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Möchte ich auf einem Stuhl sitzen, der leuchtet?
von Leyla Basaran | 20. März 2014
Und es ward Licht. Der Stuhl „Tube“, der Sessel „Nuvola di luce“, die Bücherregale „CCLight“, sie alle sehen nicht nur gewagt aus, nein, sie leuchten auch dank integrierter LEDs. Möbel, die zugleich als Lichtquelle funktionieren, zwei in eins sozusagen, das ist ungewöhnlich, das überrascht, erzeugt Effekt. Dahinter steckt ein neuartiges Konzept, das den italienischen Möbelhersteller Flou dazu bewogen hat, gleich eine eigene Marke dafür zu schaffen: Natevo. Auf dem Mailänder Salone del Mobile im April zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt, ist es das neustes Baby von Flou-Chef Massimiliano Messina, für das der Bettenspezialist mit Größen der Designszene wie Carlo Colombo, Pinuccio Borgonovo und dem Studio Thesia Progetti zusammengearbeitet hat. Doch nicht nur die Idee selbst ist außergewöhnlich, sondern auch der Prozess dahinter.

Die Nutzer haben ein Wort mitzureden
Denn die Natevo-Möbel werden nicht einfach nur produziert und dann auf gewohnten Wegen vertrieben. Die Fachöffentlichkeit, bestehend aus Designern und Kreativen, ja, im Grunde jeder potenzielle Nutzer, kann auf www. natevo.com über die marktfähige Finalisierung eines Produktes abstimmen, den Produktionsprozess durch Spenden unterstützten oder das favorisierte Möbelstück gleich selbst bestellen. Auch eigene Entwürfe dürfen eingereicht werden. Die Natevo-Idee ist – Stichwort: Open design – revolutionär. Der typische Produktionsprozess eines Möbelstückes, der bislang auf Seiten der Designer und der Industrie lag, wird damit geöffnet, ergänzt, vielleicht auch aufgeweicht. Der Kunde kann über die Marktreife eines Produkts mitbestimmen, die Nutzer haben also das letzte Wort.
Das Prinzip des „crowd-funding“ oder „crowd-sourcing“ ist ein Trend, dessen Vorreiter in den letzten Jahren die Internetplattform Kickstarter.com in den Vereinigten Staaten gespielt hat. Jeder kann dort sein Projekt vorstellen und für finanzielle Unterstützung werben. Die User der Plattform können sodann über die von ihnen favorisierten Filme, Möbel oder Lieder abstimmen und Geld spenden. Ein Beispiel in Deutschland ist „Fashion for Home“: Hier kann man gleichsam zum „Trendsetter“ werden, indem man Designentwürfe bewertet und für deren Realisierung stimmt.

Wie praktisch ist ein leuchtender Sessel?
Doch zurück zu Natevo. In Mailand erregte Flou mit Natevo viel Aufsehen, zunächst mit den leuchtenden Regalen, Sesseln und Tischen, die im Halbdunkel für eine besondere Atmosphäre sorgen. Sie sind Resultat einer netzartigen Struktur, die alle Entwürfe prägen und das Licht fein streuen. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Idee, ein Leuchtmittel in einen Sessel zu integrieren, mag innovativ erscheinen. Fraglich aber bleibt, ob sich Flou mit Natevo – um des Effektes willen – wohlmöglich zu sehr auf diesen Aspekt konzentriert. Brauchen wir wirklich Möbel, die leuchten? Möchte ich auf einem Stuhl sitzen, der leuchtet? Wie sehen die Möbel aus, wenn man sie „ausschaltet“? Wie ist es um den praktischen Nutzen bestellt?
Das atmosphärische Licht der einzelnen Objekte reicht nicht aus, um genügend Helligkeit zum Arbeiten oder Lesen zu erzeugen. Die Kombination mit herkömmlichen Leuchten wird daher nach wie vor notwendig sein. Da stellt sich die Frage: Wie harmonieren Leuchten mit den Leuchtmöbeln? Sind Möbel und Leuchten getrennt, hat man im Wohnraum sicher mehr Möglichkeiten der Variation. Leider ähneln sich die verschiedenen Einrichtungsobjekte sehr und bieten wenig Abwechslung. Auch wäre eine größere Bandbreite an Lichtwirkungen wünschenswert gewesen.

