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Labore zum Wohnen
von Thomas Edelmann | 27. Februar 2013
Niedrigenergiehaus in München-Trudering, Foto © Jens Schnabel

Es sind nicht nur Fortschrittskeptiker oder Hysteriker, die auf Defizite der Umrüstung unserer Häuser unter energetischen Gesichtspunkten hinweisen. Handelt es sich dabei tatsächlich um eine „Sanierung“ (also um Heilung)? Nur wenige Bauten werden durch nachträgliches Dämmen schöner, klarer und besser, als es ihrem ursprünglichen Entwurf entsprach. Die Textur bestehender Bauwerke, ihre Details, Türen, Fensterlaibungen verschwinden hinter einer oftmals fragwürdigen, entstellenden Neuinterpretation. Insbesondere Siedlungsbauten vergangener Jahrzehnte verwandeln sich dabei in architektonische Zombies, die weder der Vergangenheit, noch der Zukunft angehören.

Die Verschlimmbesserung bereits vorhandener Architektur durch Dämmen ist ein Wachstumsmarkt mit bisweilen rätselhaftem Nutzeffekt. Jüngst wurde die erhöhte Brandgefahr von im Grunde schwer entflammbaren Polystyrol-Dämmplatten kontrovers diskutiert. Vermehrte Algenbildung auf gedämmten Außenwänden und Schimmel in verpackten Häusern ist als Problem seit langem bekannt. Notorisch sind Spechte als Neunutzer sanierter Fassaden. Sie nisten sich gern in dicken Kunststoff-Schichten ein. Der hohle Klang der Vorwand-Dämmung erinnert sie an den Sound morscher Bäume. Die Reparatur beschädigter Dämmfassaden ist nicht ohne, weil die Tiere gern an zuvor genutzte Brutorte zurückkehren.

Was also nützt, was schadet? Die Deutsche Energie-Agentur (DENA), eine der zahlreichen öffentlich-privaten Unternehmen, die sich Energieeffizienz auf die Fahnen schreibt, erklärt dies zu „Mythen der energetischen Sanierung“. In Wahrheit ist die Materie höchst komplex, schon weil in jedem Einzelfall die Bauphysik im Spiel ist, die längst nicht jeder Planer aber kaum ein Bauherr im Detail durchschaut. Kaum umstritten ist: In privaten Haushalten hat das Heizen und Kühlen einen maßgeblichen Anteil am Primärenergieverbrauch, am CO2-Ausstoß wie an den laufenden Kosten. Doch wie bekommt man am besten alle drei Posten in den Griff? Wie konzipiert man ästhetisch wie wirtschaftlich angemessene Lösungen?

Versuche, Fakten zu klären

Einsparungen, die auf veränderte Materialien und neue Technik im Bauwesen zurückgehen, beruhen oft auf rechnerischen Annahmen. Werte, die auf einzelne Bauteile und Komponenten zutreffen, können sich im Zusammenspiel in einem konkreten Gebäude und mit den Gewohnheiten seiner Nutzer unterschiedlich auswirken. Eine Reihe neuer Versuchsprojekte soll nun die tatsächliche Wirksamkeit unterschiedlicher Ansätze demonstrieren und anhand gemessener, nicht errechneter Werte vergleichbar machen.

Das Lichtaktiv-Haus

Die „Siedlerhäuser“ im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg entstanden in den 1950er Jahren. Es sind Eigenheime, allerdings ohne Keller und mit den einfachen Mitteln der Nachkriegszeit errichtet. Sie boten ihren Nutzern neben Wohnraum auch Möglichkeiten, im Garten Gemüse anzubauen und in einem angrenzenden Stall Kleintierzucht zu betreiben. Die Bauten entsprechen nicht nur in puncto Wärmeverlust, sondern vor allem was Raumaufteilung und Komfort angeht, nicht mehr aktuellen Anforderungen. Ein geradezu ideales Objekt für einen Experimentalbau im Bestand. Begleitet wird das Forschungsprojekt „Lichtaktiv-Haus“, das hier realisiert wurde, vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung, es wird vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik und anderen Institutionen gefördert. Der Fensterhersteller Velux erwarb eine Doppelhaushälfte und nahm das Projekt in seine Reihe europäischer Experimentalbauten auf, die unter dem Motto „Model Home 2020“ entstanden.

