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Strategie der Verfeinerung
30. April 2012
Im Showroom in Mailand: Thomas Edelmann im Gespräch mit Norbert Wangen, der für den italienischen Hersteller Boffi die Küche „k20“ entworfen hat, Foto © Thomas Wagner, Stylepark

Auf der Mailänder Küchenmesse „Eurocucina" hat der italienische Hersteller Boffi eine neue Küche von Norbert Wangen vorgestellt. Beim Entwurf hat Wangen auf eine Idee zurückgegriffen, die ihn schon seit einigen Jahren beschäftigt hat. Es sollte eine Küche entstehen, die ohne Griffe auskommt und auch sonst einige professionelle Freiheitsgrade aufweist. Thomas Edelmann sprach mit dem Architekten über den Entstehungsprozess.

Thomas Edelmann: Wie entstand das Projekt Ihrer neuesten Küche, der „k20", für Boffi?

Norbert Wangen: Es sollte eine Küche sein, die keine Griffe hat und das nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus funktionalen Gründen. Wenn man auf ihre Fassade schaut, sieht man gar nichts. Keine Griffe, keine Verbindungen, nur die reinen Flächen. Ihre Besonderheit: Die Türen ragen etwas über die Arbeitsplatte hinaus, da greift man die Tür an. Schon vor acht Jahren entwickelte ich diese Idee. Damals habe ich für Boffi die „k11" für die Produktion vorbereitet, da passte der Entwurf der „k20" nicht ins Programm. Ich machte immer wieder Vorschläge, bis Boffi-Geschäftsführer Roberto Gavazzi vor zwei Jahren sagte, dass er sich noch an dieses Projekt erinnere und dass es ihm nach wie vor gefällt. Also haben wir es weiter bearbeitet.

Wie entwickelte sich Ihre Idee?

Wangen: Inzwischen kam noch die besondere Rückwand hinzu, die aus der professionellen Restaurant-Küche stammt. Nun bietet die Küche eine ganz eigene Verbindung aus Funktionalität und Ästhetik. Schaut man vorne darauf, wirkt sie sehr klar und übersichtlich, hinten ist sie fast eine funktionelle Maschine. Hinter den Klappen gibt es Steckdosen und Licht. Die Absaugung ist in einer schmalen Scheibe integriert, die motorisiert herausfahren kann. Wie man sieht, steckt die Zukunft eben keineswegs nur im iPhone. Zudem enthält sie besonders effiziente Gasbrenner von Scholtès eingebaut.

Meine Großmutter würde stören, dass man sich an der Tür die Finger klemmen kann. Und zwar ganz gewaltig.

Wangen: Ach, das macht die Großmutter nur einmal, dann hat sie das gelernt. Dafür hat sie den Vorteil, sobald sie auf der Arbeitsplatte hantiert, dass nichts herunterlaufen und sich in irgendwelche Ritzen setzen kann, an die man nie mehr herankommt. Ganz gleich ob Teigreste, eine verschüttete Soße oder ein umgestoßenes Glas: Alles bleibt oben auf der Arbeitsplatte und die ist leicht zu reinigen.

Wie haben Sie das erreicht?

Wangen: Ganz einfach: Es gibt einen umlaufenden Rahmen, der sich um die Fläche zieht. Man kennt solche aufgekanteten Flächen von Bars. Auf der Vorderseite kragt diese kleine Kante über die Türen.

Und was ist der Vorteil der Rückwand mit ihrer Maschinen-Ästhetik?

Wangen: Die Arbeitsplatte hat auch nach hinten einen perfekten Abschluss. Man kann die Küche frei vor jede Wand stellen, sogar vor einen Vorhang. Sie benötigt auf der Rückseite keine Infrastruktur, man muss die Wand nicht vorbereiten, Steckdosen versetzen oder dergleichen. Das ist alles in die Rückwand integriert und die trägt sich selbst, ohne irgendwelche Vorwandkonstruktionen.

Es gibt die Professionalisierung, die Verschmelzung der Küche mit dem Wohnraum. Wohin verändert sich die Küche, was passiert als Nächstes?

Wangen: Die Theorien, die wir vor zehn Jahren aufgestellt haben, sind immer noch aktuell und richtig. Nur weil wir heute unsere Technikprodukte wie Smartphones und Laptops spätestens alle zwei Jahre austauschen, glauben wir, dass sich die Welt andauernd verändert. Aber gesellschaftliche Änderungen vollziehen sich weit weniger rasant. Noch immer ist es sinnvoll, Dinge weiter zu verfeinern. Beim Design ging es ja ursprünglich keineswegs darum, Gegenstände möglichst schnell veralten zu lassen, sondern ein Produkt zu machen, in das Intelligenz einfließt, und das dadurch raffiniert und besser werden kann. Es ist ein verbreiteter Irrtum, Design bestünde darin, eine Skizze zu machen, daraus ein Serienprodukt zu schaffen, um es zu verkaufen und noch schneller auf den Müll zu werfen.

Was setzen Sie dem entgegen?

