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Jenseits der Nasszelle
von Thomas Wagner | 11. März 2011
Bildquelle tumblr | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark

Im Bad gibt sich die Gegenwart selbstbewusst und verhalten hedonistisch. Besonders gut beobachten lässt sich das in Kürze, wenn die Branche sich in Frankfurt wieder zur ISH, der, so die Selbstbeschreibung, weltgrößten „Leistungsschau für innovatives Baddesign, energieeffiziente Heizungs- und Klimatechnik und erneuerbare Energien" trifft. Das Faktum allein klingt freilich so nüchtern wie kaltes Wasser im Zinkeimer. Natürlich geht es beim Baden und Duschen um mehr als Wasser und dessen effiziente Verteilung zum Zwecke der Reinigung. Wo aber bleiben Genuss und Transzendierung?

Historisch betrachtet hat das Abendland - trotz neuester Technik und innovativen Designs - noch immer erheblichen Nachholbedarf in Sachen Badkultur. Schließlich geht alle Badkultur vom Orient aus. Erste mesopotamische Wohnbäder datieren immerhin auf 4500 vor Christus. Und auch in indischen Legenden - angeblich standen die Palastbäder in Delhi den späteren römischen Varianten nicht nach - findet sich so manch kokette Badegeschichte. Bei den Griechen und ihren olympischen Kämpfernaturen hingegen galt das warme Wannenbad als verweichlichend. Man liebte es spartanisch und bevorzugte kalte Freibäder statt häuslichem Wohnkomfort.

Weit ist, trotz Wellness-Boom, mithin der Rückweg zum Thermenkult des konstantinischen Rom, als elf Großthermen, fünfzehn Nymphäen und etwa 850 kleiner Volksbäder selbst dem ärmsten Römer sein tägliches Bad garantierten und jedes bessere Wohnhaus einen aus mehreren Räumen bestehenden Badebereich besaß.

Allein die Dusche, bereits auf griechischen Vasen abgebildet, fand ungeteiltes Lob im Verein mit spartanisch-sportlichen Schwimmhallen, in denen weniger das Wohlbehagen als die disziplinierte Reinigung des erhitzten Körpers im Vordergrund stand. Wie vielfältig und augenzwinkernd der Genuss jenseits der modernistischen Nasszelle und der dort praktizierten effizienten Selbstreinigung sein kann, hat Klaus Theweleit vor einigen Jahren - ironisch und bissig wie eh und je - in einer Betrachtung der Dusche ausgeführt, die den Bogen von der „heiligen" über die „tödliche" Dusche bis zur „Philosophen-Dusche" und der „Nobel-Dusche" spannt. Zwei Beispiele mögen genügen, um zu verstehen, worum es beim Duschen eben auch geht.

Theweleit beginnt mit der Miniatur „Die heilige Dusche", in der es heißt: „In einer Umfrage war zu lesen, dass mehr als siebzig Prozent aller Befragten mit dem Gesicht zum Duschstrahl hin die Segnung empfangen; die Haltung, in der früher, auf Gemälden, das Hereinströmen des Hl. Geistes erwartet wurde. Als nirgendwo ein Platz mehr war für ,ihn' in der Sinnenwelt ist er ersichtlich in den Duschstrahl geschlüpft; der Geist nicht über, sondern aus den Wassern, Leitungs-Wassern. So dicht an der Vorahnung des Paradieses auf Erden wie Dusche ist sonst, nach Tucholskys fundamentaler Behauptung, nur ,Loch' gewesen. Dusche ist viele Löcher, gleich strömend für jedes Geschlecht, kein Körper zu gering für die Neuempfängnis des eigenen Leibs ... die prickelnd entspannende ,Ionisierung der Haut', wie Fachduscher den Vorgang nennen."