Für den Komplett-Umbau im Rahmen eines Demonstrationsprojekts wurden hohe Ziele gesetzt – unter anderem auch die Verwendung umweltschonender Baustoffe und CO2-Neutralität. Der Entwurf stammt von Manfred Hegger und Katharina Fey von der TU Darmstadt. Der Hauptbau wurde komplett entkernt und maßvoll gedämmt. Die kleinteiligen dunklen Räume verschwanden. Eine großzügige Tageslichtplanung (Peter Andres, Hamburg) ermöglicht es nun, selbst während der trüben Hamburger Winter, tagsüber weitgehend auf künstliche Beleuchtung zu verzichten. Der Stall-Anbau wurde abgerissen. An seine Stelle trat ein gut gedämmter, lang gestreckter eingeschossiger Erweiterungsriegel (eine Holzrahmenkonstruktion) mit Dachneigung nach Süden. Er nimmt die gesamte Haustechnik auf, bietet auf dem Dach Platz für Solarthermie und Photovoltaik und darunter einen großzügigen und offenen Wohn- und Küchenraum. Aus der einstigen Idee der Selbstversorgung mit Lebensmitteln entstand die neue Möglichkeit, den Energiebedarf eines Hauses weitgehend selbst zu erzeugen.

Obwohl private Bauherren wohl kaum so viele und sorgfältig umgesetzte Maßnahmen für einen vergleichsweise bescheidenen Bau mit 132 Quadratmeter beheizter Grundfläche finanzieren könnten, folgt das Projekt einigen realistischen Grundannahmen. Statt eines aufwendigen Wärmerückgewinnungssystems, setzen die Planer auf die automatische Steuerung der Fenster, die für raschen Luftaustausch sorgen. Die integrierte Luft-Wasser-Wärmepumpe mit Solarunterstützung liefert das ganze Jahr über Wärme für Heizung und Warmwasser. Solare Energiegewinne sorgen dafür, dass der geringe Bedarf an Restenergie durch regenerative Energien kompensiert werden kann.
Das Projekt ist Teil der Bauausstellung IBA 2013 und wird für zwei Jahre von einer vierköpfigen Testfamilie bewohnt, die regelmäßig über ihre Aktivitäten und Erfahrungen mit dem „Lichtaktiv-Haus“ bloggt. Zudem werden Energie- und Heizungs-Verbrauch dokumentiert, von den wissenschaftlichen Partnern des Projektes analysiert und veröffentlicht.

Dortmunder Stadthäuser

Im Dortmunder Ortsteil Wambel nahe der Galopprennbahn entsteht derzeit ein weiteres Versuchsprojekt: Die „Dortmunder Stadthäuser“. Die drei Reihenhaus-Giebelbauten inmitten einer wenig spektakulären Wohnsiedlung mit Zeilenbauten der 1950er Jahre, sollen im Frühjahr fertig gestellt sein. Der Bauherr, die Dortmunder Gesellschaft für Wohnen (Dogewo), konnte sie bereits vermieten.

In den „10 Grundsätzen zur Stadtbaukunst heute“, die das Deutschen Institut für Stadtbaukunst an der TU-Dortmund unter Leitung von Christoph Mäckler 2010 veröffentliche, heißt es, Nachhaltigkeit der städtischen Umwelt entstehe durch „umfassende und solide Dauerhaftigkeit und Urbanität“. Notwendige Maßnahmen zur Energieeinsparung dürften nicht auf „ölbasierte Wärmedämmverpackungen“ und solitäre Energiehäuser beschränkt werden, denn daraus resultierten zusätzliche Umweltprobleme.

Christoph Mäckler hat mit seinen Mitstreitern, dem Architekten Martin Cors aus Dortmund und der Architektin Imke Woelk aus Berlin, die Forschungsbauten konzipiert und entworfen. Langfristiges Ziel ist das „dauerhafte energiesparende Bauen“. Als Element der ästhetischen Nachhaltigkeit sollen Forschungs-Reihenhäuser „dauerhafte Wiedererkennbarkeit und Wertschätzung“ ermöglichen. Im Zentrum des Projekts steht der Vergleich unterschiedlicher Bauweisen und Materialien bei Dachkonstruktion und Wandaufbau der drei Häuser, wissenschaftlich begleitet durch Messungen über mehrere Heizperioden.

