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Sinnliche Bodenkunde
von Thomas Wagner | 3. Dezember 2013
Der Boden – ein unbekanntes Terrain? Auf die eine oder andere Weise stehen wir ständig drauf, wofür allein schon die Schwerkraft sorgt. Was nicht heißt, dass wir ihn auch wirklich beachten würden. Zu oft und ganz zu Unrecht bleibt er ein unbekanntes Terrain, über das hinweggesehen wird. Was sich spätestens dann zu ändern beginnt, wenn man sich klarmacht, dass es „den Boden“ in Innenräumen, aber auch im Außenbereich, stets nur als gestaltetes Areal gibt. Festgetretener Lehm ist das Mindeste. Wollen wir aber nicht nur auf blanker Erde stehen, so ist der Boden immer mit irgendetwas belegt.

Hinzu kommt: Nicht nur ein gewebter oder von Hand geknüpfter Teppich, der auf Stein, Fliese, Diele liegt, besitzt eine besondere Haptik. Böden sind schließlich nicht nur für’s Auge da. Wir berühren sie fast ohne Unterlass. Selbst in Schuhen sind unsere Füße sensibel dafür, ob sich der Bodenbelag, über den wir gerade laufen, hart oder weich, plan oder strukturiert, holprig oder glatt anfühlt. Nicht von Ungefähr hat der Bildhauer Carl André in den 1960er Jahren mit quadratischen Bodenplatten für Irritationen gesorgt, die aus Materialien wie Kupfer, Aluminium, Blei oder Stahl bestehen und über die man gehen muss, um sie zu erspüren.

Wäre es da nicht plausibel, wenn sich die verschiedenen Zonen des Wohnens und Arbeitens, durch die wir uns täglich bewegen, haptisch stark unterschieden und sich wechselnde Areale mit den Füßen identifizieren ließen? Vielleicht ist es bald soweit und der Boden ist, je nach Institution oder Abteilung, Stimmung oder Wohnbereich mal steinhart und mal moosweich, mal wollen-zart und mal hölzern und warm. Oder er reizt warnend genoppt die Sohlen.

Man spürt förmlich und erkennt: Wo es um den Boden geht, lässt sich die Funktion nicht vom gestalterischen Konzept trennen. Über Waschbeton oder Kopfsteinpflaster läuft man anders als über Dielen, Linoleum oder einen dicken Teppich. Das ist trivial, aber wahr und es gilt nicht nur für Kopf und Auge, sondern für den ganzen Körper – für die Füße nicht weniger als für die Wirbelsäule, die unser Gewicht beim Gehen federnd trägt.

Wir als Wesen, die auf dem Boden leben, sollten das ernst nehmen. Es bedeutet nämlich, dass ebenso solide wie clevere Lösungen – ob es sich um Teppich, Parkett, Laminat oder Kunststoffware handelt – eben mehr sind als technische oder handwerkliche Produkte. Es muss uns also nicht nur das Muster oder die Oberfläche gefallen, vielmehr haben wir es mit einem sinnlichen Erlebnis zu tun, das den ganzen Körper angeht. Weshalb man einen Boden ebenso fühlen muss wie man die Wahl eines Bezugs- oder Vorhangstoffs nicht nur dem Augenschein überlassen kann.

Zum Glück hat sich in Sachen „Boden“ in den letzten Jahren vieles verändert. Ob im Innenraum oder im Außenbereich: Was Bodenbeläge angeht, tut sich was.

Das betrifft neuartige Materialien wie Bio-Polymere, Chenille-Garn und Faserzement, raffinierte Materialkombinationen ebenso wie bewährte Naturstoffe und verbesserte Oberflächenstrukturen. Wobei es der Digitaldruck möglich macht, fast jedem Material immer andere Muster zu applizieren und selbst flach gewebte Teppichfliesen in abertausenden von Farben herzustellen.

Auch was handgefertigte Teppiche angeht – die wieder mehr Gefallen finden und gern auch als Bildteppich auf der Wand hängen –, so scheinen der Vielfalt kaum Grenzen gesetzt. Das Spektrum reicht von Jan Kaths subtiler Dekonstruktion traditioneller Muster, die er aktuell um Teppiche ergänzt, die wie unregelmäßige Wasserfarbenblätter wirken, bis zu von Filmen oder Musikstücken inspirierte Stern- und Streifendesigns von Reuber Henning, die „Clockwork Orange“ oder „Sibelius“ heißen. Wem das weniger zusagt, der wählt Muster, die aus digitalen Bewegungsprofilen entstehen oder greift zu robusten und ironischen Netzwerken aus Fahrradschläuchen oder alten Keilriemen. Selbst extravagant dreidimensional ausgeformte Oberflächen sind im Angebot. Aber vielleicht bevorzugen Sie ja ein Muster, das von der Chaostheorie inspiriert ist? Wem das alles noch nicht genug ist, für den gibt es nun sogar lichtemittierende Teppiche, die beispielsweise in öffentlichen Gebäuden für eine bessere Orientierung sorgen können.

