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Neubau in Blau
Im Gespräch: Jörg Leeser | 7. Juni 2016
Auf fast 300 Quadratmetern haben Jörg Leeser und Anne-Julchen Bernhardt von BeL Sozietät für Architektur in Köln fünf städtebauliche Modelle von Hamburg, Duisburg, Leipzig, Bielefeld und München ausbreitet. Foto © Julia Kaulen
Schon aus der Ferne leuchtet den Biennale-Besuchern in den dunklen Hallen des Arsenale der große Neonschriftzug entgegen: NEUBAU ruft der uns entgegen, in Großbuchstaben natürlich, und mittig über dem darunter ausgebreiteten Modell aus blauem Hartschaum. Im Näherkommen entfaltet sich die Tiefe dieses Beitrags, der hier Untersuchungsgebiete in fünf deutschen Städten wie auf tektonischen Platten aneinander geschoben und im Maßstab 1:100 aufgebaut hat – in einer Detailfreude, die gerade für solche städtebaulichen Modelle selten ist, die aber durch die Schnittkanten der Schaumstoffplatten, die quer durchs Modell laufen, gleichzeitig eine eher skizzenhafte Ästhetik bekommt.

Links hinten kniet Jörg Leeser, mit Anne-Julchen Bernhardt einer der Partner von BeL Sozietät für Architektur, unter seinem Modell. Die ersten Besucher sind bereits an einer Ecke hängen geblieben, die es nun zu kleben gilt. Er hat trotzdem kurz Zeit für ein Gespräch.

Florian Heilmeyer: Geht es schon kaputt?

Jörg Leeser: Nein, nein. Aber es sind echt viele Leute hier bei der Eröffnung, und wir haben die Ecken nicht gesichert. Wir wollen ja, dass die Besucher richtig nah rangehen können, und das es eher wie ein Arbeitsmodell ist. Da muss man mit kleineren Schäden wohl rechnen.
Eine Alu-Leiter vor der blauen Hartschaum-Landschaft verhilft den Besuchern zu einem besseren Überblick – und verweist fröhlich auf Aravenas Ausstellungsplakat.
Foto © Julia Kaulen
Es scheint, als wäre Ihr Projekt „Grundbau und Siedler“, das Sie 2013 für die IBA Hamburg realisiert haben, inzwischen stark gewachsen.

Jörg Leeser: Stimmt. Alejandro Aravena hatte uns eingeladen, dieses Projekt und vielleicht noch andere unserer Wohnungsbauprojekte hier zu zeigen. Da haben wir gesagt, danke, das ist ja toll, aber für eine Biennale würden wir unsere Ideen zum Selbstbau gerne ein bisschen weiterdenken. Jetzt zeigen wir diese fünf Untersuchungsgebiete in ganz Deutschland und eine Gegenüberstellung der Wohnungsbauprogramme in Deutschland nach 1946, was wir „Königsberger Straße“ nennen, und unserem – noch fiktiven – Wohnungsbauprogramm für die kommenden zehn Jahre, hier „Aleppoer Weg“ genannt.

Warum dieser Vergleich?

Jörg Leeser: Der Vergleich ist vielleicht ein bisschen polemisch, aber nicht zu sehr. Damals kamen etwa 12 Millionen Einwanderer nach Deutschland, vor allem aus den ehemaligen Ostgebieten. In zehn Jahren wurden rund vier Millionen Wohneinheiten gebaut, mehr als die Hälfte davon als sozialer Wohnungsbau. Nun kommen 2015 etwa eine Million Flüchtlinge nach Deutschland und alle schreien uiuiui. Für unser Modell rechnen wir das lieber großzügig hoch und fragen, ob das eigentlich schlimm wäre, wenn in den nächsten zehn Jahren wieder 12 Millionen Menschen kämen – und wir stellen fest, das wäre vielleicht gar nicht so schlimm. Wenn Deutschland sich also zum Bau von vier Millionen Wohneinheiten in den nächsten zehn Jahren verpflichten würde und etwa die Hälfte davon im sozialen Wohnungsbau, dann wäre das auch ohne Flüchtlinge wünschenswert. Uns ist wichtig zu sagen, dass Deutschland vor allem eine Wohnungskrise hat und dringend bezahlbaren, innerstädtischen Wohnraum braucht.

