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Reinier de Graaf
Partner, OMA
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
10. November 2014 | Architekturkolumne
Prognosen in der Rückschau
Das Telefon hat zu viele Schwachstellen, um ernsthaft als Kommunikationsmittel in Betracht gezogen zu werden[i]… das Fernsehen wird nicht überleben, da es die Leute irgendwann langweilen wird, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren [ii] …Es gibt keinen Grund, warum irgend jemand einen Computer in seinem Haus haben möchte[iii]… Eine Rakete wird niemals die Erdatmosphäre verlassen können [iv] … Bis 1992 werden alle Ölreserven aufgebraucht sein[v]… Die Welt wird vor 400 n.Chr. untergehen[vi]… Jesus wird 1843 1844 1878 1881 1914 1918 1925 1975 1976 1982 1992 1999 2000 2008 2011 1843 1844 1878 1881 1914 1918 1925 1975 1976 1982 1992 1999 2000 2008 2011 2015 zurückkommen.[vii]

Vorhersagen nehmen die unterschiedlichsten Formen an: Von biblischen Prophezeiungen bis zum dialektischen Verlauf der Geschichte nach Marx; von Kennedys Mann auf dem Mond bis zu Kubricks Odyssee; von projektiven Annahmen über die Auswirkungen des Klimawandels bis zu Einschätzungen über die Zukunft der globalen Ökonomie. Das Bestreben, die Zukunft „kennen“ zu wollen, verbindet fast alle Formen des menschlichen Denkens: Vom analytischen bis zum spekulativen Denken, wie es Wissenschaftler und Wahrsager gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen.

Der Vormarsch des Digitalen war diesbezüglich in jüngster Zeit ein interessanter Katalysator. Die Fähigkeit die zukünftigen Auswirkungen aktueller Entscheidungen unendlich zu simulieren, hat dem Cyberspace der Zukunft eine ganz neue Aura der Transparenz verliehen. Die Medizin treibt diese Transparenz sogar noch einen Schritt weiter und unterwirft unsere eigene Gesundheit einem genetisch vorbestimmten Weg… Aber trotz des umfassenderen Ausblicks auf unsere Zukunft – gleichermaßen ein Versprechen von Wissenschaft und Technologie – sind die großen Umwälzungen der Geschichte selten das Ergebnis von Berechnung. In diesem Sinne war das Jahr-2000-Problem, oder besser sein Nichtvorhandensein, eine beispiellose Antiklimax.

In den meisten Fällen, so scheint es, waren die wahrhaftigen Durchbrüche in der Geschichte das Produkt guten Glaubens. Vielleicht liegt hierin der Wesensgehalt und Wert von Vorhersagen: Ein strategischer Imperativ mangels Beweisen – eine geheimnisvolle Antriebskraft hinter der vermeintlich linearen Evolution des Menschen. Vielleicht ist es das, was wir als Fortschritt bezeichnen: Nichts anderes als das Vermögen des Menschen an seine eigenen Vorhersagen zu glauben, auch wenn die Gültigkeit dieser Vorhersagen fragwürdig bleibt. Ein guter Grund, Wahrsager sehr ernst zu nehmen.




[i] 1899, Western Union, eine interne Hausmitteilung
[ii] 1920. Darryl Zanuck, Filmproduzent, 20th Century Fox in einem Interview für die Los Angeles Times
[iii] 1977, Ken Olson, Präsident und Gründer der Digital Equipment Corporation
[iv] 1920, The New York Times Editorial (Die NYT bot am 17. Juli 1969, während die Apollo 11 sich auf dem Weg zum Mond befand, einen Widerruf an)
[v] 1972, Club of Rome: Die Grenzen des Wachstums
[vi] 350 n.Chr, St. Martin von Tours
[vii] Verschiedene religiöse Quellen, die die Kenntnis der Dinge für sich in Anspruch nehmen.
Architektur › 2014 › November
Prognosen in der Rückschau
von Reinier de Graaf | 10. November 2014
„Es kommt immer anders als man denkt“ – trotzdem können sich Menschen dem Reiz von Zukunftsprognosen nicht verwehren. Doch wer sagt erfolgreicher die Zukunft voraus: ein Fachmann oder ein Wahrsager?
Reinier de Graaf ist Partner von Office for Metropolitan Architecture (OMA). Er ist Leiter des Thinktanks AMO von OMA und zuständig für Projekte, die sich einem weiter gefassten architektonischen Diskurses jenseits von Gebäuden und Stadtplanung widmen. Zu den Projekten gehören: „The Image of Europe“ – im Mittelpunkt steht das ikonografische Defizit der EU; „D-40210“, eine Strategie zur Vermeidung weiterer Gentrifizierung europäischer Stadtzentren; „Eurocore“, hier geht es um die Umrisse der ersten grenzüberschreitenden Metropole Europas (sie erstreckt sich über Teile der Niederlande, Deutschlands und Belgiens; sowie „The State of Moscow“, ein Entwurf für ein transparenteres Verwaltungssystem für Moskau. Überdies ist Reinier de Graaf für das wachsende Auftragsvolumen im Bereich Energieplanung zuständig, dazu gehören auch „Zeekracht“ – ein strategischer Masterplan für die Nordsee; „Roadmap 2050“ – Eine praktische Anleitung für ein erfolgreiches, kohlenstoffarmes Europa, zusammen mit der European Climate Foundation; sowie „The Energy Report“ – ein globaler Plan für 100% erneuerbare Energie, gemeinsam mit dem WWF.

