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von 2139 Forward End
N minus X – Lesen bildet, Teil 2
von Thomas Wagner | 19. Januar 2014
Jory Hull fotografiert Autos, nicht irgendwelche, sondern Rennwagen. Challenger (#77). Foto © 2013, Jory Hull, Kehrer Verlag Heidelberg Berlin
Der Stapel will und will nicht weichen. Noch immer türmen sich die Bände auf dem Schreibtisch. Obenauf lockt zuerst die Farbe. „My Mind is Racing“ heißt der Band mit Fotografien von Jory Hull. Welch prickelnde Farbtöne! Welch elektrisierende Formen! Und diese Ziffern! Schon auf dem Cover springen sie einen an. Eine 77, in scharfen, kantigen Lettern, unten schwarz, oben grau, prangt auf giftig-grellem Grün. Oben links ein eingelassener Türöffner und im Schweller unter der Tür zwei dicke Sidepipes. Klar, Jory Hull fotografiert Autos, nicht irgendwelche, sondern Rennwagen. Und auch nicht einfach nur Rennwagen, sondern Details ihrer Lackierung: Nummern, Schriftzüge, Farbkombinationen, Streifen und Embleme, die sich an Türen und Kotflügel schmiegen, Hauben und Luftauslässe zieren. Wodurch die Maschinen im Zusammenspiel von Farbe und Form in ihrer stillgestellten, aber unbändigen Energie sichtbar werden.

Aufgenommen hat sie der New Yorker Fotograf, der in einem knappen Vorwort zu dem in Zusammenarbeit mit der Feroz Galerie in Bonn entstandene Band bekennt, schon als Kind vom Design dieser Rennmaschinen und „den modernen Hieroglyphen“ fasziniert gewesen zu sein. Ob der Radkasten eines Lotus in klassischem British Racing Green mit der Startnummer 24, die in Hellrot und Weiß gehaltene Haube einer Corvette 427 mit der dreidimensional gestalteten Nummer 55 den Puls eines jeden Rennsportbegeisterten höher schlagen lassen oder ob im dunklen Spiegel der Haube eines Porsche 356 überraschend eine Kröte („le petit crapaud“) mit verschränkten Armen erscheint – die Aufnahmen erzählen von einer Zeit, als Rennwagen noch mechanische Kunstwerke waren und ihre Karosserie mehr als ein Platz für Sponsorennamen.

My Mind is Racing
Gestaltet von Jory Hull, Kehrer Design
28 x 24 cm, 80 Seiten, 60 Farbabb.
Text englisch, Hardcover
Kehrer Verlag Heidelberg
39,90 Euro

Völlig anders tritt ein Band auf, der Zeichnungen von Astrid Brandt enthält, die sie 2013 unter dem Titel „inwendig auswärts“ in der Städtischen Galerie Delmenhorst gezeigt hat. Hier regiert allein der Bleistift und mit ihm ein sensibles Grau in schier endlosen Abstufungen und Texturen. Selbstbewusst, ja geradezu keck stellt Astrid Brandt die Kunstgeschichte auf den Kopf und lässt die Geschichte der Zeichnung im 21. Jahrhundert „mit dem Festhalten des Bildes auf Schoellershammer 6G“ beginnen. Ein Schock sei das für die Fotografie, sei dieser doch in der Zeichnung eine besondere Konkurrenz erwachsen. Was nicht nur so dahingesagt ist. Astrid Brandts mit beunruhigender Sorgfalt ausgeführte, stets menschenleere, vertraut und fremd wirkende Darstellungen von Räumen und Dingkonstellationen belegen es auf eindrucksvolle Weise.

Man muss diese eigenwilligen Zeichnungen intensiv betrachten, sie immer wieder tastend mit den Augen durchstreifen, man muss sie auf Auge und Geist einwirken, ihre geradezu halluzinatorische Wirkung sich entfalten lassen und ihre irritierende Ordnung auskosten, bis sie ihren spröden Charme freigeben. In Worten einholen lassen sie sich ihr Spiel mit dem Blick nicht. „Bambi“ etwa, ein Blatt von 2002, zeigt, angeschnitten, ein breites Fenster. Vermutlich frühe 1960er Jahre. Auf der Fensterbank eine Schale, davor ein gerippter Heizkörper, Teile eines gemusterten Teppichs und darauf ein mit Gurten bespannten Schemel. Ein trauriges Tier, gefangen in Raum und Zeit? In „Weigth watcher“ von 2001 ist es, ein etwas fülliger Sessel auf Teppich, der sich zwischen Tür und Kachelofen drängt – vor einem Bogensegment eines mit Sonnengeflecht unter Glasplatte und Spitzendecke versehenen Couchtisch. Vertragen auch Möbel eine Diät? Und in „Mezzaluna“ von 2011 spielt die abgeklappte Plexiglashaube eines Klebestreifenabrollers frech Halbmond – über aus Aktenordnern entflohenen Tippklemmern, die träge wie Krokodile auf dem Tisch dahinzugleiten scheinen.