Vergleichsbauten für solide Dauerhaftigkeit

Drei unterschiedliche Poroton-Ziegel werden verbaut, im ersten Haus ein massiver Ziegel, gefüllt mit mineralischem Perlit, der die Dämmung gleichsam in den Baustein verlegt. Im zweiten Haus werden beidseitig plan geschliffene Ziegel verwendet, um die Lagerfugen – und damit Wärmeverluste – zwischen den Steinen zu minimieren. Im dritten Haus wird die dünnere Ziegelwandstärke mit einem Wärmedämmverbundsystem ergänzt. Dabei soll die These überprüft werden, dass Wandaufbauten aus dauerhaften Materialen den heute üblichen Isolierschichten und Wärmedämmputz-Systemen ökologisch überlegen seien. Die Daten werden über ein BUS-System erfasst, das von den Bewohnern auch zur Haussteuerung genutzt werden kann. Für die Energieversorgung der drei Bauten wurde eine Mikro-Kraft-Wärme-Kopplungsanlage in ein gemeinsames Technikgebäude eingebaut; jedes der 115 bis 120 Quadratmeter Wohnfläche umfassenden Häuser hat zudem einen eigenen Kaminofen.

Niedrigenergiehaus in München-Trudering

Kein Modellprojekt, sondern ein anspruchsvolles Niedrigenergiehaus mit zwei Geschossen und 262 QuadratmeterWohnfläche entstand 2011 als Holzständerbau in München-Trudering. Der Entwurf von „4Architekten“ aus München (Agnes Förster, Susanna Knopp, Jan Kurz und Markus Wassmer) ist als Hofhaus um einen japanisch gestalteten Innenhof gruppiert. Ein großes Wohnzimmer, um zwei Stufen abgesenkt, orientiert sich zum Hausgarten an der Gebäuderückseite. Die vierzig Zentimeter starke Wand aus Holzfachwerk hat eine 22 Zentimeter starke Wärmedämmung aus nachwachsenden Rohstoffen. Solarthermie wird zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung eingesetzt, eine bivalente Wärmepumpe zum Heizen und Kühlen genutzt, die Lüftungsanlage sorgt für hygienische Innenraumluft. Aus Platzgründen und um den alten Baumbestand zu erhalten, wurden Erdwärmekörbe statt einer Tiefenbohrung oder flacher Erdkollektoren verwendet. „Wir würden alles wieder so machen, unsere Zielvorstellungen sind völlig erreicht“, schreibt der Bauherr in der DENA-Effizienzhaus-Datenbank.

Kraftwerk am Hang

Ebenfalls 2011 wurde in Leonberg das Netto-Plusenergiehaus (Architekten Berschneider+Berschneider) fertig gestellt. Als „Schaufenster zur Landschaft“ sehen die Architekten ihren Entwurf, ein technisches Gebilde, das im bewussten Kontrast zur umgebenden Natur steht. Die Höhenlage des Gebäudes verhindert neugierige Blicke von der ebenfalls südlich vorbeiführenden Straße aus. Ungewöhnlich ist hier, dass der per Photovoltaik selbst erzeugte Strom nur teilweise ins Netz eingespeist wird, sondern direkt zum Betrieb der Wärmepumpe, der Lüftungsanlage, der Haushaltsgeräte, der Beleuchtung und zum Aufladen von Elektrofahrzeugen genutzt wird. Die Photovoltaik-Anlage mit 15 Kilowatt-Peak liefert einen jährlichen Überschuss von rund 50 Prozent in Bezug zum gesamten Strombedarf des Gebäudes. Für die Raumheizung und Warmwasserbereitung des in Hanglage nach Süden orientierten Gebäudes sorgt die elektrische Wärmepumpe mit drei vertikalen Erdsonden, für warmes Wasser die Solarthermie-Anlage auf dem Dach. Die Gebäudeleittechnik überwacht die Steuerung von Licht, Temperatur und Sonnenschutz, um einen hohe Energieeffizienz bei exzellentem Raumklima zu erreichen. Das Energiekonzept des „Aktivhauses“ wurde von Prof. Norbert Fisch (EGSplan Stuttgart) entwickelt, dessen Institut für Gebäude- und Solartechnik an der TU Braunschweig das Monitoring und die Betriebsoptimierung durchführt.

