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Kirche nach Schnittmuster
von Adeline Seidel | 5. Juli 2013
Autobahnkirchen sind im Grunde nichts anderes als Wegkapellen, wie sie einst Wanderwege und Handelsrouten säumten. Heute aber, im rauschenden Verkehrsstrom, hält man nicht einfach an, um sich allein seinem Seelenwohl zu widmen oder ein Gebet zu sprechen. Auch wenn ein kleines Verkehrsschild mit der Silhouette einer traditionellen Dorfkirche darauf hinweißt, dass man nicht nur zum Auftanken des Wagens einen Stopp einlegen könnte. Also existieren diese Glaubenshäuser oft in einer mehr oder weniger gut funktionierenden Symbiose mit den üblichen Gewerben entlang der Autobahnen – verbunden mit der frommen Hoffnung, dass der Reisende nach der Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse auch etwas für seinen Geist tut.

Seht, ich bin eine Kirche!


Doch neben Schnellrestaurants, Tankstellen und Glücksspielhallen entgeht der als Rückzugsort gedachte Bau einer Autobahnkirche allzu leicht der Aufmerksamkeit der Rastenden. Um sich in diesem Konglomerat aus Funktionen behaupten zu können, braucht es eine einfache, aber prägnante Architektursprache, die man ebenso wenig übersehen kann wie das große gelbe „M“ auf dem Schellrestaurant nebenan. Was liegt daher näher, als sich für diese Bauaufgabe der ikonografischen „Zeichensprache“ des Hinweisschildes zu bedienen? Zumindest war das der Entwurfsgedanke von Schneider+Schumacher. Und so strahlt nun an der Autobahn A45 hoch oben von einer Anhöhe mit unmissverständlicher Direktheit eben jene überdimensionale Kirchensilhouette den Autofahrer an, wie er sie von den Schildern bereits kennt. Zudem ist die strahlend weiße Silhouette der Kirche zu beiden Fahrrichtungen hin ausgerichtet.

Wer nun aber erwartet, die einfache Semantik eines zweidimensionalen Hinweisschildes würde den gesamten Bau prägen und in ihm weitergespielt, der erlebt eine Überraschung. Zwischen den beiden zeichenhaften Kirchensilhouetten spannt sich nämlich ein architektonisch durchaus komplexer Andachtsraum auf. Dessen Kanten und Faltungen ergeben sich aus dem Spiel mit den beiden Silhouetten, aber auch mit der Positionierung auf dem Grundstück und der Topographie. Die Brücke, die wie ein Lichtstrahl aus dem Kirchenbau herausfällt und sich zum Autohof hin verbreitert, markiert den Eingang. Fast scheint es, als wolle sie den Besucher mit dieser Geste in diesen Ort der Stille hineinziehen.

Außen kantig, innen organisch

Betritt man den Andachtsraum, so ergeht es einem fast wie Alice im Wunderland: Man tritt durch eine einfache Tür, hinter der sich eine andere Welt auftut. Während sich der Bau von Außen kantig, klar und in strahlendem Weiß präsentiert, überrascht sein Inneres mit einem offenen Holztragwerk. Gefertigt aus einer feingliedrigen Holzrippenstruktur, erzeugt es durch seine organische Linienführung ein warmes, fast weiches Raumgefühl. Verstärkt wird diese sanfte Atmosphäre durch das indirekte Licht, das durch die beiden Kirchturmspitzen in den Raum fällt. Auf diese Weise steht der Innenraum der Kirche, eine Höhle aus OSB-Holz, in vollkommenem Kontrast zu den Zweckbauten seiner Umgebung, abgeschirmt vom Rauschen der Welt der Autobahn.

