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Schön betoniert
von Paula Pohle | 31. Mai 2016
Brasilianische Moderne in Libyen: Oscar Niemeyer hat 1975 das „Experimental Theatre“ für das Messegelände von Tripolis entworfen. Foto © Nicolas Grospierre
Nichts als Beton – entsteht daraus pure Schönheit oder nur graue Masse? In der Moderne avancierte Beton zu einem der beliebtesten Baustoffe und wurde formgebend für eine Vielzahl unterschiedlichster Gebäude. Wo er – als Sichtbeton – ganz und gar roh und unverkleidet auftritt, entwickelt er eine ganz eigene Ästhetik: Massive Betontürme werden durch raffinierte Einschnitte und Knicke zu auffälligen Skulpturen; Dächer aus Beton wölben sich wie Halbkugeln und schweben fast über dem Erdboden. Ein Bau aus Beton kann einem aber auch so starr und rau wie ein Felsen entgegentreten.

Der Schweizer Fotograf und Künstler Nicolas Grospierre versammelt in seinem Bildband „Modern Forms, A Subjective Atlas of 20th-Century Architecture“ eine Vielzahl solcher Bauwerke aus unverkleidetem Beton, vor allem solche, die durch ihre skulpturale Form auffallen. Sein subjektiver Atlas verzeichnet zahlreiche weniger bekannte Bauten des 20. Jahrhunderts – aus der ehemaligen Sowjetunion, dem Nahen Osten, aus Europa, Mittel- und Nordamerika. Darunter sind Haltestellen, Sanatorien, Sporthallen, Parkhäuser, Kirchen, Theater und Museen ebenso wie Wohnungsbauten, Hotels, Privathäuser und Bürogebäude.

Sozialistische Gesellschaftsbilder und politische Ideale: Der „Residential Tower“ von Lenniiproiekt (links) entstand 1987 in Sankt Petersburg als Teil eines großen Wohnungsbauprojekts. Das „House of Soviets“ aus dem Jahr 1988 von Yulian L. Shvartsbreim wirkt wie ein modernes Schloss für die roten Zaren. Fotos © Nicolas Grospierre
Die Wucht großer Gesten

Grospierres Fotografien zeigen die Gebäude zumeist prominent und in einer kargen, oft menschenleeren Landschaft. Auf diese Weise stellt er sie als Solitäre vor und unterstreicht ihre expressiven, ikonischen Qualitäten. Beim Blättern in dem opulenten Band bemerkt man rasch, dass die Anordnung der Fotografien auf der Ähnlichkeit der geometrischen Grundformen der Gebäude aufbaut. Gleichzeitig ist der Band zirkulär wie eine endlose Schleife organisiert: Die erste Fotografie ist auch die letzte der Bilderparade. Dabei korrespondiert die Schlichtheit und Klarheit der Fotografien recht gut mit der ausgebreiteten Formenvielfalt der Bauwerke.

Trotzdem erstarren die Gebäude auf Grospierres Fotografien nicht zu ewigen Monumenten. Teilweise in ruinösem Zustand, erzählen sie vielmehr von der Vergänglichkeit der Architektur, wobei die großen Gesten, aber auch die Wucht, manchmal sogar die Brutalität der Baumasse repräsentativer Bauten verblassen. So stringent die Abfolge der Bilder nach formal-ästhetischen Aspekten erscheint, so gründlich werden andersartige Bezüge an den Rand gedrängt: Informationen zur Einordnung aller Bauwerke in die Architekturgeschichte finden sich erst am Ende des Bildbandes. Ein Index verzeichnet immerhin Angaben zu Entstehung, Name, Ort, Nutzung und Architekt der Bauten.
Gebaute sowjetische Science-Fiction: Das „Institute of Scientific Research and Developement“ in Kiew aus dem Jahr 1988 von L. Novikon und F. Yuriyev wirkt wie ein außerirdisches Objekt. Foto © Nicolas Grospierre
Vom Ufo bis zum Wohnblock ist alles vertreten