Wege zur „2000-Watt-Gesellschaft“

Häuser, die ihre Energie selber erzeugen und dabei Überschüsse produzieren, werden noch lange zu den Ausnahmen im Baugeschehen gehören. Nur durch großes Engagement aller Beteiligten, von Bauherren, Architekten und Fachplanern, durch Einsatz von Forschungs- und Fördermitteln sowie Sponsoren können sich diese Projekte derzeit behaupten.
Während die deutsche Szene derzeit noch stark von privaten und öffentlichen Leuchtturm-Projekten profitiert, gibt es in der Schweiz bereits reguläre Bauprojekte wie die siebengeschossige Wohnanlage Badenerstraße in Zürich (Pool Architekten), mit 54 Zwei- und Dreizimmer-Wohnungen. Ursache ist dort die per Volksentscheid herbeigeführte Verpflichtung der Kommune auf eine künftige „2000-Watt-Gesellschaft“, die in absehbarer Zeit also nur noch ein Drittel des heutigen Pro-Kopf-Energieverbrauchs nutzen soll. Diese Zielvorgabe führt ebenso zu neuen Wegen in der Bau- und Immobilienwirtschaft wie zu einer Freisetzung von gestalterischer und unternehmerischer Phantasie.

Der Entwurf von „4Architekten“ ist als Hofhaus um einen japanisch gestalteten Innenhof gruppiert. Foto © Jens Schnabel
Das Niedrigenergiehaus mit 262 Quadratmeter Wohnfläche entstand 2011 in München-Trudering. Foto © Jens Schnabel
Das Haus ist ein Holzbau mit hinterlüfteter Fassade aus extrudiertem Glasfaserbeton. Foto © Giuseppe Micciché
Die Bewohner verpflichten sich, ihren Energieverbrauch auf 2000 Watt zu beschränken. Foto © Giuseppe Micciché, Zürich
Der sechsgeschossige Holzbau wurde von "pool Architekten" entworfen. Foto © Giuseppe Micciché, Zürich
Lichtaktiv-Haus, entworfen von Prof. Manfred Hegger und Katharina Fey von der TU Darmstadt, Foto © Velux
News & Stories › 2013 › Februar
Labore zum Wohnen
von Thomas Edelmann | 27. Februar 2013
Die Zeit des reinen Häuserverpackens ist vorbei. Architekten, Planer und Forscher erproben neue Formen dauerhaften Bauens. Dabei versuchen sie, das Privathaus in ein Kraftwerk zu verwandeln.

Es sind nicht nur Fortschrittskeptiker oder Hysteriker, die auf Defizite der Umrüstung unserer Häuser unter energetischen Gesichtspunkten hinweisen. Handelt es sich dabei tatsächlich um eine „Sanierung“ (also um Heilung)? Nur wenige Bauten werden durch nachträgliches Dämmen schöner, klarer und besser, als es ihrem ursprünglichen Entwurf entsprach. Die Textur bestehender Bauwerke, ihre Details, Türen, Fensterlaibungen verschwinden hinter einer oftmals fragwürdigen, entstellenden Neuinterpretation. Insbesondere Siedlungsbauten vergangener Jahrzehnte verwandeln sich dabei in architektonische Zombies, die weder der Vergangenheit, noch der Zukunft angehören.

Die Verschlimmbesserung bereits vorhandener Architektur durch Dämmen ist ein Wachstumsmarkt mit bisweilen rätselhaftem Nutzeffekt. Jüngst wurde die erhöhte Brandgefahr von im Grunde schwer entflammbaren Polystyrol-Dämmplatten kontrovers diskutiert. Vermehrte Algenbildung auf gedämmten Außenwänden und Schimmel in verpackten Häusern ist als Problem seit langem bekannt. Notorisch sind Spechte als Neunutzer sanierter Fassaden. Sie nisten sich gern in dicken Kunststoff-Schichten ein. Der hohle Klang der Vorwand-Dämmung erinnert sie an den Sound morscher Bäume. Die Reparatur beschädigter Dämmfassaden ist nicht ohne, weil die Tiere gern an zuvor genutzte Brutorte zurückkehren.

