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Kreativ sein heißt vergnügt sein
von Sandra Hofmeister | 9. Juni 2009
„Der Größte ist, wer sich die Kraft bewahrt, naiv zu ein", hielt René Crevel in einem Manifest von 1924 fest. Zwar sind die Pariser Surrealisten, zu denen auch Crevel zählte, längst Geschichte, ihr Glaube an die Macht des Traums und die Kraft der Imagination haben die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts indes mitbestimmt. Im Werk von Fernando und Humberto Campana sind einzelne Aspekte ihrer Haltung lebendig wie eh und je: Eine unbändige Kreativität zeichnet die künstlerischen Arbeiten, Möbel, Installationen und Alltagsgegenstände der brasilianischen Gestalter aus. Sinnlichkeit und Hässlichkeit, Schönheit und Elend sind in ihren Entwürfen vereint und kommen im Vertrauen auf die eigene Intuition, auf Träume und persönliche Erfahrungen zusammen. Von konventionellen Barrieren oder Trends lassen sich die Brüder nicht beirren, wenn sie die Grenzen zwischen Kunst und Design, Handwerk und serieller Produktion ausloten. Ihre naive Unbefangenheit und Spontaneität, mit denen sie sich seit über zwanzig Jahren immer neue Bereiche erschließen, macht sie zu würdigen Nachfolgern der Surrealisten - und zu zwei der schillerndsten Figuren im Design der Gegenwart.

High-tech und hand-made

„Es wäre falsch, wenn ich mich mit Software an die Arbeit machen würde", sagt Humberto Campana, und sein acht Jahre jüngerer Bruder Fernando ergänzt: „In Brasilien gibt es eine große Handwerkstradition. Wir versuchen, diese Tradition in unseren Arbeiten zu potenzieren. Wir haben diese Fähigkeit, mit den Händen zu arbeiten und fangen gleich mit Prototypen im Maßstab eins zu eins an." Möbel aus Baumwollschnüren oder Pappe, Besenborsten oder Abflusssieben haben den Favela-Stil der Brasilianer in der internationalen Designwelt berühmt gemacht. Ursprünglich aber wollten die Campanas Bildhauer werden: Humberto gab seinen Rechtsanwaltsberuf auf, Fernando kam nach seinem Architekturstudium ebenfalls zur Kunst. Das Gespür für einfache Materialien, die sie auf der Straße in São Paolo finden, ist seitdem zentraler Dreh- und Angelpunkt ihrer Arbeiten. Dies zeigt sich auch in weniger bekannten, wunderbar improvisierten Entwürfen wie der Tischleuchte „Estela" (1997) - zwei alltäglichen Antirutschmatten über einem dünnen Stahlgestell -, oder dem Beistelltisch „Inflável" (1995), der aus zwei Pizzablechen mit aufblasbarer PVC-Folie als Körper besteht. Ein Unikat, das wie viele Werke von Fernando und Humberto Campana ohne Auftrag entstand. Einige dieser one-off-pieces, etwa der berühmte Favela-Stuhl, schlummerten jahrelang im Estudio Campana und wurden allenfalls in kleinen Serien handgefertigt, bis sie von Europäern entdeckt und in überarbeiteten Versionen international vermarktet wurden. Der „human touch" sei für ihre Arbeitsweise charakteristisch, meint Humberto Campana. Handarbeit und moderne Technologien, Tradition und Design sind im Werk der Brüder keine Gegensätze, sondern Ergänzungen. „High-tech, mit Händen gefertigt", nennt Fernando dieses Verfahren und lächelt charmant.

