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Nähe und Distanz zu den gesellschaftlichen Umständen
von Jesko Fezer | 20. April 2012
Jesko Fezer, Foto © JF

Die diese Debatte mitauslösende Annahme, dass wir in Hamburg Design als Kunst lehren und uns ihr dabei gar unterordnen würden, ist verwunderlich. Dass die Hochschule für bildende Künste Hamburg eine Kunsthochschule ist, wollen wir nicht verschleiern. Und in der Tat bemühen wir uns auf unterschiedlichste Weise, das zu Unrecht auf (Konsum-)Produkte eingeengte Tätigkeits- und Denkfeld des Designs, das seiner Wirklichkeit als Begriff und Praxis widerspricht, zu erweitern. Ja, auch stehen wir mit offenen Rändern im engen Austausch der (künstlerischen) Disziplinen. Aber so wie in Hamburg die Filmemacher Filme machen und die Maler malen, die Typografen typografieren, und die Bildhauer Bilder hauen so designen wir Designer – oder besser lehren und lernen es. Wie die anderen auch tun wir dies im weitesten Sinne, denn wir sind sehr daran interessiert, optimistisch wie auch selbstkritisch die Möglichkeiten entwerferischer Praxis auszuloten und mit neuen Formaten und Inhalten des Designs zu experimentieren. Die Erregung über die Vermutung, dass in Hamburg eine besonders unterwürfige, produktfeindliche und unverständliche Form von Design-Kunst gelehrt würde, oder es zumindest geplant sei, hat allerdings eine spannende öffentliche Diskussion um das Verhältnis von Design und Kunst ausgelöst.

Bei dem ganzen verwirrenden und polemischen Hin und Her der Designdebatten werden zwar verschiedene Designbegriffe zumindest angedeutet, auffallend ist aber, dass der dem je – entweder als Schreckgespenst oder Folie des Begehrens – beigegebene Kunstbegriff ziemlich unterbelichtet bleibt. Nicht dass ich hier wirklich Klärung verschaffen könnte. Doch ist meines Erachtens das Künstlerische (im Design) weder mit dem denunziatorischen Hinweis auf „Unverständlichkeit" als mögliches Kriterium für Kunst noch mit den vermeintlich künstlerischen Eigenschaften, als die beispielsweise „provokativ, radikal, frech" oder „frei" oder subjektiv-genialisch genannt werden, irgendwie fassbar. Vielmehr sind beide Perspektiven irreführend, indem sie künstlerische Praxen in ein wahlweise irres oder kesses Gegenüber zur gesellschaftlichen Normalität stellen. Man könne sie entweder schlicht nicht verstehen oder sie treten ihr mutig entgegen. Als ob es keinen Kunstmarkt geben würde und keine Kunst in Kanzlerämtern und Bankfilialen. Und als ob sich Künstler nicht auch gerade damit auseinandersetzen würden, wie dieses ihr zugeschriebene Gegenüber zur Welt oder auch zur Normalität zu konstruieren, auszuhalten oder aufzuheben sei. Aber die Frage ist spannend: ob sich Kunst und Design an diesem spezifischen Punkt der Nähe und Distanz zur Wirklichkeit und den betrüblichen gesellschaftlichen Umständen unterscheiden oder ähneln. Wobei die Frage eigentlich nicht ist, welche wie auch immer abgesteckte Disziplin sich von einer anderen unterscheide, sondern vielmehr, wie sie sich zur Welt verhält, was sie ihr zu bieten und entgegenzusetzen hat.

