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Die Frühjahrsschau von Louis Vuitton im Dezember 2012 im Louvre, Foto © Louis Vuitton
Nach allen Regeln der Kunst
von Annette Tietenberg | 22. März 2013
Die Sixties sind zurück: Hochsteckfrisuren, Mini- und Maxiröcke, Kurzmäntel, Jumpsuits, Kastenjacken, die den Bauchnabel frei geben, und nicht zu vergessen schleifchenverzierte Stöckelschuhe passend zur Henkelhandtasche mit Klappverschluss. Was anlässlich der Frühjahrsschau von Louis Vuitton im Dezember 2012 im Louvre vorgeführt wurde und neuerdings in Magazinen auf doppelseitigen Anzeigen mit Op-Art-Effekten das Auge verwirrt, ist eine Hommage an den Space Look der Sechziger. Und zugleich ganz und gar unsere Gegenwart, wird doch die Grenze zwischen Kunst und Mode in Frage gestellt, wenn nicht gar aufgehoben. Denn für das Set Design der Show und der Werbefotografien ist kein Geringerer als Daniel Buren verantwortlich, ein Konzept-Künstler der ersten Stunde.

Sein Markenzeichen sind gestreifte Markisenstoffe, zumeist im traditionell französischen Blau-Weiß. Die Zusammenarbeit mit dem Modedesigner Marc Jacobs hält Daniel Buren im Nachhinein für ein total verrücktes Experiment. In nicht einmal drei Monaten gemeinsam eine Kollektion stemmen? Ohne ein eingespieltes Team zu sein? Völlig unmöglich! Und doch: Es ist geglückt. Den mit gelb-weißen, schwarz-weißen und beige-weißen Schachbrettmustern auftrumpfenden Kleidungsstücken und Accessoires, entworfen von Marc Jacobs, kontert Daniel Buren mit gelb-weißen Rechtecken und Quadraten auf Boden und Wänden. Dazu erklang in Paris Minimal Music: „Knee Play 5’“, das letzte Stück der Oper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass, ein Paradebeispiel für die Anwendung der Prinzipien der Addition und Subtraktion auf musikalische „patterns“.

So wird die Welt der Mode zur perfekten Bühne, nicht unähnlich den Schauplätzen von Alain Resnais’ rätselhaftem Film „Letztes Jahr in Marienbad“, der, wie sollte es anders sein, die sechziger Jahre einleitete und dem Schach wie dem Schachbrettmuster huldigte. In diesem Film fallen die Figuren aus der Chronologie heraus, werden von ihren Erinnerungen in die Irre geführt, sind Fremde und Vertraute zugleich. Alain Robbe-Grillet, der das Drehbuch schrieb, wies darauf hin, dass die Welt, in der der Film spielt, ja gerade die Welt einer ständigen Gegenwart sei. Es sei eine Welt ohne Vergangenheit, die sich selbst in jedem Augenblick genüge.

Ob Wiederholung möglich ist und wodurch sie wahrnehmbar wird, diese Frage beschäftigt Daniel Buren seit nunmehr vierzig Jahren. Seine Kunst erteilt dem traditionellen Werkbegriff eine Absage, denn sie ist nie von Dauer, definiert sich nicht über Ideenreichtum und kommt ganz ohne verkäufliche Objekte aus. Auch auf ein Atelier, den mythenumrankten Ursprungsort von Kunst, kann Buren getrost verzichten, arbeitet er doch stets „in situ“. Seine Methode ist ebenso klar wie konsequent: Für die Laufzeit der Ausstellung, und damit für einen zuvor festgelegten zeitlichen Rahmen, kombiniert er eine Konstante, den Blockstreifen, mit einer Variablen, dem Ort, an dem die senkrecht gereihten Streifen ihre jeweilige Wirkung entfalten. Die Repetition sorgt für Wiedererkennbarkeit und stiftet einen leicht zu identifizierenden Werkzusammenhang, das Spezifische des Ortes aber macht jeden Eingriff des Künstlers einmalig und unverwechselbar. So lenkt Buren das Augenmerk auf den Ort – und infolgedessen auf die Institution, die seine Eingriffe in Auftrag gibt und zugleich beschränkt: Der Limitierungen sind viele, seien diese nun architektonisch-räumlicher oder finanzieller Natur oder auch das Ergebnis der den Museen und Ausstellungshäusern seitens des Kunstbetriebs auferlegten Spielregeln.

