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Keine Fußnoten des Festlandes
von Thomas Wagner | 12. Februar 2011
Buch "Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky, Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

„Einst", so heißt es in der Erzählung „Der Mann, der die Inseln liebte" von D.H. Lawrence, „lebte ein Mann, der Inseln liebte. Er war auf einer Insel geboren, aber die war ihm nicht recht; denn es gab noch zuviel andere Leute dort außer ihm. Er wünschte sich eine Insel, die ihm ganz allein gehören sollte: nicht um unbedingt allein darauf zu leben, aber um sie ganz zu seiner eigenen Welt zu machen." Mögen einsame, nur uns selbst gehörende Inseln in der physisch immer kleiner werdenden Welt auch schwer zu finden sein, der „Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky schafft Abhilfe. Denn in diesem Atlas, der inzwischen bereits in der achten Auflage erschienen ist und im vergangenen Jahr mit dem ersten Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde, sind fünfzig Inseln versammelt, „auf denen ich nie war und niemals sein werde". Eben deshalb ist das wunderschöne, zurückhaltend und elegant gestaltete Buch das ideale Instrument, um sich allein auf eine, auf zwei, ja auf viele Inseln zu wünschen, sich in den Atlantik, das „Mare Pacifico" oder ins kalte Nordmeer zu träumen und eine Insel ganz zur eigenen Welt zu machen. Schon deshalb muss man dieses Buch hüten wie einen Schatz, den man ja - angeblich - vorzugsweise auf Inseln findet, oder zumindest dort sucht, weil fast ein jeder heute glaubt, an irgendeiner Stelle der Welt sei ein Schatz versteckt, nur eben nicht hier, sondern dort, drüben, auf der Insel, fernab vom Unglück hier.

Ganz so verträumt, wie es scheint, ist das Buch, das gerade mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in der Kategorie Kommunikationsdesign ausgezeichnet wurde, dann aber zum Glück doch nicht. Zunächst bekennt die Autorin im Vorwort, sie sei „mit dem Atlas" groß geworden und als solch ein „Atlas-Kind" niemals im Ausland gewesen. Deshalb liebte sie die Atlanten mit ihren farbigen Karten, ihren Linien und Namen, die wirkliche Orte ersetzten und möglich machten, was sie „Fingerreisen" nennt. Also flüstert sie im Wohnzimmer der Eltern fremde Namen und erobert ferne Welten. Doch schon bald entdeckt sie, dass auch Karten einer Ideologie verpflichtet sind - und misstraut fortan politischen Weltkarten, „in denen die Länder wie bunte Handtücher auf dem blauen Meer liegen". Mehr reizt sie deshalb das Kartenbild, das „die Natur nicht verstaatlicht, sondern sie über alle von Menschen gemachte Grenzen hinweg vergleichbar werden lässt". Sie macht sich klar, wie sehr vor allem die kleinen, unbekannten und ganz und gar abgelegenen Inseln auch in der Kartografie an den Rand gedrängt, in kleine Kästchen gestopft oder gleich ganz weggelassen werden, weil natürlich das Festland das eigentlich Wichtige ist. Und so stellt sie sich vor, wie es wäre, verschweige man das Festland und betrachte einmal nur die Inseln, die so weit von ihrem Mutterland entfernt sind, dass sie nicht mehr auf die nationalen Karten passen.

