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Neuland für Pfister
von Andrea Eschbach | 9. September 2010
„Wann ist man reif für ein Sofa?" „Trampeln wir gern auf schönen Objekten herum?" „Sind zwei Matratzen in Längsrichtung hintereinander auch ein Doppelbett?" Ungewöhnliche, fast philosophische Fragen. Die Antworten darauf haben es in sich. Mitte August lancierte das Schweizer Möbelhaus Pfister die Kollektion Atelier Pfister. Dreizehn arrivierte und aufstrebende Designbüros haben dafür über 120 Möbelstücke und Accessoires entworfen - von der Karaffe über den Teppich bis zum Schrank.

Der Name des Labels ist Programm. Denn ein Atelier ist auch ein Ort, an dem noch experimentiert und ausprobiert wird. Einen solchen Freiraum hat sich das größte Schweizer Möbelhaus geschaffen. Es will den Skeptikern beweisen, dass gutes Design nicht zwangsläufig aus dem Ausland kommen muss. Das Ziel ist klar definiert: Hohe Qualität durch grundsolides Handwerk und zeitbeständiges Design, das sich von der Masse abhebt. „Wir wollen ein starkes Zeichen setzen", bestätigt Pfister-CEO Meinrad Fleischmann. Bei Pfister wolle man mit dem Großprojekt den Blick auf den Zeitgeist lenken, jüngere Zielgruppen ansprechen, moderner und zeitorientierter werden. Kurzum: Ein Facelifting für das altgediente Unternehmen, dem der Ruf des Biederen anhaftete, musste her.

Kurator und Mentor

Für die Vision konnte Pfister keinen Geringeren als Alfredo Häberli verpflichten. Ein kluger Schachzug, ist der Zürcher doch ein international renommierter Gestalter und hierzulande auch dem Nicht-Designkundigen bekannt - nicht nur durch seine Entwürfe für Firmen wie Alias, Moroso und Iittala, sondern auch dank cleverem Selbstmarketing. Bei Atelier Pfister übernimmt er jetzt die Rolle des Kurators. „Eine solche Chance, bei einem Projekt von Anfang alles mitbestimmen zu können, kommt nicht so oft im Leben", sagt Häberli. Er lud Designbüros aus der ganzen Schweiz ein: Möbel- und Industriedesigner, aber auch einen Künstler und eine Modedesignerin. Eine eigensinnige Mischung aus jungen und weniger jungen Designern, bekannten Namen und jungen Talenten. Ihnen gab Häberli jeweils einen Fragenkatalog mit auf den Weg. Ein höchst offenes Briefing, das die Designer ermuntern sollte, Neuland zu betreten. Fünfzehn Monate lang tüftelten die Gestalter an den Objekten. Das Resultat ist - trotz der Kürze der Zeit - überzeugend.

Das über die Schweiz hinaus erfolgreiche Atelier Oï aus La Neuveville setzte sich mit Häberlis Frage „Wie viele Kissen braucht die Gemütlichkeit?" auseinander. Die drei Romands beantworteten dies mit einem modularen Sitzmöbelsystem. Der spielerische Entwurf reiht kristalline Elemente zu Wohninseln aneinander. „Île Saint-Pierre" lautet ganz passend der Name der Sitzlandschaft. Wie alle Entwürfe ist auch dieser nach einem Namen aus dem Heimatkanton der Designer benannt. Für die Design-Troika war die Tätigkeit für Atelier Pfister eine neue Herausforderung: „Wir arbeiten häufig für die Haute Couture, große Labels im hochpreisigen Segment. Aber es ist auch wichtig, für die Konfektion, das Prêt-à-porter entwerfen zu können", sagt Aurel Aebi. Auch Frédéric Dedelley reizte es, „Entwürfe zu liefern, die ein kommerzielles Potenzial haben". Dem in Zürich ansässigen Gestalter lag es daran, Möbel zu entwerfen, die für die Kunden von Pfister ein Schritt nach vorne sein sollten, ohne mit der Tradition des Möbelhauses zu brechen. Die Bank „Barberêche" ist eine Hommage an die Schweizer Moderne: Die Kombination aus Chromstahl-Gestell, Holz und Leder spricht eine klare und reduzierte Formensprache.