Systematik und Organik

Die erste umfassende Campana-Retrospektive „Antikörper " im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt beide Seiten im Werk der Brasilianer - die freie Kunst und das Design. In mehrjähriger Zusammenarbeit mit dem Estudio Campana in São Paolo ist es Matthias Schwartz-Claus gelungen, viele unbekannte und noch nie gezeigte Einzelstücke und Prototypen, Sammlerraritäten und serienproduzierte Objekte zusammenzutragen. So ergeben sich viele unterschiedliche Blicke auf das bisherige, in seiner Reichweite überraschende Werk. Möbel und Kostüme, filigrane Vasen und Skulpturen sind mit Filmen und Diashows ergänzt, die Hintergründe und Inspirationsquellen aufdecken. Die sorgfältig kuratierte Schau ordnet rund 200 Ausstellungsobjekte übersichtlich nach systematischen Gesichtspunkten wie Organik und Knoten, gebogene Flächen und objets trouvés und reichert sie durch Fund- und Sammlerstücke aus dem Archiv der Campanas an. Auf diese Weise ergibt sich ein buntes Kaleidoskop, das verschiedene Schaffensperioden von den 1970er-Jahren bis zu aktuellen Entwürfen zusammenbringt und Kontinuitäten aufdeckt. Die kantigen Displays der Ausstellungsarchitektur, entworfen von Studio Groenlandbasel, halten dabei die nötige Distanz und formen einen nüchternen Rahmen für die organischen, oft von der Natur inspirierten Formen. Eine Installation aus Pet-Flaschen, eigens für die Ausstellung entworfen, wirft schillerndes Licht in das Treppenhaus des Museums. Eine inspirierende Retrospektive, die sich deutlich von den immer öfter praktizierten, von den Designers selbst kuratierten und marketinggesteuerten Designer-Ausstellungen absetzt und ein beeindruckendes Zeichen zum zwanzigjährigen Bestehen des Vitra Design Museums setzt.

Im Dschungel der Inspiration

Kaimane, Riesenboas und fleischfressende Pflanzen haben es den Campana-Brüdern besonders angetan - lauter gefährliche Lebewesen aus dem brasilianischen Dschungel, die den ursprünglichen Traum von einer ungebändigten Natur verkörpern. Einige ihrer Urwald- und Meeresfantasien haben die Designer zur Serienreife gebracht. So gibt sich das Boa-Sofa (2002) für Edra als samtenes Sitzungeheuer, das aus jeweils vierzig Meter langen Schläuchen mit der Muskelkraft von vier Männern gefertigt wird. Auch „Drosera Copper" und „Drosera Velvet" aus der Vitra Edition von 2007 gehören zu dieser Familie - zwei Wandtaschen, die ihren Stauraum durch einen Schlitz freigeben, der an organische Pflanzenmäuler erinnert. Am überzeugendsten bleibt der Naturbezug in den objets trouvés, die einfache Alltagsfundstücke in den Designkontext verschieben. So besteht der Wandschirm „Naturezza Morta" aus dicht geschichteten, rabenschwarzen Kohlestücken und auch „Cerca II" kommt ohne high-tech aus - ein Paravant aus simplen Weidenstöcken.

„Wir geben einfachen Objekten und Alltagsgegenständen ein neues Leben und eine neue Lesart", beschreiben die Brüder diese Methode, in der sie sich als wahre Virtuosen erweisen. Ihre eigenwillige und unverkennbare Objektsprache zeichnet sich durch simple Materialien aus, die für den Möbelmarkt eher ungewöhnlich sind - ein Baumwollseil für den Sessel „Vermelha" oder einfache Abfallhölzer, die im Favela-Sessel zu einem beeindruckenden Thron zusammengefügt sind, der den Baracken aus den Elendsvierteln in Brasilien ein imposantes Denkmal setzt. Es gehe um eine Poetik des Lebens, meint Humberto Campana. Zu dieser Poetik gehören Schönheit und Hässlichkeit, Körper und Antikörper - ein Widerspruch von der die Ästhetik der Campanas in vielerlei Hinsicht geprägt ist. Dass der Favela-Sessel seit einigen Jahren von deutschen Tischlern gefertigt wird, die im Süden Brasiliens leben und die Einzelteile des Stuhls in Handarbeit zusammenfügen, damit er dann nach Europa verschifft und von dort mit europäischen Preisen auch auf den brasilianischen Möbelmarkt zurückkommt, entlockt den Designern ein zurückhaltendes Lächeln. Ihr Werk lebt von Diskrepanzen wie dieser.