Was das längst wieder allgegenwärtige Parkett angeht, so kann man heute beileibe nicht nur zwischen den üblichen und bewährten Holzarten wählen. Auch auf dem Holzboden haben Vintage-Welle und „Used-Look“-Optik ihre Spuren hinterlassen. Also verströmen Eichenböden mit Alterungseffekten und Parkett aus recycelten und unregelmäßig verarbeiteten Holzbalken den Charme des Gebrauchten. Sie belegen aber auch, dass dem Einfallsreichtum in Sachen Wiederaufbereitung noch so manche Idee zuzutrauen ist.

Selbst was die Verlege-Technik angeht, bleibt die Branche nicht beim Erreichten stehen und entwickelt immer einfachere Lösungen, wovon neuartige 360-Grad-Klick-Systeme ebenso zeugen wie Teppichfliesen, die sich so leicht verlegen lassen wie Laminat, oder Trägerstoffe, die dem Bodenbelag auch ohne Klebstoff einen sicheren Halt geben.

Es lässt sich also feststellen: Was die Vielfalt an Materialien, Muster und gestalterischen Möglichkeiten angeht, kann bei den neuen Bodenbelägen von Langeweile wahrlich keine Rede sein. Glaubt man den professionellen Auguren, so reichen die Boden-Trends für 2014 von „feinsinnig subtil“ über „urtümlich wiederbelebt“ bis zu „musterhaft dekoriert“.

Gleichviel, für was Sie sich entscheiden – schauen Sie bewusst zu Boden! Nicht weil Sie unsicher sind oder sich gar in Demut üben oder weil unter dem Pflaster angeblich der Strand liegt. Nein, ganz einfach, weil es der Boden, auf dem wir stehen und gehen, wert ist, gut gestaltet und solide gemacht zu sein.
News & Stories › 2013 › Dezember
Sinnliche Bodenkunde
von Thomas Wagner | 3. Dezember 2013
Lange wurde er kaum beachtet: der Boden. Inzwischen hat sich zum Glück vieles verändert. Was Bodenbeläge angeht, tut sich was. Nicht nur für’s Auge.
Der Boden – ein unbekanntes Terrain? Auf die eine oder andere Weise stehen wir ständig drauf, wofür allein schon die Schwerkraft sorgt. Was nicht heißt, dass wir ihn auch wirklich beachten würden. Zu oft und ganz zu Unrecht bleibt er ein unbekanntes Terrain, über das hinweggesehen wird. Was sich spätestens dann zu ändern beginnt, wenn man sich klarmacht, dass es „den Boden“ in Innenräumen, aber auch im Außenbereich, stets nur als gestaltetes Areal gibt. Festgetretener Lehm ist das Mindeste. Wollen wir aber nicht nur auf blanker Erde stehen, so ist der Boden immer mit irgendetwas belegt.

Hinzu kommt: Nicht nur ein gewebter oder von Hand geknüpfter Teppich, der auf Stein, Fliese, Diele liegt, besitzt eine besondere Haptik. Böden sind schließlich nicht nur für’s Auge da. Wir berühren sie fast ohne Unterlass. Selbst in Schuhen sind unsere Füße sensibel dafür, ob sich der Bodenbelag, über den wir gerade laufen, hart oder weich, plan oder strukturiert, holprig oder glatt anfühlt. Nicht von Ungefähr hat der Bildhauer Carl André in den 1960er Jahren mit quadratischen Bodenplatten für Irritationen gesorgt, die aus Materialien wie Kupfer, Aluminium, Blei oder Stahl bestehen und über die man gehen muss, um sie zu erspüren.

Wäre es da nicht plausibel, wenn sich die verschiedenen Zonen des Wohnens und Arbeitens, durch die wir uns täglich bewegen, haptisch stark unterschieden und sich wechselnde Areale mit den Füßen identifizieren ließen? Vielleicht ist es bald soweit und der Boden ist, je nach Institution oder Abteilung, Stimmung oder Wohnbereich mal steinhart und mal moosweich, mal wollen-zart und mal hölzern und warm. Oder er reizt warnend genoppt die Sohlen.