Um zu zeigen, wie die Bewältigung eines solchen Neubauprogramms gelingen könnte, habt ihr hier ein Modell mit vier Standorten für neue Siedlungen aufgebaut: Hamburg, Duisburg, Leipzig und München. Wie habt ihr diese Standorte ausgesucht?

Jörg Leeser: Wir haben nach exemplarischen Orten gesucht: die Grundstückspreise durften 200 Euro pro Quadratmeter nicht überschreiten, das Stadtzentrum musste in 30 Minuten erreichbar sein. Unsere Neubausiedlungen sollen keine Trabantenstädte sein. Aus den möglichen Orten haben wir am Schluss vier Standorte ausgesucht, die sich über Deutschland verteilen: Hamburg, Duisburg, Leipzig und München. Duisburg war ein Zufall, da hatten wir eigentlich was für Düsseldorf gesucht, aber das ist so teuer, dass wir froh waren, etwas in Duisburg zu finden – von dort ist man immer noch in 30 Minuten im Zentrum von Düsseldorf.
Die Modelle demonstrieren eine neue Form von gemischten, dichten und kostengünstigen innerstädtischen Siedlungen, die teilweise im Eigenbau realisiert werden könnten.
Foto © Julia Kaulen
Über Ihrem Modell steht NEUBAU in weißer Leuchtschrift. Warum?

Jörg Leeser: Weil das ein sehr schönes Wort ist, nicht nur für Architekten. In den 1950er-Jahren waren Neubauten das Schönste und Erstrebenswerteste, da wollten alle in den großen, hellen, modernen Wohnungen mit Dusche, Balkon und Fahrstuhl wohnen. Das war auch ein selbstbewusstes Statement: Wir bauen das neu! Die Schönheit dieser cremefarbenen neuen Welt mit jungen Bäumen auf der grünen Wiese zeigen wir am Beispiel Bielefeld Sennestadt, unserem fünften Modell. Inzwischen ist das ja ein umgeschlagen, jetzt wollen alle im Altbau wohnen, so dass sogar neue Wohnungen alt aussehen müssen. Und Neubausiedlungen sind pauschal im Verdacht, öde, langweilig und monofunktional zu sein – und schlecht gebaut sind sie auch noch.

Worum geht es dann in Ihren Vorschlägen genau, was macht Ihre neuartigen Neubausiedlungen aus?

Jörg Leeser: Bei allen geht es um kostengünstigen, innerstädtischen Wohnungsbau in dichten, gemischten Siedlungen. Aus unserem Hamburger IBA-Projekt haben wir die Idee mitgenommen, dass es einen Rohbau geben kann, der eine mehrgeschossige Tragstruktur inklusive Erschließung und Versorgung bietet, und der dann von den Bewohnern im Eigenbau vollendet wird. Wir nennen das die „City of Assembly“ im doppelten Sinne: also nicht nur eine Stadt des Zusammensetzens, sondern auch des Zusammenkommens und des Zusammen Bauens.

Die Biennale gab uns Gelegenheit, über einen Städtebau in diesem Sinne nachzudenken. Wir nennen das „koproduktiven“ oder „elastischen“ Städtebau: Da wird von den Planern ein Rahmen gesetzt, aber darin kann der Laie bestimmte Teile der Gestaltung dann selbst übernehmen. Das ist ein Gegenmodell zu dieser Figur des gottgleichen Planers der Nachkriegszeit, der auch noch die Freizeitgestaltung der Bewohner statistisch ermitteln und dann punktgenau durchgestalten ließ. Zu unserer Elastik gehört auch, dass wir diese Selbstbauhäuser mit teuren Lofts mischen und mit Gewerbebauten, in den Erdgeschossen können Läden einziehen – und dann gibt es noch Parzellen, die erst einmal leer bleiben um spätere Entwicklungen einbinden zu können. In der Zwischenzeit könnten diese absichtlichen Leerstellen ja von einem Abenteuerspielplatz oder einem Ponyhof genutzt werden.
Die Möglichkeiten, sich in einem Rohbaugerüst seine eigene Wohnung ausbauen zu können, hatten BeL bei ihrem Mehrfamilienhaus „Grundbau und Siedler“ 2013 für die IBA Hamburg schon einmal erprobt. Collage © BeL Architekten
Wie realistisch, denken Sie, sind Ihre Vorschläge?