Wangen: Ich habe da einen im Grunde konservativen, eher bewahrenden Ansatz. Sachen, die eine gewisse Qualität haben, behalten nämlich selbst dann noch einen hohen Reiz, wenn sie ihre ursprüngliche Funktion längst eingebüßt haben. Sie können uns dann noch als inspirierendes Objekt weiter begleiten. Im Boffi-Showroom wurde diese Vorstellung aufgegriffen, indem einige alte Gegenstände mit all ihren Nutzungsspuren einen Kontrast zu den neuesten Küchen und Bädern bilden.

Ein inzwischen gängiges Dekorationsprinzip. Und was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Wangen: Ich halte eine gewisse Langsamkeit für angemessen. Die „k 10" wurde vor 10 Jahren vorgestellt. Man soll Entwicklungen in Ruhe betreiben, nach und nach Verbesserungen vornehmen. Deshalb werden wir nicht schon nächstes Jahr wieder eine ähnlich große Neuheit zeigen.

Norbert Wangen wurde 1962 in Prüm in der Eifel geboren, studierte Architektur an der TU München. Sein faltbarer Armlehnstuhl aus Ulmenholz (1990–1993) findet sich heute in der Neuen Sammlung und im Vitra Design Museum. Für den Ausbau seines Apartments in München-Schwabing entwarf er 1995 die erste Küche mit einer seitlich herausfahrbaren Arbeitsplatte. Minimalistisch und zugleich platzsparend wurde sie zum Vorbild für eine neue, offene Küchenarchitektur. Als „k2" wurde sie 2000 auf den Möbelmessen in Köln, Mailand und Chicago vorgestellt. Wangen, der von A&W, Architektur & Wohnen, 1998 als einer der 100 besten Innenarchitekten und Designer bezeichnet wurde, stellte 2002 sein nächstes Modell „k10" mit einem neuen Falt- und Ventilationssystem vor. 2003 wurde die Marke Norbert Wangen von dem italienischen Küchen- und Badhersteller Boffi übernommen. Seither erschienen von Wangen entworfen bei Boffi zahlreiche, jeweils Aufsehen erregende Küchen- und Badprogramme. 2012 stellte er in Mailand seine Küche „k20" in Versionen aus Edelstahl und Corean vor, sowie die Badezimmer-Module „b20" und „b21".

Küchenentwurf „k20“ von Norbert Wangen mit Türen und Arbeitsplatte aus Corian, Foto © Boffi
Küchenentwurf „k20“ von Norbert Wangen, Türen und Arbeitsplatte sind aus Edelstahl, Foto © Boffi
Die verlängerten Türen umrahmen die Arbeitsplatte und verhindern, dass Gegenstände auf den Boden fallen, Foto © Boffi
Die grifflose Fassade der „k20“ bildet eine geschlossene Fläche, Foto © Boffi
Die grifflosen Türen der „k20“ ragen über die Arbeitsfläche hinaus, dadurch lassen sie sich öffnen, Foto © Boffi
News & Stories › 2012 › April
Strategie der Verfeinerung
30. April 2012
Über den Lerneffekt bei geklemmten Fingern und die notwendige Langsamkeit beim Entwerfen. Thomas Edelmann sprach mit Norbert Wangen über „k20", seine neue Küche für Boffi.
Auf der Mailänder Küchenmesse „Eurocucina" hat der italienische Hersteller Boffi eine neue Küche von Norbert Wangen vorgestellt. Beim Entwurf hat Wangen auf eine Idee zurückgegriffen, die ihn schon seit einigen Jahren beschäftigt hat. Es sollte eine Küche entstehen, die ohne Griffe auskommt und auch sonst einige professionelle Freiheitsgrade aufweist. Thomas Edelmann sprach mit dem Architekten über den Entstehungsprozess.

Thomas Edelmann: Wie entstand das Projekt Ihrer neuesten Küche, der „k20", für Boffi?

Norbert Wangen: Es sollte eine Küche sein, die keine Griffe hat und das nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus funktionalen Gründen. Wenn man auf ihre Fassade schaut, sieht man gar nichts. Keine Griffe, keine Verbindungen, nur die reinen Flächen. Ihre Besonderheit: Die Türen ragen etwas über die Arbeitsplatte hinaus, da greift man die Tür an. Schon vor acht Jahren entwickelte ich diese Idee. Damals habe ich für Boffi die „k11" für die Produktion vorbereitet, da passte der Entwurf der „k20" nicht ins Programm. Ich machte immer wieder Vorschläge, bis Boffi-Geschäftsführer Roberto Gavazzi vor zwei Jahren sagte, dass er sich noch an dieses Projekt erinnere und dass es ihm nach wie vor gefällt. Also haben wir es weiter bearbeitet.

Wie entwickelte sich Ihre Idee?

Wangen: Inzwischen kam noch die besondere Rückwand hinzu, die aus der professionellen Restaurant-Küche stammt. Nun bietet die Küche eine ganz eigene Verbindung aus Funktionalität und Ästhetik. Schaut man vorne darauf, wirkt sie sehr klar und übersichtlich, hinten ist sie fast eine funktionelle Maschine. Hinter den Klappen gibt es Steckdosen und Licht. Die Absaugung ist in einer schmalen Scheibe integriert, die motorisiert herausfahren kann. Wie man sieht, steckt die Zukunft eben keineswegs nur im iPhone. Zudem enthält sie besonders effiziente Gasbrenner von Scholtès eingebaut.