Die Autobahnkirche von Schneider+Schumacher hat durchaus etwas Prototypisches. Da Raststätten und Autohöfe aufgrund ihrer Funktion und den üblichen Franchise-Unternehmen einer gewissen Selbstähnlichkeit unterliegen, wäre es keineswegs verwegen vorzuschlagen, diese Typologie einer zeitgenössischen Wegkapelle auch an anderen Raststätten und Autohöfen zu realisieren. Die „Schnittmuster“ liegen ja nun vor. Und die Idee, das zweidimensionale Kirchensymbol der Hinweisschilder in ein dreidimensionales Raumkonzept zu transformieren, folgt konsequent der Logik dieser Orte: Ganz gleich, auf welcher Autobahn man fährt, man sieht und findet immer das Gleiche. Weshalb nicht auch das gleiche Modell einer Kirche? Schließlich bedarf es zwar eines überzeugenden, aber nicht immer anderen Raumkonzepts, um mitten im tosenden Verkehr einen Ort der Stille zu finden.


Autobahnkirche Siegerland

Schneider+Schumacher
Autohof Wilnsdorf
A45 (Ausfahrt 23) Elkersberg

57234 Wilnsdorf
Von 2D zu 3D: Zwischen den beiden Kirchensilhouetten spannt sich der Andachtsraum auf. Foto © Helen Schiffer
Die Tür zum Ort der Stille: Das äußere Erscheinungsbild der Kirche ist kantig und klar, aber in ihrem Inneren steckt ein fast weich anmutender Raum. Foto © Helen Schiffer
Das rohe OSB-Holz gibt dem Raum eine warme Atmosphäre. Foto © Helen Schiffer
Die feingliedrige Holzrippenstruktur wurde ebenso vorgefertigt wie das gesamte Holztragwerk des Baus. Foto © Helen Schiffer
Wie eine Reklametafel erhebt sich die Kirche aus der Landschaft. Zeichnung © Michael Schumacher
Auch ein Superheld wie Batman hätte gefallen an dieser Kirche gefunden... Foto © Helen Schiffer
Die organische Linienführung schafft einen fast höhlenartigen Raum. Foto © Helen Schiffer
Die Skizze bringt die Entwurfsidee auf den Punkt: Es braucht eine einfache, aber prägnante Architektursprache um sich an den Orten des Vorbeirauschens zu behaupten. Zeichnung © Michael Schumacher
Das Gebäude könnte ein treffender Prototyp für Autobahnkirchen sein. Die Idee, das zweidimensionale Kirchensymbol der Hinweisschilder in ein dreidimensionales Raumkonzept zu transformieren, folgt konsequent der Logik dieser Orte: Ganz gleich, auf welcher Autobahn man fährt, man sieht und findet immer das Gleiche. Foto © Helen Schiffer
Architektur › 2013 › Juli
Kirche nach Schnittmuster
von Adeline Seidel | 5. Juli 2013
Seit „Learning from Las Vegas“ wissen wir: Wer an Orten des schnellen Vorbeirauschens baut, muss einfache Botschaften kommunizieren. Diese Prämisse diente wohl auch den Frankfurter Architekten Schneider+Schumacher als Entwurfsgrundlage. Ihre Autobahnkirche spricht die Sprache einer Reklametafel, überrascht dann aber doch mit einer architektonischen Vielschichtigkeit.
Autobahnkirchen sind im Grunde nichts anderes als Wegkapellen, wie sie einst Wanderwege und Handelsrouten säumten. Heute aber, im rauschenden Verkehrsstrom, hält man nicht einfach an, um sich allein seinem Seelenwohl zu widmen oder ein Gebet zu sprechen. Auch wenn ein kleines Verkehrsschild mit der Silhouette einer traditionellen Dorfkirche darauf hinweißt, dass man nicht nur zum Auftanken des Wagens einen Stopp einlegen könnte. Also existieren diese Glaubenshäuser oft in einer mehr oder weniger gut funktionierenden Symbiose mit den üblichen Gewerben entlang der Autobahnen – verbunden mit der frommen Hoffnung, dass der Reisende nach der Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse auch etwas für seinen Geist tut.

Seht, ich bin eine Kirche!


