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Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien Horst P. Horsts zweites Fotobuch: Diesmal waren Pflanzen, Muscheln und Mineralien die Stars. Foto © Conde Nast / Horst Estate, aus: „Horst: Patterns from Nature” by Martin Barnes
Den gezackten, geriffelten und von Linien des Lebens durchzogenen Naturelementen stellte Horst einen Index der technischen Details des Fotos an die Seite. Foto © Conde Nast / Horst Estate, aus: „Horst: Patterns from Nature” by Martin Barnes, Merrell Publishers
Die Pflanzen fand Horst P. Horst in Mexiko, dem Botanischen Garten in New York und an der atlantischen beziehungsweise pazifischen Küste Amerikas. Foto © Conde Nast / Horst Estate, aus: „Horst: Patterns from Nature” by Martin Barnes, Merrell Publishers
Horst P. Horst fertigte von jedem Objekt vier Abzüge an, zwei in der korrekten Ansicht und zwei spiegelverkehrt, um sie dann als Kacheln im Rorschach-Test-Stil zu arrangieren. Foto © Conde Nast / Horst Estate, aus: „Horst: Patterns from Nature” by Martin Barnes, Merrell Publishers
Horst P. Horst bei einem Fashion-Shooting im Jahr 1949. Photo © Roy Stevens, Time Life Pictures, Getty Images
„Die Fotos zeigen gewöhnliche Objekte des Alltags. Ich habe nichts verändert, um sie aufzuwerten”, schreibt Horst P. Horst. Foto © Conde Nast / Horst Estate, aus: „Horst: Patterns from Nature” by Martin Barnes, Merrell Publishers
Muster zur kreativen Regeneration
von Annette Tietenberg
10. Dezember 2014
Mit Horst P. Horst hielten in den 1930er und 1940er Jahren Coolness, Eleganz und Glamour Einzug in die Modefotografie. Im Stil der „Schwarzen Serie“ des Hollywood-Kinos lichtete er für die Zeitschrift „Vogue“ Frauen wie antike Göttinnen ab und machte Elsa Schiaparelli, Marlene Dietrich, Bette Davies und Coco Chanel zu Ikonen einen neues Frauenbildes. Der starke Kontrast von Schwarz und Weiß, der Widerstreit von Licht und Schatten, den er durch den gezielten Einsatz von Studiolampen erzielte, die übertriebene Stilisierung und die pathetische Überhöhung des Statuarischen wurden zu seinen Markenzeichen.

Der Mann, der den high glamour erfand, war 1906 in Weißenfels an der Saale als Horst Bohrmann geboren worden. Am Bauhaus hatte er bei Walter Gropius in der Möbeltischlerei Aufnahme gefunden, bevor er im Alter von 23 Jahren gen Paris aufbrach, um bei Le Corbusier als Technischer Zeichner anzuheuern. Dort lernte er den lettischen Baron George Hoyningen-Huene kennen, der ihn mit der Welt der Schauspieler, Musiker, Künstler und Schriftsteller vertraut machte. Über Hoyningen-Huene entwickelte sich ein Kontakt zur „Vogue“, wo sich Horst zunächst als Modell, dann als Fotograf verdient machte. Von 1935 bis 1939 pendelte er zwischen den Redaktionen der „Vogue“ in New York und Paris. Kurz vor Kriegsausbruch gelang es ihm, nach New York überzusiedeln, wo er allerdings nach Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1941 als „feindlicher Ausländer“ eingestuft wurde. Um ihm eine Fortsetzung seiner Arbeit zu ermöglichen, erwirkten die Anwälte der „Vogue“ eine Ausnahmegenehmigung: Horst durfte, wiewohl der Kollaboration verdächtig, mit einem Fotoapparat hantieren, allerdings nur auf dem Gelände der Vogue-Studios. Mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft nahm der Fotograf schließlich auch offiziell seinen Künstlernamen Horst P. Horst an. 1943 wurde er zur US-Armee eingezogen, musste aber nicht ins Feld, sondern konnte weiterhin als Fotograf tätig bleiben: Man beorderte ihn ins Pentagon, wo er Generäle ablichtete.

Bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien Horsts zweites Fotobuch. Es trug den Titel „Patterns from Nature“ und versammelte hundert Kontaktabzüge. Diesmal war nicht die „Vogue“ Auftraggeberin, sondern Horst präsentierte ein künstlerisches Projekt, für das er ganz allein verantwortlich zeichnete. Dem Buch lag ein stringentes Konzept zugrunde. Das handliche Format von sechs mal sechs Zentimetern resultierte aus der Größe der Rolleiflex-Negative. Gedruckt wurde auf Transparentpapier, sodass man die Seiten wie Diapositive gegen das Licht halten konnte. Die Motive fielen völlig aus Horsts bisherigem Schaffen heraus: Diesmal waren Pflanzen, Muscheln und Mineralien die Stars. Der evokativen Kraft und symbolischen Bedeutung dieser gezackten, geriffelten und von Linien des Lebens durchzogenen Naturelemente stellte Horst einen Index an die Seite, der an Objektivität kaum zu überbieten war. Er listete für jedes einzelne Foto minutiös sämtliche technischen Details auf, angefangen vom verwendeten Film über den Entwickler, das Papier und die Kamera bis zu den Filtern. Die magische Kraft der Bilder aber wurde durch das Offenlegen der Produktionsmittel in keinerlei Hinsicht geschmälert. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund ihrer technischen Reproduzierbarkeit entfalten die Bilder ein Potenzial, das bis dahin der Natur vorbehalten war: die Fähigkeit zur kreativen Regeneration.

Das Buch aus dem Jahr 1946 ist schon seit Jahrzehnten vergriffen. So geriet das Projekt allmählich in Vergessenheit und fand auch in den großen Retrospektiven, die Horst seit den 1980er Jahren ausgerichtet wurden, kaum Berücksichtigung. Umso spektakulärer ist die Wiederentdeckung einer Serie von 37 experimentellen Fotografien, die auf der Grundlage der Bildmotive im Buch entstanden sind. Sie setzen eine perfekte Symmetrie in Szene, die Horst aus der Natur herausdestillierte. Hierzu entwickelte er ein spezielles Montageverfahren. Eine einzelne Fotografie setzt sich aus bis zu sechzehn Kontaktabzügen zusammen, die – einem Rohrschach-Test ähnlich – an einer zentralen Achse ausgerichtet und wechselweise neben-, untereinander und spiegelsymmetrisch angeordnet sind. So entsteht ein Muster, das sich nach dem Prinzip des all over imaginär ins Unendliche ausdehnt. Wie durch ein Kaleidoskop gesehen, eröffnet sich in der Wiederholung des Immergleichen ein Blick auf das Grundgerüst der Natur und zugleich auf das Konstruktionsprinzip der Bilder.

Nun sind diese Fotografien, die sich in Horsts Archiv erhalten haben, erfreulicherweise im Konvolut wieder aufgelegt worden. Und zwar gleich zweifach: zum einen in Form von Abzügen, die im Rahmen der Horst-Retrospektive im Victoria & Albert Museum in London zu sehen sind, zum anderen in Buchform, wobei diesmal ein Buchformat gewählt wurde, das sich von der Größe ableitet, die Horst, der 1999 verstorben ist, einst einigen Abzügen (30,5 mal 25,5 Zentimeter) gegeben hatte, die 1977 ausgestellt wurden.

Wann und wo die den Montagen zugrunde liegenden Fotografien entstanden sind, ist dank der Aufzeichnungen von Horst bekannt. Er nahm sie 1946 in New Mexiko, im Botanischen Garten von New York, in den Wäldern Neu-Englands und an der atlantischen sowie pazifischen Küste der Vereinigten Staaten auf. Auf seinen Expeditionen ins Pflanzenreich begleitete ihn Jamie Caffery, ein Botaniker. Warum es gerade zu diesem Zeitpunkt die Flora war, die Horst bildwürdig erschien, darüber wird im Buch viel spekuliert. Einiges spricht für die dort von Martin Barnes formulierte These, dass Horst zu einer Zeit, als die Gräueltaten ans Licht kamen, die Deutsche im Krieg, in Konzentrations- und Vernichtungslagern begangen hatten, einen letzten Rest des paradiesischen Zustands der Weimarer Zeit zu retten suchte, die er selbst noch erlebt hatte. So bekannte er sich dazu, deutscher Herkunft zu sein, indem er sich in die Tradition der Neuen Sachlichkeit einschrieb und an die Bildsprache eines Karl Bloßfeldt, Albert Renger-Patsch, Alfred Ehrhardt und Hans Finsler anlehnte. Zugleich stellte er eine Verbindung zu den großen Fotografen seiner selbst gewählten Heimat, darunter Edward Weston und Paul Strand, her. Und nicht zuletzt, so hatte bereits sein Lebensgefährte Valentine Lawford spekuliert, könnte es Goethes Urpflanze gewesen sein, der er mit den Mitteln des Fotografischen auf der Spur war. Für Horst P. Horst ist Kunst in dieser Phase, so könnte man wohl in Abwandlung eines berühmten Satzes von Émile Zola sagen, ein Stück Natur gesehen durch ein Kaleidoskop.


