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Raumfahrt als Weltanschauung
von Annette Tietenberg | 21. August 2013
Der zu Stein gewordene sowjetische Traum von der Schwerelosigkeit: Hotel- und Kuranlage Druschba, Krim, Architekt: Igor A. Wassiljeskij, Ingenieur: Nodar W. Kantscheli (1985).
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Die Erde sei „das einzige Haus, das wir sicher bewohnen können“, so formuliert es der Kosmonaut Sergej Krikaljow im Vorwort. Krikaljow, dem es vergönnt war, vom All aus einen Blick auf die Weltkugel zu werfen, ist davon überzeugt, die Erkundung und Erforschung des Universums fördere den Respekt und das gegenseitiges Verständnis auf Erden. Die Raumfahrt sei somit ein wesentlicher Beitrag zum Weltfrieden. In seiner Argumentation folgt Krikaljow – ob bewusst oder unbewusst – dem visionären Denken des russischen Forschers Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski, der bereits im zaristischen Russland das Eintauchen in die Schwärze des kosmischen Raums als eine reale Möglichkeit beschrieben hatte, sich von den Fesseln der Gravitation zu befreien und der Menschheit dadurch zu Frieden, Glück und Erfolg zu verhelfen. Ziolkowski beließ es nicht beim bloßen Träumen von der Schwerelosigkeit. Ohne seine konkreten technischen Hinweise zum Einsatz von Raketenapparaten hätte der deutsche Physiker Hermann Oberth 1923 wohl kaum das Konzept der Stufenrakete entwickeln können.

Dem Herausgeber und Verlagsleiter von DOM publishers Philipp Meuser und den Autoren Angar Oswald und Maryna Demydovets ist es mit ihrem imposanten Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt. Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik: Pläne, Projekte und Bauten“ gelungen, das Wettrüsten im Kalten Krieg in den Hintergrund treten und die metaphysischen Dimensionen der russischen Raumfahrt nachvollziehbar zu machen. Sie erzählen nicht nur anschaulich vom Kosmodrom Baikonur, vom Satelliten Sputnik, vom Sternenstädten Swjosdny Gorodok und von Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum, sondern lassen auch geschickt philosophische und literarische Grundlagen eines veränderten Raum- und Zeitbegriffs aufscheinen. Erwähnung findet der sowjetische Film „Aelita – Flug zum Mars“, in dem drei Russen zum Mars fliegen, um ein totalitäres Regime zu stürzen und eine intergalaktische Sowjetrepublik zu gründen, Einsteins Relativitätstheorie sowie El Lissitzkys, Tatlins, Krutikows, Leonidows und Melnikows Versuche, der Schwerkraft zu entsagen. Gestützt von bislang unveröffentlichen Plänen wird kosmische Architektur, jenseits von tradierten stilistischen und epochalen Zuordnungen, im Spiegel der gesellschaftlichen, historischen und fiktionalen Entwürfe ihrer Zeit sichtbar.

Statt Architekturgeschichte aus einer übergeordneten, unangreifbaren Position heraus – gleichsam wie vom Mond aus betrachtet – zu erzählen, begreifen die Autoren sie als lebendiges Geschehen. Zu Wort kommen daher Zeitzeugen wie die inzwischen 82-jährige Architektin Galina Balaschowa, die im Rahmen des Wostock-Programms damit betraut war, die Wohnräume der bemannten Raumschiffe einzurichten. Diese Chance soll sie dem Chefkonstrukteur Sergej Koroljow zu verdanken gehabt haben, dem angesichts der Entwürfe von fliegenden Blechdosen, die ihm anfangs vorgelegt wurden, der Satz entfuhr: „Ein Mensch kann doch nicht auf einer Toilette sitzend ins All fliegen.“ Balaschowa hingegen nahm die irdische Wohnung zum Maßstab und konzipierte einen ausklappbaren Esstisch und einen Sessel, auf dem die Kosmonauten mit Hilfe von Anschnallgurten Platz nehmen konnten. Vor allem aber gelang es ihr, den schwerelos Schwebenden mit Hilfe eines ausgeklügelten Farbkonzepts ein Boden- und Deckengefühl zu vermitteln. Ganz so gemütlich, wie Galina Balaschowa es sich vorgestellt hatte, ging es in der orbitalen Welt dann doch nicht zu. Sie erinnert sich: „Weil zu einer Wohnung auch Kunst und Bilder gehören, malte ich für die Raumschiffe Aquarelle. Leider wurden sie bei der Landung durch die Atmosphäre zerstört.“

