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Keiner kann hinein, höchstens hinauf. Wer sie gemacht hat, wissen wir nicht, diese temporären Kathedralen bäuerlicher Vorratswirtschaft. Ist der Zyklus aus Saat, Wachstum und Ernte im Spätsommer an sein vorläufiges Ende gekommen, werden sie aufgeschichtet aus dem Stroh, das übrigbleibt. Bis die Winterlager abgetragen, das Stroh aufgebraucht ist – und der Kreislauf von neuem beginnt.

Der Künstler, so er sein Metier versteht wie der Bildhauer Claus Bury, ist stets auch ein aufmerksam Wahrnehmender. Seit 1984 – und in den letzten Jahren mit gesteigerter Intensität – widmet er sich den temporären Gebilden, die Bauern auf der ganzen Welt aus Stroh aufschichten. Aus ganz praktischen Gründen, aber eben auch mit einem gewissen Hang oder Willen zur Form und sicherem Gespür für Stabilität. „Bauernarchitektur“ nennt Bury die verschiedenen Stapel und Schober. Schon die Fotografie auf dem Titelblatt des Bandes, die Bury 2009 nahe des spanischen La Joyosa aufgenommen hat, belegt, wie recht er damit hat, denn sie zeigt gleich mehrere, bis zu sechs Stockwerte hohe, in leicht getreppter Bauweise sich erhebende Gebäuderiegel.

Als besäße das Bauen aus Stroh eine eigene Geschichte und ein von Planung, Material und Statik bedingtes Repertoire, unterteilt Bury seine Aufnahmen von in sechs Kapitel: Aufbau (Composition), Frühform (Archetype), Architektur (Architecture), Überdachung (Roofing), Struktur (Structure) und Verfall (Decay). Die Vielfalt der Formen und der Methoden den Sichtens und Bauens ist überraschend. Es gibt einfache, kleine Einheiten aus Garbenbündeln, die von einem Strohbinder zusammengehalten werden und zu dreien gegeneinander gelehnt sind, aber auch monumentale Bauten. Mal wird das Stroh Garbe für Garbe von Hand aufgesetzt, mal ein Quader oder eine Pyramide aus maschinell hergestellten Ballen, Bündeln oder Quadern geformt. In Kambodscha sind es fein säuberlich aufgeschichtete Reisschober, die Bury fotografiert hat. In Europa und besonders im Hessischen, wo Bury wohnt, erscheinen die standardisierten Ballen mal gleichmäßig übereinander geschichtet, mal ausfransend oder, im Wechsel der Kurz- und Langseiten, fast ornamental. Stärker von einem ökonomischen Verwertungswillen geprägt sind sogenannte Strohhallen, einfache Dachkonstruktionen, unter denen die Ballen Schutz finden. Dann und wann wachsen auch kleine Türme aus Strohrollen in den Himmel.

Voller Neugier erkundet Bury auf ausgedehnten Reisen mit der Kamera in unterschiedlichen Kulturkreisen die Arten des Schichtens ebenso wie die Verschiedenheit der „Gebäude“, die daraus entstehen. Bis, was zu einem Vorrat aufgeschichtet wurde, Bündel für Bündel oder Ballen für Ballen wieder abgetragen wird – und die Form zerfällt.

Ein wenig erinnern Burys Schwarzweiß-Aufnahmen an die Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher, auch wenn Bury weniger an einer Typologie interessiert ist als daran, das Verhältnis von Form und Raum, Bau und Landschaft zu erforschen. Er wäre nicht Bildhauer, beschäftigten ihn an den vergänglichen Bauten nicht die grundlegenden plastischen Verhältnisse des Hinzufügens und Wegnehmens, des Lehnens und Sichtens, Stützens und Liegens. Florian Hufnagl, der Direktor der Neuen Sammlung in München, der Claus Bury schon gekannt hat, als dieser noch Schmuckkünstler war, sagt es in seinem Vorwort so: „Mit den Aufnahmen der Bauernarchitekturen wird der Künstler zum Beobachter, zum Seismografen des menschlichen Gestaltungswillens. Es gibt kaum einen schöneren Beleg für die dem Menschen innewohnende Kraft zur Gestaltung als jene Bauernarchitekturen über Länder und Kontinente hinweg. Dass sie immer neu, immer anders und in Vielfalt entstehen, zeugt nicht zuletzt von der ursprünglichen Erfindungsgabe der Menschen und ihrer Auseinandersetzung mit der sie umgebenden, aber eben auch prägenden Landschaft.“

Claus Bury
Bauernarchitektur /Farmers' Architecture
Hg. Florian Hufnagl, Die Neue Sammlung - The International Design Museum Munich
Mit einem Text von Ulrich Schneider
144 Seiten mit 110 s/w Abb., geb.
deutsch/englisch
EUR 38,00
Landbaukunst
von Thomas Wagner
5. Februar 2013
Alle Fotografien aus dem Buch „Bauernarchitektur" © Claus Bury und Wienand Verlag, Köln
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News & Stories › 2013 › Februar
Landbaukunst
von Thomas Wagner | 5. Februar 2013
Der Bildhauer Claus Bury hat über viele Jahre anonyme Architekturen aus Stroh fotografiert. Nun sind seine Aufnahmen dieser „Bauernarchitektur“ in einem Bildband zu bestaunen.
Keiner kann hinein, höchstens hinauf. Wer sie gemacht hat, wissen wir nicht, diese temporären Kathedralen bäuerlicher Vorratswirtschaft. Ist der Zyklus aus Saat, Wachstum und Ernte im Spätsommer an sein vorläufiges Ende gekommen, werden sie aufgeschichtet aus dem Stroh, das übrigbleibt. Bis die Winterlager abgetragen, das Stroh aufgebraucht ist – und der Kreislauf von neuem beginnt.