Was also nützt, was schadet? Die Deutsche Energie-Agentur (DENA), eine der zahlreichen öffentlich-privaten Unternehmen, die sich Energieeffizienz auf die Fahnen schreibt, erklärt dies zu „Mythen der energetischen Sanierung“. In Wahrheit ist die Materie höchst komplex, schon weil in jedem Einzelfall die Bauphysik im Spiel ist, die längst nicht jeder Planer aber kaum ein Bauherr im Detail durchschaut. Kaum umstritten ist: In privaten Haushalten hat das Heizen und Kühlen einen maßgeblichen Anteil am Primärenergieverbrauch, am CO2-Ausstoß wie an den laufenden Kosten. Doch wie bekommt man am besten alle drei Posten in den Griff? Wie konzipiert man ästhetisch wie wirtschaftlich angemessene Lösungen?

Versuche, Fakten zu klären

Einsparungen, die auf veränderte Materialien und neue Technik im Bauwesen zurückgehen, beruhen oft auf rechnerischen Annahmen. Werte, die auf einzelne Bauteile und Komponenten zutreffen, können sich im Zusammenspiel in einem konkreten Gebäude und mit den Gewohnheiten seiner Nutzer unterschiedlich auswirken. Eine Reihe neuer Versuchsprojekte soll nun die tatsächliche Wirksamkeit unterschiedlicher Ansätze demonstrieren und anhand gemessener, nicht errechneter Werte vergleichbar machen.

Das Lichtaktiv-Haus

Die „Siedlerhäuser“ im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg entstanden in den 1950er Jahren. Es sind Eigenheime, allerdings ohne Keller und mit den einfachen Mitteln der Nachkriegszeit errichtet. Sie boten ihren Nutzern neben Wohnraum auch Möglichkeiten, im Garten Gemüse anzubauen und in einem angrenzenden Stall Kleintierzucht zu betreiben. Die Bauten entsprechen nicht nur in puncto Wärmeverlust, sondern vor allem was Raumaufteilung und Komfort angeht, nicht mehr aktuellen Anforderungen. Ein geradezu ideales Objekt für einen Experimentalbau im Bestand. Begleitet wird das Forschungsprojekt „Lichtaktiv-Haus“, das hier realisiert wurde, vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung, es wird vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik und anderen Institutionen gefördert. Der Fensterhersteller Velux erwarb eine Doppelhaushälfte und nahm das Projekt in seine Reihe europäischer Experimentalbauten auf, die unter dem Motto „Model Home 2020“ entstanden.

Für den Komplett-Umbau im Rahmen eines Demonstrationsprojekts wurden hohe Ziele gesetzt – unter anderem auch die Verwendung umweltschonender Baustoffe und CO2-Neutralität. Der Entwurf stammt von Manfred Hegger und Katharina Fey von der TU Darmstadt. Der Hauptbau wurde komplett entkernt und maßvoll gedämmt. Die kleinteiligen dunklen Räume verschwanden. Eine großzügige Tageslichtplanung (Peter Andres, Hamburg) ermöglicht es nun, selbst während der trüben Hamburger Winter, tagsüber weitgehend auf künstliche Beleuchtung zu verzichten. Der Stall-Anbau wurde abgerissen. An seine Stelle trat ein gut gedämmter, lang gestreckter eingeschossiger Erweiterungsriegel (eine Holzrahmenkonstruktion) mit Dachneigung nach Süden. Er nimmt die gesamte Haustechnik auf, bietet auf dem Dach Platz für Solarthermie und Photovoltaik und darunter einen großzügigen und offenen Wohn- und Küchenraum. Aus der einstigen Idee der Selbstversorgung mit Lebensmitteln entstand die neue Möglichkeit, den Energiebedarf eines Hauses weitgehend selbst zu erzeugen.