Wie abgelegen also ist eine abgelegene Insel? Wieviele Wochen der Seereise bedarf es um zu ihr zu gelangen? Ist sie etwa keine ganz eigene Welt? Ist es das, was sie zu einer idealen Projektionsfläche macht? Was verlockt Abenteurer und Expeditionen, an abgeschiedene Orte vorzudringen? Ist es das Geflüster des Windes oder die Hoffnung auf ein kleines Paradies? Ist es das, was der kalifornische Seemann George Hugh Banning beschreibt - der als gemeiner Matrose den Pazifik mit nichts als dem Wunsch befuhr, irgendwo Schiffbruch zu erleiden -, als er zu den selten besuchten Inseln Südkaliforniens aufbricht und auf die Frage, was denn dort zu holen sei, antwortet: „Nichts, nichts; und das ist gerade das Schöne." Oft genug erweisen sich in der Weite des Meeres liegende Eilande aber auch als „Enttäuschung" - und heißen auch so, wie „Napuka", irgendwo mitten im Pazifik gelegen, die „Insel der Enttäuschung". Oder sie sind geradezu Orte des Bösen, des Verbrechens und der Katastrophe, weshalb Judith Schalansky ihr Vorwort klugerweise überschreibt: „Das Paradies ist eine Insel: Die Hölle auch." Allein schon die Namen regen die Einbildungskraft an und versetzen einen in Ekstase, ob wir die fein gezeichnete Karte von Rapa Iti oder die von Amsterdam betrachten, in Gedanken nach Pitcairn fahren oder, vorbei an „Neptunes Window", die Einfahrt zur „Täuschungsinsel" in der Antarktis suchen.

Ein einziges Beispiel mag genügen, um zu demonstrieren, weshalb die Kartografie unbedingt zu den poetischen Gattungen, ja selbst zur schönen Literatur gezählt werden sollte - auch wenn es schwer ist, sich für eine der fünfzig Inseln zu entscheiden. Da es mir, trotz aller poetischen Reize, im hohen Norden und im äußersten Süden einfach zu kalt wäre, habe ich mich für meine kleine Finger- und Traumreise - ein wenig schwanke ich noch - für die Insel „Pingelap" entschieden.

Pingelap gehört zu dem Karolinen, wurde 1783 von Thomas Musgrave entdeckt, hat 250 Einwohner und bedeckt eine Fläche von gerade einmal 1,8 Quadratkilometern. 780 Kilometer sind es von hier aus bis zum Bikini-Atoll, 1990 bis nach Papua-Neuguinea, 1250 bis nach Banaba. „Selbst die Schweine", beginnt Judith Schalansky ihre Beschreibung, „sind hier schwarz-weiß, so als ob die Tiere für sie gemacht worden sind - für die 75 Pingelapesen, die keine Farben sehen können. Nicht das leuchtend grelle Gelb der reifen Papayafrucht und nicht das schwere Immergrün des dichten Dschungels aus Brotfruchtbäumen, Kokospalmen und Mangroven. „Schuld daran ist, so erfährt man, eine Mutation infolge eines Taifuns, der die Insel vor Jahrhundertes verwüstete und bei der nur etwa zwanzig Pingelapesen überlebten. Zehn Prozent der Pingelapesen litten heute an totaler Farbenblindheit, sie mieden das Licht, den Tag, und verließen erst in der Dämmerung ihre Hütten, deren Fenster sie mit bunten Folien abgeklebt haben. „In der Dunkelheit aber werden sie aktiv und bewegen sich freier als alle anderen. Viele von ihnen behaupten, sich immer an ihre Träume zu erinnern, und einige sagen, sie würden nachts sogar die Fische der dunklen Schwärme im tiefen Wasser sehen, sie an dem schwachen Mondschein erkennen, den die kleinen Flossen reflektierten."

Mag ihre Welt uns auch grau erscheinen, so sehen sie doch ganz andere Dinge. Wir als Besucher dieser Insel, der wir ihr zugleich fern bleiben, um ihre Integrität und Würde nicht zu stören, lernen daraus: Es gibt keine Behinderung. Nur verschiedene Arten zu sehen, nur einen anderen Traum - von der Insel.