Vor allem aber überzeugt das Buch aufgrund der hervorragenden Architekturfotografien, die – oft von Philipp Meuser – an den entlegensten Orten und zumeist bei strahlend blauem, wolkenlosem Himmel aufgenommen wurden. Sie lassen erkennen, mit welcher Intensität und Zuversicht in der gesamten Sowjetunion der Traum von der Schwerelosigkeit geträumt wurde. Nicht nur in Moskau und im Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok, sondern auch in der Metrostation Kosmonawtlar von Taschkent, an Wohnblocks in Kiew und an der Giebelfassade einer Sporthalle in Kaluga laden Wandreliefs und Mosaiken, die sich formal an christliche Bildmotivik anlehnen, zur Anbetung der senkrecht in den Himmel auffahrenden Kosmonauten ein. Die Begeisterung für den wissenschaftlichen Fortschritt und die Ingenieurleistungen in der Raumfahrt machte selbst vor profanen Nutzbauten nicht Halt. So kommen das Hotel Saljut in Kiew, der Zirkus von Kasan in der Republik Tatarstan und die Kuranlage Druschba in Kurpati auf der Krim als architecture parlante in Gestalt von Ufos, Raumschiffen und Raumstationen daher.

Jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Sowjet-Moderne, etwa von Katharina Ritter, tritt hier ein von Enthusiasten verwirklichter Bildband an die Seite, der in der Abfolge der Fotografien sichtbar macht, dass die sowjetische Revolutionsarchitektur des 20. Jahrhunderts – im Gegensatz zu ihrer französisch-rationalen Variante aus dem 18. Jahrhundert – sich der Metaphorik des Schwebens verdankt. Diese spezifisch russische Version utopischen Denkens, die sich nicht auf militärisches Wettrüsten oder eine zu den Sternen greifende Eroberungsmentalität reduzieren lässt, sondern dem russischen Kosmismus entspringt, sollte man von nun an weniger belächeln als vielmehr in ihren heilsgeschichtlichen Anteilen ernst nehmen, bestaunen und erforschen.


Architektur für die russische Raumfahrt
Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik: Pläne, Projekte und Bauten.
Philipp Meuser (Hg.)
Mit Beiträgen von Ansgar Oswald, Maryna Demydovets u.a.,
DOM publishers, Berlin 2013
412 Seiten, 366 Abbildungen. Hardcover mit Schutzumschlag
78 Euro

