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Am 16. Mai 2014 wurden die beiden im Krieg zerstörten Meisterhäuser von Bauhaus-Direktor Walter Gropius (im Bild) sowie von Lázló Moholy-Nagy, die nach Plänen von Bruno Fioretti Marquez Architekten neu interpretiert wurden, feierlich eröffnet. Foto © Christoph Rokitta
Meisterhäuser, Geisterhäuser
von Franziska Eidner
19. Mai 2014
Von einer „Versonntäglichung des Alltags“ hat Bundespräsident Joachim Gauck zum Auftakt der Eröffnung der Meisterhäuser in Dessau gesprochen. Gemeint hat er damit den Anspruch des Bauhauses, das Ästhetische mit dem Funktionalen zu verbinden und als „praktische Schönheit“ für die Massen zu demokratisieren. Das hat Gauck freitags beim Festakt gesagt, bei strahlendem Sonnenschein. Die Menschen hatten sich schön gemacht, die Eröffnungsgäste waren gar aus Chicago und Haifa angereist, und die neuen Meisterhäuser schienen in diesem Moment tatsächlich Sonntagsarchitekturen zu sein, die in den Alltag der schrumpfenden Montagsstadt Dessau-Roßlau ein wenig vom Glanz der großen, weiten Welt bringen.

Zwei Tage zuvor, am Mittwoch, als Journalisten die Häuser erstmals besichtigen durften, war der Himmel grau und Sonntagsgefühle kamen kaum auf. Vielmehr war da zunächst Ernüchterung, erblickte man doch zu allererst: eine Mauer, auch das Bauhausarchitektur, aber so ganz ohne Sonntag. Auch die Mauer war im Zuge der 2010 begonnenen und nun beendeten „städtebaulichen Reparatur“ der Meisterhaussiedlung wieder errichtet worden. In der jahrelangen Debatte um die Rekonstruktion des von Walter Gropius entworfenen und 1926 erbauten Ensembles hatte sie bislang keine Rolle gespielt.

Raus aus der Sackgasse

Nachdem zwischen 1992 und 2000 bereits die Häuser der Bauhausmeister Feininger, Kandinsky/Klee und Schlemmer/Muche sukzessive saniert und teilweise rekonstruiert worden waren, hat man besonders lange und erbittert über das Direktorenhaus und die Doppelhaushälfte, die einst der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy bewohnte, gestritten. Beide Gebäude wurden 1945 durch Bombenangriffe zerstört, anstelle des Hauses Gropius stand seit den 1950ern auf dem verbliebenen Kellergeschoss ein Einfamilienhaus mit schnödem Satteldach, das Haus Emmer. Die Mauer – einst von Gropius an der Spitze der Siedlung zur Abschirmung seiner Villa errichtet – hatte den Krieg überdauert und wurde erst Ende der 1960er zusammen mit der Trinkhalle, die Mies van der Rohe 1932 entworfen hatte, abgerissen. Im Fokus der sich seit 2007 zuspitzenden öffentlichen Diskussion stand aber vor allem die Frage: Haus Emmer abreißen oder erhalten, Gropius- und Moholy-Nagy-Haus wieder aufbauen oder etwas radikal Neues dagegen setzen?

Das Konzept der „präzisen Unschärfe“, mit dem das Meisterhausensemble nun repariert und zeitgenössisch interpretiert wurde und das die Berliner Architekten Bruno Fioretti Marquez (BFM) 2010 im Rahmen eines Wettbewerbs entwickelt hatten, bot einen Ausweg aus der Rekonstruktionssackgasse.

Rum um die Mauer

Wer nun die Realisierung der verheißungsvollen Idee von BFM Architekten einer schemenhaften an das Alte erinnernden und damit zugleich klar dem Neuen zugewandten Architektur begutachten möchte, kommt allerdings auch an der Mauer nicht vorbei. 200 mal 2 Meter Beton – Anlass zahlreicher Unmutsbekundungen der Dessauer, die sich des freien Blicks auf das Kiefernwäldchen und das Meisterhaus-Ensemble beraubt sehen. Aber auch die Mauer steht für das Wirken und den Geist Gropius’ und verweist so auf die „Janusköpfigkeit der Moderne“ und nur mit ihr und der Trinkhalle ist die Siedlung tatsächlich komplett. So hatten die Denkmalpfleger argumentiert, die Stiftung Bauhaus und die Stadt Dessau-Roßlau, deren Oberbürgermeister in den letzten Jahren auf vierzehn Einwohnerversammlungen die Mauer verteidigen musste.