Die Bandbreite der gezeigten Gebäudetypen aus knapp 80 Jahren Architekturgeschichte ist gleichwohl enorm und die abgebildeten Formen sind so mannigfaltig wie die Auslegung des Begriffs „Moderne“ selbst. Neben sonderbaren Ufos lassen sich in dem Atlas eine Reihe expressionistischer Bauten mit gezackten oder gewölbten Dächern und Wänden finden, vertreten sind aber auch kastenförmige Wohnblöcke – mit Ähnlichkeiten zu Le Corbusiers „Unité d´Habitation“ in Marseille oder dem „Barbican Estate “ in London. Es tauchen pilzartige Bauten wie das „Salyut Hotel“ von 1984 in Kiew, der „Balneological Hospital Water Tower“ von 1980 in Litauen oder das „Ministry of Highways“ von 1974 in Tiflis auf – sowie der ikonische Betonbogen „Gate Way Arch“ von 1965 in St. Louis. Besonders viele Beispiele stammen aus den 1960er und 1970er Jahren, einer Phase großer Architekturutopien und Stadterneuerungsplänen. Es lassen sich aber auch Spuren des sowjetischen Konstruktivismus, frühe modernistische Entwürfe und Bauten der Nachkriegsmoderne entdecken.
Urbane Plastik: Der dekorative „Balneological Hospital Water Tower“ von A. Šilinskienė und R. Šilinskaswater aus dem Jahr 1980 diente bis 2006 als Wasserspeicher für ein Krankenhaus im litauischen Druskininkai. Die „Sanctuary of the Divine Mercy“ von J. Kuźmienko und A. Fajans entstand zwischen 1977 und 1993 im polnischen Kalisz.
Fotos © Nicolas Grospierre
Mit seinem Interesse an ikonischer Betonarchitektur scheint Grospierre derzeit nicht allein dazustehen. Ganz im Gegenteil. Besonders die rauen Betonarchitekturen des Brutalismus und die expressionistischen Werke der Moderne erfreuen sich in jüngster Zeit großer Beliebtheit. Besonders in Social Media-Netzwerken ist ein regelrechter Hype um die grauen Riesen und groben Formen entstanden. Sogar das Deutsche Architektur Museum (D.A.M.) hat eine Datenbank zu den vergessenen Bauten des Brutalismus ins Leben gerufen, ganz abgesehen von Blogs wie „Fuck Yeah Brutalism“ mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen oder der „Brutalism Appreciation Society“ auf Facebook, wo vergessene Betonbauten aus entlegenen Gegenden und bekanntere Werke aus aller Welt geteilt werden. Auch Nicolas Grospierre veröffentlicht in seinem Blog Bilder von modernistischen Betonbauten. Über fünfzehn Jahre hat er ein Archiv mit Architekturfotografien aufgebaut und diese regelmäßig mit einer Internet-Gemeinschaft geteilt. Eine Auswahl seiner Aufnahmen hat er nun in besagtem Atlas gebündelt.

Nicolas Grospierre
Modern Forms. A Subjective Atlas of 20th-Century Architecture.
224 S., 176 Farbabb., Text englisch
Prestel Verlag, München London New York, 2016
39,95 Euro


www..randomhouse.de/Prestel-Verlag
www.archivemodernarchitecture.tumblr.com
www.grospierre.art
Museum für den Präsidenten: Der repräsentative Bau „Lyndon B.Johnson Presidential Library & Museum“ in Austin,Texas, aus dem Jahr 1971 von Skidmore, Owings & Merrill.
Foto © Nicolas Grospierre
Israelische Moderne: Das „Dead Sea Museum and Visitor Centre“ in Neve Zohar aus dem Jahr 1971 von S. Mestechkin. Foto © Nicolas Grospierre
Architektur › 2016 › Mai
Schön betoniert
von Paula Pohle | 31. Mai 2016
In dem Bildband „Modern Forms“ präsentiert Nicolas Grospierre eine subjektive Auswahl puristischer Betonbauten des 20. Jahrhunderts.
Nichts als Beton – entsteht daraus pure Schönheit oder nur graue Masse? In der Moderne avancierte Beton zu einem der beliebtesten Baustoffe und wurde formgebend für eine Vielzahl unterschiedlichster Gebäude. Wo er – als Sichtbeton – ganz und gar roh und unverkleidet auftritt, entwickelt er eine ganz eigene Ästhetik: Massive Betontürme werden durch raffinierte Einschnitte und Knicke zu auffälligen Skulpturen; Dächer aus Beton wölben sich wie Halbkugeln und schweben fast über dem Erdboden. Ein Bau aus Beton kann einem aber auch so starr und rau wie ein Felsen entgegentreten.

Der Schweizer Fotograf und Künstler Nicolas Grospierre versammelt in seinem Bildband „Modern Forms, A Subjective Atlas of 20th-Century Architecture“ eine Vielzahl solcher Bauwerke aus unverkleidetem Beton, vor allem solche, die durch ihre skulpturale Form auffallen. Sein subjektiver Atlas verzeichnet zahlreiche weniger bekannte Bauten des 20. Jahrhunderts – aus der ehemaligen Sowjetunion, dem Nahen Osten, aus Europa, Mittel- und Nordamerika. Darunter sind Haltestellen, Sanatorien, Sporthallen, Parkhäuser, Kirchen, Theater und Museen ebenso wie Wohnungsbauten, Hotels, Privathäuser und Bürogebäude.

