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Mit der Laubsäge in die Zukunft
von Georg-Christof Bertsch | 16. Februar 2010
Wohl kaum ein anderes Designprojekt steht so sehr für die holprige Renaissance der westbengalischen Metropole Kalkutta, die seit 2001 offiziell Kolkata genannt wird, wie das „Chrome", ein Hotel der lokalen Unternehmensgruppe „Chocolate", das Stil und Krise, Genuss und Kalkül vereint. Versteckt hinter einer Betonmauer mit silberner Metallschiebetür, macht das Hotel eine programmatische Aussage. Der Architekt Sanjay Puri aus Delhi hat mit der siebenstöckigen Nobelherberge in einer verstopften Straße klar gemacht: Indisches und westliches Design ergeben etwas ganz Eigenes: nonchalanten Indostyle.

„Da schwingen die Londoner Neunzigerjahre mit, die Radien und Farben erinnern an die frühen Tage der Messe ,100% Design'", sinniert der Designer Chhatarpati Dutta. Er nippt an seinem Whiskey on the rocks und schaut sich an den gebogenen Wänden um. „Die Holzvertäfelungen und -furniere sind nicht schlecht. Aber die scheinbar lasergefrästen Ornamente sind per Hand, mit der Laubsäge, ausgeschnitten, keine Frage." Dutta, der im Gezeitendelta von Ganges und Brahmaputra, den Sundabarns, ein Kunstprojekt mit Flutopfern durchführt, sieht meine Stilbegeisterung etwas distanziert und reagiert mit einem etwas abgeklärten „interessant." Für ihn gibt es andere Prioritäten.

Die Kulturmanagerin Amrita Dhara beurteilt dieses Luxusproblem anders: „Das können sich hier nur ein paar Glückliche leisten. Aber es hat etwas Befreiendes. Es ist diese Weitläufigkeit und Klarheit, nach der sich alle in dieser vollgestopften Stadt sehnen." Das „Chrome" ist selbstverständlich auch der Ausdruck eines Klassenkonfliktes in dieser von enormen Problemen geplagten Großstadt. Doch es ist auch ein Symbol des wachsenden kulturellen Selbstbewusstseins eines ganzen Volkes.

Der 24 Jahre alte CEO der Chocolate-Gruppe, Deval Tibrewalla, sieht vor allem „die antizyklische Investition, mitten in der Finanzkrise." Der Hotelier in dritter Generation hat sein Handwerk an der Ecole hôtelière in Lausanne gelernt. „Wir wollen hier ein Zeichen setzen. Das Chrome ist ein besonderes Statement an einem sehr besonderen Ort der Stadt."

Dieses Designhaus, das für westliche Augen so gar nicht zwischen die zerlumpten Obdachlosen unter der Hochstraße passen will, ist gelungen. Es ist vielleicht nicht „neu" im Sinne von „dérnier cri." Doch gerade in der Widersprüchlichkeit eines Stylehotels in der kommunistisch regierten Megalopolis liegt der Kitzel. Da ist einerseits eine Melange von Möbelkopien, großzügigen Gesten, baulichen Mängeln, anderseits eine frische und selbstverständliche Eleganz, Stil und viel Mut. So schief die Bullaugenfenster im Detail auch sein mögen, so viel Willen zum lässigen Dekor zeigen sie doch. So sehr handwerklich zusammengetackert die Barhocker daherkommen mögen, sie sind der Beleg für offene Augen, einen klaren Verstand und den Wunsch, nach vorne zu kommen. Alles zusammen ist an solch einem Ort viel mehr als eine Replik. Es ist ein eigenwilliges und selbstbewusstes Statement, ein Aufbegehren gegen das vermeintlich hier Unmachbare. So jung und unbremsbar Deval Tibrewalla, der ein Hotel wollte, das „von außen aussieht wie ein Schweizer Käse und von innen einfach besser ist als die üblichen Designhotels."

Bedenkt man, dass hier, in der ehemaligen Hauptstadt der Britischen Kronkolonie, fast jedes Gebäude eine eigene Stromversorgung hat, dass die eigene Sickergrube und der Wasserlieferant des Vertrauens selbstverständlich sind, dann wird das Projekt des Architekten Puri um so wunderbarer. Hier, sechs Meter über dem steigenden Meeresspiegel des Golfs von Bengalen, Stil zu wollen - und ihn auch gebaut zu bekommen - ist mehr als die Messen Ambiente, Salone del Mobile und Kortrijk zusammen.

Die Generation Puris baut in Indien und für Inder. Die Gäste sind fast ausschließlich Landsleute. Er baut für ein Publikum, das die Welt gesehen hat und nun langsam auf den Subkontinent zurückkehrt. Er beweist vor allem, wie unmerklich aber doch drängend ein indisches Design jenseits von Saris und Kalitempel am Wachsen ist.

„Kolkata hat viel Passivität. Das liegt sicher auch an der schwül drückenden Feuchtigkeit", sinniert der Soziologe Surendra Munshi, der hier seit seinem fünftem Lebensjahr lebt. „Es ist eine Stadt des Missmanagements, aber von einer menschlichen Wärme, die jeden der hierher kommt, nicht mehr loslässt." Seine Frau, die mir im eleganten Sari auf einem Cocktailempfang gegenüber steht, stimmt zu: „Das Leben bei nachts 35 Grad Celsius und hundert Prozent Luftfeuchtigkeit macht aus den Menschen träge Geschöpfe!"

Kolkata ist eine arme, eine bitterarme Stadt, eine Großstadt mit ausgedehnten Slums, mit Tausenden von Immigranten aus Bangladesh, mit vielen Flutflüchtlingen aus den Sundabarns. Es ist aber auch mit zahllosen Universitäten und Forschungsinstituten die Stadt der Wissenschaft in Indien. Hier gibt es das größte Sportstadion Asiens. Das Streben von fünfzehn Millionen Menschen auf beiden Ufern des Hoogli-River gilt, trotz aller Widrigkeiten, einem besseren Morgen. Zu diesem gehört, wie in Indien schon immer, Gestaltung, Form, Schönheit und Grazie. Puri schafft dies, zweifelsfrei mit Kompromissen und Quälereien. Doch dies ist die Botschaft des Chrome: Es geht.
Alle Fotos: Hotel "Chrome" in Kolkata, © Georg-Christof Bertsch