Vor der Mauer fällt es allerdings schwer, die eigene intellektuelle Befürwortung in eine emotionale zu überführen – zu dominant ist zunächst der Eindruck des Trennwalls, der die Ablehnung des Dahinterliegenden geradezu herauszufordern scheint. Sonntagsgefühle wollen beim Gang entlang der Mauer so gar nicht aufkommen. Andererseits lässt sich die Begrenzung auch als räumlicher Spannungsbogen lesen – ihr Endpunkt als dramaturgischer Höhepunkt: Auftritt Direktorenvilla und Haus Moholy-Nagy.

Meisterhaus, außen

Wie eine Fata Morgana tauchen sie auf. Phantombauten, Geisterhäuser – die Vokabeln im Kopf schwirren umher, werden als unzulänglich verworfen, nicht treffend für das, was der Blick erfasst, und kaum erklärend, warum sich immer mehr ein Gefühl emotionaler Ergriffenheit einstellt. Das Modell- und Skizzenhafte, das dem Konzept der Architekten zugrunde liegt, ist tatsächlich im gebauten Zustand allgegenwärtig und ­– das ist das eigentlich Erstaunliche – auf eine berührende, fast poetische Art und Weise spürbar. Als hätte jemand die Häuser von Gropius und Moholy-Nagy geträumt.

Da ist die massive Hülle aus Dämmbeton, monolithischer Abguss des einst Vorhandenen. Da sind die schwarz umrandeten, rahmenlosen Fensteröffnungen, grob in die Fassade geschnitten. Eingelassene Senkgläser, durch ein spezielles Verfahren mit einem grauen Schleier überzogen, lassen die Fenster wie mit Pergamentpapier überzogen wirken. Sind die echt? Von der Ferne erscheint es bei bestimmten Lichtverhältnissen, als seien die Öffnungen nur aufgemalt.

Im Inneren: das Neue

Im Inneren verliert sich der Eindruck des Schemenhaften vollständig. Die Architekten haben „die DNA der beiden Häuser seziert“, wie Donatella Fioretti von BFM beim Rundgang erklärt, und jeweils aus dem ursprünglichen Raumgefüge eine Skulptur entwickelt. Wände und Decken wurden reduziert, Geschosse verbunden – die einstigen Grundrisse lassen sich aus dem verbliebenen Torso, der als raumgreifende Holzkonstruktion den Kern der Häuser definiert, kaum noch nachvollziehen. Dafür entsteht der Eindruck eines Haus-im-Haus, wenn etwa durch die Einschnitte im Moholy-Nagy-Haus die einstige Küche als Balkon fungiert, der in das drei Geschosse umfassende Raumvolumen ragt.

Momentan sind die Räume noch leer. In den nächsten Monaten wird das Direktorenhaus im Inneren zum Besucherinformationszentrum aufgerüstet, das Moholy-Nagy-Haus zukünftig von der Kurt-Weill-Gesellschaft, bereits im benachbarten Feininger-Haus ansässig, als Veranstaltungsraum genutzt. Dass es der Stiftung Bauhaus gelingt, die Räumlichkeiten dann noch als Gesamtkunstwerk lesbar und erlebbar zu machen, wäre wünschenswert und stellt zweifellos eine Herausforderung dar. Insbesondere die Wandarbeit „Le Pigment de la Lumière“ von Olaf Nicolai, bei der er sich von László Moholy-Nagys Schriften zur Wirkung und Pigmentierung des Lichts hat inspirieren lassen, bedarf des zweiten und dritten Blicks, um seine Wirkung zu entfalten. Nicolai hat die Holzkonstruktion von BFM mit einem sehr feinen, monochromen Oberflächenrelief überzogen. In vier unterschiedlichen Stärken wurde Putz aus weißem Marmormehl fugenlos zu geometrischen Flächen angeordnet, die je nach Lichteinfall die Illusion von Raumfaltungen erzeugen. Das ist an manchen Stellen so subtil, dass um ein Haar einer der Handwerker im Endspurt der Bauarbeiten kurz vor Eröffnung den Putz überstrichen hätte. Das ist aber auch so präzise auf Architektur und Licht abgestimmt, dass man die Räume immer wieder neu entdeckt.