Obwohl private Bauherren wohl kaum so viele und sorgfältig umgesetzte Maßnahmen für einen vergleichsweise bescheidenen Bau mit 132 Quadratmeter beheizter Grundfläche finanzieren könnten, folgt das Projekt einigen realistischen Grundannahmen. Statt eines aufwendigen Wärmerückgewinnungssystems, setzen die Planer auf die automatische Steuerung der Fenster, die für raschen Luftaustausch sorgen. Die integrierte Luft-Wasser-Wärmepumpe mit Solarunterstützung liefert das ganze Jahr über Wärme für Heizung und Warmwasser. Solare Energiegewinne sorgen dafür, dass der geringe Bedarf an Restenergie durch regenerative Energien kompensiert werden kann.
Das Projekt ist Teil der Bauausstellung IBA 2013 und wird für zwei Jahre von einer vierköpfigen Testfamilie bewohnt, die regelmäßig über ihre Aktivitäten und Erfahrungen mit dem „Lichtaktiv-Haus“ bloggt. Zudem werden Energie- und Heizungs-Verbrauch dokumentiert, von den wissenschaftlichen Partnern des Projektes analysiert und veröffentlicht.

Dortmunder Stadthäuser

Im Dortmunder Ortsteil Wambel nahe der Galopprennbahn entsteht derzeit ein weiteres Versuchsprojekt: Die „Dortmunder Stadthäuser“. Die drei Reihenhaus-Giebelbauten inmitten einer wenig spektakulären Wohnsiedlung mit Zeilenbauten der 1950er Jahre, sollen im Frühjahr fertig gestellt sein. Der Bauherr, die Dortmunder Gesellschaft für Wohnen (Dogewo), konnte sie bereits vermieten.

In den „10 Grundsätzen zur Stadtbaukunst heute“, die das Deutschen Institut für Stadtbaukunst an der TU-Dortmund unter Leitung von Christoph Mäckler 2010 veröffentliche, heißt es, Nachhaltigkeit der städtischen Umwelt entstehe durch „umfassende und solide Dauerhaftigkeit und Urbanität“. Notwendige Maßnahmen zur Energieeinsparung dürften nicht auf „ölbasierte Wärmedämmverpackungen“ und solitäre Energiehäuser beschränkt werden, denn daraus resultierten zusätzliche Umweltprobleme.

Christoph Mäckler hat mit seinen Mitstreitern, dem Architekten Martin Cors aus Dortmund und der Architektin Imke Woelk aus Berlin, die Forschungsbauten konzipiert und entworfen. Langfristiges Ziel ist das „dauerhafte energiesparende Bauen“. Als Element der ästhetischen Nachhaltigkeit sollen Forschungs-Reihenhäuser „dauerhafte Wiedererkennbarkeit und Wertschätzung“ ermöglichen. Im Zentrum des Projekts steht der Vergleich unterschiedlicher Bauweisen und Materialien bei Dachkonstruktion und Wandaufbau der drei Häuser, wissenschaftlich begleitet durch Messungen über mehrere Heizperioden.

Vergleichsbauten für solide Dauerhaftigkeit

Drei unterschiedliche Poroton-Ziegel werden verbaut, im ersten Haus ein massiver Ziegel, gefüllt mit mineralischem Perlit, der die Dämmung gleichsam in den Baustein verlegt. Im zweiten Haus werden beidseitig plan geschliffene Ziegel verwendet, um die Lagerfugen – und damit Wärmeverluste – zwischen den Steinen zu minimieren. Im dritten Haus wird die dünnere Ziegelwandstärke mit einem Wärmedämmverbundsystem ergänzt. Dabei soll die These überprüft werden, dass Wandaufbauten aus dauerhaften Materialen den heute üblichen Isolierschichten und Wärmedämmputz-Systemen ökologisch überlegen seien. Die Daten werden über ein BUS-System erfasst, das von den Bewohnern auch zur Haussteuerung genutzt werden kann. Für die Energieversorgung der drei Bauten wurde eine Mikro-Kraft-Wärme-Kopplungsanlage in ein gemeinsames Technikgebäude eingebaut; jedes der 115 bis 120 Quadratmeter Wohnfläche umfassenden Häuser hat zudem einen eigenen Kaminofen.