Der Künstler und Designer Bruno Munari drehte 1970 das, was wir heute diskutieren, im Vorwort zu seinem Büchlein „Design as Art" um. Er verschob die Perspektive dieses mal begehrlichen, mal panischen Verhältnisses, bei dem das Design auf die vermeintlichen Freiheiten der Kunst schielt, sehr produktiv um. Für die damals neuen Tendenzen der Pop Art, Concept Art, Arte Povera oder anderer dem Alltag zugewandter Formen einer Kunstpraxis, bildete Munari zufolge Design ein Leitmotiv. Ja, Design wäre sogar die neue Kunst, denn es böte genau das, was die Kunst suche: eine Bindung an und eine Zugänglichkeit für das Soziale. So begründete Munari, dass sich Künstler – wie auch er – in Designer verwandeln wollten, sollten und würden: „Es ist wahrscheinlich die Lust, Anschluss an die Gesellschaft wiederzufinden, Kontakt mit ihren Nachbarn wieder aufzunehmen, Kunst für alle zu machen, nicht ausschließlich für die paar auserwählten mit einem dicken Portemonnaie. Künstler wollen das Publikum zurückerobern, das sich Kunstgalerien schon längst abgewandt hat und den geschlossenen Kreis Künstler – Händler – Kritiker – Galerie – Sammler aufzubrechen".

Okay mag sein, dass manches Design inzwischen in den gleichen Kreisläufen gefangen genommen wurde, und dass das ganze recht romantisch zu uns spricht. Aber es schien damals (und ich behaupte auch heute noch oder wieder) für Künstler attraktiv zu sein, sich in die Anwendung oder den Gebrauch, in die gesellschaftliche Praxis und den Alltag zu begeben. Und uns Designern ist klar warum, denn dieser Bezug zur Wirklichkeit ist der Kern dessen, was Design aufsucht. Wir leiden zwar darunter, weil es eine ziemlich schmuddelige Sache ist, aber wollen keinesfalls darauf verzichten, weil es Relevanz hat. Wenn das Ändern unsere Aufgabe ist, müssen wir Design eben nicht in einem zwanghaften Konkurrenzverhältnis zur Kunst definieren – weder als „Angewandte Kunst", die danach schielt den Makel der Anwendung zu beseitigen, noch als eine „Form der Kunst", die ratlos wäre, auf was für einen Kunstbegriff man zurückgreift oder entwickelt, und noch weniger als das Andere zur Kunst, was fälschlicherweise deren gesellschaftliche Relevanz übersähe.

Schön, wenn die Kunst nun auf das Potenzial des Designs schielt, in ein materielles und ideelles Verhältnis zur Welt verdammt zu sein. Genau das könnte Design von Kunst über sich selbst lernen: sich in die gesellschaftlichen Debatten stellen. Denn Design hat natürlich mit seinem Gebrauch zu tun. Seinem ganz konkreten Nutzen, seiner Anwendung, seiner Einbindung in den lebensweltlichen schnöden Alltag. Und es hat dadurch unvermeidbar Effekte. Ist Design also Kunst? Falls Kunst noch als autonom begriffen würde, wäre Design das gewiss nicht. Das ist ja klar. Sonst vielleicht schon. Nur ist das eigentlich nicht so wichtig. Ist die Kunsthochschule der richtige Ort für eine Designausbildung? Wenn dort lediglich disziplinär eingeengte Kunst- und Designverständnisse gepflegt würden, vielleicht nicht unbedingt. Anderenfalls: Hey, wo denn sonst?

Woher also die Sorge vor der vermeintlichen Ohnmacht sich Kunst unterordnenden Designs, wenn Design doch gerade im Begriff ist, alles zu sein? Wird doch nicht schon länger eher die Entgrenzung des Designs beobachtet und beklagt, seine Ausweitung auf alles und jeden – von der Frisur bis zum Lebensstil von der Politik bis zum Sound. Vielleicht ist es Bammel vor der eigenen Relevanz, der uns zweifeln lässt. Aber eigentlich wissen wir doch auch alle ziemlich genau, was Design ist. Das, was wir machen – Entwerfen. Entwerfen ist nicht mehr oder weniger als die gestalterisch projektive Auseinandersetzung mit der Welt. Und wie läuft die eigentlich so? Das kann man nämlich schlecht oder gut aber auch sozial oder ungerecht, kreativ oder bürokratisch, nützlich oder schädlich, kritisch oder bestätigend, lustig oder ernst, fürs Geld oder für die Welt machen. Darum geht's doch!