Als die Häuser nach dem Festakt für den Publikumsverkehr geöffnet werden, ist der Andrang groß: Es staut sich in den engen Treppenhäusern, die Räume sind erfüllt von vielfachem Staunen. Man ist geneigt zu glauben, dass die neue Direktorenvilla und das Haus Moholy-Nagy nicht nur den Dessauer Alltag dauerhaft versonntäglichen könnten. Mit Projekten des Bauhauses wie einer „Haushaltsmesse des 21. Jahrhunderts“, die im nächsten Jahr im Gropiushaus, das zu seiner Entstehungszeit als einer der modernsten Haushalte galt, geplant ist, soll das nun nicht nur auf architektonischer, sondern auch auf der programmatischen Ebene gelingen.




Die Meisterhäuser Dessau
Ebertallee 69/71
06846 Dessau-Rosslau
Öffnungszeiten: Ab 19. Mai sind alle Meisterhäuser von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Ausstellungen: Bis zum 7. September wird im Bauhausgebäude die absolut sehenswerte Ausstellung „Dessau 1945 – Moderne zerstört“, die die Vertreibung der Bauhäusler und Nutzungsgeschichte der Meisterhäuser während des Nationalsozialismus thematisiert und bislang unbekannte Fotografien von Henri Cartier-Bresson zeigt.

www.bauhaus-dessau.de
www.meisterhaeuser.de


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Bauhäusler mit aufgespießtem Herz: Die Ausstellung „Herbert Bayer: Berliner Jahre – Werbegrafik 1928 - 1938“ im Bauhaus-Archiv Berlin.
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Das Bauhaus ist blau: Wir sind in Tel Aviv, auf den Spuren des größten zusammenhängenden Ensembles an Bauwerken im frühen Internationalen Stil.
(4. August 2009)
Das Modell- und Skizzenhafte des Entwurfskonzeptes von BFM ist im gebauten Zustand allgegenwärtig: Innenansicht Haus Gropius. Foto © Sebastian Gündel, 2014, Stiftung Bauhaus Dessau
Das Meisterhaus Moholy-Nagy, entworfen von Bruno Fioretti Marquez Architekten. Foto © Christoph Rokitta
Haus-im-Haus bei Moholy-Nagy: Die einstige Küche fungierte gleichzeitig als interner Balkon. Foto © Christoph Rokitta
Wie mit Pergamentpapier überzogen: die rahmenlosen Senkgläser, grob in die Fassade geschnitten.
Foto © Heidi Specker, 2014, Stiftung Bauhaus Dessau
Die 200 Meter lange Mauer gehört zum Ensemble der beiden wiedererrichteten Meisterhäuser. Foto © Franziska Eidner
Anstelle des Hauses Gropius stand seit den 1950ern auf dem Kellergeschoss das Haus Emmer. Foto © Franziska Eidner
Versonntäglichung inklusive: Besucher bei der Eröffnung. Foto © Franziska Eidner
Meisterhäuser Dessau, Doppelhaus Klee/Kandinsky, Ansicht von Nordwest (Straßenseite), 1927. Foto © Lucia Moholy, Bauhaus-Archiv Berlin / (c) VG BILDKUNST Bonn 2014
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News & Stories › 2014 › Mai
Meisterhäuser, Geisterhäuser
von Franziska Eidner | 19. Mai 2014
Mit dem Direktorenhaus und dem Haus Moholy-Nagy ist die Meisterhaussiedlung von Gropius in Dessau wieder komplett – inklusive einer Mauer und der Trinkhalle von Mies van der Rohe. Reparatur, Rekonstruktion oder radikale Neuinterpretation, Geisterhaussiedlung oder Gesamtkunstwerk, Experiment oder Ärgernis?
Von einer „Versonntäglichung des Alltags“ hat Bundespräsident Joachim Gauck zum Auftakt der Eröffnung der Meisterhäuser in Dessau gesprochen. Gemeint hat er damit den Anspruch des Bauhauses, das Ästhetische mit dem Funktionalen zu verbinden und als „praktische Schönheit“ für die Massen zu demokratisieren. Das hat Gauck freitags beim Festakt gesagt, bei strahlendem Sonnenschein. Die Menschen hatten sich schön gemacht, die Eröffnungsgäste waren gar aus Chicago und Haifa angereist, und die neuen Meisterhäuser schienen in diesem Moment tatsächlich Sonntagsarchitekturen zu sein, die in den Alltag der schrumpfenden Montagsstadt Dessau-Roßlau ein wenig vom Glanz der großen, weiten Welt bringen.