„Stillleben“ oder „Interieurs“ mag Brandt ihre Blätter nicht nennen. Sie spricht lieber von Tableaus, weil ein Tableau „das Extrakt einer Handlung“ darstelle, die „in einem unerwarteten Stillstand zwischen den Augenblicken gebannt ist“. Wobei, was nicht im Bild erscheint, beinahe so bedeutsam ist wie das, was es zeigt. Der Betrachter sieht etwas, weiß aber nichts darüber. Etwas wird aus der Welt herausgehoben, ist irgendwie aus der Zeit gefallen, ohne dass man angeben könnte, was die so aufreizend reizlosen und aus ihrem Alltag gefallenen Dinge, die über jeden Zweck hinausgewachsen zu sein scheinen, bedeuten könnten. Nimmt man hinzu, dass es die Szenerie, in die uns eines der Tableaus versetzt (die auch Allegorien sein könnten), jenseits des Bildes nie gegeben hat, so bemerkt man, wie subtil Brandt Wiedererkennen und Befremden verbindet. Ihre ausgeklügelten Kompositionen – deren Titel überdies eine Spur legen, der unsere Einbildungskraft bereitwillig über das Gewohnte hinaus folgt – lassen das trügerisch Wirkliche in seiner Besonderheit und Würde erstrahlen.

Astrid Brandt - inwendig auswärts
Zeichnungen aus den Jahren 2000 bis 2012
Text von Annett Reckert und Andreas Bee
Hrsg.: Städtische Galerie Delmenhorst
Hardcover, 72 S., 41 Abb.,
19 Euro

MEHR auf Stylepark:

N minus X – Lesen bildet, Teil 1: Bücherstapel, die es wert sind, nicht noch länger unbeachtet zu bleiben.
(15. Januar 2014)
Bonnet (Chevron), 2009. Foto © 2013, Jory Hull, Kehrer Verlag Heidelberg Berlin
Lotus ( #24), 2009. Foto © 2013, Jory Hull, Kehrer Verlag Heidelberg Berlin
Porsches, 2009. Foto © 2013, Jory Hull, Kehrer Verlag Heidelberg Berlin
Kein Sponsorname, sondern eine Kröte sitzt auf der Haube eines Porsches 356. Foto © 2013, Jory Hull, Kehrer Verlag Heidelberg Berlin
Hier regiert allein der Bleistift: Astrid Brandt, links „Weight Watcher", 2001, rechts „Bambi“, 2002. Foto © Thomas Wagner/ aus dem Band Astrid Brandt – „inwendig auswärts“
„Büropartikel (IXX) Mezzaluna", 2011 und „Büropartikel (I)", 2009. Foto © Astrid Brandt
Brandts Kompositionen lassen das trügerisch Wirkliche in seiner Besonderheit und Würde erstrahlen. Foto © Astrid Brandt
News & Stories › 2014 › Januar
N minus X – Lesen bildet, Teil 2
von Thomas Wagner | 19. Januar 2014
Der Stapel ist noch nicht abgetragen. Die Verlockungen durch das Ungesehene und Ungelesene aber brechen sich Bahn. Also schauen wir weiter. Diesmal in Richtung Fotografie und Zeichnung.
Der Stapel will und will nicht weichen. Noch immer türmen sich die Bände auf dem Schreibtisch. Obenauf lockt zuerst die Farbe. „My Mind is Racing“ heißt der Band mit Fotografien von Jory Hull. Welch prickelnde Farbtöne! Welch elektrisierende Formen! Und diese Ziffern! Schon auf dem Cover springen sie einen an. Eine 77, in scharfen, kantigen Lettern, unten schwarz, oben grau, prangt auf giftig-grellem Grün. Oben links ein eingelassener Türöffner und im Schweller unter der Tür zwei dicke Sidepipes. Klar, Jory Hull fotografiert Autos, nicht irgendwelche, sondern Rennwagen. Und auch nicht einfach nur Rennwagen, sondern Details ihrer Lackierung: Nummern, Schriftzüge, Farbkombinationen, Streifen und Embleme, die sich an Türen und Kotflügel schmiegen, Hauben und Luftauslässe zieren. Wodurch die Maschinen im Zusammenspiel von Farbe und Form in ihrer stillgestellten, aber unbändigen Energie sichtbar werden.

Aufgenommen hat sie der New Yorker Fotograf, der in einem knappen Vorwort zu dem in Zusammenarbeit mit der Feroz Galerie in Bonn entstandene Band bekennt, schon als Kind vom Design dieser Rennmaschinen und „den modernen Hieroglyphen“ fasziniert gewesen zu sein. Ob der Radkasten eines Lotus in klassischem British Racing Green mit der Startnummer 24, die in Hellrot und Weiß gehaltene Haube einer Corvette 427 mit der dreidimensional gestalteten Nummer 55 den Puls eines jeden Rennsportbegeisterten höher schlagen lassen oder ob im dunklen Spiegel der Haube eines Porsche 356 überraschend eine Kröte („le petit crapaud“) mit verschränkten Armen erscheint – die Aufnahmen erzählen von einer Zeit, als Rennwagen noch mechanische Kunstwerke waren und ihre Karosserie mehr als ein Platz für Sponsorennamen.