www.dom-publishers.com
Kosmonauten und Arbeiter der Sowjetunion, vereinigt euch! Mosaik an einem Gebäude in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Raumflug-Kontrollzentrum in Koroljow, das im Rahmen der sowjetisch-amerikanischen Weltraum-Kooperation „Sojus-Apollo“ 1975 gebaut wurde.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Gläserne Himmelschau in einer Bar im Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Unterirdische Reise ins All: Metrostation Kosmonawtler in Taschkent, von S. Sutjagin und S. Sokolow, 1984.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Kuppel in der Metrostation Taganskaja in Moskau, Architekten: K. Ryschkow und A. Medwedjew (1994).
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Zirkus in Kasan, Republik Tatarstan (1967), von G. Pitschujejew.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Zwei Sojus-Raumsonden umkreisen die als Atom dargestellte Erde: Fassadenschmuck am Hauptpostamt in Taschkent/Usbekistan, Architekt: G. Alexandrowitsch.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Museum für Kosmonautik in Kaluga, Architekten: B. Barchin, J. Kirejew u.a..
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Kosmodrom in Baikonur im südlichen Kasachstan, das seit 1955 als russischer Weltraumbahnhof genutzt wird.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Konstruktion und Kosmos: Herausgeber Philipp Meuser bietet mit dem 412 Seiten starken Band einen bildgewaltigen Einblick in die „Sputnik-Architektur“ der Sowjetunion.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser, Foto © Julian Zatloukal, Stylepark
Damals verantwortlich für das Design der guten Stube im Raumschiff: Architektin Galina Balaschowa.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser, Foto © Julian Zatloukal, Stylepark
Swjosdny Gorodok und sein Architekt Viktor Asse (links im Bild), Danksagung der Kosmonauten an den Architekten (rechts im Bild). Quelle: Familienarchiv Asse.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser, Foto © Julian Zatloukal, Stylepark
Nicht realisierte Studie für den Wohnbereich des Raumschiffs „Sojus-M" (1970-74). Quelle: Archiv Balaschowa.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
Universal-Kabinenzelle für den Transport (1928) von Georgi Tichonowitsch Krutikow. Quelle: Staatliches Schtschussew-Museum für Architektur, Moskau.
Abb. aus dem Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt”, DOM Publishers © Philipp Meuser
News & Stories › 2013 › August
Raumfahrt als Weltanschauung
von Annette Tietenberg | 21. August 2013
„Architektur für die Russische Raumfahrt“ ist ein prächtiger Bildband, der konstruktivistische Kompositionen, stalinistische Denkmäler, brutalistische Raumkörper und monumentale Wandreliefs unter dem Aspekt der Heilsversprechen der sowjetischen Raumfahrt zusammenführt.

Die Erde sei „das einzige Haus, das wir sicher bewohnen können“, so formuliert es der Kosmonaut Sergej Krikaljow im Vorwort. Krikaljow, dem es vergönnt war, vom All aus einen Blick auf die Weltkugel zu werfen, ist davon überzeugt, die Erkundung und Erforschung des Universums fördere den Respekt und das gegenseitiges Verständnis auf Erden. Die Raumfahrt sei somit ein wesentlicher Beitrag zum Weltfrieden. In seiner Argumentation folgt Krikaljow – ob bewusst oder unbewusst – dem visionären Denken des russischen Forschers Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski, der bereits im zaristischen Russland das Eintauchen in die Schwärze des kosmischen Raums als eine reale Möglichkeit beschrieben hatte, sich von den Fesseln der Gravitation zu befreien und der Menschheit dadurch zu Frieden, Glück und Erfolg zu verhelfen. Ziolkowski beließ es nicht beim bloßen Träumen von der Schwerelosigkeit. Ohne seine konkreten technischen Hinweise zum Einsatz von Raketenapparaten hätte der deutsche Physiker Hermann Oberth 1923 wohl kaum das Konzept der Stufenrakete entwickeln können.

Dem Herausgeber und Verlagsleiter von DOM publishers Philipp Meuser und den Autoren Angar Oswald und Maryna Demydovets ist es mit ihrem imposanten Bildband „Architektur für die russische Raumfahrt. Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik: Pläne, Projekte und Bauten“ gelungen, das Wettrüsten im Kalten Krieg in den Hintergrund treten und die metaphysischen Dimensionen der russischen Raumfahrt nachvollziehbar zu machen. Sie erzählen nicht nur anschaulich vom Kosmodrom Baikonur, vom Satelliten Sputnik, vom Sternenstädten Swjosdny Gorodok und von Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum, sondern lassen auch geschickt philosophische und literarische Grundlagen eines veränderten Raum- und Zeitbegriffs aufscheinen. Erwähnung findet der sowjetische Film „Aelita – Flug zum Mars“, in dem drei Russen zum Mars fliegen, um ein totalitäres Regime zu stürzen und eine intergalaktische Sowjetrepublik zu gründen, Einsteins Relativitätstheorie sowie El Lissitzkys, Tatlins, Krutikows, Leonidows und Melnikows Versuche, der Schwerkraft zu entsagen. Gestützt von bislang unveröffentlichen Plänen wird kosmische Architektur, jenseits von tradierten stilistischen und epochalen Zuordnungen, im Spiegel der gesellschaftlichen, historischen und fiktionalen Entwürfe ihrer Zeit sichtbar.