Horst: Photographer of Style
Ausstellung im Victoria & Albert Museum London
bis 4. Januar 2015
www.vam.ac.uk


Horst: Patterns from Nature
von Martin Barnes
In englischer Sprache
Merrell Publishers, Hardcover,
104 Seiten, 50 Duoton-Abbildungen, 31 x 24 cm
www.merrellpublishers.com
News & Stories › 2014 › Dezember
Muster zur kreativen Regeneration
von Annette Tietenberg | 10. Dezember 2014
Die Modefotografien von Horst P. Horst sind weltbekannt. Nun ist, im Rahmen einer großen Retrospektive im Victoria & Albert Museum in London, eine bislang unbekannte Facette seines Werks aufgetaucht: das Spiel mit den Mustern der Natur.
Mit Horst P. Horst hielten in den 1930er und 1940er Jahren Coolness, Eleganz und Glamour Einzug in die Modefotografie. Im Stil der „Schwarzen Serie“ des Hollywood-Kinos lichtete er für die Zeitschrift „Vogue“ Frauen wie antike Göttinnen ab und machte Elsa Schiaparelli, Marlene Dietrich, Bette Davies und Coco Chanel zu Ikonen einen neues Frauenbildes. Der starke Kontrast von Schwarz und Weiß, der Widerstreit von Licht und Schatten, den er durch den gezielten Einsatz von Studiolampen erzielte, die übertriebene Stilisierung und die pathetische Überhöhung des Statuarischen wurden zu seinen Markenzeichen.

Der Mann, der den high glamour erfand, war 1906 in Weißenfels an der Saale als Horst Bohrmann geboren worden. Am Bauhaus hatte er bei Walter Gropius in der Möbeltischlerei Aufnahme gefunden, bevor er im Alter von 23 Jahren gen Paris aufbrach, um bei Le Corbusier als Technischer Zeichner anzuheuern. Dort lernte er den lettischen Baron George Hoyningen-Huene kennen, der ihn mit der Welt der Schauspieler, Musiker, Künstler und Schriftsteller vertraut machte. Über Hoyningen-Huene entwickelte sich ein Kontakt zur „Vogue“, wo sich Horst zunächst als Modell, dann als Fotograf verdient machte. Von 1935 bis 1939 pendelte er zwischen den Redaktionen der „Vogue“ in New York und Paris. Kurz vor Kriegsausbruch gelang es ihm, nach New York überzusiedeln, wo er allerdings nach Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1941 als „feindlicher Ausländer“ eingestuft wurde. Um ihm eine Fortsetzung seiner Arbeit zu ermöglichen, erwirkten die Anwälte der „Vogue“ eine Ausnahmegenehmigung: Horst durfte, wiewohl der Kollaboration verdächtig, mit einem Fotoapparat hantieren, allerdings nur auf dem Gelände der Vogue-Studios. Mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft nahm der Fotograf schließlich auch offiziell seinen Künstlernamen Horst P. Horst an. 1943 wurde er zur US-Armee eingezogen, musste aber nicht ins Feld, sondern konnte weiterhin als Fotograf tätig bleiben: Man beorderte ihn ins Pentagon, wo er Generäle ablichtete.

Bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien Horsts zweites Fotobuch. Es trug den Titel „Patterns from Nature“ und versammelte hundert Kontaktabzüge. Diesmal war nicht die „Vogue“ Auftraggeberin, sondern Horst präsentierte ein künstlerisches Projekt, für das er ganz allein verantwortlich zeichnete. Dem Buch lag ein stringentes Konzept zugrunde. Das handliche Format von sechs mal sechs Zentimetern resultierte aus der Größe der Rolleiflex-Negative. Gedruckt wurde auf Transparentpapier, sodass man die Seiten wie Diapositive gegen das Licht halten konnte. Die Motive fielen völlig aus Horsts bisherigem Schaffen heraus: Diesmal waren Pflanzen, Muscheln und Mineralien die Stars. Der evokativen Kraft und symbolischen Bedeutung dieser gezackten, geriffelten und von Linien des Lebens durchzogenen Naturelemente stellte Horst einen Index an die Seite, der an Objektivität kaum zu überbieten war. Er listete für jedes einzelne Foto minutiös sämtliche technischen Details auf, angefangen vom verwendeten Film über den Entwickler, das Papier und die Kamera bis zu den Filtern. Die magische Kraft der Bilder aber wurde durch das Offenlegen der Produktionsmittel in keinerlei Hinsicht geschmälert. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund ihrer technischen Reproduzierbarkeit entfalten die Bilder ein Potenzial, das bis dahin der Natur vorbehalten war: die Fähigkeit zur kreativen Regeneration.

