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Sonnenuntergang über dem Stardust
von Claus Richter | 13. Februar 2009
All photos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Was bei einer kurzen Internet-Recherche zu Robert Venturis und Denise Scott Browns Klassiker „Learning from Las Vegas" auffällt ist, dass deren unvoreingenommene Annäherung an die eklektizistische und symbolreiche Architektur der Wüstenstadt nicht nur im Erscheinungsjahr 1972 als Affront gegen den guten Geschmack gewertet wurde, sondern auch heute noch dazu führt, dass so manche Nase gerümpft wird.

Der Affront gegen den guten Geschmack begann im Jahr 1968. Venturi und Scott Brown unterrichteten an der angesehenen Yale Universität. In ihren Kursen verlagerten sie den Schwerpunkt auf die Beobachtung des scheinbar Profanen und drehten damit dem bis dahin im akademischen Umfeld vermittelten Wertekanon freudvoll den Rücken zu. Und so kam es zu „Learning from Las Vegas". Mit ihren Studenten begaben sich Venturi und Scott Brown im Rahmen einer zehntägigen Klassenfahrt - die auch nach Disneyland und in das Studio des Künstlers Ed Ruscha führte - nach Las Vegas, um dort eine breit angelegte visuelle Studie über die Architektur der Spielerstadt durchzuführen. Mit tausenden von Fotos kehrte die Gruppe nach Yale zurück und legte so die Grundlage für ein Buch, das binnen kurzer Zeit zu einem aufmüpfigen Klassiker wurde.

„Learning from Las Vegas" widersprach der gängigen Ideologie, indem es die vermeintlich minderwertige Architektur der Stadt ernst nahm, ja sogar Faszination und Begeisterung für die Tricks und Kniffe der auf Show-Wert und Aufmerksamkeitserzeugung ausgerichteten Bauten zeigte. Eine Lesart, die sich parallel in den Texten der Cultural Studies wiederfand und die sich das Recht nahm, vielen bis dahin in akademischen Kreisen als wertlos und vulgär erachteten Phänomene gezielt Aufmerksamkeit und wissenschaftliches Interesse zu widmen.

Mehr als 35 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Learning from Las Vegas" ist nun im Schweizer Verlag Scheidegger & Spiess ein liebevoll gestalteter Bildband erschienen, der spannende Einblicke in das 1968 entstandene Fotoarchiv ermöglicht, das damals die Grundlage von Venturis und Scott Browns Buch bildete. Auf knapp 200 Seiten nimmt „Las Vegas Studio: Images from the Archives of Robert Venturi and Denise Scott Brown" den Betrachter mit auf eine Zeit- und Blickachsen-Reise.

Das Las Vegas des Jahres 1968 erscheint geradezu anrührend überschaubar, vergleicht man es mit den Multimillionendollar-Themenwelten, die den Besucher heutzutage dort erwarten. Anstatt gigantischer immersiver Kunstwelten findet man in den historischen Fotografien ein Las Vegas aus Zweckbauten, Werbetafeln, Neonschriften und überbordend dekorierten Fassaden. Auch die legendäre überlebensgroße Beton-Ente, die als Verkaufsstand für gebratenen Ente den Begriff „Duck" für solch eine symbolische Architektur prägte, kann man noch einmal fast wehmütig bestaunen.

Die Aufnahmen spiegeln eine unvoreingenommene, spielerische Neugier auf die Strukturen und Wirkungsweisen der Glitzerstadt wieder. Ganze Serien sind aus dem fahrenden Auto heraus geschossen, und zeigen, mit welcher Flut von Billboards und Werbeschildern der heranrollende Besucher hier gelockt wird. Ab und an entdeckt man Teilnehmer der Exkursion vor den Fassaden, mal winkt Fotograf und Co-Autor Steven Izenour lachend von der Ladefläche eines Hotel-Buggies, Denise Scott Brown fotografiert sich in den Spiegelflächen eines Hotels und posiert abwechselnd mit Robert Venturi vor der Silhouette der Stadt. Auch das wuchtige Bild eines dramatischen Sonnenuntergangs, der die Neonschrift des „Stardust" wie eine überirdische Lichtsilhouette vor dem glutroten Abendwolken schweben lässt, hat sich niemand verkniffen. Auf Seite 128 kann man sich davon überzeugen. Genau in diesen privaten Momenten wird deutlich, wie umfassend das Vorgehen damals war. Das Projekt „Learning from Las Vegas" bedeutete, wirklich dort zu sein, und den Blick frei zu machen von all den Restriktionen, die eine streng „wissenschaftliche" Vorgehensweise im klassischen Verständnis geboten hätte.