Meine Großmutter würde stören, dass man sich an der Tür die Finger klemmen kann. Und zwar ganz gewaltig.

Wangen: Ach, das macht die Großmutter nur einmal, dann hat sie das gelernt. Dafür hat sie den Vorteil, sobald sie auf der Arbeitsplatte hantiert, dass nichts herunterlaufen und sich in irgendwelche Ritzen setzen kann, an die man nie mehr herankommt. Ganz gleich ob Teigreste, eine verschüttete Soße oder ein umgestoßenes Glas: Alles bleibt oben auf der Arbeitsplatte und die ist leicht zu reinigen.

Wie haben Sie das erreicht?

Wangen: Ganz einfach: Es gibt einen umlaufenden Rahmen, der sich um die Fläche zieht. Man kennt solche aufgekanteten Flächen von Bars. Auf der Vorderseite kragt diese kleine Kante über die Türen.

Und was ist der Vorteil der Rückwand mit ihrer Maschinen-Ästhetik?

Wangen: Die Arbeitsplatte hat auch nach hinten einen perfekten Abschluss. Man kann die Küche frei vor jede Wand stellen, sogar vor einen Vorhang. Sie benötigt auf der Rückseite keine Infrastruktur, man muss die Wand nicht vorbereiten, Steckdosen versetzen oder dergleichen. Das ist alles in die Rückwand integriert und die trägt sich selbst, ohne irgendwelche Vorwandkonstruktionen.

Es gibt die Professionalisierung, die Verschmelzung der Küche mit dem Wohnraum. Wohin verändert sich die Küche, was passiert als Nächstes?

Wangen: Die Theorien, die wir vor zehn Jahren aufgestellt haben, sind immer noch aktuell und richtig. Nur weil wir heute unsere Technikprodukte wie Smartphones und Laptops spätestens alle zwei Jahre austauschen, glauben wir, dass sich die Welt andauernd verändert. Aber gesellschaftliche Änderungen vollziehen sich weit weniger rasant. Noch immer ist es sinnvoll, Dinge weiter zu verfeinern. Beim Design ging es ja ursprünglich keineswegs darum, Gegenstände möglichst schnell veralten zu lassen, sondern ein Produkt zu machen, in das Intelligenz einfließt, und das dadurch raffiniert und besser werden kann. Es ist ein verbreiteter Irrtum, Design bestünde darin, eine Skizze zu machen, daraus ein Serienprodukt zu schaffen, um es zu verkaufen und noch schneller auf den Müll zu werfen.

Was setzen Sie dem entgegen?

Wangen: Ich habe da einen im Grunde konservativen, eher bewahrenden Ansatz. Sachen, die eine gewisse Qualität haben, behalten nämlich selbst dann noch einen hohen Reiz, wenn sie ihre ursprüngliche Funktion längst eingebüßt haben. Sie können uns dann noch als inspirierendes Objekt weiter begleiten. Im Boffi-Showroom wurde diese Vorstellung aufgegriffen, indem einige alte Gegenstände mit all ihren Nutzungsspuren einen Kontrast zu den neuesten Küchen und Bädern bilden.

Ein inzwischen gängiges Dekorationsprinzip. Und was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Wangen: Ich halte eine gewisse Langsamkeit für angemessen. Die „k 10" wurde vor 10 Jahren vorgestellt. Man soll Entwicklungen in Ruhe betreiben, nach und nach Verbesserungen vornehmen. Deshalb werden wir nicht schon nächstes Jahr wieder eine ähnlich große Neuheit zeigen.

Norbert Wangen wurde 1962 in Prüm in der Eifel geboren, studierte Architektur an der TU München. Sein faltbarer Armlehnstuhl aus Ulmenholz (1990–1993) findet sich heute in der Neuen Sammlung und im Vitra Design Museum. Für den Ausbau seines Apartments in München-Schwabing entwarf er 1995 die erste Küche mit einer seitlich herausfahrbaren Arbeitsplatte. Minimalistisch und zugleich platzsparend wurde sie zum Vorbild für eine neue, offene Küchenarchitektur. Als „k2" wurde sie 2000 auf den Möbelmessen in Köln, Mailand und Chicago vorgestellt. Wangen, der von A&W, Architektur & Wohnen, 1998 als einer der 100 besten Innenarchitekten und Designer bezeichnet wurde, stellte 2002 sein nächstes Modell „k10" mit einem neuen Falt- und Ventilationssystem vor. 2003 wurde die Marke Norbert Wangen von dem italienischen Küchen- und Badhersteller Boffi übernommen. Seither erschienen von Wangen entworfen bei Boffi zahlreiche, jeweils Aufsehen erregende Küchen- und Badprogramme. 2012 stellte er in Mailand seine Küche „k20" in Versionen aus Edelstahl und Corean vor, sowie die Badezimmer-Module „b20" und „b21".