My Mind is Racing
Gestaltet von Jory Hull, Kehrer Design
28 x 24 cm, 80 Seiten, 60 Farbabb.
Text englisch, Hardcover
Kehrer Verlag Heidelberg
39,90 Euro

Völlig anders tritt ein Band auf, der Zeichnungen von Astrid Brandt enthält, die sie 2013 unter dem Titel „inwendig auswärts“ in der Städtischen Galerie Delmenhorst gezeigt hat. Hier regiert allein der Bleistift und mit ihm ein sensibles Grau in schier endlosen Abstufungen und Texturen. Selbstbewusst, ja geradezu keck stellt Astrid Brandt die Kunstgeschichte auf den Kopf und lässt die Geschichte der Zeichnung im 21. Jahrhundert „mit dem Festhalten des Bildes auf Schoellershammer 6G“ beginnen. Ein Schock sei das für die Fotografie, sei dieser doch in der Zeichnung eine besondere Konkurrenz erwachsen. Was nicht nur so dahingesagt ist. Astrid Brandts mit beunruhigender Sorgfalt ausgeführte, stets menschenleere, vertraut und fremd wirkende Darstellungen von Räumen und Dingkonstellationen belegen es auf eindrucksvolle Weise.

Man muss diese eigenwilligen Zeichnungen intensiv betrachten, sie immer wieder tastend mit den Augen durchstreifen, man muss sie auf Auge und Geist einwirken, ihre geradezu halluzinatorische Wirkung sich entfalten lassen und ihre irritierende Ordnung auskosten, bis sie ihren spröden Charme freigeben. In Worten einholen lassen sie sich ihr Spiel mit dem Blick nicht. „Bambi“ etwa, ein Blatt von 2002, zeigt, angeschnitten, ein breites Fenster. Vermutlich frühe 1960er Jahre. Auf der Fensterbank eine Schale, davor ein gerippter Heizkörper, Teile eines gemusterten Teppichs und darauf ein mit Gurten bespannten Schemel. Ein trauriges Tier, gefangen in Raum und Zeit? In „Weigth watcher“ von 2001 ist es, ein etwas fülliger Sessel auf Teppich, der sich zwischen Tür und Kachelofen drängt – vor einem Bogensegment eines mit Sonnengeflecht unter Glasplatte und Spitzendecke versehenen Couchtisch. Vertragen auch Möbel eine Diät? Und in „Mezzaluna“ von 2011 spielt die abgeklappte Plexiglashaube eines Klebestreifenabrollers frech Halbmond – über aus Aktenordnern entflohenen Tippklemmern, die träge wie Krokodile auf dem Tisch dahinzugleiten scheinen.

„Stillleben“ oder „Interieurs“ mag Brandt ihre Blätter nicht nennen. Sie spricht lieber von Tableaus, weil ein Tableau „das Extrakt einer Handlung“ darstelle, die „in einem unerwarteten Stillstand zwischen den Augenblicken gebannt ist“. Wobei, was nicht im Bild erscheint, beinahe so bedeutsam ist wie das, was es zeigt. Der Betrachter sieht etwas, weiß aber nichts darüber. Etwas wird aus der Welt herausgehoben, ist irgendwie aus der Zeit gefallen, ohne dass man angeben könnte, was die so aufreizend reizlosen und aus ihrem Alltag gefallenen Dinge, die über jeden Zweck hinausgewachsen zu sein scheinen, bedeuten könnten. Nimmt man hinzu, dass es die Szenerie, in die uns eines der Tableaus versetzt (die auch Allegorien sein könnten), jenseits des Bildes nie gegeben hat, so bemerkt man, wie subtil Brandt Wiedererkennen und Befremden verbindet. Ihre ausgeklügelten Kompositionen – deren Titel überdies eine Spur legen, der unsere Einbildungskraft bereitwillig über das Gewohnte hinaus folgt – lassen das trügerisch Wirkliche in seiner Besonderheit und Würde erstrahlen.

Astrid Brandt - inwendig auswärts
Zeichnungen aus den Jahren 2000 bis 2012
Text von Annett Reckert und Andreas Bee
Hrsg.: Städtische Galerie Delmenhorst
Hardcover, 72 S., 41 Abb.,
19 Euro

MEHR auf Stylepark:

N minus X – Lesen bildet, Teil 1: Bücherstapel, die es wert sind, nicht noch länger unbeachtet zu bleiben.
(15. Januar 2014)