Die „Images from the Archives of Robert Venturi und Denise Scott Brown" öffnen einen anderen Zugang zu „profaner" Architektur als es beispielsweise Bernd und Hilla Bechers betont sachliche Fotografien von Industrieanlagen taten, die fast zeitgleich die Kunstwelt begeisterten. Die Bilder aus Las Vegas sind nicht „neutral", sie kaschieren weder ihre Autorenschaft noch ihre Motivation.

„New analytic techniques," so wird Denise Scott Brown in der Einführung des Bildbandes zitiert „must use film and videotape to convey the dynamism of sign architecture and the sequential experience of vast landscapes." , und genau diese Erfahrung haben die Bilder aus ihrem Archiv bis heute konserviert.

Las Vegas Studio. Bilder aus dem Archiv von Robert Venturi und Denise Scott Brown" ist im Scheidegger&Spiess Verlag erschienen.
196 Seiten, durchgehend bebildert
Mit Texten von Martino Stierli, Peter Fischli, Rem Koolhaas, Hans Ulrich Obrist und Stanislaus von Moos
29,90 Euro

www.scheidegger-spiess.ch

News & Stories › 2009 › Februar
Sonnenuntergang über dem Stardust
von Claus Richter | 13. Februar 2009
„Learning from Las Vegas" betrachtete 1972 erstmals unvoreingenommen eine Art von Architektur, die bewusst auf Showeffekte und Symbole setzt. Kein Wunder, dass allzu seriöse Architekten bis heute die Nase rümpfen, wenn sie den Titel hören. Nun ist ein liebevoll gestalteter Bildband erschienen, der Einblicke in das Fotoarchiv gewährt, das die Grundlage von Venturis und Scott Browns Buch bildete.
Was bei einer kurzen Internet-Recherche zu Robert Venturis und Denise Scott Browns Klassiker „Learning from Las Vegas" auffällt ist, dass deren unvoreingenommene Annäherung an die eklektizistische und symbolreiche Architektur der Wüstenstadt nicht nur im Erscheinungsjahr 1972 als Affront gegen den guten Geschmack gewertet wurde, sondern auch heute noch dazu führt, dass so manche Nase gerümpft wird.

Der Affront gegen den guten Geschmack begann im Jahr 1968. Venturi und Scott Brown unterrichteten an der angesehenen Yale Universität. In ihren Kursen verlagerten sie den Schwerpunkt auf die Beobachtung des scheinbar Profanen und drehten damit dem bis dahin im akademischen Umfeld vermittelten Wertekanon freudvoll den Rücken zu. Und so kam es zu „Learning from Las Vegas". Mit ihren Studenten begaben sich Venturi und Scott Brown im Rahmen einer zehntägigen Klassenfahrt - die auch nach Disneyland und in das Studio des Künstlers Ed Ruscha führte - nach Las Vegas, um dort eine breit angelegte visuelle Studie über die Architektur der Spielerstadt durchzuführen. Mit tausenden von Fotos kehrte die Gruppe nach Yale zurück und legte so die Grundlage für ein Buch, das binnen kurzer Zeit zu einem aufmüpfigen Klassiker wurde.