Niedrigenergiehaus in München-Trudering

Kein Modellprojekt, sondern ein anspruchsvolles Niedrigenergiehaus mit zwei Geschossen und 262 QuadratmeterWohnfläche entstand 2011 als Holzständerbau in München-Trudering. Der Entwurf von „4Architekten“ aus München (Agnes Förster, Susanna Knopp, Jan Kurz und Markus Wassmer) ist als Hofhaus um einen japanisch gestalteten Innenhof gruppiert. Ein großes Wohnzimmer, um zwei Stufen abgesenkt, orientiert sich zum Hausgarten an der Gebäuderückseite. Die vierzig Zentimeter starke Wand aus Holzfachwerk hat eine 22 Zentimeter starke Wärmedämmung aus nachwachsenden Rohstoffen. Solarthermie wird zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung eingesetzt, eine bivalente Wärmepumpe zum Heizen und Kühlen genutzt, die Lüftungsanlage sorgt für hygienische Innenraumluft. Aus Platzgründen und um den alten Baumbestand zu erhalten, wurden Erdwärmekörbe statt einer Tiefenbohrung oder flacher Erdkollektoren verwendet. „Wir würden alles wieder so machen, unsere Zielvorstellungen sind völlig erreicht“, schreibt der Bauherr in der DENA-Effizienzhaus-Datenbank.

Kraftwerk am Hang

Ebenfalls 2011 wurde in Leonberg das Netto-Plusenergiehaus (Architekten Berschneider+Berschneider) fertig gestellt. Als „Schaufenster zur Landschaft“ sehen die Architekten ihren Entwurf, ein technisches Gebilde, das im bewussten Kontrast zur umgebenden Natur steht. Die Höhenlage des Gebäudes verhindert neugierige Blicke von der ebenfalls südlich vorbeiführenden Straße aus. Ungewöhnlich ist hier, dass der per Photovoltaik selbst erzeugte Strom nur teilweise ins Netz eingespeist wird, sondern direkt zum Betrieb der Wärmepumpe, der Lüftungsanlage, der Haushaltsgeräte, der Beleuchtung und zum Aufladen von Elektrofahrzeugen genutzt wird. Die Photovoltaik-Anlage mit 15 Kilowatt-Peak liefert einen jährlichen Überschuss von rund 50 Prozent in Bezug zum gesamten Strombedarf des Gebäudes. Für die Raumheizung und Warmwasserbereitung des in Hanglage nach Süden orientierten Gebäudes sorgt die elektrische Wärmepumpe mit drei vertikalen Erdsonden, für warmes Wasser die Solarthermie-Anlage auf dem Dach. Die Gebäudeleittechnik überwacht die Steuerung von Licht, Temperatur und Sonnenschutz, um einen hohe Energieeffizienz bei exzellentem Raumklima zu erreichen. Das Energiekonzept des „Aktivhauses“ wurde von Prof. Norbert Fisch (EGSplan Stuttgart) entwickelt, dessen Institut für Gebäude- und Solartechnik an der TU Braunschweig das Monitoring und die Betriebsoptimierung durchführt.

Wege zur „2000-Watt-Gesellschaft“

Häuser, die ihre Energie selber erzeugen und dabei Überschüsse produzieren, werden noch lange zu den Ausnahmen im Baugeschehen gehören. Nur durch großes Engagement aller Beteiligten, von Bauherren, Architekten und Fachplanern, durch Einsatz von Forschungs- und Fördermitteln sowie Sponsoren können sich diese Projekte derzeit behaupten.
Während die deutsche Szene derzeit noch stark von privaten und öffentlichen Leuchtturm-Projekten profitiert, gibt es in der Schweiz bereits reguläre Bauprojekte wie die siebengeschossige Wohnanlage Badenerstraße in Zürich (Pool Architekten), mit 54 Zwei- und Dreizimmer-Wohnungen. Ursache ist dort die per Volksentscheid herbeigeführte Verpflichtung der Kommune auf eine künftige „2000-Watt-Gesellschaft“, die in absehbarer Zeit also nur noch ein Drittel des heutigen Pro-Kopf-Energieverbrauchs nutzen soll. Diese Zielvorgabe führt ebenso zu neuen Wegen in der Bau- und Immobilienwirtschaft wie zu einer Freisetzung von gestalterischer und unternehmerischer Phantasie.