Zwei Tage zuvor, am Mittwoch, als Journalisten die Häuser erstmals besichtigen durften, war der Himmel grau und Sonntagsgefühle kamen kaum auf. Vielmehr war da zunächst Ernüchterung, erblickte man doch zu allererst: eine Mauer, auch das Bauhausarchitektur, aber so ganz ohne Sonntag. Auch die Mauer war im Zuge der 2010 begonnenen und nun beendeten „städtebaulichen Reparatur“ der Meisterhaussiedlung wieder errichtet worden. In der jahrelangen Debatte um die Rekonstruktion des von Walter Gropius entworfenen und 1926 erbauten Ensembles hatte sie bislang keine Rolle gespielt.

Raus aus der Sackgasse

Nachdem zwischen 1992 und 2000 bereits die Häuser der Bauhausmeister Feininger, Kandinsky/Klee und Schlemmer/Muche sukzessive saniert und teilweise rekonstruiert worden waren, hat man besonders lange und erbittert über das Direktorenhaus und die Doppelhaushälfte, die einst der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy bewohnte, gestritten. Beide Gebäude wurden 1945 durch Bombenangriffe zerstört, anstelle des Hauses Gropius stand seit den 1950ern auf dem verbliebenen Kellergeschoss ein Einfamilienhaus mit schnödem Satteldach, das Haus Emmer. Die Mauer – einst von Gropius an der Spitze der Siedlung zur Abschirmung seiner Villa errichtet – hatte den Krieg überdauert und wurde erst Ende der 1960er zusammen mit der Trinkhalle, die Mies van der Rohe 1932 entworfen hatte, abgerissen. Im Fokus der sich seit 2007 zuspitzenden öffentlichen Diskussion stand aber vor allem die Frage: Haus Emmer abreißen oder erhalten, Gropius- und Moholy-Nagy-Haus wieder aufbauen oder etwas radikal Neues dagegen setzen?

Das Konzept der „präzisen Unschärfe“, mit dem das Meisterhausensemble nun repariert und zeitgenössisch interpretiert wurde und das die Berliner Architekten Bruno Fioretti Marquez (BFM) 2010 im Rahmen eines Wettbewerbs entwickelt hatten, bot einen Ausweg aus der Rekonstruktionssackgasse.

Rum um die Mauer

Wer nun die Realisierung der verheißungsvollen Idee von BFM Architekten einer schemenhaften an das Alte erinnernden und damit zugleich klar dem Neuen zugewandten Architektur begutachten möchte, kommt allerdings auch an der Mauer nicht vorbei. 200 mal 2 Meter Beton – Anlass zahlreicher Unmutsbekundungen der Dessauer, die sich des freien Blicks auf das Kiefernwäldchen und das Meisterhaus-Ensemble beraubt sehen. Aber auch die Mauer steht für das Wirken und den Geist Gropius’ und verweist so auf die „Janusköpfigkeit der Moderne“ und nur mit ihr und der Trinkhalle ist die Siedlung tatsächlich komplett. So hatten die Denkmalpfleger argumentiert, die Stiftung Bauhaus und die Stadt Dessau-Roßlau, deren Oberbürgermeister in den letzten Jahren auf vierzehn Einwohnerversammlungen die Mauer verteidigen musste.

Vor der Mauer fällt es allerdings schwer, die eigene intellektuelle Befürwortung in eine emotionale zu überführen – zu dominant ist zunächst der Eindruck des Trennwalls, der die Ablehnung des Dahinterliegenden geradezu herauszufordern scheint. Sonntagsgefühle wollen beim Gang entlang der Mauer so gar nicht aufkommen. Andererseits lässt sich die Begrenzung auch als räumlicher Spannungsbogen lesen – ihr Endpunkt als dramaturgischer Höhepunkt: Auftritt Direktorenvilla und Haus Moholy-Nagy.

Meisterhaus, außen

Wie eine Fata Morgana tauchen sie auf. Phantombauten, Geisterhäuser – die Vokabeln im Kopf schwirren umher, werden als unzulänglich verworfen, nicht treffend für das, was der Blick erfasst, und kaum erklärend, warum sich immer mehr ein Gefühl emotionaler Ergriffenheit einstellt. Das Modell- und Skizzenhafte, das dem Konzept der Architekten zugrunde liegt, ist tatsächlich im gebauten Zustand allgegenwärtig und ­– das ist das eigentlich Erstaunliche – auf eine berührende, fast poetische Art und Weise spürbar. Als hätte jemand die Häuser von Gropius und Moholy-Nagy geträumt.