Sich in dialektischen Widersprüchen einzurichten, fällt Daniel Buren also seit jeher nicht allzu schwer. Um diesmal nicht der Kunst-, sondern der Modewelt, die zwischen Schauspiel und Konsumption changiert, den Spiegel vorzuhalten, genügt es daher, das Repertoire seiner Werkzeuge minimal zu erweitern. Zeigte zuvor das dem Alltäglichen entnommene Markisenmuster Wirkung in der Kunst, so rücken nun die als Leinwandformat üblichen Quadrate und Rechtecke der Kunst in die Mode ein. Doch damit nicht genug. Wie von schmalen Rahmen eingefasst, sind weiße und gelbe Quadrate hintereinander gestaffelt, wodurch sich der Raum, der die Models hinterfängt, in die Tiefe ausdehnt. Josef Albers’ „Homage To The Square“ lässt grüßen. Zudem klingt in der Verschachtelung von Kulisse, Kleidungsstoff und Handtasche ein weiteres Motiv der Malerei an: die Ununterscheidbarkeit von Figur und Grund. Damit aber ist das Spektrum der Wiederholung noch lange nicht ausgeschöpft. Denn die Models sind paarweise auf der gelb-weißen Bühne angeordnet. Auf den ersten Blick identische Zwillinge in Größe, Profil und Frisur, werden im genauen Vergleich die geringfügigen Unterschiede sichtbar. Hier die Nasenform, da der Schwung der Lippen, dort die Größe der Augen. Ebenso verhält es sich mit den Kleidungsstücken. Mal haben sie Knöpfe, mal einen schmalen Ausschnitt, mal aufgesetzte Taschen. Was gleich aussieht, ist eben nicht gleich.

„Dieses beständige Sichunterscheiden eines Gleichen nennen wir Wiederholung“, hat Daniel Buren einmal gesagt. Wie recht er doch hat. Eingespannt in sein Konzept, gibt selbst die dem Reiz des Neuen verfallene Mode zu erkennen, woher sie zu einem Großteil ihre Ideen bezieht: aus der Wiederholung. Deshalb aber, und davon profitiert nicht zuletzt Louis Vuitton, ist sie nicht minder schön und begehrenswert.


www.louisvuitton.de

Modedesigner Marc Jacobs und Daniel Buren haben in nicht einmal drei Monaten gemeinsam eine Kollektion entworfen. Foto © Louis Vuitton
Für das Set Design der Show und der Werbefotografien ist der Konzept-Künstler Daniel Buren verantwortlich, Foto © Louis Vuitton
Schleifchenverzierte Stöckelschuhe passend zur Henkelhandtasche mit Klappverschluss, Foto © Louis Vuitton
Die Welt der Mode wird zur perfekten Bühne. Foto © Louis Vuitton
Die Sixties sind zurück: Hochsteckfrisuren, Mini- und Maxiröcke und Kurzmäntel, Foto © Louis Vuitton
Zu der Show lief „Knee Play 5’“, das letzte Stück der Oper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass. Foto © Louis Vuitton
Eine Hommage an den Space Look der Sechziger, Foto © Louis Vuitton
News & Stories › 2013 › März
Nach allen Regeln der Kunst
von Annette Tietenberg | 22. März 2013
Seit den sechziger Jahren spielt Daniel Buren in und mit den Grenzen der Kunst. Nun hat er das Spielfeld gewechselt und lässt für Louis Vuitton Models wie Schachfiguren auftreten.
Die Sixties sind zurück: Hochsteckfrisuren, Mini- und Maxiröcke, Kurzmäntel, Jumpsuits, Kastenjacken, die den Bauchnabel frei geben, und nicht zu vergessen schleifchenverzierte Stöckelschuhe passend zur Henkelhandtasche mit Klappverschluss. Was anlässlich der Frühjahrsschau von Louis Vuitton im Dezember 2012 im Louvre vorgeführt wurde und neuerdings in Magazinen auf doppelseitigen Anzeigen mit Op-Art-Effekten das Auge verwirrt, ist eine Hommage an den Space Look der Sechziger. Und zugleich ganz und gar unsere Gegenwart, wird doch die Grenze zwischen Kunst und Mode in Frage gestellt, wenn nicht gar aufgehoben. Denn für das Set Design der Show und der Werbefotografien ist kein Geringerer als Daniel Buren verantwortlich, ein Konzept-Künstler der ersten Stunde.

Sein Markenzeichen sind gestreifte Markisenstoffe, zumeist im traditionell französischen Blau-Weiß. Die Zusammenarbeit mit dem Modedesigner Marc Jacobs hält Daniel Buren im Nachhinein für ein total verrücktes Experiment. In nicht einmal drei Monaten gemeinsam eine Kollektion stemmen? Ohne ein eingespieltes Team zu sein? Völlig unmöglich! Und doch: Es ist geglückt. Den mit gelb-weißen, schwarz-weißen und beige-weißen Schachbrettmustern auftrumpfenden Kleidungsstücken und Accessoires, entworfen von Marc Jacobs, kontert Daniel Buren mit gelb-weißen Rechtecken und Quadraten auf Boden und Wänden. Dazu erklang in Paris Minimal Music: „Knee Play 5’“, das letzte Stück der Oper „Einstein on the Beach“ von Philip Glass, ein Paradebeispiel für die Anwendung der Prinzipien der Addition und Subtraktion auf musikalische „patterns“.