„Learning from Las Vegas" widersprach der gängigen Ideologie, indem es die vermeintlich minderwertige Architektur der Stadt ernst nahm, ja sogar Faszination und Begeisterung für die Tricks und Kniffe der auf Show-Wert und Aufmerksamkeitserzeugung ausgerichteten Bauten zeigte. Eine Lesart, die sich parallel in den Texten der Cultural Studies wiederfand und die sich das Recht nahm, vielen bis dahin in akademischen Kreisen als wertlos und vulgär erachteten Phänomene gezielt Aufmerksamkeit und wissenschaftliches Interesse zu widmen.

Mehr als 35 Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Learning from Las Vegas" ist nun im Schweizer Verlag Scheidegger & Spiess ein liebevoll gestalteter Bildband erschienen, der spannende Einblicke in das 1968 entstandene Fotoarchiv ermöglicht, das damals die Grundlage von Venturis und Scott Browns Buch bildete. Auf knapp 200 Seiten nimmt „Las Vegas Studio: Images from the Archives of Robert Venturi and Denise Scott Brown" den Betrachter mit auf eine Zeit- und Blickachsen-Reise.

Das Las Vegas des Jahres 1968 erscheint geradezu anrührend überschaubar, vergleicht man es mit den Multimillionendollar-Themenwelten, die den Besucher heutzutage dort erwarten. Anstatt gigantischer immersiver Kunstwelten findet man in den historischen Fotografien ein Las Vegas aus Zweckbauten, Werbetafeln, Neonschriften und überbordend dekorierten Fassaden. Auch die legendäre überlebensgroße Beton-Ente, die als Verkaufsstand für gebratenen Ente den Begriff „Duck" für solch eine symbolische Architektur prägte, kann man noch einmal fast wehmütig bestaunen.

Die Aufnahmen spiegeln eine unvoreingenommene, spielerische Neugier auf die Strukturen und Wirkungsweisen der Glitzerstadt wieder. Ganze Serien sind aus dem fahrenden Auto heraus geschossen, und zeigen, mit welcher Flut von Billboards und Werbeschildern der heranrollende Besucher hier gelockt wird. Ab und an entdeckt man Teilnehmer der Exkursion vor den Fassaden, mal winkt Fotograf und Co-Autor Steven Izenour lachend von der Ladefläche eines Hotel-Buggies, Denise Scott Brown fotografiert sich in den Spiegelflächen eines Hotels und posiert abwechselnd mit Robert Venturi vor der Silhouette der Stadt. Auch das wuchtige Bild eines dramatischen Sonnenuntergangs, der die Neonschrift des „Stardust" wie eine überirdische Lichtsilhouette vor dem glutroten Abendwolken schweben lässt, hat sich niemand verkniffen. Auf Seite 128 kann man sich davon überzeugen. Genau in diesen privaten Momenten wird deutlich, wie umfassend das Vorgehen damals war. Das Projekt „Learning from Las Vegas" bedeutete, wirklich dort zu sein, und den Blick frei zu machen von all den Restriktionen, die eine streng „wissenschaftliche" Vorgehensweise im klassischen Verständnis geboten hätte.

Die „Images from the Archives of Robert Venturi und Denise Scott Brown" öffnen einen anderen Zugang zu „profaner" Architektur als es beispielsweise Bernd und Hilla Bechers betont sachliche Fotografien von Industrieanlagen taten, die fast zeitgleich die Kunstwelt begeisterten. Die Bilder aus Las Vegas sind nicht „neutral", sie kaschieren weder ihre Autorenschaft noch ihre Motivation.

„New analytic techniques," so wird Denise Scott Brown in der Einführung des Bildbandes zitiert „must use film and videotape to convey the dynamism of sign architecture and the sequential experience of vast landscapes." , und genau diese Erfahrung haben die Bilder aus ihrem Archiv bis heute konserviert.

Las Vegas Studio. Bilder aus dem Archiv von Robert Venturi und Denise Scott Brown" ist im Scheidegger&Spiess Verlag erschienen.
196 Seiten, durchgehend bebildert
Mit Texten von Martino Stierli, Peter Fischli, Rem Koolhaas, Hans Ulrich Obrist und Stanislaus von Moos
29,90 Euro

www.scheidegger-spiess.ch