Und unter „Zeitungsdusche" lesen wir: „ein Schnipsel, aufbewahrt vom Sommer: das Container-Luder ,Sabrina' ,möchte gern zum Fernsehen', sagt sie. Ihr Talent? ,Weil ich so gut duschen kann'. Das könnte eine der genialsten Bestandsaufnahmen des gewesenen Jahrhunderts sein: Atmen müssen viele noch lernen, im Weekend Crashkurs, Duschen im 3. Jahrtausend kann jeder; das lehrt uns der Containermensch (...). Man trägt neuerdings Badehose dabei ... im Fernsehen oder je nach Religion ... unterm (ent)dämonisierten Wassersieb der großen Brüder mit dem Dreinigkeitsnamen ... RTL ... ZDF ... VHS ... Vater/Sohn/Hl. Geist ... Verona Feldbusch, kleine keusche Schwester, verlangte Extra-Dusche und Extra-Klo, als sie in den Container stieg ... Privatdusche für die große Öffentliche ... ,weil ich nicht gut duschen kann' ... When I find myself in times of trouble ... Sister Vera comes to me ... showering words of wisdom ... Let it be..."

Sabrina oder Verona wir man auf der ISH nicht finden. Aber eben auch nicht nur Duschen, allerlei LED-Spielereien, digital gesteuerten Mischbatterien und jeder Menge Klimatechnik. Jenseits aller transzendenten Bad-Wahrheiten des Körpers wird sich zumindest beobachten lassen, wie das Design sich der Aufgabe stellt, dem Ideal einer nachhaltigen Wellness oder, anders gesagt, eines Selbstgenusses ohne schlechtes Gewissen, Rechnung zu tragen. Nicht irgendwo, sondern zuhause. Wo die installationspraktische Entwicklung an ihre Grenzen stößt, schlägt naturgemäß die Stunde des Designs. Daraus vor allem zieht die ISH ihren Reiz und Nutzen, ergänzt um allerlei ökologische Korrekturen.

Vielleicht sollten wir aus dem überall propagierten „nachhaltigen" Umgang mit dem ebenso wertvollen wie köstlichen Nass aber nicht nur das verbrämte Plädoyer für eine neue Askese herauslesen. Sparsam und vernünftig ja, aber ohne Verlust an Genuss? Wie kann das gehen, wie aussehen? Sollten wir tatsächlich bei einem gespaltenen Verhältnis zur Badkultur stehen bleiben? Das Bad avanciert zum repräsentativen Ort, der sich vorzeigen lässt. Unser Verhältnis zum Körper indes bleibt das zu einer Maschine, die gepflegt werden muss, damit sie funktioniert. Ist es das, was wir wollen?

Etwas mehr Lockerheit könnte da wohl nicht schaden. Vielleicht lässt sich ja im Geiste der siebziger Jahre - getreu dem Spruch: „Save Water, bath with a friend" - ein Weg heraus aus den kalten Nasszellen einer asketischen Moderne finden. Zurück nach Rom, nach Indien. Schließlich warten zwischen Quelle, Bach, Brunnen und Bad noch andere Nymphen und Göttinnen als die Hausfrau, die auf klinische Sauberkeit achtet. Also: Genießen statt reinigen, opulente Tempel statt nüchternem Waschmobiliar. - Schluss mit Sparta! Auf nach Sybaris! Bath with a friend, das spart Wasser. Let it be!

ISH
Vom 15. bis 19. März 2011
Geöffnet vom 15. bis 18. März 2011: 9 bis 18 Uhr, am 19. März 2011: 9 bis 17 Uhr
Messe Frankfurt Exhibition GmbH
Ludwig-Erhard-Anlage 1
http://ish.messefrankfurt.com