Jörg Leeser: Das Feld in Hamburg-Wilhelmsburg ist eine Machbarkeitsstudie im Auftrag eines Projektentwicklers, die sich aus der Arbeit für die IBA ergeben hat. Wir sollten zeigen, ob und wie man sich in dieser Lage bezahlbaren Wohnungsbau vorstellen könnte.

Und die anderen Beispiele?

Jörg Leeser: Duisburg und Leipzig sind fiktive Projekte, die wir ausgewählt haben, weil wir die Orte exemplarisch für das große deutsche Wohnungsbauprogramm sehen. Hamburg und München sind aber sehr interessiert, und ich könnte mir vorstellen, dass der politische Druck in den kommenden Monaten noch wächst – und damit dann auch das Interesse an neuen, alternativen Modellen. Es gibt ja Vorschläge, dass anerkannte Flüchtlinge alle in die bevölkerungsschwachen Regionen ziehen sollten, am Besten in die schrumpfenden Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern. Raumplanerisch mag das eine hübsche Idee sein, aber sie erscheint doch total unrealistisch. Es unterschlägt mal so eben die freie Residenzwahl und führt stattdessen Planwirtschaft ein. Der Staat sollte sich lieber um sozialen Wohnungsbau kümmern, den der Markt alleine – wie wir nun wissen – nicht baut. Viele Migranten werden in die Städte ziehen und dort entsteht eine Konkurrenz mit den innerdeutschen Migranten, die nach dem Abitur in Mecklenburg-Vorpommern auch nach Hamburg ziehen wollen. Dafür sollten wir kostengünstige Antworten
parat haben.
Für die Biennale haben BeL die Idee in einen städtebaulichen Maßstab übertragen, hier eine Collage für den gewählten Standort in Duisburg. Collage © BeL Architekten
Es geht also vor allem um politische Weichenstellungen?

Jörg Leeser: Wir brauchen so ein Momentum, damit die notwendigen politischen Reformen möglich wären. Aber ich höre auch immer mehr Menschen wie Jörn Walter in Hamburg, Elisabeth Merk in München oder Nordrhein-Westfalens Bauminister Michael Groschek. Der hat letztens eine sehr ambitionierte Rede gehalten, dass wir mehr Mut zu Experimenten und neuen Wegen haben müssen. Es scheint immer mehr von diesen Stimmen zu geben, jetzt muss man die Experimente nur noch wagen. Deutschland hat ja immer die Taschen voller Geld, aber eben auch Angst. Da hilft vielleicht wieder ein Blick auf die Nachkriegszeit, als Konrad Adenauer die allerprogressivsten Veränderungen an den Wohnungsbaugesetzen vorgenommen hat, um gleichzeitig die Wirtschaft anzukurbeln und die Wohnungskrise zu bewältigen.
Der Vorschlag für Hamburg ist eine im Auftrag der Stadt erstellte Studie, die anderen Standorte haben sich die Architekten exemplarisch gesucht, um zu zeigen, dass sich ihre Ideen auch in anderen Städten realisieren lassen könnten. Collage © BeL Architekten
Noch ein Wort zum Modell bitte, wie haben Sie das gebaut?

Jörg Leeser: Mit 30 Personen, fünf Wochen lang in unserem Büro in Köln. Dann in 130 Kisten auf Europaletten mit dem Laster nach Venedig, und hier in einer Woche zu siebt aufgebaut.

Und die Alu-Leiter, mit der man nun über das große Modell schauen kann – haben Sie da Aravenas Biennale-Plakat einfach wörtlich genommen?

Jörg Leeser: Genau. Als das Modell immer weiter wuchs haben wir festgestellt, dass man die städtebauliche Dimension dieser Vorschläge nicht mehr so gut erfassen kann. Da kam uns Aravenas Plakat gerade recht, und wir haben noch schnell im Baumarkt eine Aluleiter gekauft, zu den Kisten in den Laster geworfen und mit nach Venedig genommen. War gar nicht teuer.