Design wird demokratisch
Letztendlich entscheidet aber nicht der Flou-Chef Massimiliano Messina, ein Designer wie Carlo Colombo oder wir als Beobachter, sondern eine sich äußernde Öffentlichkeit, ob sie sich wirklich einen Stuhl wünscht, der unter Strom steht und leuchtet. Ob freilich durch eine solche Design-Demokratie, die allein aufgrund von Produktfotografien über eine Produktidee entscheidet, ein gut gestaltetes, funktionales Möbelstück den Weg in unsere Häuser findet oder ob es sich eher um eine clevere Marketingstrategie inklusive Marktforschung handelt, bleibt offen. Selten hat die breite Masse Geschmackssicherheit bewiesen und innovative Ideen sofort erkannt. Möglicherweise gehen bei einem solchen Verfahren gerade ästhetisch anspruchsvolle und bereichernde Entwürfe verloren, die es verdient hätten, realisiert zu werden. Kurzum: Flou ebnet mit Natevo den Weg für einen neue Art von Designprozess. Es bleibt abzuwarten, ob er sich bewährt.


www.natevo.com

Thesia Progetti entwarf den "Pulsar Pouf" für Natevo. Foto © Leyla Basaran, Stylepark
Der Natevo Messestand auf dem diesjährigen Salone del Mobile. Photo © Robert Volhard, Stylepark
Der Sessel „Nuvola di Luce", Foto © Leyla Basaran, Stylepark
Tisch „Plettro", Foto © Natevo
Ohne die Glasplatte kann der "Pulsar Large" als eine Vitrine für Sammlungen und Objekte verwendet werden. Foto © Leyla Basaran, Stylepark
Thesia Progettis „Tube" chair. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Die "Super8" Vitrine von Pinuccio Borgonovo hat eine Glas-Konstruktion, die nur von einer Seite durch LEDs beleuchtet wird. Foto © Natevo
News & Stories › 2014 › März
Möchte ich auf einem Stuhl sitzen, der leuchtet?
von Leyla Basaran | 20. März 2014
Die Idee ist ungewöhnlich, vielleicht sogar revolutionär. Mit „Natevo“ will der italienische Bettenspezialist Flou die Öffentlichkeit am Designprozess beteiligen – und Möbel auf den Markt bringen, die leuchten.
Und es ward Licht. Der Stuhl „Tube“, der Sessel „Nuvola di luce“, die Bücherregale „CCLight“, sie alle sehen nicht nur gewagt aus, nein, sie leuchten auch dank integrierter LEDs. Möbel, die zugleich als Lichtquelle funktionieren, zwei in eins sozusagen, das ist ungewöhnlich, das überrascht, erzeugt Effekt. Dahinter steckt ein neuartiges Konzept, das den italienischen Möbelhersteller Flou dazu bewogen hat, gleich eine eigene Marke dafür zu schaffen: Natevo. Auf dem Mailänder Salone del Mobile im April zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt, ist es das neustes Baby von Flou-Chef Massimiliano Messina, für das der Bettenspezialist mit Größen der Designszene wie Carlo Colombo, Pinuccio Borgonovo und dem Studio Thesia Progetti zusammengearbeitet hat. Doch nicht nur die Idee selbst ist außergewöhnlich, sondern auch der Prozess dahinter.