Design für jedes Budget

Wesentlich verspielter präsentiert sich der Schrank „Aris" von Moritz Schmid. Der junge Zürcher, ehemals Assistent bei Alfredo Häberli und vom Magazin „Wallpaper" bereits zu den Top zwanzig der internationalen Jungtalente ernannt, ersann ein Möbel, das frei im Raum stehen kann. Beim Öffnen des Schranks wird eine leichte Textilhülle über die Holzstruktur zur Seite geschoben - ähnlich wie ein Ärmel, der zurückgekrempelt wird. Das frei gelegte Innere ist so jeweils von beiden Seiten zugänglich. „Mein Kleiderschrank soll den Raum gliedern wie eine frei stehende Gartenhecke, in die man eintauchen kann". Mit rund 8.000 Schweizer Franken ist sein Faltschrank das teuerste Stück der Atelier-Pfister-Kollektion. Doch es ist für jedes Budget etwas dabei. Das günstigste Teil ist mit rund zehn Franken ein Keramikbecher von Fulguro.

Wärme in die Kollektion bringen die Entwürfe von Lela Scherrer und Stéphane Dafflon. Während die handgeknüpften Teppiche der jungen Designerin den Einfluss aus der Modewelt in Muster und Farbe zeigen, sind die Boden- und Wandteppiche des Westschweizer Künstlers abstrakte Kompositionen. Lela Scherrer empfand das interdisziplinäre Arbeiten als gestalterische Herausforderung. „Mich reizte es, Produktdesign zu machen - mit dem Auge einer Modedesignerin", sagt die Baslerin.

Neues Schweizer Design

Die Kollektion wird zum großen Teil in Europa hergestellt. So wird Jörg Boners Eschenholz-Bett „Ftan", das mit weich geformten Mulden eine nächtliche Ablage für Schmuck oder Uhren bietet, komplett in der Schweiz gefertigt - in der kleinen Möbelfabrik Muotathal, die über großes Know-how in der Bearbeitung von Massivholz verfügt. Swissness pur. Auch der Holztisch von dem Züricher Designpaar StauffacherBenz wird von der Firma Scheffler aus Schönenwerd hergestellt. Die Designer verhelfen in ihrem Entwurf der Tischschublade zum Comeback.

Für Pfister ist das Projekt ein großer Schritt. Geschäftsführer Meinrad Fleischmann ist euphorisch: „Wenn ich mir die Entwürfe anschaue, kann ich ehrlich sagen: Ich bin begeistert". In die Lancierung der Kollektion investiert Pfister einiges: Ein aufwendig gestalteter Katalog, amüsante Youtube-Filme über die Designer, ein gelungener Webauftritt sowie Facebook-Seite und ein iPhone-App sollen helfen, die Werbetrommel zu rühren. Die Konkurrenz, die das Projekt anfangs noch belächelte, gibt sich mal verärgert, mal sportlich wie Ikea: „Atelier Pfister sehen wir als eine Bereicherung auf dem Schweizer Möbelmarkt", sagt Jan Maurer, Mitglied der Ikea-Marketingleitung. Es ist eine runde Sache, der man anmerkt, dass Unternehmen, Kurator und Designer mit viel Leidenschaft gearbeitet haben. Eine Eintagsfliege ist das ambitionierte Projekt nicht: Bei Pfister werkelt man bereits an den nächsten Entwürfen, für die vier weitere Designer ins Boot geholt wurden. Aber erstmal ist es nun an den Kunden, über den Erfolg des Pionierprojekts zu entscheiden.

www.atelierpfister.ch
Alle Fotos © Atelier Pfister