„Neubau“ von BeL Architekten
Teil der Hauptausstellung „Reporting from the Front“
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

www.bel.cx
Hier wird ein anderes Verständnis von NEUBAU entwickelt. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Blick von der Alu-Leiter, also: Reporting from the Front. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Wohnungsbau-Ideen aus Styrodur: Die Siedlungen würden sich explizit an sämtliche Neuankömmlinge in deutschen Städten richten, ob es sich um Asylanten handelt oder um andere Zugezogene. Foto © Julia Kaulen
BeL schlagen einen weiten Bogen und vergleichen die Herausforderungen des Jahres 2016 mit den Wohnungsbauprogrammen im Nachkriegsdeutschland, als Konrad Adenauer einige der progressivsten Wohnungsbaugesetze verabschieden ließ. Collagen © BeL Architekten
Der Aufbau der Modelle dauerte eine Woche. Film © Veit Landwehr und Tom May
News & Stories › 2016 › Juni
Neubau in Blau
von Florian Heilmeyer | 7. Juni 2016
In der Corderie des Arsenale fällt der Blick auf ein großes, blaues Modell. Es steckt voller konkreter Vorschläge für einen neuen, revolutionären Wohnungsbau. Könnte eine „Arrival City“ so tatsächlich gelingen? Florian Heilmeyer hat mit Jörg Leeser von BeL über das Konzept gesprochen.
Schon aus der Ferne leuchtet den Biennale-Besuchern in den dunklen Hallen des Arsenale der große Neonschriftzug entgegen: NEUBAU ruft der uns entgegen, in Großbuchstaben natürlich, und mittig über dem darunter ausgebreiteten Modell aus blauem Hartschaum. Im Näherkommen entfaltet sich die Tiefe dieses Beitrags, der hier Untersuchungsgebiete in fünf deutschen Städten wie auf tektonischen Platten aneinander geschoben und im Maßstab 1:100 aufgebaut hat – in einer Detailfreude, die gerade für solche städtebaulichen Modelle selten ist, die aber durch die Schnittkanten der Schaumstoffplatten, die quer durchs Modell laufen, gleichzeitig eine eher skizzenhafte Ästhetik bekommt.

Links hinten kniet Jörg Leeser, mit Anne-Julchen Bernhardt einer der Partner von BeL Sozietät für Architektur, unter seinem Modell. Die ersten Besucher sind bereits an einer Ecke hängen geblieben, die es nun zu kleben gilt. Er hat trotzdem kurz Zeit für ein Gespräch.

Florian Heilmeyer: Geht es schon kaputt?

Jörg Leeser: Nein, nein. Aber es sind echt viele Leute hier bei der Eröffnung, und wir haben die Ecken nicht gesichert. Wir wollen ja, dass die Besucher richtig nah rangehen können, und das es eher wie ein Arbeitsmodell ist. Da muss man mit kleineren Schäden wohl rechnen.
Es scheint, als wäre Ihr Projekt „Grundbau und Siedler“, das Sie 2013 für die IBA Hamburg realisiert haben, inzwischen stark gewachsen.

Jörg Leeser: Stimmt. Alejandro Aravena hatte uns eingeladen, dieses Projekt und vielleicht noch andere unserer Wohnungsbauprojekte hier zu zeigen. Da haben wir gesagt, danke, das ist ja toll, aber für eine Biennale würden wir unsere Ideen zum Selbstbau gerne ein bisschen weiterdenken. Jetzt zeigen wir diese fünf Untersuchungsgebiete in ganz Deutschland und eine Gegenüberstellung der Wohnungsbauprogramme in Deutschland nach 1946, was wir „Königsberger Straße“ nennen, und unserem – noch fiktiven – Wohnungsbauprogramm für die kommenden zehn Jahre, hier „Aleppoer Weg“ genannt.

Warum dieser Vergleich?