Atlas der abgelegenen Inseln
Von Judith Schalansky
Hardcover, 144 Seiten, Verfügbar in deutsch, englisch und französisch
Mare Verlag, Hamburg, 2010
Euro 34,00
www.mare.de

News & Stories › 2011 › Februar
Keine Fußnoten des Festlandes
von Thomas Wagner | 12. Februar 2011
Inseln sind besondere Orte. Orte der Imagination und der Sehnsucht. Das Paradies ist eine Insel, die Hölle auch, stellt Judith Schalansky fest, die einen wunderbaren „Atlas der abgelegenen Inseln" geschaffen hat, der fünfzig Inseln vorstellt, „auf denen ich nie war und niemals sein werde".
„Einst", so heißt es in der Erzählung „Der Mann, der die Inseln liebte" von D.H. Lawrence, „lebte ein Mann, der Inseln liebte. Er war auf einer Insel geboren, aber die war ihm nicht recht; denn es gab noch zuviel andere Leute dort außer ihm. Er wünschte sich eine Insel, die ihm ganz allein gehören sollte: nicht um unbedingt allein darauf zu leben, aber um sie ganz zu seiner eigenen Welt zu machen." Mögen einsame, nur uns selbst gehörende Inseln in der physisch immer kleiner werdenden Welt auch schwer zu finden sein, der „Atlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky schafft Abhilfe. Denn in diesem Atlas, der inzwischen bereits in der achten Auflage erschienen ist und im vergangenen Jahr mit dem ersten Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde, sind fünfzig Inseln versammelt, „auf denen ich nie war und niemals sein werde". Eben deshalb ist das wunderschöne, zurückhaltend und elegant gestaltete Buch das ideale Instrument, um sich allein auf eine, auf zwei, ja auf viele Inseln zu wünschen, sich in den Atlantik, das „Mare Pacifico" oder ins kalte Nordmeer zu träumen und eine Insel ganz zur eigenen Welt zu machen. Schon deshalb muss man dieses Buch hüten wie einen Schatz, den man ja - angeblich - vorzugsweise auf Inseln findet, oder zumindest dort sucht, weil fast ein jeder heute glaubt, an irgendeiner Stelle der Welt sei ein Schatz versteckt, nur eben nicht hier, sondern dort, drüben, auf der Insel, fernab vom Unglück hier.

Ganz so verträumt, wie es scheint, ist das Buch, das gerade mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in der Kategorie Kommunikationsdesign ausgezeichnet wurde, dann aber zum Glück doch nicht. Zunächst bekennt die Autorin im Vorwort, sie sei „mit dem Atlas" groß geworden und als solch ein „Atlas-Kind" niemals im Ausland gewesen. Deshalb liebte sie die Atlanten mit ihren farbigen Karten, ihren Linien und Namen, die wirkliche Orte ersetzten und möglich machten, was sie „Fingerreisen" nennt. Also flüstert sie im Wohnzimmer der Eltern fremde Namen und erobert ferne Welten. Doch schon bald entdeckt sie, dass auch Karten einer Ideologie verpflichtet sind - und misstraut fortan politischen Weltkarten, „in denen die Länder wie bunte Handtücher auf dem blauen Meer liegen". Mehr reizt sie deshalb das Kartenbild, das „die Natur nicht verstaatlicht, sondern sie über alle von Menschen gemachte Grenzen hinweg vergleichbar werden lässt". Sie macht sich klar, wie sehr vor allem die kleinen, unbekannten und ganz und gar abgelegenen Inseln auch in der Kartografie an den Rand gedrängt, in kleine Kästchen gestopft oder gleich ganz weggelassen werden, weil natürlich das Festland das eigentlich Wichtige ist. Und so stellt sie sich vor, wie es wäre, verschweige man das Festland und betrachte einmal nur die Inseln, die so weit von ihrem Mutterland entfernt sind, dass sie nicht mehr auf die nationalen Karten passen.