Doch neben Schnellrestaurants, Tankstellen und Glücksspielhallen entgeht der als Rückzugsort gedachte Bau einer Autobahnkirche allzu leicht der Aufmerksamkeit der Rastenden. Um sich in diesem Konglomerat aus Funktionen behaupten zu können, braucht es eine einfache, aber prägnante Architektursprache, die man ebenso wenig übersehen kann wie das große gelbe „M“ auf dem Schellrestaurant nebenan. Was liegt daher näher, als sich für diese Bauaufgabe der ikonografischen „Zeichensprache“ des Hinweisschildes zu bedienen? Zumindest war das der Entwurfsgedanke von Schneider+Schumacher. Und so strahlt nun an der Autobahn A45 hoch oben von einer Anhöhe mit unmissverständlicher Direktheit eben jene überdimensionale Kirchensilhouette den Autofahrer an, wie er sie von den Schildern bereits kennt. Zudem ist die strahlend weiße Silhouette der Kirche zu beiden Fahrrichtungen hin ausgerichtet.

Wer nun aber erwartet, die einfache Semantik eines zweidimensionalen Hinweisschildes würde den gesamten Bau prägen und in ihm weitergespielt, der erlebt eine Überraschung. Zwischen den beiden zeichenhaften Kirchensilhouetten spannt sich nämlich ein architektonisch durchaus komplexer Andachtsraum auf. Dessen Kanten und Faltungen ergeben sich aus dem Spiel mit den beiden Silhouetten, aber auch mit der Positionierung auf dem Grundstück und der Topographie. Die Brücke, die wie ein Lichtstrahl aus dem Kirchenbau herausfällt und sich zum Autohof hin verbreitert, markiert den Eingang. Fast scheint es, als wolle sie den Besucher mit dieser Geste in diesen Ort der Stille hineinziehen.

Außen kantig, innen organisch

Betritt man den Andachtsraum, so ergeht es einem fast wie Alice im Wunderland: Man tritt durch eine einfache Tür, hinter der sich eine andere Welt auftut. Während sich der Bau von Außen kantig, klar und in strahlendem Weiß präsentiert, überrascht sein Inneres mit einem offenen Holztragwerk. Gefertigt aus einer feingliedrigen Holzrippenstruktur, erzeugt es durch seine organische Linienführung ein warmes, fast weiches Raumgefühl. Verstärkt wird diese sanfte Atmosphäre durch das indirekte Licht, das durch die beiden Kirchturmspitzen in den Raum fällt. Auf diese Weise steht der Innenraum der Kirche, eine Höhle aus OSB-Holz, in vollkommenem Kontrast zu den Zweckbauten seiner Umgebung, abgeschirmt vom Rauschen der Welt der Autobahn.

Die Autobahnkirche von Schneider+Schumacher hat durchaus etwas Prototypisches. Da Raststätten und Autohöfe aufgrund ihrer Funktion und den üblichen Franchise-Unternehmen einer gewissen Selbstähnlichkeit unterliegen, wäre es keineswegs verwegen vorzuschlagen, diese Typologie einer zeitgenössischen Wegkapelle auch an anderen Raststätten und Autohöfen zu realisieren. Die „Schnittmuster“ liegen ja nun vor. Und die Idee, das zweidimensionale Kirchensymbol der Hinweisschilder in ein dreidimensionales Raumkonzept zu transformieren, folgt konsequent der Logik dieser Orte: Ganz gleich, auf welcher Autobahn man fährt, man sieht und findet immer das Gleiche. Weshalb nicht auch das gleiche Modell einer Kirche? Schließlich bedarf es zwar eines überzeugenden, aber nicht immer anderen Raumkonzepts, um mitten im tosenden Verkehr einen Ort der Stille zu finden.


Autobahnkirche Siegerland

Schneider+Schumacher
Autohof Wilnsdorf
A45 (Ausfahrt 23) Elkersberg

57234 Wilnsdorf