europa zurückbringen können. Insgesamt müssen wir im Zuge der Weltwirtschaftskrise darüber nachdenken, weniger zu produzieren. Ich persönlich hingegen bleibe Eklektiker. Das hat mit einer persönlichen Grundhaltung und psychischen Veranlagung zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kommerz und Marketing stehen heute oft im Vordergrund des Designs. Sie hingegen haben den Begriff der „oggetti con anima" - „Objekte mit Seele" geprägt und plädieren für eine humanistische Perspektive. In welchem Winkel hat sich der Humanismus in der heutigen Designwelt versteckt?

Mendini: Es ist sehr schwer, diesen Ort heutzutage zu finden, weil Design und Marketing koinzidieren. Designer sind oft oberflächliche Stylisten, die sich von den Bedürfnissen der Menschen verabschiedet haben. Doch der Bezug zum Menschen ist essenziell, weil Design etwas sehr Realistisches ist. Das wird heute gerne vergessen. Als Chefredakteur von Domus versuche ich, möglichst einfache, praktikable und nahe liegende Alltagslösungen zu favorisieren. Dabei geht es auch um Visionen, um Utopien und um Romantizismus.

Nicht nur das Design selbst, sondern auch der Diskurs über Design hat sich sehr verändert. Was sind Ihre Erfahrungen mit Domus?

Mendini: Design hat kaum Kritiker. Die Architektur und die Literatur hingegen haben viele Kritiker, manche von ihnen können sogar mit Worten töten. In der Designwelt haben wir uns alle lieb. Besonders die Chefredakteure von Zeitschriften müssen alle lieb haben, sonst würden sie keine Anzeigen bekommen. Das ist eine wirklich tragikomische Angelegenheit.

Welche theoretischen Ansätze sind in Ihren Augen für die nächsten Jahre maßgeblich?

Mendini: Nach meiner Ansicht geht es grundsätzlich um eine humanistische und nicht um eine technologische Perspektive. Beides sind ideologisch zwei unterschiedliche Dinge. Viele Entwürfe von heute brauchen viel Technologie und Materialforschung, die völlig unnütz sind. Wenn man sich hingegen auf archaische und einfache Ansätze beschränken würde, wäre das schon ein Anfang.

Welches sind die wichtigsten Anliegen des „oggetti con anima"?

Mendini: Die wirtschaftliche Spekulation zu kontrollieren. Das gilt auch für die Architektur: die Gebäude von Architektenstars sind als Skulpturen wunderbar, doch sie bleiben Spekulationsobjekte. Dasselbe passiert auch im Design. Alessi und einige andere italienische Unternehmen haben in meinen Augen, auch wenn sie kein unmittelbares soziales Engagement zeigen, eine sehr positive Wirkung, die viel mit Unternehmenskultur zu tun hat. Alle wichtigen, nicht italienischen Designer, von Newson über Wanders bis zu Bouroullec und Starck, würden gar nicht existieren ohne die italienische Industrie und deren Designkultur, deren spezielle Energie Funken versprühen kann. In gewissem Sinne zählen diese Designer nun zum Bild des italienischen Designs, sie prägen es und werden von ihm geprägt.

Es gibt viele holländische, englische und deutsche Nachwuchsdesigner. Wohingegen ist der junge italienische Nachwuchs geblieben?

Mendini: Den ein oder anderen jungen italienischen Designer gibt es schon, doch es kommt mir fast so vor, als ob italienische Unternehmen den Nachwuchs im eigenen Land schneiden, vielleicht auch aus Snobismus. Wir brauchen dringend Unternehmen, die jungen Designern eine Chance geben. Ähnliches versuche ich auch bei Domus. Schließlich gibt es viele junge Talente, die nur eine Gelegenheit brauchen. Vielleicht gibt es auch einen italienischen Bouroullec? Aber ich will jetzt nicht patriotisch werden. Der Grund für den mangelnden Nachwuchs kann auch darin liegen, dass wir zu viele Meister im italienischen Design hatten.

Das ist ein Argument, das ich schon oft gehört habe. Es muss der jüngeren Generation schwer fallen, sich von den Großmeistern abzusetzen.

Mendini: Damals in der Zeit der großen Meister - das ist auch meine Zeit - haben wir uns als Gegenentwurf zur Vorgängergeneration verstanden. Wir brauchen heute wieder eine ähnlich radikale Kraft, auch im politischen Sinn, die gegen die Industrie, vielleicht auch gegen mich (lacht) oder gegen sonst was gerichtet ist. Irgendwo muss sich die Energie entladen, wenn auch Ron Arad oder Philippe Starck schon als traditionell gelten und der alten Schule angehören.

Vielleicht dreht sich das Designkarussell zu schnell? Wir sprechen schon von Klassikern aus den achtziger Jahren. Wer weiß schon, ob das Design von heute nächstes Jahr noch Bestand hat?

Mendini: Das stimmt nicht. In meinen Augen gibt eine Generation an hervorragenden italienischen Designern, die heute vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt ist. Aufgrund der Präsenz all der alten Meister hatten sie nie Raum, sich stärker in der Öffentlichkeit zu zeigen. Hinzu kommt noch, dass internationale Designer, die in Italien arbeiten, sie etwas verdängt haben. Ich versuche mit diesen Designern zusammenzuarbeiten, wir bereiten gerade verschiedene Ausstellungen vor. Ich glaube, dass sie sehr wichtig sind, weil sie nicht der Welt der Trends verpflichtet sind, sondern einen sehr persönlichen und zurückgezogenen Werdegang hatten, der weniger an die Industrie gebunden war und mehr auf Eigenproduktionen gesetzt hat. Die Ergebnisse mögen heute zwar weniger sichtbar sein, trotzdem liegen hier deutliche Qualitäten, die es zu entdecken gilt. Außerdem ist noch lange nicht gesagt, dass nur der gut ist, der auf dem Titel von Zeitschriften publiziert wird.

Oggetti e Progetti - Alessi
Pinakothek der Moderne München
22.05. - 19.09.2010

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