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Natur bleibt nicht Natur
von Ralf Wollheim | 25. August 2014
Olafur Eliasson zeigt im Louisiana Museum nördlich von Kopenhagen seine Installation „Riverbed“. Foto © Louisiana Museum
Nicht ohne Grund halten viele das Louisiana Museum nördlich von Kopenhagen für das schönste Museum der Welt. Seine Lage direkt am Öresund erscheint perfekt, in dem herrlichen Park rund um das Museum sind jede Menge Skulpturen versteckt und besonders die dem Gelände angepassten Pavillons der ersten Bauphase bieten immer wieder überraschende Ausblicke in die Landschaft. Kein Wunder, dass dieser Ort Olafur Eliasson gereizt hat, dort seine Installation „Riverbed“ zu installieren, die angeblich auf radikale und zugleich einfache Art die gewohnte Präsentation von Kunst und unser Verständnis von Natur hinterfragt.

Man betritt das Museum durch dessen Südflügel, der zum Teil in die Erde eingegraben wurde, so dass man sich auf Augenhöhe mit dem manikürten Rasen und einer Skulptur von Henry Moore befindet. Dem Glasgang mit Blick auf den malerischen Garten folgt ein Korridor aus rauen Holzplanken, der zum ersten Ausstellungsraum führt und der bis zur Hälfte mit grau-schwarzem Geröll gefüllt wurde. In vier weiteren aufeinander folgenden Räumen durchwandert der Besucher sodann eine dramatisch karge Hügellandschaft aus lockerem Gestein und Schutt. 100 Kubikmeter Kies und Felsbrocken hat Eliasson dafür eigens aus Island anliefern lassen. Was für die amerikanischen Land-art-Künstler der 1960er Jahre eine radikale Verweigerungsgeste und eine Abkehr vom New Yorker Kunstbetrieb bedeutet hätte, wird hier zur einer Referenz an den Ort und dessen Architektur. Eliasson lies nicht einfach Erde in die Räume kippen um damit provokativ die Räume der Kunst zu versperren, sondern arbeitet mit der vorhandenen Raumfolge des Museums.

Geröll statt Kunst

Die 180 Tonnen Gestein waren ein logistische Herausforderung für das Museum und mussten gut geplant verteilt werden. Nicht mehr sichtbare Unterkonstruktionen aus Holz und Stahl für den Wasserfall halfen, die Geröllmassen zu bewältigen und ermöglichen in den Räumen einen Geländeanstieg bis unter die Tageslichtdecken. Auch mehrere Zu- und Durchgänge sind unter der teilweise mehr als zwei Meter dicken Geröllschicht begraben. Spätestens an diesen Stellen wird dem Besucher klar, dass er sich oberhalb der gewohnten Präsentationsebene befindet und die Ausstellungsräume in recht luftiger Höhe kreuz und quer durchwandert.

Die Erfahrung des Raumes ist das eigentliche Thema von Eliassons Installation. Die steinerne Landschaft zu betreten und sie auf diese Weise zu erleben, ist ausdrücklich erwünscht. Die meisten Besucher bewegen sich eher vorsichtig auf dem inszenierten Terrain. Einige machen dabei Fotos. andere bringen weggetretene Steine wieder in ihre Ausgangsposition, während Kinder ungeniert einen kleinen Staudamm bauen. Jeder Besucher verändert dadurch die Installation und – wie Eliasson im Katalog betont – betrachtet das Kunstwerk somit nicht als ein ihm gegenüber stehendes Objekt, sondern wird selbst zu einem aktiven Teil der Landschaft. Es geht Eliassson – man ahnt es bereits – um Wahrnehmung, Erkenntnis und deren Bedingungen.
Die Lage des Louisiana Museum direkt am Öresund erscheint perfekt, in dem herrlichen Park rund um das Museum sind jede Menge Skulpturen versteckt. Foto © Louisiana Museum
Landschaft, überall
Die Installation selbst ist wirklich beeindruckend: Ein „Flussbett“ erstreckt sich über mehrere Räume und Etagen, wobei die rechtwinkelige Architektur im Kontrast zu der amorphen Form des Gerölls steht. Dabei ist das Koordinatensystem der weißen Wände nicht nur eine Begrenzung für die Steinmassen nach Innen, hatten sie die Architekten Jørgen Bo und Wilhlem Wohlert 1982 doch dafür entschieden, die hohen Ausstellungsräume zum großen Teil in die Erde einzugraben. So spiegelt sich in der Installation auch die Topografie des Geländes, die das Museum umgibt. Ebenso ist der Verlauf des Flussbettes nicht fehlplaziert, schließlich wurde der Südflügel in einer Senke gebaut, die hinunter zur Küste führt. Nicht von ungefähr erinnert die Installation an Eliassons Fotoserien von der kargen isländischen Gebirgswelt. „Riverbed“ imitiert freilich nicht einfach mit illusionistischen Mitteln eine reale Landschaft. Vielmehr kreiert der Künstler das archetypische Bild einer kargen Natur im Kontrast zur umgebenden Architektur. Eliasson blendet sogar das direkte Tageslicht aus: Den ständigen Wechsel von Sonne und Wolken erlebt man nur gefiltert durch die opake Glasdecke des Museums. Die Installation erlebt man quasi unter Laborbedingungen – als Kunstwerk.