Da ist die massive Hülle aus Dämmbeton, monolithischer Abguss des einst Vorhandenen. Da sind die schwarz umrandeten, rahmenlosen Fensteröffnungen, grob in die Fassade geschnitten. Eingelassene Senkgläser, durch ein spezielles Verfahren mit einem grauen Schleier überzogen, lassen die Fenster wie mit Pergamentpapier überzogen wirken. Sind die echt? Von der Ferne erscheint es bei bestimmten Lichtverhältnissen, als seien die Öffnungen nur aufgemalt.

Im Inneren: das Neue

Im Inneren verliert sich der Eindruck des Schemenhaften vollständig. Die Architekten haben „die DNA der beiden Häuser seziert“, wie Donatella Fioretti von BFM beim Rundgang erklärt, und jeweils aus dem ursprünglichen Raumgefüge eine Skulptur entwickelt. Wände und Decken wurden reduziert, Geschosse verbunden – die einstigen Grundrisse lassen sich aus dem verbliebenen Torso, der als raumgreifende Holzkonstruktion den Kern der Häuser definiert, kaum noch nachvollziehen. Dafür entsteht der Eindruck eines Haus-im-Haus, wenn etwa durch die Einschnitte im Moholy-Nagy-Haus die einstige Küche als Balkon fungiert, der in das drei Geschosse umfassende Raumvolumen ragt.

Momentan sind die Räume noch leer. In den nächsten Monaten wird das Direktorenhaus im Inneren zum Besucherinformationszentrum aufgerüstet, das Moholy-Nagy-Haus zukünftig von der Kurt-Weill-Gesellschaft, bereits im benachbarten Feininger-Haus ansässig, als Veranstaltungsraum genutzt. Dass es der Stiftung Bauhaus gelingt, die Räumlichkeiten dann noch als Gesamtkunstwerk lesbar und erlebbar zu machen, wäre wünschenswert und stellt zweifellos eine Herausforderung dar. Insbesondere die Wandarbeit „Le Pigment de la Lumière“ von Olaf Nicolai, bei der er sich von László Moholy-Nagys Schriften zur Wirkung und Pigmentierung des Lichts hat inspirieren lassen, bedarf des zweiten und dritten Blicks, um seine Wirkung zu entfalten. Nicolai hat die Holzkonstruktion von BFM mit einem sehr feinen, monochromen Oberflächenrelief überzogen. In vier unterschiedlichen Stärken wurde Putz aus weißem Marmormehl fugenlos zu geometrischen Flächen angeordnet, die je nach Lichteinfall die Illusion von Raumfaltungen erzeugen. Das ist an manchen Stellen so subtil, dass um ein Haar einer der Handwerker im Endspurt der Bauarbeiten kurz vor Eröffnung den Putz überstrichen hätte. Das ist aber auch so präzise auf Architektur und Licht abgestimmt, dass man die Räume immer wieder neu entdeckt.

Als die Häuser nach dem Festakt für den Publikumsverkehr geöffnet werden, ist der Andrang groß: Es staut sich in den engen Treppenhäusern, die Räume sind erfüllt von vielfachem Staunen. Man ist geneigt zu glauben, dass die neue Direktorenvilla und das Haus Moholy-Nagy nicht nur den Dessauer Alltag dauerhaft versonntäglichen könnten. Mit Projekten des Bauhauses wie einer „Haushaltsmesse des 21. Jahrhunderts“, die im nächsten Jahr im Gropiushaus, das zu seiner Entstehungszeit als einer der modernsten Haushalte galt, geplant ist, soll das nun nicht nur auf architektonischer, sondern auch auf der programmatischen Ebene gelingen.




Die Meisterhäuser Dessau
Ebertallee 69/71
06846 Dessau-Rosslau
Öffnungszeiten: Ab 19. Mai sind alle Meisterhäuser von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Ausstellungen: Bis zum 7. September wird im Bauhausgebäude die absolut sehenswerte Ausstellung „Dessau 1945 – Moderne zerstört“, die die Vertreibung der Bauhäusler und Nutzungsgeschichte der Meisterhäuser während des Nationalsozialismus thematisiert und bislang unbekannte Fotografien von Henri Cartier-Bresson zeigt.

www.bauhaus-dessau.de
www.meisterhaeuser.de


MEHR auf Stylepark:

Bauhäusler mit aufgespießtem Herz: Die Ausstellung „Herbert Bayer: Berliner Jahre – Werbegrafik 1928 - 1938“ im Bauhaus-Archiv Berlin.
(29. Dezember 2013)

Das Bauhaus ist blau: Wir sind in Tel Aviv, auf den Spuren des größten zusammenhängenden Ensembles an Bauwerken im frühen Internationalen Stil.
(4. August 2009)