Die Nutzer haben ein Wort mitzureden
Denn die Natevo-Möbel werden nicht einfach nur produziert und dann auf gewohnten Wegen vertrieben. Die Fachöffentlichkeit, bestehend aus Designern und Kreativen, ja, im Grunde jeder potenzielle Nutzer, kann auf www. natevo.com über die marktfähige Finalisierung eines Produktes abstimmen, den Produktionsprozess durch Spenden unterstützten oder das favorisierte Möbelstück gleich selbst bestellen. Auch eigene Entwürfe dürfen eingereicht werden. Die Natevo-Idee ist – Stichwort: Open design – revolutionär. Der typische Produktionsprozess eines Möbelstückes, der bislang auf Seiten der Designer und der Industrie lag, wird damit geöffnet, ergänzt, vielleicht auch aufgeweicht. Der Kunde kann über die Marktreife eines Produkts mitbestimmen, die Nutzer haben also das letzte Wort.
Das Prinzip des „crowd-funding“ oder „crowd-sourcing“ ist ein Trend, dessen Vorreiter in den letzten Jahren die Internetplattform Kickstarter.com in den Vereinigten Staaten gespielt hat. Jeder kann dort sein Projekt vorstellen und für finanzielle Unterstützung werben. Die User der Plattform können sodann über die von ihnen favorisierten Filme, Möbel oder Lieder abstimmen und Geld spenden. Ein Beispiel in Deutschland ist „Fashion for Home“: Hier kann man gleichsam zum „Trendsetter“ werden, indem man Designentwürfe bewertet und für deren Realisierung stimmt.

Wie praktisch ist ein leuchtender Sessel?
Doch zurück zu Natevo. In Mailand erregte Flou mit Natevo viel Aufsehen, zunächst mit den leuchtenden Regalen, Sesseln und Tischen, die im Halbdunkel für eine besondere Atmosphäre sorgen. Sie sind Resultat einer netzartigen Struktur, die alle Entwürfe prägen und das Licht fein streuen. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Idee, ein Leuchtmittel in einen Sessel zu integrieren, mag innovativ erscheinen. Fraglich aber bleibt, ob sich Flou mit Natevo – um des Effektes willen – wohlmöglich zu sehr auf diesen Aspekt konzentriert. Brauchen wir wirklich Möbel, die leuchten? Möchte ich auf einem Stuhl sitzen, der leuchtet? Wie sehen die Möbel aus, wenn man sie „ausschaltet“? Wie ist es um den praktischen Nutzen bestellt?
Das atmosphärische Licht der einzelnen Objekte reicht nicht aus, um genügend Helligkeit zum Arbeiten oder Lesen zu erzeugen. Die Kombination mit herkömmlichen Leuchten wird daher nach wie vor notwendig sein. Da stellt sich die Frage: Wie harmonieren Leuchten mit den Leuchtmöbeln? Sind Möbel und Leuchten getrennt, hat man im Wohnraum sicher mehr Möglichkeiten der Variation. Leider ähneln sich die verschiedenen Einrichtungsobjekte sehr und bieten wenig Abwechslung. Auch wäre eine größere Bandbreite an Lichtwirkungen wünschenswert gewesen.

Design wird demokratisch
Letztendlich entscheidet aber nicht der Flou-Chef Massimiliano Messina, ein Designer wie Carlo Colombo oder wir als Beobachter, sondern eine sich äußernde Öffentlichkeit, ob sie sich wirklich einen Stuhl wünscht, der unter Strom steht und leuchtet. Ob freilich durch eine solche Design-Demokratie, die allein aufgrund von Produktfotografien über eine Produktidee entscheidet, ein gut gestaltetes, funktionales Möbelstück den Weg in unsere Häuser findet oder ob es sich eher um eine clevere Marketingstrategie inklusive Marktforschung handelt, bleibt offen. Selten hat die breite Masse Geschmackssicherheit bewiesen und innovative Ideen sofort erkannt. Möglicherweise gehen bei einem solchen Verfahren gerade ästhetisch anspruchsvolle und bereichernde Entwürfe verloren, die es verdient hätten, realisiert zu werden. Kurzum: Flou ebnet mit Natevo den Weg für einen neue Art von Designprozess. Es bleibt abzuwarten, ob er sich bewährt.


www.natevo.com