Der Künstler, so er sein Metier versteht wie der Bildhauer Claus Bury, ist stets auch ein aufmerksam Wahrnehmender. Seit 1984 – und in den letzten Jahren mit gesteigerter Intensität – widmet er sich den temporären Gebilden, die Bauern auf der ganzen Welt aus Stroh aufschichten. Aus ganz praktischen Gründen, aber eben auch mit einem gewissen Hang oder Willen zur Form und sicherem Gespür für Stabilität. „Bauernarchitektur“ nennt Bury die verschiedenen Stapel und Schober. Schon die Fotografie auf dem Titelblatt des Bandes, die Bury 2009 nahe des spanischen La Joyosa aufgenommen hat, belegt, wie recht er damit hat, denn sie zeigt gleich mehrere, bis zu sechs Stockwerte hohe, in leicht getreppter Bauweise sich erhebende Gebäuderiegel.

Als besäße das Bauen aus Stroh eine eigene Geschichte und ein von Planung, Material und Statik bedingtes Repertoire, unterteilt Bury seine Aufnahmen von in sechs Kapitel: Aufbau (Composition), Frühform (Archetype), Architektur (Architecture), Überdachung (Roofing), Struktur (Structure) und Verfall (Decay). Die Vielfalt der Formen und der Methoden den Sichtens und Bauens ist überraschend. Es gibt einfache, kleine Einheiten aus Garbenbündeln, die von einem Strohbinder zusammengehalten werden und zu dreien gegeneinander gelehnt sind, aber auch monumentale Bauten. Mal wird das Stroh Garbe für Garbe von Hand aufgesetzt, mal ein Quader oder eine Pyramide aus maschinell hergestellten Ballen, Bündeln oder Quadern geformt. In Kambodscha sind es fein säuberlich aufgeschichtete Reisschober, die Bury fotografiert hat. In Europa und besonders im Hessischen, wo Bury wohnt, erscheinen die standardisierten Ballen mal gleichmäßig übereinander geschichtet, mal ausfransend oder, im Wechsel der Kurz- und Langseiten, fast ornamental. Stärker von einem ökonomischen Verwertungswillen geprägt sind sogenannte Strohhallen, einfache Dachkonstruktionen, unter denen die Ballen Schutz finden. Dann und wann wachsen auch kleine Türme aus Strohrollen in den Himmel.

Voller Neugier erkundet Bury auf ausgedehnten Reisen mit der Kamera in unterschiedlichen Kulturkreisen die Arten des Schichtens ebenso wie die Verschiedenheit der „Gebäude“, die daraus entstehen. Bis, was zu einem Vorrat aufgeschichtet wurde, Bündel für Bündel oder Ballen für Ballen wieder abgetragen wird – und die Form zerfällt.

Ein wenig erinnern Burys Schwarzweiß-Aufnahmen an die Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher, auch wenn Bury weniger an einer Typologie interessiert ist als daran, das Verhältnis von Form und Raum, Bau und Landschaft zu erforschen. Er wäre nicht Bildhauer, beschäftigten ihn an den vergänglichen Bauten nicht die grundlegenden plastischen Verhältnisse des Hinzufügens und Wegnehmens, des Lehnens und Sichtens, Stützens und Liegens. Florian Hufnagl, der Direktor der Neuen Sammlung in München, der Claus Bury schon gekannt hat, als dieser noch Schmuckkünstler war, sagt es in seinem Vorwort so: „Mit den Aufnahmen der Bauernarchitekturen wird der Künstler zum Beobachter, zum Seismografen des menschlichen Gestaltungswillens. Es gibt kaum einen schöneren Beleg für die dem Menschen innewohnende Kraft zur Gestaltung als jene Bauernarchitekturen über Länder und Kontinente hinweg. Dass sie immer neu, immer anders und in Vielfalt entstehen, zeugt nicht zuletzt von der ursprünglichen Erfindungsgabe der Menschen und ihrer Auseinandersetzung mit der sie umgebenden, aber eben auch prägenden Landschaft.“

Claus Bury
Bauernarchitektur /Farmers' Architecture
Hg. Florian Hufnagl, Die Neue Sammlung - The International Design Museum Munich
Mit einem Text von Ulrich Schneider
144 Seiten mit 110 s/w Abb., geb.
deutsch/englisch
EUR 38,00