Das Buch aus dem Jahr 1946 ist schon seit Jahrzehnten vergriffen. So geriet das Projekt allmählich in Vergessenheit und fand auch in den großen Retrospektiven, die Horst seit den 1980er Jahren ausgerichtet wurden, kaum Berücksichtigung. Umso spektakulärer ist die Wiederentdeckung einer Serie von 37 experimentellen Fotografien, die auf der Grundlage der Bildmotive im Buch entstanden sind. Sie setzen eine perfekte Symmetrie in Szene, die Horst aus der Natur herausdestillierte. Hierzu entwickelte er ein spezielles Montageverfahren. Eine einzelne Fotografie setzt sich aus bis zu sechzehn Kontaktabzügen zusammen, die – einem Rohrschach-Test ähnlich – an einer zentralen Achse ausgerichtet und wechselweise neben-, untereinander und spiegelsymmetrisch angeordnet sind. So entsteht ein Muster, das sich nach dem Prinzip des all over imaginär ins Unendliche ausdehnt. Wie durch ein Kaleidoskop gesehen, eröffnet sich in der Wiederholung des Immergleichen ein Blick auf das Grundgerüst der Natur und zugleich auf das Konstruktionsprinzip der Bilder.

Nun sind diese Fotografien, die sich in Horsts Archiv erhalten haben, erfreulicherweise im Konvolut wieder aufgelegt worden. Und zwar gleich zweifach: zum einen in Form von Abzügen, die im Rahmen der Horst-Retrospektive im Victoria & Albert Museum in London zu sehen sind, zum anderen in Buchform, wobei diesmal ein Buchformat gewählt wurde, das sich von der Größe ableitet, die Horst, der 1999 verstorben ist, einst einigen Abzügen (30,5 mal 25,5 Zentimeter) gegeben hatte, die 1977 ausgestellt wurden.

Wann und wo die den Montagen zugrunde liegenden Fotografien entstanden sind, ist dank der Aufzeichnungen von Horst bekannt. Er nahm sie 1946 in New Mexiko, im Botanischen Garten von New York, in den Wäldern Neu-Englands und an der atlantischen sowie pazifischen Küste der Vereinigten Staaten auf. Auf seinen Expeditionen ins Pflanzenreich begleitete ihn Jamie Caffery, ein Botaniker. Warum es gerade zu diesem Zeitpunkt die Flora war, die Horst bildwürdig erschien, darüber wird im Buch viel spekuliert. Einiges spricht für die dort von Martin Barnes formulierte These, dass Horst zu einer Zeit, als die Gräueltaten ans Licht kamen, die Deutsche im Krieg, in Konzentrations- und Vernichtungslagern begangen hatten, einen letzten Rest des paradiesischen Zustands der Weimarer Zeit zu retten suchte, die er selbst noch erlebt hatte. So bekannte er sich dazu, deutscher Herkunft zu sein, indem er sich in die Tradition der Neuen Sachlichkeit einschrieb und an die Bildsprache eines Karl Bloßfeldt, Albert Renger-Patsch, Alfred Ehrhardt und Hans Finsler anlehnte. Zugleich stellte er eine Verbindung zu den großen Fotografen seiner selbst gewählten Heimat, darunter Edward Weston und Paul Strand, her. Und nicht zuletzt, so hatte bereits sein Lebensgefährte Valentine Lawford spekuliert, könnte es Goethes Urpflanze gewesen sein, der er mit den Mitteln des Fotografischen auf der Spur war. Für Horst P. Horst ist Kunst in dieser Phase, so könnte man wohl in Abwandlung eines berühmten Satzes von Émile Zola sagen, ein Stück Natur gesehen durch ein Kaleidoskop.


Horst: Photographer of Style
Ausstellung im Victoria & Albert Museum London
bis 4. Januar 2015
www.vam.ac.uk


Horst: Patterns from Nature
von Martin Barnes
In englischer Sprache
Merrell Publishers, Hardcover,
104 Seiten, 50 Duoton-Abbildungen, 31 x 24 cm
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