Bildquelle tumblr | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark
Bildquelle tumblr | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark
Bildquelle Dornbracht | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark
Bildquelle Dornbracht | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark
Bildquelle tumblr | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark
Bildquelle Dornbracht | Fotos: Alejandro Mosquera Ochoa, Stylepark
News & Stories › 2011 › März
Jenseits der Nasszelle
von Thomas Wagner | 11. März 2011
Vom 15. bis 19. März trifft sich die Branche in Frankfurt am Main zur ISH, der „Leistungsschau für innovatives Baddesign, energieeffiziente Heizungs- und Klimatechnik und erneuerbare Energien". Wie aber steht es um unsere neuerdings „nachhaltige" Badkultur? Wo bleibt der Genuss?
Im Bad gibt sich die Gegenwart selbstbewusst und verhalten hedonistisch. Besonders gut beobachten lässt sich das in Kürze, wenn die Branche sich in Frankfurt wieder zur ISH, der, so die Selbstbeschreibung, weltgrößten „Leistungsschau für innovatives Baddesign, energieeffiziente Heizungs- und Klimatechnik und erneuerbare Energien" trifft. Das Faktum allein klingt freilich so nüchtern wie kaltes Wasser im Zinkeimer. Natürlich geht es beim Baden und Duschen um mehr als Wasser und dessen effiziente Verteilung zum Zwecke der Reinigung. Wo aber bleiben Genuss und Transzendierung?

Historisch betrachtet hat das Abendland - trotz neuester Technik und innovativen Designs - noch immer erheblichen Nachholbedarf in Sachen Badkultur. Schließlich geht alle Badkultur vom Orient aus. Erste mesopotamische Wohnbäder datieren immerhin auf 4500 vor Christus. Und auch in indischen Legenden - angeblich standen die Palastbäder in Delhi den späteren römischen Varianten nicht nach - findet sich so manch kokette Badegeschichte. Bei den Griechen und ihren olympischen Kämpfernaturen hingegen galt das warme Wannenbad als verweichlichend. Man liebte es spartanisch und bevorzugte kalte Freibäder statt häuslichem Wohnkomfort.

Weit ist, trotz Wellness-Boom, mithin der Rückweg zum Thermenkult des konstantinischen Rom, als elf Großthermen, fünfzehn Nymphäen und etwa 850 kleiner Volksbäder selbst dem ärmsten Römer sein tägliches Bad garantierten und jedes bessere Wohnhaus einen aus mehreren Räumen bestehenden Badebereich besaß.

Allein die Dusche, bereits auf griechischen Vasen abgebildet, fand ungeteiltes Lob im Verein mit spartanisch-sportlichen Schwimmhallen, in denen weniger das Wohlbehagen als die disziplinierte Reinigung des erhitzten Körpers im Vordergrund stand. Wie vielfältig und augenzwinkernd der Genuss jenseits der modernistischen Nasszelle und der dort praktizierten effizienten Selbstreinigung sein kann, hat Klaus Theweleit vor einigen Jahren - ironisch und bissig wie eh und je - in einer Betrachtung der Dusche ausgeführt, die den Bogen von der „heiligen" über die „tödliche" Dusche bis zur „Philosophen-Dusche" und der „Nobel-Dusche" spannt. Zwei Beispiele mögen genügen, um zu verstehen, worum es beim Duschen eben auch geht.

Theweleit beginnt mit der Miniatur „Die heilige Dusche", in der es heißt: „In einer Umfrage war zu lesen, dass mehr als siebzig Prozent aller Befragten mit dem Gesicht zum Duschstrahl hin die Segnung empfangen; die Haltung, in der früher, auf Gemälden, das Hereinströmen des Hl. Geistes erwartet wurde. Als nirgendwo ein Platz mehr war für ,ihn' in der Sinnenwelt ist er ersichtlich in den Duschstrahl geschlüpft; der Geist nicht über, sondern aus den Wassern, Leitungs-Wassern. So dicht an der Vorahnung des Paradieses auf Erden wie Dusche ist sonst, nach Tucholskys fundamentaler Behauptung, nur ,Loch' gewesen. Dusche ist viele Löcher, gleich strömend für jedes Geschlecht, kein Körper zu gering für die Neuempfängnis des eigenen Leibs ... die prickelnd entspannende ,Ionisierung der Haut', wie Fachduscher den Vorgang nennen."