www.oma.com
Das Telefon hat zu viele Schwachstellen, um ernsthaft als Kommunikationsmittel in Betracht gezogen zu werden[i]… das Fernsehen wird nicht überleben, da es die Leute irgendwann langweilen wird, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren [ii] …Es gibt keinen Grund, warum irgend jemand einen Computer in seinem Haus haben möchte[iii]… Eine Rakete wird niemals die Erdatmosphäre verlassen können [iv] … Bis 1992 werden alle Ölreserven aufgebraucht sein[v]… Die Welt wird vor 400 n.Chr. untergehen[vi]… Jesus wird 1843 1844 1878 1881 1914 1918 1925 1975 1976 1982 1992 1999 2000 2008 2011 1843 1844 1878 1881 1914 1918 1925 1975 1976 1982 1992 1999 2000 2008 2011 2015 zurückkommen.[vii]

Vorhersagen nehmen die unterschiedlichsten Formen an: Von biblischen Prophezeiungen bis zum dialektischen Verlauf der Geschichte nach Marx; von Kennedys Mann auf dem Mond bis zu Kubricks Odyssee; von projektiven Annahmen über die Auswirkungen des Klimawandels bis zu Einschätzungen über die Zukunft der globalen Ökonomie. Das Bestreben, die Zukunft „kennen“ zu wollen, verbindet fast alle Formen des menschlichen Denkens: Vom analytischen bis zum spekulativen Denken, wie es Wissenschaftler und Wahrsager gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen.

Der Vormarsch des Digitalen war diesbezüglich in jüngster Zeit ein interessanter Katalysator. Die Fähigkeit die zukünftigen Auswirkungen aktueller Entscheidungen unendlich zu simulieren, hat dem Cyberspace der Zukunft eine ganz neue Aura der Transparenz verliehen. Die Medizin treibt diese Transparenz sogar noch einen Schritt weiter und unterwirft unsere eigene Gesundheit einem genetisch vorbestimmten Weg… Aber trotz des umfassenderen Ausblicks auf unsere Zukunft – gleichermaßen ein Versprechen von Wissenschaft und Technologie – sind die großen Umwälzungen der Geschichte selten das Ergebnis von Berechnung. In diesem Sinne war das Jahr-2000-Problem, oder besser sein Nichtvorhandensein, eine beispiellose Antiklimax.

In den meisten Fällen, so scheint es, waren die wahrhaftigen Durchbrüche in der Geschichte das Produkt guten Glaubens. Vielleicht liegt hierin der Wesensgehalt und Wert von Vorhersagen: Ein strategischer Imperativ mangels Beweisen – eine geheimnisvolle Antriebskraft hinter der vermeintlich linearen Evolution des Menschen. Vielleicht ist es das, was wir als Fortschritt bezeichnen: Nichts anderes als das Vermögen des Menschen an seine eigenen Vorhersagen zu glauben, auch wenn die Gültigkeit dieser Vorhersagen fragwürdig bleibt. Ein guter Grund, Wahrsager sehr ernst zu nehmen.




[i] 1899, Western Union, eine interne Hausmitteilung
[ii] 1920. Darryl Zanuck, Filmproduzent, 20th Century Fox in einem Interview für die Los Angeles Times
[iii] 1977, Ken Olson, Präsident und Gründer der Digital Equipment Corporation
[iv] 1920, The New York Times Editorial (Die NYT bot am 17. Juli 1969, während die Apollo 11 sich auf dem Weg zum Mond befand, einen Widerruf an)
[v] 1972, Club of Rome: Die Grenzen des Wachstums
[vi] 350 n.Chr, St. Martin von Tours
[vii] Verschiedene religiöse Quellen, die die Kenntnis der Dinge für sich in Anspruch nehmen.