Statt Architekturgeschichte aus einer übergeordneten, unangreifbaren Position heraus – gleichsam wie vom Mond aus betrachtet – zu erzählen, begreifen die Autoren sie als lebendiges Geschehen. Zu Wort kommen daher Zeitzeugen wie die inzwischen 82-jährige Architektin Galina Balaschowa, die im Rahmen des Wostock-Programms damit betraut war, die Wohnräume der bemannten Raumschiffe einzurichten. Diese Chance soll sie dem Chefkonstrukteur Sergej Koroljow zu verdanken gehabt haben, dem angesichts der Entwürfe von fliegenden Blechdosen, die ihm anfangs vorgelegt wurden, der Satz entfuhr: „Ein Mensch kann doch nicht auf einer Toilette sitzend ins All fliegen.“ Balaschowa hingegen nahm die irdische Wohnung zum Maßstab und konzipierte einen ausklappbaren Esstisch und einen Sessel, auf dem die Kosmonauten mit Hilfe von Anschnallgurten Platz nehmen konnten. Vor allem aber gelang es ihr, den schwerelos Schwebenden mit Hilfe eines ausgeklügelten Farbkonzepts ein Boden- und Deckengefühl zu vermitteln. Ganz so gemütlich, wie Galina Balaschowa es sich vorgestellt hatte, ging es in der orbitalen Welt dann doch nicht zu. Sie erinnert sich: „Weil zu einer Wohnung auch Kunst und Bilder gehören, malte ich für die Raumschiffe Aquarelle. Leider wurden sie bei der Landung durch die Atmosphäre zerstört.“

Vor allem aber überzeugt das Buch aufgrund der hervorragenden Architekturfotografien, die – oft von Philipp Meuser – an den entlegensten Orten und zumeist bei strahlend blauem, wolkenlosem Himmel aufgenommen wurden. Sie lassen erkennen, mit welcher Intensität und Zuversicht in der gesamten Sowjetunion der Traum von der Schwerelosigkeit geträumt wurde. Nicht nur in Moskau und im Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok, sondern auch in der Metrostation Kosmonawtlar von Taschkent, an Wohnblocks in Kiew und an der Giebelfassade einer Sporthalle in Kaluga laden Wandreliefs und Mosaiken, die sich formal an christliche Bildmotivik anlehnen, zur Anbetung der senkrecht in den Himmel auffahrenden Kosmonauten ein. Die Begeisterung für den wissenschaftlichen Fortschritt und die Ingenieurleistungen in der Raumfahrt machte selbst vor profanen Nutzbauten nicht Halt. So kommen das Hotel Saljut in Kiew, der Zirkus von Kasan in der Republik Tatarstan und die Kuranlage Druschba in Kurpati auf der Krim als architecture parlante in Gestalt von Ufos, Raumschiffen und Raumstationen daher.

Jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Sowjet-Moderne, etwa von Katharina Ritter, tritt hier ein von Enthusiasten verwirklichter Bildband an die Seite, der in der Abfolge der Fotografien sichtbar macht, dass die sowjetische Revolutionsarchitektur des 20. Jahrhunderts – im Gegensatz zu ihrer französisch-rationalen Variante aus dem 18. Jahrhundert – sich der Metaphorik des Schwebens verdankt. Diese spezifisch russische Version utopischen Denkens, die sich nicht auf militärisches Wettrüsten oder eine zu den Sternen greifende Eroberungsmentalität reduzieren lässt, sondern dem russischen Kosmismus entspringt, sollte man von nun an weniger belächeln als vielmehr in ihren heilsgeschichtlichen Anteilen ernst nehmen, bestaunen und erforschen.


Architektur für die russische Raumfahrt
Vom Konstruktivismus zur Kosmonautik: Pläne, Projekte und Bauten.
Philipp Meuser (Hg.)
Mit Beiträgen von Ansgar Oswald, Maryna Demydovets u.a.,
DOM publishers, Berlin 2013
412 Seiten, 366 Abbildungen. Hardcover mit Schutzumschlag
78 Euro

www.dom-publishers.com