www.design.hfbk-hamburg.de
www.jeskofezer.de

News & Stories › 2012 › April
Nähe und Distanz zu den gesellschaftlichen Umständen
von Jesko Fezer | 20. April 2012
Jesko Fezer ist seit dem Wintersemester 2011/12 Professor für Experimentelles Design an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Seiner Meinung nach sei Entwerfen nicht mehr oder weniger als die gestalterisch projektive Auseinandersetzung mit der Welt – und eine Kunsthochschule ein geeigneter Ort der Ausbildung dazu.
Die diese Debatte mitauslösende Annahme, dass wir in Hamburg Design als Kunst lehren und uns ihr dabei gar unterordnen würden, ist verwunderlich. Dass die Hochschule für bildende Künste Hamburg eine Kunsthochschule ist, wollen wir nicht verschleiern. Und in der Tat bemühen wir uns auf unterschiedlichste Weise, das zu Unrecht auf (Konsum-)Produkte eingeengte Tätigkeits- und Denkfeld des Designs, das seiner Wirklichkeit als Begriff und Praxis widerspricht, zu erweitern. Ja, auch stehen wir mit offenen Rändern im engen Austausch der (künstlerischen) Disziplinen. Aber so wie in Hamburg die Filmemacher Filme machen und die Maler malen, die Typografen typografieren, und die Bildhauer Bilder hauen so designen wir Designer – oder besser lehren und lernen es. Wie die anderen auch tun wir dies im weitesten Sinne, denn wir sind sehr daran interessiert, optimistisch wie auch selbstkritisch die Möglichkeiten entwerferischer Praxis auszuloten und mit neuen Formaten und Inhalten des Designs zu experimentieren. Die Erregung über die Vermutung, dass in Hamburg eine besonders unterwürfige, produktfeindliche und unverständliche Form von Design-Kunst gelehrt würde, oder es zumindest geplant sei, hat allerdings eine spannende öffentliche Diskussion um das Verhältnis von Design und Kunst ausgelöst.

Bei dem ganzen verwirrenden und polemischen Hin und Her der Designdebatten werden zwar verschiedene Designbegriffe zumindest angedeutet, auffallend ist aber, dass der dem je – entweder als Schreckgespenst oder Folie des Begehrens – beigegebene Kunstbegriff ziemlich unterbelichtet bleibt. Nicht dass ich hier wirklich Klärung verschaffen könnte. Doch ist meines Erachtens das Künstlerische (im Design) weder mit dem denunziatorischen Hinweis auf „Unverständlichkeit" als mögliches Kriterium für Kunst noch mit den vermeintlich künstlerischen Eigenschaften, als die beispielsweise „provokativ, radikal, frech" oder „frei" oder subjektiv-genialisch genannt werden, irgendwie fassbar. Vielmehr sind beide Perspektiven irreführend, indem sie künstlerische Praxen in ein wahlweise irres oder kesses Gegenüber zur gesellschaftlichen Normalität stellen. Man könne sie entweder schlicht nicht verstehen oder sie treten ihr mutig entgegen. Als ob es keinen Kunstmarkt geben würde und keine Kunst in Kanzlerämtern und Bankfilialen. Und als ob sich Künstler nicht auch gerade damit auseinandersetzen würden, wie dieses ihr zugeschriebene Gegenüber zur Welt oder auch zur Normalität zu konstruieren, auszuhalten oder aufzuheben sei. Aber die Frage ist spannend: ob sich Kunst und Design an diesem spezifischen Punkt der Nähe und Distanz zur Wirklichkeit und den betrüblichen gesellschaftlichen Umständen unterscheiden oder ähneln. Wobei die Frage eigentlich nicht ist, welche wie auch immer abgesteckte Disziplin sich von einer anderen unterscheide, sondern vielmehr, wie sie sich zur Welt verhält, was sie ihr zu bieten und entgegenzusetzen hat.