Antikörper und Widersprüche

Die Brüder arbeiten mit dem Verschmelzen der Kulturen, mit südamerikanischem Straßenchaos und europäischer Perfektion. Die Improvisation bestimmt ihr Vorgehen - „kreativ sein heißt vergnügt sein", meint Humberto Campana, „auch wenn die Welt rabenschwarz ist". In ihren Arbeiten wird eine Gratwanderung nachvollziehbar, die Kontinente und Materialien samt all ihren Gegensätzlichkeiten verbindet. So liegt ein weiter Weg zwischen kunsthandwerklichen Spiegelrahmen aus Muscheln, die Humberto Campana in den siebziger Jahren anfertigte, und den berühmten Editionen der letzten Jahre - etwa dem limitierten Sushi-Armsessel oder dem provokanten Banquette-Stuhl, dessen weiche Sitzmulde aus Plüschtieren zusammengesetzt ist. Doch dem Antikörper-Prinzip, einem gekonnten Deplatzieren von Materialien, sind die Campanas stets treu geblieben. Ihre Experimente und Collagen verbinden das Handwerkliche und das Serienproduzierte, das Wertvolle und das Alltägliche. So werden die mundgeblasenen Venini-Glasglocken der Installation „Campane di Campana" (2005) von rauen, einfachen Hanfseilen gehalten. Und im hybriden Wesen der Sitzgruppe „Una Famiglia" (2006) - ebenfalls ein Unikat - sind traditionelles Korbgeflecht und Reste aus billigen Plastikstühlen zu einem funktionalen und ästhetischen Kunstwerk vereint - so schön „wie die zufällige Begegnung eines Regenschirms mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch", um mit Leautrémonts Worten zu sprechen.

Surrealistische Abgründe - greifbar und real

Die Kultur der Aneignung widersprüchlicher Momente und des ungebrochenen Vertrauens auf das Leben hat die beiden Designer als Botschafter ihres Landes berühmt gemacht. Auch die Zusammenarbeit der Brüder ist von dieser Praxis gekennzeichnet, wie die Geschichten der Stühle „Negativo" und „Positivo" deutlich machen. Als Humberto Campana 1988 bei einer Wildwasserfahrt in Arizona von einer spiralförmigen Indianerzeichnung träumte, die ihn verschlingen wollte, sollte er tags darauf kentern und beinahe ertrinken. Zurück in São Paolo entstand als Reaktion auf dieses Erlebnis „Negativo", ein Stahlstuhl, aus dessen Lehne eine Spiralform ausgeschnitten ist. Der Bruder Fernando verwendete die Positivform der Spirale als Rückenlehne für einen eigenen Stuhlentwurf, den er „Positivo" nannte.

Spontaneität und Fantasie, Kunsthandwerk und Design sind im Werk der Campana-Brüder zu einer widersprüchlichen und kraftvoll-poetischen Haltung zusammengeführt. Am stärksten entfaltet sich diese Poesie, wenn sie losgelöst von Konstruktion und Funktionalität operieren kann - im freien Raum der Kunst. „Ah - wenn Knochen aufzublasen wären wie Luftschiffe, wir vermöchten die Abgründe des Toten Meeres zu durchstreifen", heißt es in dem Vorwort zur ersten Nummer von „La Révolution Surréaliste". Fernando und Humberto Campana erforschen jene Abgründe, die die Surrealisten in den 1920er-Jahren erahnt haben. Doch das erfrischende Werk der beiden Brüder bleibt dabei erstaunlich greifbar und real.

ANTIKÖRPER
Arbeiten von Fernando & Humberto Campana 1989 - 2009
Eine Ausstellung des Vitra Design Museum, Weil am Rhein
16. Mai 2009 - 28. Februar 2010
Öffnungszeiten: Mo - So 10 - 18 Uhr, Mi: 10 - 20 Uhr

www.vitra.com
Sofa, Kaiman Jacaré, 2006, für Edra; © Edra
Yellow Corallo, 2004; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Sitzlandschaft, Diamantina III, 2008; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Papel, 1993; © Estudio Campana, Photo: Fernando Laszlo
Beistelltisch, Inflavel, 1995, für MoMA, New York; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Relief, ohne Titel, 2005; © Sammlung Alexander von Vegesack, Foto: Andreas Sütterlin
Wandschirm, Escultura, 1993; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Studio Campana, Produktion Multidăo Hocker; © Estudio Campana, Foto: Estudio Campana
Fernando & Humberto Campana, 2006; © Estudio Campana, Foto: Lelia Arruda
Papierkorb, ohne Titel, 2008; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Hocker, Vitória Régia, 2002; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Jenette, 2005, für Edra; © Edra
Wandtaschen, Drosera Copper & Velvet, 2007; © Vitra
Kinderstuhl, ohne Titel, 2005; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Harumaki, 2004; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Sessel, Banquete, 2002; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Fernando & Humberto Campana , 2008; © Estudio Campana, Foto: Fernando Laszlo
Studio Campana, Produktion Diamantina III; © Estudio Campana, Foto: Estudio Campana