Wie abgelegen also ist eine abgelegene Insel? Wieviele Wochen der Seereise bedarf es um zu ihr zu gelangen? Ist sie etwa keine ganz eigene Welt? Ist es das, was sie zu einer idealen Projektionsfläche macht? Was verlockt Abenteurer und Expeditionen, an abgeschiedene Orte vorzudringen? Ist es das Geflüster des Windes oder die Hoffnung auf ein kleines Paradies? Ist es das, was der kalifornische Seemann George Hugh Banning beschreibt - der als gemeiner Matrose den Pazifik mit nichts als dem Wunsch befuhr, irgendwo Schiffbruch zu erleiden -, als er zu den selten besuchten Inseln Südkaliforniens aufbricht und auf die Frage, was denn dort zu holen sei, antwortet: „Nichts, nichts; und das ist gerade das Schöne." Oft genug erweisen sich in der Weite des Meeres liegende Eilande aber auch als „Enttäuschung" - und heißen auch so, wie „Napuka", irgendwo mitten im Pazifik gelegen, die „Insel der Enttäuschung". Oder sie sind geradezu Orte des Bösen, des Verbrechens und der Katastrophe, weshalb Judith Schalansky ihr Vorwort klugerweise überschreibt: „Das Paradies ist eine Insel: Die Hölle auch." Allein schon die Namen regen die Einbildungskraft an und versetzen einen in Ekstase, ob wir die fein gezeichnete Karte von Rapa Iti oder die von Amsterdam betrachten, in Gedanken nach Pitcairn fahren oder, vorbei an „Neptunes Window", die Einfahrt zur „Täuschungsinsel" in der Antarktis suchen.

Ein einziges Beispiel mag genügen, um zu demonstrieren, weshalb die Kartografie unbedingt zu den poetischen Gattungen, ja selbst zur schönen Literatur gezählt werden sollte - auch wenn es schwer ist, sich für eine der fünfzig Inseln zu entscheiden. Da es mir, trotz aller poetischen Reize, im hohen Norden und im äußersten Süden einfach zu kalt wäre, habe ich mich für meine kleine Finger- und Traumreise - ein wenig schwanke ich noch - für die Insel „Pingelap" entschieden.

Pingelap gehört zu dem Karolinen, wurde 1783 von Thomas Musgrave entdeckt, hat 250 Einwohner und bedeckt eine Fläche von gerade einmal 1,8 Quadratkilometern. 780 Kilometer sind es von hier aus bis zum Bikini-Atoll, 1990 bis nach Papua-Neuguinea, 1250 bis nach Banaba. „Selbst die Schweine", beginnt Judith Schalansky ihre Beschreibung, „sind hier schwarz-weiß, so als ob die Tiere für sie gemacht worden sind - für die 75 Pingelapesen, die keine Farben sehen können. Nicht das leuchtend grelle Gelb der reifen Papayafrucht und nicht das schwere Immergrün des dichten Dschungels aus Brotfruchtbäumen, Kokospalmen und Mangroven. „Schuld daran ist, so erfährt man, eine Mutation infolge eines Taifuns, der die Insel vor Jahrhundertes verwüstete und bei der nur etwa zwanzig Pingelapesen überlebten. Zehn Prozent der Pingelapesen litten heute an totaler Farbenblindheit, sie mieden das Licht, den Tag, und verließen erst in der Dämmerung ihre Hütten, deren Fenster sie mit bunten Folien abgeklebt haben. „In der Dunkelheit aber werden sie aktiv und bewegen sich freier als alle anderen. Viele von ihnen behaupten, sich immer an ihre Träume zu erinnern, und einige sagen, sie würden nachts sogar die Fische der dunklen Schwärme im tiefen Wasser sehen, sie an dem schwachen Mondschein erkennen, den die kleinen Flossen reflektierten."

Mag ihre Welt uns auch grau erscheinen, so sehen sie doch ganz andere Dinge. Wir als Besucher dieser Insel, der wir ihr zugleich fern bleiben, um ihre Integrität und Würde nicht zu stören, lernen daraus: Es gibt keine Behinderung. Nur verschiedene Arten zu sehen, nur einen anderen Traum - von der Insel.

Atlas der abgelegenen Inseln
Von Judith Schalansky
Hardcover, 144 Seiten, Verfügbar in deutsch, englisch und französisch
Mare Verlag, Hamburg, 2010
Euro 34,00
www.mare.de