Der Zahn der Zeit

Hinzu kommt: Die Installation verändert sich in der Zeit. Steine und Kiesel werden losgetreten und rutschen hangabwärts; andere werden in kleinere Stücke zertreten. Es entstehen Pfade und die Topografie der Landschaft wird von den Besuchern verändert. Was im Museum wie in Zeitraffer geschieht, das passiert in der Natur durch Klima- und Temperaturschwankungen, aber auch durch das Eingreifen des Menschen. Eine Landschaft ist kein statisches Gebilde, sie verändert sich – und das möchte Eliasson vorführen und bewusst machen.
Der Parcours durch die künstliche Geröll-Landschaft endet überraschend: Steigt man – in einem der schönsten Räume des Louisiana Museums, einem großzügig verglaster Pavillon – nach oben, so öffnet sich ein fantastischer Blick auf die umgebende Landschaft und das Meer. Unweigerlich stellt man sich die Frage, wie wohl in diese Landschaft eingegriffen wurde und wie sie sich weiterhin verändern wird.


Olafur Eliasson: „Riverbed“
Vom 20. September 2014 bin 4. Januar 2015
Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk
www.louisiana.dk


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Fühle den Raum: Die Ausstellung „sensing spaces“ in der Londoner Royal Academy zeigt beeindruckende, atmosphärische Installationen zum Thema Raum. Und der will begangen, erlebt und erfahren werden.
(22. Februar 2014)

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(7. August 2011)

In den Ausstellungsräumen sins mehrere Zu- und Durchgänge unter einer mehr als zwei Meter dicken Geröllschicht begraben. Foto © Louisiana Museum
Die steinerne Landschaft zu betreten und sie auf diese Weise zu erleben, ist ausdrücklich erwünscht. Foto © Louisiana Museum
Ein „Flussbett“ erstreckt sich über mehrere Räume und Etagen, wobei die rechtwinkelige Architektur im Kontrast zu der amorphen Form des Gerölls steht. Foto © Louisiana Museum
Die Installation verändert sich in der Zeit. Steine und Kiesel werden losgetreten und rutschen hangabwärts; andere werden in kleinere Stücke zertreten. Foto © Louisiana Museum
Spätestens an Stellen wie diesen wird dem Besucher klar, dass er die Ausstellungsräume in recht luftiger Höhe kreuz und quer durchwandert. Foto © Louisiana Museum
In anderen Räumen werden ältere Arbeiten von Olafur Eliasson gezeigt. Foto © Louisiana Museum
Modelle zu Projekten und Installationen dienen als Beleg dafür, dass im Studio Olafur Eliasson einige Hände am Werk sind. Foto © Louisiana Museum
In einem der schönsten Räume des Louisiana Museums öffnet sich ein fantastischer Blick auf das Meer. Foto © Louisiana Museum
Die Gebäude des Museum und der Park sind eine ganz eigene Kunstlandschaft. Foto © Louisiana Museum
Es stellt sich die Frage, wie wohl in diese Landschaft eingegriffen wurde und wie sie sich weiterhin verändern wird. Foto © Louisiana Museum
Produkte
SCHOTT: NARIMA® Farbeffektglas @ Stylepark
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Zumtobel Masterpieces: STARBRICK @ Stylepark
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Architektur › 2014 › August
Natur bleibt nicht Natur
von Ralf Wollheim | 25. August 2014
Olafur Eliasson hat in den Räumen des Louisiana Museums eine raue, nordische Landschaft aus Geröll geschaffen. Jeder, der sich in ihr bewegt, verändert sie.
Nicht ohne Grund halten viele das Louisiana Museum nördlich von Kopenhagen für das schönste Museum der Welt. Seine Lage direkt am Öresund erscheint perfekt, in dem herrlichen Park rund um das Museum sind jede Menge Skulpturen versteckt und besonders die dem Gelände angepassten Pavillons der ersten Bauphase bieten immer wieder überraschende Ausblicke in die Landschaft. Kein Wunder, dass dieser Ort Olafur Eliasson gereizt hat, dort seine Installation „Riverbed“ zu installieren, die angeblich auf radikale und zugleich einfache Art die gewohnte Präsentation von Kunst und unser Verständnis von Natur hinterfragt.