Und unter „Zeitungsdusche" lesen wir: „ein Schnipsel, aufbewahrt vom Sommer: das Container-Luder ,Sabrina' ,möchte gern zum Fernsehen', sagt sie. Ihr Talent? ,Weil ich so gut duschen kann'. Das könnte eine der genialsten Bestandsaufnahmen des gewesenen Jahrhunderts sein: Atmen müssen viele noch lernen, im Weekend Crashkurs, Duschen im 3. Jahrtausend kann jeder; das lehrt uns der Containermensch (...). Man trägt neuerdings Badehose dabei ... im Fernsehen oder je nach Religion ... unterm (ent)dämonisierten Wassersieb der großen Brüder mit dem Dreinigkeitsnamen ... RTL ... ZDF ... VHS ... Vater/Sohn/Hl. Geist ... Verona Feldbusch, kleine keusche Schwester, verlangte Extra-Dusche und Extra-Klo, als sie in den Container stieg ... Privatdusche für die große Öffentliche ... ,weil ich nicht gut duschen kann' ... When I find myself in times of trouble ... Sister Vera comes to me ... showering words of wisdom ... Let it be..."

Sabrina oder Verona wir man auf der ISH nicht finden. Aber eben auch nicht nur Duschen, allerlei LED-Spielereien, digital gesteuerten Mischbatterien und jeder Menge Klimatechnik. Jenseits aller transzendenten Bad-Wahrheiten des Körpers wird sich zumindest beobachten lassen, wie das Design sich der Aufgabe stellt, dem Ideal einer nachhaltigen Wellness oder, anders gesagt, eines Selbstgenusses ohne schlechtes Gewissen, Rechnung zu tragen. Nicht irgendwo, sondern zuhause. Wo die installationspraktische Entwicklung an ihre Grenzen stößt, schlägt naturgemäß die Stunde des Designs. Daraus vor allem zieht die ISH ihren Reiz und Nutzen, ergänzt um allerlei ökologische Korrekturen.

Vielleicht sollten wir aus dem überall propagierten „nachhaltigen" Umgang mit dem ebenso wertvollen wie köstlichen Nass aber nicht nur das verbrämte Plädoyer für eine neue Askese herauslesen. Sparsam und vernünftig ja, aber ohne Verlust an Genuss? Wie kann das gehen, wie aussehen? Sollten wir tatsächlich bei einem gespaltenen Verhältnis zur Badkultur stehen bleiben? Das Bad avanciert zum repräsentativen Ort, der sich vorzeigen lässt. Unser Verhältnis zum Körper indes bleibt das zu einer Maschine, die gepflegt werden muss, damit sie funktioniert. Ist es das, was wir wollen?

Etwas mehr Lockerheit könnte da wohl nicht schaden. Vielleicht lässt sich ja im Geiste der siebziger Jahre - getreu dem Spruch: „Save Water, bath with a friend" - ein Weg heraus aus den kalten Nasszellen einer asketischen Moderne finden. Zurück nach Rom, nach Indien. Schließlich warten zwischen Quelle, Bach, Brunnen und Bad noch andere Nymphen und Göttinnen als die Hausfrau, die auf klinische Sauberkeit achtet. Also: Genießen statt reinigen, opulente Tempel statt nüchternem Waschmobiliar. - Schluss mit Sparta! Auf nach Sybaris! Bath with a friend, das spart Wasser. Let it be!

ISH
Vom 15. bis 19. März 2011
Geöffnet vom 15. bis 18. März 2011: 9 bis 18 Uhr, am 19. März 2011: 9 bis 17 Uhr
Messe Frankfurt Exhibition GmbH
Ludwig-Erhard-Anlage 1
http://ish.messefrankfurt.com