Die Wucht großer Gesten

Grospierres Fotografien zeigen die Gebäude zumeist prominent und in einer kargen, oft menschenleeren Landschaft. Auf diese Weise stellt er sie als Solitäre vor und unterstreicht ihre expressiven, ikonischen Qualitäten. Beim Blättern in dem opulenten Band bemerkt man rasch, dass die Anordnung der Fotografien auf der Ähnlichkeit der geometrischen Grundformen der Gebäude aufbaut. Gleichzeitig ist der Band zirkulär wie eine endlose Schleife organisiert: Die erste Fotografie ist auch die letzte der Bilderparade. Dabei korrespondiert die Schlichtheit und Klarheit der Fotografien recht gut mit der ausgebreiteten Formenvielfalt der Bauwerke.

Trotzdem erstarren die Gebäude auf Grospierres Fotografien nicht zu ewigen Monumenten. Teilweise in ruinösem Zustand, erzählen sie vielmehr von der Vergänglichkeit der Architektur, wobei die großen Gesten, aber auch die Wucht, manchmal sogar die Brutalität der Baumasse repräsentativer Bauten verblassen. So stringent die Abfolge der Bilder nach formal-ästhetischen Aspekten erscheint, so gründlich werden andersartige Bezüge an den Rand gedrängt: Informationen zur Einordnung aller Bauwerke in die Architekturgeschichte finden sich erst am Ende des Bildbandes. Ein Index verzeichnet immerhin Angaben zu Entstehung, Name, Ort, Nutzung und Architekt der Bauten.
Vom Ufo bis zum Wohnblock ist alles vertreten

Die Bandbreite der gezeigten Gebäudetypen aus knapp 80 Jahren Architekturgeschichte ist gleichwohl enorm und die abgebildeten Formen sind so mannigfaltig wie die Auslegung des Begriffs „Moderne“ selbst. Neben sonderbaren Ufos lassen sich in dem Atlas eine Reihe expressionistischer Bauten mit gezackten oder gewölbten Dächern und Wänden finden, vertreten sind aber auch kastenförmige Wohnblöcke – mit Ähnlichkeiten zu Le Corbusiers „Unité d´Habitation“ in Marseille oder dem „Barbican Estate “ in London. Es tauchen pilzartige Bauten wie das „Salyut Hotel“ von 1984 in Kiew, der „Balneological Hospital Water Tower“ von 1980 in Litauen oder das „Ministry of Highways“ von 1974 in Tiflis auf – sowie der ikonische Betonbogen „Gate Way Arch“ von 1965 in St. Louis. Besonders viele Beispiele stammen aus den 1960er und 1970er Jahren, einer Phase großer Architekturutopien und Stadterneuerungsplänen. Es lassen sich aber auch Spuren des sowjetischen Konstruktivismus, frühe modernistische Entwürfe und Bauten der Nachkriegsmoderne entdecken.
Mit seinem Interesse an ikonischer Betonarchitektur scheint Grospierre derzeit nicht allein dazustehen. Ganz im Gegenteil. Besonders die rauen Betonarchitekturen des Brutalismus und die expressionistischen Werke der Moderne erfreuen sich in jüngster Zeit großer Beliebtheit. Besonders in Social Media-Netzwerken ist ein regelrechter Hype um die grauen Riesen und groben Formen entstanden. Sogar das Deutsche Architektur Museum (D.A.M.) hat eine Datenbank zu den vergessenen Bauten des Brutalismus ins Leben gerufen, ganz abgesehen von Blogs wie „Fuck Yeah Brutalism“ mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen oder der „Brutalism Appreciation Society“ auf Facebook, wo vergessene Betonbauten aus entlegenen Gegenden und bekanntere Werke aus aller Welt geteilt werden. Auch Nicolas Grospierre veröffentlicht in seinem Blog Bilder von modernistischen Betonbauten. Über fünfzehn Jahre hat er ein Archiv mit Architekturfotografien aufgebaut und diese regelmäßig mit einer Internet-Gemeinschaft geteilt. Eine Auswahl seiner Aufnahmen hat er nun in besagtem Atlas gebündelt.

Nicolas Grospierre
Modern Forms. A Subjective Atlas of 20th-Century Architecture.
224 S., 176 Farbabb., Text englisch
Prestel Verlag, München London New York, 2016
39,95 Euro


www..randomhouse.de/Prestel-Verlag
www.archivemodernarchitecture.tumblr.com
www.grospierre.art