Man betritt das Museum durch dessen Südflügel, der zum Teil in die Erde eingegraben wurde, so dass man sich auf Augenhöhe mit dem manikürten Rasen und einer Skulptur von Henry Moore befindet. Dem Glasgang mit Blick auf den malerischen Garten folgt ein Korridor aus rauen Holzplanken, der zum ersten Ausstellungsraum führt und der bis zur Hälfte mit grau-schwarzem Geröll gefüllt wurde. In vier weiteren aufeinander folgenden Räumen durchwandert der Besucher sodann eine dramatisch karge Hügellandschaft aus lockerem Gestein und Schutt. 100 Kubikmeter Kies und Felsbrocken hat Eliasson dafür eigens aus Island anliefern lassen. Was für die amerikanischen Land-art-Künstler der 1960er Jahre eine radikale Verweigerungsgeste und eine Abkehr vom New Yorker Kunstbetrieb bedeutet hätte, wird hier zur einer Referenz an den Ort und dessen Architektur. Eliasson lies nicht einfach Erde in die Räume kippen um damit provokativ die Räume der Kunst zu versperren, sondern arbeitet mit der vorhandenen Raumfolge des Museums.

Geröll statt Kunst

Die 180 Tonnen Gestein waren ein logistische Herausforderung für das Museum und mussten gut geplant verteilt werden. Nicht mehr sichtbare Unterkonstruktionen aus Holz und Stahl für den Wasserfall halfen, die Geröllmassen zu bewältigen und ermöglichen in den Räumen einen Geländeanstieg bis unter die Tageslichtdecken. Auch mehrere Zu- und Durchgänge sind unter der teilweise mehr als zwei Meter dicken Geröllschicht begraben. Spätestens an diesen Stellen wird dem Besucher klar, dass er sich oberhalb der gewohnten Präsentationsebene befindet und die Ausstellungsräume in recht luftiger Höhe kreuz und quer durchwandert.

Die Erfahrung des Raumes ist das eigentliche Thema von Eliassons Installation. Die steinerne Landschaft zu betreten und sie auf diese Weise zu erleben, ist ausdrücklich erwünscht. Die meisten Besucher bewegen sich eher vorsichtig auf dem inszenierten Terrain. Einige machen dabei Fotos. andere bringen weggetretene Steine wieder in ihre Ausgangsposition, während Kinder ungeniert einen kleinen Staudamm bauen. Jeder Besucher verändert dadurch die Installation und – wie Eliasson im Katalog betont – betrachtet das Kunstwerk somit nicht als ein ihm gegenüber stehendes Objekt, sondern wird selbst zu einem aktiven Teil der Landschaft. Es geht Eliassson – man ahnt es bereits – um Wahrnehmung, Erkenntnis und deren Bedingungen.
Landschaft, überall
Die Installation selbst ist wirklich beeindruckend: Ein „Flussbett“ erstreckt sich über mehrere Räume und Etagen, wobei die rechtwinkelige Architektur im Kontrast zu der amorphen Form des Gerölls steht. Dabei ist das Koordinatensystem der weißen Wände nicht nur eine Begrenzung für die Steinmassen nach Innen, hatten sie die Architekten Jørgen Bo und Wilhlem Wohlert 1982 doch dafür entschieden, die hohen Ausstellungsräume zum großen Teil in die Erde einzugraben. So spiegelt sich in der Installation auch die Topografie des Geländes, die das Museum umgibt. Ebenso ist der Verlauf des Flussbettes nicht fehlplaziert, schließlich wurde der Südflügel in einer Senke gebaut, die hinunter zur Küste führt. Nicht von ungefähr erinnert die Installation an Eliassons Fotoserien von der kargen isländischen Gebirgswelt. „Riverbed“ imitiert freilich nicht einfach mit illusionistischen Mitteln eine reale Landschaft. Vielmehr kreiert der Künstler das archetypische Bild einer kargen Natur im Kontrast zur umgebenden Architektur. Eliasson blendet sogar das direkte Tageslicht aus: Den ständigen Wechsel von Sonne und Wolken erlebt man nur gefiltert durch die opake Glasdecke des Museums. Die Installation erlebt man quasi unter Laborbedingungen – als Kunstwerk.

Der Zahn der Zeit

Hinzu kommt: Die Installation verändert sich in der Zeit. Steine und Kiesel werden losgetreten und rutschen hangabwärts; andere werden in kleinere Stücke zertreten. Es entstehen Pfade und die Topografie der Landschaft wird von den Besuchern verändert. Was im Museum wie in Zeitraffer geschieht, das passiert in der Natur durch Klima- und Temperaturschwankungen, aber auch durch das Eingreifen des Menschen. Eine Landschaft ist kein statisches Gebilde, sie verändert sich – und das möchte Eliasson vorführen und bewusst machen.
Der Parcours durch die künstliche Geröll-Landschaft endet überraschend: Steigt man – in einem der schönsten Räume des Louisiana Museums, einem großzügig verglaster Pavillon – nach oben, so öffnet sich ein fantastischer Blick auf die umgebende Landschaft und das Meer. Unweigerlich stellt man sich die Frage, wie wohl in diese Landschaft eingegriffen wurde und wie sie sich weiterhin verändern wird.


Olafur Eliasson: „Riverbed“
Vom 20. September 2014 bin 4. Januar 2015
Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk
www.louisiana.dk


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(7. August 2011)