So wird die Welt der Mode zur perfekten Bühne, nicht unähnlich den Schauplätzen von Alain Resnais’ rätselhaftem Film „Letztes Jahr in Marienbad“, der, wie sollte es anders sein, die sechziger Jahre einleitete und dem Schach wie dem Schachbrettmuster huldigte. In diesem Film fallen die Figuren aus der Chronologie heraus, werden von ihren Erinnerungen in die Irre geführt, sind Fremde und Vertraute zugleich. Alain Robbe-Grillet, der das Drehbuch schrieb, wies darauf hin, dass die Welt, in der der Film spielt, ja gerade die Welt einer ständigen Gegenwart sei. Es sei eine Welt ohne Vergangenheit, die sich selbst in jedem Augenblick genüge.

Ob Wiederholung möglich ist und wodurch sie wahrnehmbar wird, diese Frage beschäftigt Daniel Buren seit nunmehr vierzig Jahren. Seine Kunst erteilt dem traditionellen Werkbegriff eine Absage, denn sie ist nie von Dauer, definiert sich nicht über Ideenreichtum und kommt ganz ohne verkäufliche Objekte aus. Auch auf ein Atelier, den mythenumrankten Ursprungsort von Kunst, kann Buren getrost verzichten, arbeitet er doch stets „in situ“. Seine Methode ist ebenso klar wie konsequent: Für die Laufzeit der Ausstellung, und damit für einen zuvor festgelegten zeitlichen Rahmen, kombiniert er eine Konstante, den Blockstreifen, mit einer Variablen, dem Ort, an dem die senkrecht gereihten Streifen ihre jeweilige Wirkung entfalten. Die Repetition sorgt für Wiedererkennbarkeit und stiftet einen leicht zu identifizierenden Werkzusammenhang, das Spezifische des Ortes aber macht jeden Eingriff des Künstlers einmalig und unverwechselbar. So lenkt Buren das Augenmerk auf den Ort – und infolgedessen auf die Institution, die seine Eingriffe in Auftrag gibt und zugleich beschränkt: Der Limitierungen sind viele, seien diese nun architektonisch-räumlicher oder finanzieller Natur oder auch das Ergebnis der den Museen und Ausstellungshäusern seitens des Kunstbetriebs auferlegten Spielregeln.

Sich in dialektischen Widersprüchen einzurichten, fällt Daniel Buren also seit jeher nicht allzu schwer. Um diesmal nicht der Kunst-, sondern der Modewelt, die zwischen Schauspiel und Konsumption changiert, den Spiegel vorzuhalten, genügt es daher, das Repertoire seiner Werkzeuge minimal zu erweitern. Zeigte zuvor das dem Alltäglichen entnommene Markisenmuster Wirkung in der Kunst, so rücken nun die als Leinwandformat üblichen Quadrate und Rechtecke der Kunst in die Mode ein. Doch damit nicht genug. Wie von schmalen Rahmen eingefasst, sind weiße und gelbe Quadrate hintereinander gestaffelt, wodurch sich der Raum, der die Models hinterfängt, in die Tiefe ausdehnt. Josef Albers’ „Homage To The Square“ lässt grüßen. Zudem klingt in der Verschachtelung von Kulisse, Kleidungsstoff und Handtasche ein weiteres Motiv der Malerei an: die Ununterscheidbarkeit von Figur und Grund. Damit aber ist das Spektrum der Wiederholung noch lange nicht ausgeschöpft. Denn die Models sind paarweise auf der gelb-weißen Bühne angeordnet. Auf den ersten Blick identische Zwillinge in Größe, Profil und Frisur, werden im genauen Vergleich die geringfügigen Unterschiede sichtbar. Hier die Nasenform, da der Schwung der Lippen, dort die Größe der Augen. Ebenso verhält es sich mit den Kleidungsstücken. Mal haben sie Knöpfe, mal einen schmalen Ausschnitt, mal aufgesetzte Taschen. Was gleich aussieht, ist eben nicht gleich.

„Dieses beständige Sichunterscheiden eines Gleichen nennen wir Wiederholung“, hat Daniel Buren einmal gesagt. Wie recht er doch hat. Eingespannt in sein Konzept, gibt selbst die dem Reiz des Neuen verfallene Mode zu erkennen, woher sie zu einem Großteil ihre Ideen bezieht: aus der Wiederholung. Deshalb aber, und davon profitiert nicht zuletzt Louis Vuitton, ist sie nicht minder schön und begehrenswert.


www.louisvuitton.de