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Kunstsinnige Reklame
von Fabian Peters | 6. September 2016
Künstler als Werbegrafiker: Eine von El Lissitzky gestaltete Verpackung für Siegellack der Marke Pelikan von 1924. Foto © Museen für Kunstgeschichte Hannover: Reinhard Gottschalk, Christian Rose
Es sollte nichts bleiben wie es war. Um das Jahr 1900 machte sich in Deutschland eine ganze Schar junger Künstler daran, von der Wiege bis zur Urne, vom Fingerhut bis zum Wohnhaus alle Gegenstände des Alltags von der harten Kruste des Historismus zu befreien. Die Künstler hießen unter anderem Henry van de Velde, Peter Behrens oder Richard Riemerschmid, die neue Kunstbewegung firmierte bald unter dem Begriff „Jugendstil“ – und zu einem der wichtigen Ausdrucksmittel dieses Stils avancierte das Reklameplakat.

In Hannover, einer der wichtigsten deutschen Industriestädte mit so bedeutenden Firmen wie Pelikan, Continental, Hanomag und Bahlsen, fiel die neue Reklamekunst auf besonders fruchtbaren Boden. Das Museum August Kestner zeigt ab dem 15. September eine Vielzahl von Arbeiten aus dieser Blütezeit der Plakatwerbung. So präsentiert die Schau zum Beispiel Julius Diez’ Plakat für die Firma Pelikan aus dem Jahre 1898 – einen Pelikan, der Farbtuben in seinem Schnabel trägt. Ganz offensichtlich ließ sich Diez bei dem Entwurf von japanischen Holschnitten inspirieren – ein zu diesem Zeitpunkt hochaktueller Trend, dem auch viele andere Jugendstilkünstler wie etwa der berühmte Otto Eckmann folgten.

Die Reklamekunst der Firma Pelikan verlor übrigens auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht den Anschluss an modernste künstlerische Entwicklungen: In den 1920er-Jahren gestaltete niemand Geringerer als der avantgardistische sowjetische Konstruktivist El Lissitzky Plakate und Verpackungen für das Unternehmen.

Die Hannoveraner Ausstellung dokumentiert aber nicht nur den Aufstieg der Unternehmensreklame, sie zeigt auch, wie sich gleichzeitig die Unternehmensdarstellung insgesamt erneuerte – es waren die Anfänge dessen, was wir heute als Corporate Design bezeichnen. Auch die Unternehmensarchitektur wurde nun zum Reklameträger, sei es wortwörtlich über das Anbringen von Werbetafeln und Leuchtschriften, sei es als Motiv auf dem Briefkopf. Heinrich Bahlsen plante gleich die Errichtung einer ganzen Werks-Stadt als Teil der Außendarstellung. Bis zum Jahr 1970 bildet die Ausstellung im Museum August Kestner die Hannoveraner Reklamekunst ab – und zeigt dabei auch, wie sich die Werbung immer wieder der jeweils neuesten Medien bedient hat. Heute erkennen wir bei vielen dieser Arbeiten die Nähe zur Kunst der Zeit – wird man das von der heutigen Werbung in 100 Jahren auch sagen können?


Reklamekunst aus Hannover
Museum August Kestner
Trammplatz 3
30159 Hannover
15. September 2016 bis 29. Januar 2017
www.museum-august-kestner.de

Jugendstil-Pelikan: Japanisch inspiriertes Plakat von Julius Diez aus dem Jahr 1898. Foto © Museen für Kunstgeschichte Hannover: Reinhard Gottschalk, Christian Rose
Konstruktivistische Avantgarde im Dienste der Werbung: Ein Plakat von El Lissitzky aus dem Jahr 1925.
Foto © Museen für Kunstgeschichte Hannover: Reinhard Gottschalk, Christian Rose
Pop-Art und Bonanza-Rad: Plakat des Hannoveraner Reifenherstellers Continental von 1971. Foto © Museen für Kunstgeschichte Hannover: Reinhard Gottschalk, Christian Rose
Plakat für die Firma Bahlsen von Heinrich Mittag, um 1903. Foto © Museen für Kunstgeschichte Hannover: Reinhard Gottschalk, Christian Rose
News & Stories › 2016 › September
Kunstsinnige Reklame
von Fabian Peters | 6. September 2016
Das Museum August Kestner blickt zurück auf 70 Jahre Werbung aus Hannover – und stößt dabei auf so manches avantgardistische Plakat.
Es sollte nichts bleiben wie es war. Um das Jahr 1900 machte sich in Deutschland eine ganze Schar junger Künstler daran, von der Wiege bis zur Urne, vom Fingerhut bis zum Wohnhaus alle Gegenstände des Alltags von der harten Kruste des Historismus zu befreien. Die Künstler hießen unter anderem Henry van de Velde, Peter Behrens oder Richard Riemerschmid, die neue Kunstbewegung firmierte bald unter dem Begriff „Jugendstil“ – und zu einem der wichtigen Ausdrucksmittel dieses Stils avancierte das Reklameplakat.

In Hannover, einer der wichtigsten deutschen Industriestädte mit so bedeutenden Firmen wie Pelikan, Continental, Hanomag und Bahlsen, fiel die neue Reklamekunst auf besonders fruchtbaren Boden. Das Museum August Kestner zeigt ab dem 15. September eine Vielzahl von Arbeiten aus dieser Blütezeit der Plakatwerbung. So präsentiert die Schau zum Beispiel Julius Diez’ Plakat für die Firma Pelikan aus dem Jahre 1898 – einen Pelikan, der Farbtuben in seinem Schnabel trägt. Ganz offensichtlich ließ sich Diez bei dem Entwurf von japanischen Holschnitten inspirieren – ein zu diesem Zeitpunkt hochaktueller Trend, dem auch viele andere Jugendstilkünstler wie etwa der berühmte Otto Eckmann folgten.

Die Reklamekunst der Firma Pelikan verlor übrigens auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht den Anschluss an modernste künstlerische Entwicklungen: In den 1920er-Jahren gestaltete niemand Geringerer als der avantgardistische sowjetische Konstruktivist El Lissitzky Plakate und Verpackungen für das Unternehmen.

Die Hannoveraner Ausstellung dokumentiert aber nicht nur den Aufstieg der Unternehmensreklame, sie zeigt auch, wie sich gleichzeitig die Unternehmensdarstellung insgesamt erneuerte – es waren die Anfänge dessen, was wir heute als Corporate Design bezeichnen. Auch die Unternehmensarchitektur wurde nun zum Reklameträger, sei es wortwörtlich über das Anbringen von Werbetafeln und Leuchtschriften, sei es als Motiv auf dem Briefkopf. Heinrich Bahlsen plante gleich die Errichtung einer ganzen Werks-Stadt als Teil der Außendarstellung. Bis zum Jahr 1970 bildet die Ausstellung im Museum August Kestner die Hannoveraner Reklamekunst ab – und zeigt dabei auch, wie sich die Werbung immer wieder der jeweils neuesten Medien bedient hat. Heute erkennen wir bei vielen dieser Arbeiten die Nähe zur Kunst der Zeit – wird man das von der heutigen Werbung in 100 Jahren auch sagen können?


Reklamekunst aus Hannover
Museum August Kestner
Trammplatz 3
30159 Hannover
15. September 2016 bis 29. Januar 2017
www.museum-august-kestner.de