Jörg Leeser: Der Vergleich ist vielleicht ein bisschen polemisch, aber nicht zu sehr. Damals kamen etwa 12 Millionen Einwanderer nach Deutschland, vor allem aus den ehemaligen Ostgebieten. In zehn Jahren wurden rund vier Millionen Wohneinheiten gebaut, mehr als die Hälfte davon als sozialer Wohnungsbau. Nun kommen 2015 etwa eine Million Flüchtlinge nach Deutschland und alle schreien uiuiui. Für unser Modell rechnen wir das lieber großzügig hoch und fragen, ob das eigentlich schlimm wäre, wenn in den nächsten zehn Jahren wieder 12 Millionen Menschen kämen – und wir stellen fest, das wäre vielleicht gar nicht so schlimm. Wenn Deutschland sich also zum Bau von vier Millionen Wohneinheiten in den nächsten zehn Jahren verpflichten würde und etwa die Hälfte davon im sozialen Wohnungsbau, dann wäre das auch ohne Flüchtlinge wünschenswert. Uns ist wichtig zu sagen, dass Deutschland vor allem eine Wohnungskrise hat und dringend bezahlbaren, innerstädtischen Wohnraum braucht.

Um zu zeigen, wie die Bewältigung eines solchen Neubauprogramms gelingen könnte, habt ihr hier ein Modell mit vier Standorten für neue Siedlungen aufgebaut: Hamburg, Duisburg, Leipzig und München. Wie habt ihr diese Standorte ausgesucht?

Jörg Leeser: Wir haben nach exemplarischen Orten gesucht: die Grundstückspreise durften 200 Euro pro Quadratmeter nicht überschreiten, das Stadtzentrum musste in 30 Minuten erreichbar sein. Unsere Neubausiedlungen sollen keine Trabantenstädte sein. Aus den möglichen Orten haben wir am Schluss vier Standorte ausgesucht, die sich über Deutschland verteilen: Hamburg, Duisburg, Leipzig und München. Duisburg war ein Zufall, da hatten wir eigentlich was für Düsseldorf gesucht, aber das ist so teuer, dass wir froh waren, etwas in Duisburg zu finden – von dort ist man immer noch in 30 Minuten im Zentrum von Düsseldorf.
Über Ihrem Modell steht NEUBAU in weißer Leuchtschrift. Warum?

Jörg Leeser: Weil das ein sehr schönes Wort ist, nicht nur für Architekten. In den 1950er-Jahren waren Neubauten das Schönste und Erstrebenswerteste, da wollten alle in den großen, hellen, modernen Wohnungen mit Dusche, Balkon und Fahrstuhl wohnen. Das war auch ein selbstbewusstes Statement: Wir bauen das neu! Die Schönheit dieser cremefarbenen neuen Welt mit jungen Bäumen auf der grünen Wiese zeigen wir am Beispiel Bielefeld Sennestadt, unserem fünften Modell. Inzwischen ist das ja ein umgeschlagen, jetzt wollen alle im Altbau wohnen, so dass sogar neue Wohnungen alt aussehen müssen. Und Neubausiedlungen sind pauschal im Verdacht, öde, langweilig und monofunktional zu sein – und schlecht gebaut sind sie auch noch.

Worum geht es dann in Ihren Vorschlägen genau, was macht Ihre neuartigen Neubausiedlungen aus?

Jörg Leeser: Bei allen geht es um kostengünstigen, innerstädtischen Wohnungsbau in dichten, gemischten Siedlungen. Aus unserem Hamburger IBA-Projekt haben wir die Idee mitgenommen, dass es einen Rohbau geben kann, der eine mehrgeschossige Tragstruktur inklusive Erschließung und Versorgung bietet, und der dann von den Bewohnern im Eigenbau vollendet wird. Wir nennen das die „City of Assembly“ im doppelten Sinne: also nicht nur eine Stadt des Zusammensetzens, sondern auch des Zusammenkommens und des Zusammen Bauens.