Der Künstler und Designer Bruno Munari drehte 1970 das, was wir heute diskutieren, im Vorwort zu seinem Büchlein „Design as Art" um. Er verschob die Perspektive dieses mal begehrlichen, mal panischen Verhältnisses, bei dem das Design auf die vermeintlichen Freiheiten der Kunst schielt, sehr produktiv um. Für die damals neuen Tendenzen der Pop Art, Concept Art, Arte Povera oder anderer dem Alltag zugewandter Formen einer Kunstpraxis, bildete Munari zufolge Design ein Leitmotiv. Ja, Design wäre sogar die neue Kunst, denn es böte genau das, was die Kunst suche: eine Bindung an und eine Zugänglichkeit für das Soziale. So begründete Munari, dass sich Künstler – wie auch er – in Designer verwandeln wollten, sollten und würden: „Es ist wahrscheinlich die Lust, Anschluss an die Gesellschaft wiederzufinden, Kontakt mit ihren Nachbarn wieder aufzunehmen, Kunst für alle zu machen, nicht ausschließlich für die paar auserwählten mit einem dicken Portemonnaie. Künstler wollen das Publikum zurückerobern, das sich Kunstgalerien schon längst abgewandt hat und den geschlossenen Kreis Künstler – Händler – Kritiker – Galerie – Sammler aufzubrechen".

Okay mag sein, dass manches Design inzwischen in den gleichen Kreisläufen gefangen genommen wurde, und dass das ganze recht romantisch zu uns spricht. Aber es schien damals (und ich behaupte auch heute noch oder wieder) für Künstler attraktiv zu sein, sich in die Anwendung oder den Gebrauch, in die gesellschaftliche Praxis und den Alltag zu begeben. Und uns Designern ist klar warum, denn dieser Bezug zur Wirklichkeit ist der Kern dessen, was Design aufsucht. Wir leiden zwar darunter, weil es eine ziemlich schmuddelige Sache ist, aber wollen keinesfalls darauf verzichten, weil es Relevanz hat. Wenn das Ändern unsere Aufgabe ist, müssen wir Design eben nicht in einem zwanghaften Konkurrenzverhältnis zur Kunst definieren – weder als „Angewandte Kunst", die danach schielt den Makel der Anwendung zu beseitigen, noch als eine „Form der Kunst", die ratlos wäre, auf was für einen Kunstbegriff man zurückgreift oder entwickelt, und noch weniger als das Andere zur Kunst, was fälschlicherweise deren gesellschaftliche Relevanz übersähe.

Schön, wenn die Kunst nun auf das Potenzial des Designs schielt, in ein materielles und ideelles Verhältnis zur Welt verdammt zu sein. Genau das könnte Design von Kunst über sich selbst lernen: sich in die gesellschaftlichen Debatten stellen. Denn Design hat natürlich mit seinem Gebrauch zu tun. Seinem ganz konkreten Nutzen, seiner Anwendung, seiner Einbindung in den lebensweltlichen schnöden Alltag. Und es hat dadurch unvermeidbar Effekte. Ist Design also Kunst? Falls Kunst noch als autonom begriffen würde, wäre Design das gewiss nicht. Das ist ja klar. Sonst vielleicht schon. Nur ist das eigentlich nicht so wichtig. Ist die Kunsthochschule der richtige Ort für eine Designausbildung? Wenn dort lediglich disziplinär eingeengte Kunst- und Designverständnisse gepflegt würden, vielleicht nicht unbedingt. Anderenfalls: Hey, wo denn sonst?

Woher also die Sorge vor der vermeintlichen Ohnmacht sich Kunst unterordnenden Designs, wenn Design doch gerade im Begriff ist, alles zu sein? Wird doch nicht schon länger eher die Entgrenzung des Designs beobachtet und beklagt, seine Ausweitung auf alles und jeden – von der Frisur bis zum Lebensstil von der Politik bis zum Sound. Vielleicht ist es Bammel vor der eigenen Relevanz, der uns zweifeln lässt. Aber eigentlich wissen wir doch auch alle ziemlich genau, was Design ist. Das, was wir machen – Entwerfen. Entwerfen ist nicht mehr oder weniger als die gestalterisch projektive Auseinandersetzung mit der Welt. Und wie läuft die eigentlich so? Das kann man nämlich schlecht oder gut aber auch sozial oder ungerecht, kreativ oder bürokratisch, nützlich oder schädlich, kritisch oder bestätigend, lustig oder ernst, fürs Geld oder für die Welt machen. Darum geht's doch!

www.design.hfbk-hamburg.de
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