Man spürt förmlich und erkennt: Wo es um den Boden geht, lässt sich die Funktion nicht vom gestalterischen Konzept trennen. Über Waschbeton oder Kopfsteinpflaster läuft man anders als über Dielen, Linoleum oder einen dicken Teppich. Das ist trivial, aber wahr und es gilt nicht nur für Kopf und Auge, sondern für den ganzen Körper – für die Füße nicht weniger als für die Wirbelsäule, die unser Gewicht beim Gehen federnd trägt.

Wir als Wesen, die auf dem Boden leben, sollten das ernst nehmen. Es bedeutet nämlich, dass ebenso solide wie clevere Lösungen – ob es sich um Teppich, Parkett, Laminat oder Kunststoffware handelt – eben mehr sind als technische oder handwerkliche Produkte. Es muss uns also nicht nur das Muster oder die Oberfläche gefallen, vielmehr haben wir es mit einem sinnlichen Erlebnis zu tun, das den ganzen Körper angeht. Weshalb man einen Boden ebenso fühlen muss wie man die Wahl eines Bezugs- oder Vorhangstoffs nicht nur dem Augenschein überlassen kann.

Zum Glück hat sich in Sachen „Boden“ in den letzten Jahren vieles verändert. Ob im Innenraum oder im Außenbereich: Was Bodenbeläge angeht, tut sich was.

Das betrifft neuartige Materialien wie Bio-Polymere, Chenille-Garn und Faserzement, raffinierte Materialkombinationen ebenso wie bewährte Naturstoffe und verbesserte Oberflächenstrukturen. Wobei es der Digitaldruck möglich macht, fast jedem Material immer andere Muster zu applizieren und selbst flach gewebte Teppichfliesen in abertausenden von Farben herzustellen.

Auch was handgefertigte Teppiche angeht – die wieder mehr Gefallen finden und gern auch als Bildteppich auf der Wand hängen –, so scheinen der Vielfalt kaum Grenzen gesetzt. Das Spektrum reicht von Jan Kaths subtiler Dekonstruktion traditioneller Muster, die er aktuell um Teppiche ergänzt, die wie unregelmäßige Wasserfarbenblätter wirken, bis zu von Filmen oder Musikstücken inspirierte Stern- und Streifendesigns von Reuber Henning, die „Clockwork Orange“ oder „Sibelius“ heißen. Wem das weniger zusagt, der wählt Muster, die aus digitalen Bewegungsprofilen entstehen oder greift zu robusten und ironischen Netzwerken aus Fahrradschläuchen oder alten Keilriemen. Selbst extravagant dreidimensional ausgeformte Oberflächen sind im Angebot. Aber vielleicht bevorzugen Sie ja ein Muster, das von der Chaostheorie inspiriert ist? Wem das alles noch nicht genug ist, für den gibt es nun sogar lichtemittierende Teppiche, die beispielsweise in öffentlichen Gebäuden für eine bessere Orientierung sorgen können.

Was das längst wieder allgegenwärtige Parkett angeht, so kann man heute beileibe nicht nur zwischen den üblichen und bewährten Holzarten wählen. Auch auf dem Holzboden haben Vintage-Welle und „Used-Look“-Optik ihre Spuren hinterlassen. Also verströmen Eichenböden mit Alterungseffekten und Parkett aus recycelten und unregelmäßig verarbeiteten Holzbalken den Charme des Gebrauchten. Sie belegen aber auch, dass dem Einfallsreichtum in Sachen Wiederaufbereitung noch so manche Idee zuzutrauen ist.

Selbst was die Verlege-Technik angeht, bleibt die Branche nicht beim Erreichten stehen und entwickelt immer einfachere Lösungen, wovon neuartige 360-Grad-Klick-Systeme ebenso zeugen wie Teppichfliesen, die sich so leicht verlegen lassen wie Laminat, oder Trägerstoffe, die dem Bodenbelag auch ohne Klebstoff einen sicheren Halt geben.

Es lässt sich also feststellen: Was die Vielfalt an Materialien, Muster und gestalterischen Möglichkeiten angeht, kann bei den neuen Bodenbelägen von Langeweile wahrlich keine Rede sein. Glaubt man den professionellen Auguren, so reichen die Boden-Trends für 2014 von „feinsinnig subtil“ über „urtümlich wiederbelebt“ bis zu „musterhaft dekoriert“.

Gleichviel, für was Sie sich entscheiden – schauen Sie bewusst zu Boden! Nicht weil Sie unsicher sind oder sich gar in Demut üben oder weil unter dem Pflaster angeblich der Strand liegt. Nein, ganz einfach, weil es der Boden, auf dem wir stehen und gehen, wert ist, gut gestaltet und solide gemacht zu sein.