Die Biennale gab uns Gelegenheit, über einen Städtebau in diesem Sinne nachzudenken. Wir nennen das „koproduktiven“ oder „elastischen“ Städtebau: Da wird von den Planern ein Rahmen gesetzt, aber darin kann der Laie bestimmte Teile der Gestaltung dann selbst übernehmen. Das ist ein Gegenmodell zu dieser Figur des gottgleichen Planers der Nachkriegszeit, der auch noch die Freizeitgestaltung der Bewohner statistisch ermitteln und dann punktgenau durchgestalten ließ. Zu unserer Elastik gehört auch, dass wir diese Selbstbauhäuser mit teuren Lofts mischen und mit Gewerbebauten, in den Erdgeschossen können Läden einziehen – und dann gibt es noch Parzellen, die erst einmal leer bleiben um spätere Entwicklungen einbinden zu können. In der Zwischenzeit könnten diese absichtlichen Leerstellen ja von einem Abenteuerspielplatz oder einem Ponyhof genutzt werden.
Wie realistisch, denken Sie, sind Ihre Vorschläge?

Jörg Leeser: Das Feld in Hamburg-Wilhelmsburg ist eine Machbarkeitsstudie im Auftrag eines Projektentwicklers, die sich aus der Arbeit für die IBA ergeben hat. Wir sollten zeigen, ob und wie man sich in dieser Lage bezahlbaren Wohnungsbau vorstellen könnte.

Und die anderen Beispiele?

Jörg Leeser: Duisburg und Leipzig sind fiktive Projekte, die wir ausgewählt haben, weil wir die Orte exemplarisch für das große deutsche Wohnungsbauprogramm sehen. Hamburg und München sind aber sehr interessiert, und ich könnte mir vorstellen, dass der politische Druck in den kommenden Monaten noch wächst – und damit dann auch das Interesse an neuen, alternativen Modellen. Es gibt ja Vorschläge, dass anerkannte Flüchtlinge alle in die bevölkerungsschwachen Regionen ziehen sollten, am Besten in die schrumpfenden Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern. Raumplanerisch mag das eine hübsche Idee sein, aber sie erscheint doch total unrealistisch. Es unterschlägt mal so eben die freie Residenzwahl und führt stattdessen Planwirtschaft ein. Der Staat sollte sich lieber um sozialen Wohnungsbau kümmern, den der Markt alleine – wie wir nun wissen – nicht baut. Viele Migranten werden in die Städte ziehen und dort entsteht eine Konkurrenz mit den innerdeutschen Migranten, die nach dem Abitur in Mecklenburg-Vorpommern auch nach Hamburg ziehen wollen. Dafür sollten wir kostengünstige Antworten
parat haben.
Es geht also vor allem um politische Weichenstellungen?

Jörg Leeser: Wir brauchen so ein Momentum, damit die notwendigen politischen Reformen möglich wären. Aber ich höre auch immer mehr Menschen wie Jörn Walter in Hamburg, Elisabeth Merk in München oder Nordrhein-Westfalens Bauminister Michael Groschek. Der hat letztens eine sehr ambitionierte Rede gehalten, dass wir mehr Mut zu Experimenten und neuen Wegen haben müssen. Es scheint immer mehr von diesen Stimmen zu geben, jetzt muss man die Experimente nur noch wagen. Deutschland hat ja immer die Taschen voller Geld, aber eben auch Angst. Da hilft vielleicht wieder ein Blick auf die Nachkriegszeit, als Konrad Adenauer die allerprogressivsten Veränderungen an den Wohnungsbaugesetzen vorgenommen hat, um gleichzeitig die Wirtschaft anzukurbeln und die Wohnungskrise zu bewältigen.
Noch ein Wort zum Modell bitte, wie haben Sie das gebaut?

Jörg Leeser: Mit 30 Personen, fünf Wochen lang in unserem Büro in Köln. Dann in 130 Kisten auf Europaletten mit dem Laster nach Venedig, und hier in einer Woche zu siebt aufgebaut.

Und die Alu-Leiter, mit der man nun über das große Modell schauen kann – haben Sie da Aravenas Biennale-Plakat einfach wörtlich genommen?

Jörg Leeser: Genau. Als das Modell immer weiter wuchs haben wir festgestellt, dass man die städtebauliche Dimension dieser Vorschläge nicht mehr so gut erfassen kann. Da kam uns Aravenas Plakat gerade recht, und wir haben noch schnell im Baumarkt eine Aluleiter gekauft, zu den Kisten in den Laster geworfen und mit nach Venedig genommen. War gar nicht teuer.

„Neubau“ von BeL Architekten
Teil der Hauptausstellung „Reporting from the Front“
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

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